Mit dem neuen Jahr rücken Bücher schon deshalb wieder mehr in meinen Fokus, weil ich im Herbst wieder ein Verlagsgewerbe angemeldet habe. Ich publiziere nun also wieder Bücher. In der Zeit zwischen 1985 bis 2015 hatte ich in meinem Verlag Bücher nur von anderen Autoren veröffentlicht, meine eigenen erschienen bei anderen Verlagen. Diesmal will ich auch eigene Bücher in meinem Verlag veröffentlichen.

Nebenbei bin ich jedoch auch noch Rezensent. Weil es so viele sind, die ich zu rezensieren habe, durchstreife ich sie meist nur stichprobenartig. Manche der Bücher erwähne ich gelegentlich, sei es privat oder in der Öffentlichkeit, einige wenige lese ich ganz durch und rezensiere sie dann ausführlicher. Bei den drei großen Werken von Yuval Harari, dann auch Active Hope von Joanna Macy und Chris Johnstone sowie Verbundenes Leben von Merlin Sheldrake bin ich so hin und weg davon, dass ich sie endlos loben und immer wieder erwähnen möchte. In solchen Fällen rezensiere ich ausgiebig und meist an mehreren Orten online und im Print, so wie ich das auch mit Rutger Bregmans Im Grunde gut getan habe. 

Hauptsächlich lese ich auf Englisch und Deutsch, gelegentlich auch auf Spanisch und Französisch. Rezensiert habe ich bisher nur Bücher, die ich auf Englisch oder Deutsch gelesen oder gehört habe. Wenn ein Buch zuerst auf Englisch erschienen ist, lese oder höre ich es lieber im Original. 

Wie bei so vielen Rezensenten stapeln sich auch bei mir die zu rezensierenden Bücher. Je höher der Stapel, umso höher das Schamgefühl, dass sich sie immer noch nicht wenigstens quergelesen und irgendwo erwähnt habe, schließlich wurden sie mir ja gratis zugeschickt. In meinem Falle war die Bestellung kein Trick, um mir eine Hausbibliothek zuzulegen – meine große Hausbibliothek der Jahre 1985 bis 2018 habe ich längst aufgelöst – sondern beruhte auf einem ernsthaften Interesse am Inhalt. Manche der Bücher auf diesen Stapeln wurden mir auch aus dem Freundeskreis zugeschickt.

Aus Respekt vor diesen Büchern, die wohl alle weniger aus Eitelkeit als aus Herzblut geschrieben wurden, viele auch to make the world a better place, erwähne ich sie nun hier, eins nach dem anderen, wenigstens kurz. Und da es wahrscheinlich mehrere solche Rezensionslisten werden, überschreibe ich diesen Blogeintrag mit »Bücher 1«. 

Das kleine und das große Ich

Brennende Kerze im Sturm – mystische Spiritualität inmitten unserer Welt, von Gerhard Breidenstein. Seine Texte hatte ich in Connection immer wieder veröffentlicht. Im Oktober 2016 schien dieses, sein sechstes Buch im Verlag Publik-Forum. Es sei sein »definitiv« letztes, schrieb er mir im Juni 2023 und legte ein Exemplar davon bei. Ein wunderschön kleines Format, es passt in fast jede Tasche. Breidenstein ist 1937 geboren, er ist nun also 86 Jahre alt. Über dieses Buch hinaus habe er nichts mehr zu sagen, schreibt er. Breidenstein ist evangelischer Theologe,  promovierte in Sozialethik und macht seit langem Zen-Meditation. Sein Anliegen »mystische, moderne Spiritualität mit gesellschaftlichen Anliegen zu verbinden« fand er auch in der Zeitschrift Connection wieder. Das sei noch immer nicht Mainstream, bedauert er. Wenn ich auf das Amazon-Ranking seines Buchs schaue, kann ich das nur bestätigen, sein Buch steht dort ungefähr an zweimillionster Stelle.

Nichtsdestotrotz ist der Inhalt sehr lesenswert! Für mich besonders das 3. Kapitel über »Die mystische Wahrnehmung des Ich«. Dort spricht er von »zweierlei Ich«, dem kleinen und dem großen. Das kleine nennt er Ego, das große Selbst. Nach dem Erwachen könne das Ego noch in Resten bestehen bleiben, aber es sei seiner absoluten Dominanz beraubt. Dem zweiten Teil dieses Satzes stimme ich zu, dem ersten nicht, sondern behaupte: Das kleine Ich kann erst nach einem solchen Erwachen mit seiner semipermeablen Membran bestmöglich seine Aufgaben erfüllen – auf keinen Fall sollte es vernichtet werden.

Philosophie in Zeiten des Krieges

Montaigne – Philosophie in Zeiten des Krieges, eine Biografie, von Volker Reinhardt, erschienen im C.H.Beck Verlag 2023. Dieses Buch habe ich mir bestellt, weil ich so genervt war von der Ignoranz, wie sich mein Land in die Kriege in Afghanistan und der Ukraine hat hineinziehen lassen, beides Mal im Glauben es seien »gute Kriege«. Und weil ich im Herbst 1969 als Schüler drei Monate auf einem lycée in Narbonne verbrachte und dort im Französisch-Unterricht Montaignes Essais dran waren. Seitdem liebe ich Montaigne, seine Einfachheit und Weisheit. Dass er den größten Teil seines Lebens in einem durch den Religionskrieg zwischen Calvinisten und Katholiken verrohten Land verbrachte, sieht man den Essais nicht ohne Weiteres an. Volker Reinhardt liefert dazu auf faszinierend unterhaltsame und umfassend faktenreiche Weise den Hintergrund. Wer unsere heutige Gesellschaft als gespalten erlebt und denkt, anno dazumal sei das nicht so gewesen, wird hier vielleicht eines Besseren belehrt. Und auch wer Montaigne in seinen Essais »umwerfend authentisch« findet, wird hier in Sachen Naivität und gutherziger Schlitzohrigkeit eines Besseren belehrt. 

Macht und Freiheit als Gegensatzpaar

Strategien der Macht – wie die Eliten uns die Freiheit rauben und wie wir sie zurückgewinnen, von Roland Rottenfußer. Das Buch beginnt mit einem Zitat von Erich Fromm: »Was weiß ich schon von mir, wenn ich nicht weiß, dass das Bild, das ich von mir habe, zum größten Teil ein künstliches Produkt ist, und dass die meisten Menschen – ich schließe mich nicht aus – lügen, ohne es zu wissen? Was weiß ich, solange ich nicht weiß, dass ‚Verteidigung‘ Krieg bedeutet, ‚Pflicht‘ Unterwerfung, ‚Tugend‘ Gehorsam‘ und ’Sünde‘ Ungehorsam.« Abgesehen davon, das ich es die Unterscheidung zwischen Lüge und Irrtum sinnvoll finde, ist dieses Zitat ein grandioser Auftakt für ein Buch über Macht und Freiheit, ungefähr so bombastisch wie der Beginn der 5. Sinfonie von Beethoven. 

Rottenfußer schafft es jedenfalls, das Gros der Systemkritiker wie Freiheitskämpfer auf den folgenden 400 Seiten bei Laune zu halten, indem er reichlich Wasser auf ihre Mühlen gibt. Der so vielfache Verrat an der Freiheit ist hierbei der rote Faden, und Macht wird verstanden als Gegner der Freiheit. »Rottenfußers Buch ist Liebeserklärung an die Freiheit und individuell-kollektive Revolutionsanleitung zugleich«, so steht es auf dem Buchrücken, und das trifft es. Mein einziger wesentlicher Einwand dagegen ist die Frage: Was für ein Freiheitsbegriff ist denn das? Mein Verständnis der Individuen, die mit diesem Buch ermutigt werden gegen die Macht aufzubegehren, ist, dass sie selbst Getriebene und vielfach multivalente Wesen sind. Wir sind Gewordene, die meist nicht wissen, was gerade durch uns wirkt. Welchem Impuls unter den vielen in mir soll ich denn da Freiheit verschaffen? Besser nachvollziehbarer sind da schon Rottenfußers Analysen der Macht. Macht ist jedenfalls in diesem Buch der Gegenbegriff zur Freiheit. Wer das auch so sieht, wird in diesem Buch reichlich mit Faktenmaterial und Zustimmung belohnt.

Zeitreisen zu den Pionieren der Psychedelika

Wilde Zeiten – mein psychedelisches Leben, von Susanne G. Seiler, erschien im Nachtschatten Verlag 2023. Wer sich für das Leben der psychedelischen Pioniere Timothy Leary, Albert Hofmann, Claudio Naranjo, John Lilly und Terence McKenna interessiert, ist mit diesem Buch gut bedient. Susanne Seiler hat sie alle nicht nur als Übersetzerin und Redakteurin, sondern auch privat kennengelernt und weiß in beschwingtem Plauderton davon zu erzählen. So nimmt sie ihre Leser auf Zeitreisen mit, beginnend in den späten 60er Jahren, als Richard Nixon LSD verbot, weil die US-Hippies nicht mehr in den Vietnamkrieg ziehen wollten.  Weiter über die kalifornischen Psychonauten der 70er bis 90er Jahre und ins neue Jahrtausend, in dem LSD in der Schweiz seit 2006 wieder für therapeutische Zwecke eingesetzt werden darf. Bis heute endlich, wenn auch noch viel zu langsam und zäh, eine neue psychedelische Bewegung die Welt erfasst, die sich hoffentlich nicht mehr politisch kalt stellen lässt. Für mich ist unter den von Susanne Seiler Portraitierten neben Albert Hofmann besonders John Lilly interessant, der Delphinforscher und Erfinder des Samadhi-Tanks. Außerdem Joan Halifax, die bis heute das Upaya Zen Center in Santa Fe leitet, endlich mal eine Frau als Zenmeisterin. Auch sie entstammt den kalifornischem Psychonauten. Natürlich interessiert mich auch Dieter Hagenbach, der Gründer des legendären Sphinx-Magazins, dessen Erscheinen sich mit dem meiner eigenen Zeitschrift in den Jahren 1985 bis 87 überlappte, sodass einige meiner Leser in Connection eine Art Fortführung des Sphinx-Magazins sahen. Mit ihm war Susanne seit 1981 liiert und machte für seinen Verlag die Redaktion dieser Zeitschrift, interviewte Persönlichkeiten der spirituellen und psychedelischen Szenen und übersetzte Artikel und Bücher aus dem Amerikanischen. Als Redakteurin der Gaia-Media News setzt sie diese Arbeit in gewisser Weise bis heute fort.