Auf den Corona-Demos in Stuttgart und Berlin wurde viel von Liebe gesprochen, das fiel auch den Mainstream-Medien auf. Echt? 

Die Medien des gesellschaftlichen Hauptstroms konstatierten diese Wortwahl allerdings mit Ironie oder sogar einer Portion Verachtung. Die Demonstranten hingegen empfanden sich überwiegend als liebevoll – zumindest liebevoller als die verhassten Corona-Maßnahmen.

Kaum ein Wort wird zwischen Menschen so oft verwendet und doch auch so oft bezweifelt wie »die Liebe«. Was meinen wir eigentlich damit? Ist das irgenwie objektiv fassbar? Ist es vielleicht sogar über subjektive Zweifel erhaben, wissenschaftlich feststellbar, gar messbar? 

Stet oder unstet, je nachdem

Auf die uralte Frage nach dem, was Liebe ist, versuche ich es jetzt mal mit einer für mich noch einigermaßen neuen Antwort: Liebe ist Zuwendung. Unter dem vielen, was wir wahrnehmen, erinnern oder fantasievoll planen, bevorzugen wir immer etwas, und diese Hinwendung, Zuwendung oder Bevorzugung kann man als einen Liebesakt verstehen. Dabei ist die Zuwendung zunächst typischerweise ziemlich unstet, sie flirrt von hier nach dort und lässt sich leicht von anderem – von Gefahren oder stärkeren Attraktionen – ablenken. Wenn der Fokus jedoch bei dem gewählten Objekt verweilt, entsteht, kaum vermeidbar, Vertrautheit, Beheimatung, Identifizierung. Das sind wir dann viel leichter geneigt Liebe zu nennen als eine unstete Zuwendung. 

Zuwendung hat immer einen kognitiven Anteil, sie erkennt. Sie hat auch immer einen emotionalen Anteil, sie ist von Gefühlen begleitet. Wenn dies angenehme Gefühle sind, erwünschte und der Fokus verweilt, nennen wir es Liebe. Wenn bei Angst auslösenden Objekten der Fokus verweilt, ist es komplizierter; auch dann entstehen Vertrautheit, Beheimatung und Identifikation, aber dann ist es eine ambivalente Liebe, in extremen Fällen Hassliebe. Wenn das Verweilen hingegen aufgrund von Attraktion geschieht, ist es das, was wir normalerweise Liebe nennen.

Der schweifende Fokus kann verweilen

Als wahrnehmende Wesen wenden wir uns Dingen oder Lebewesen zu, und unter den Lebewesen insbesondere Menschen. Als evolutionär entstandene Wesen bleibt diese Zuwendung in permanenter Veränderung. Sie kann mit einem oberflächlichen Interesse beginnen und sich dann intensiveren. Die Vertrautheit kann zunehmen, das Gefühl von Zugehörigkeit, Aneignung bis hin zur einnehmenden Verschmelzung. Viele dieser Bewegungen können aber auch rückläufig sein, das Interesse kann abnehmen, wir können nach hoher Vertrautheit erneut fremdeln. 

Die fokussierende Zuwendung ist eine Bewegung der Wahrnehmung. Im Äußeren ist es zunächst eine physische Bewegung eines Sinnesorgans wie etwa des Auges oder auch die einer Hand, die taktil fühlen will. Beim Ohr ist die Zuwendung eher eine geistige Bewegung, eine des inneren Fokus, ähnlich der Hinwendung zu einer Erinnerung, zu einem gespeicherten Wissen oder einem erstellten Plan, einer Absicht. Dabei bewegt sich der Scheinwerfer unserer Achtsamkeit, ohne dass außerhalb des Körper eine Zuwendung sichtbar wäre.

Qual oder Freude der Wahl

Das Größenverhältnis zwischen dem, was wir auswählen, zu dem, was wir hätten wählen können, ist so immens, dass es schwerfällt, sich das überhaupt vorzustellen. Es ist als würde man in einer Stadt wie Rom oder Paris nur eine Adresse ansteuern und nur einen einzigen Menschen besuchen wollen, die Millionen anderen ignoriert man. Zu große Auswahl kann quälen, die Shampoo-und Tee-Regale in unseren heutigen Supermärkte geben dafür gute Beispiele. Auswahl kann aber auch Freude machen: Ich wähle, was mich anzieht und verspricht, mir Freude zu machen. Bei den Wahlfreiheiten in zweischneidigen Schlaraffenland des heutigen Konsumangebots – was Waren anbelangt, aber auch Standorte, Partnerschaften und Tätigkeiten – kann ein zu viel aber auch lähmen.

Und wie steht es um Fiktion und Faktisches? Kann ich leidenschaftlich und vom Ziel besessen auch einen Harry Potter in London oder eine Pippi Langstrumpf in Schweden ansteuern? Wie wichtig ist es für meine Auswahl, ob es das Objekt tatsächlich gibt, oder ob es nur in meiner Fantasie verhanden ist? Kann ich eine fiktive Person ebenso sehr lieben wie eine faktische?

Die Macht der Fiktion

Wie mächtig das Vorstellungsvermögen sein kann, zeigen nicht nur Phänomene wie Besessenheit, Fanatismus und die Identifikation mit religiösen Figuren, sondern auch die Höhepunkte der Schauspielkunst, mathematisches Vorstellungsvermögen und wissenschaftliche Theorien wie die des Astrophysikerns Stephen Hawking. Oder auch das Spätwerk des tauben Beethoven: Seine vielleicht größten Werke hat er mit starker bis zu völliger Taubheit erschaffen. Er hat sie aufgrund seiner Taubheit nur innerlich gehört, mit offenbar nicht geringerer Intensität als wir weniger musikalisch Begabte sie im Äußeren, Faktischen hören. Sein inneres Hören hat er dann in der jeweiligen Partitur so genau zu Papier gebracht, so dass Interpreten mit der Fähigkeit, tatsächlich echte Schallwellen hören zu können sein Werk im Faktischen »wiederauferstehen« lassen konnten. 

Vielfalt in der Musik und Zuwendung

Überhaupt Musik: wie kommt es, dass wir Menschen so starke Gefühle beim Musizieren und Hören von Musik haben? Was hat mag es einst für Vorteile gehabt haben, dass diese Fähigkeit in der Evolution offenbar so hoch selektiert wurde? Oder ist sie nur eine Nebenwirkung, ein Abfallprodukt von etas anderem, etwa von der Fähigkeit zur Darstellung von Gefühlen in der innerartlichen Kommunikation? Jedenfalls kann man Musik verstehen als den Hörsinn ansprechende Darstellung der Vielfalt in unserer menschentypischen Fähigkeit zur Zuwendung, zur Hingabe an ein Objekt oder eine Objektwelt, sowohl was den Rhythmus, die Melodien und den Verlauf von Harmonien und Disharmonien anbelangt. Das sich Haften an wiederkehrende Melodien und Rhythmen entspräche dann vielleicht dem sich Beheimaten in einer Adresse, einer Person oder Umgebung. Vom sich Beheimaten in frühkindlich gehörten Liedern, die auch Demente oft noch gut erinnern und mitsingen können, bis hin zum Haften an Ohrwürmern.

Ist reziproke Liebe besser?

Die Zuwendung zu einem fiktiven Objekt kann ebenso intensiv und leidenschaftlich sein wie zu einem faktisch vorhandenen. Wir kennen das von unserer jugendlichen Zuwendung zu Idolen, die von unserer Leidenschaft meist nichts mitbekommen. Auch von religiöser Hingabe an ein innerlich vorgestelltes, nicht körperlich vorhandenes Wesen. In beiden Fällen fehlt der konfrontierende Austausch mit dem geliebten Wesen, das Reziproke, das sich Wiederfinden im geliebten Objekt; das sich dort anders Wiederfinden, nicht gespiegelt, so dass eine Entwicklungsdynamik entstehen kann.

Wenn das Geliebte ein Gottesbild ist oder auch das einer sehr facettenreichen Figur aus den Künsten, steht das einer reziproken, faktisch echten Liebe im Idealfall in nichts nach. Oder doch? Vielleicht ist die heutige Verabschiedung von Religionen und Idolen und die zeitgeistgemäße Verherrlichung von faktisch-realen Liebesbeziehungen auf Augenhöhe eine Folge dieser Abkehr und ein Ausdruck der Wertschätzung für das Reziproke. 

Werden wir Roboter lieben?

Nochmal zurück zur Frage, ob das Faktische besser ist als das nur Vorgestellte: Für den Zusammenhalt von Kollektiven und Kulturen scheint es ziemlich egal zu sein, ob das, woran sie gemeinsam glauben, faktisch vorhanden ist. Eine Kultur, die glaubt, die Welt sei von Gott in sieben Tagen erschaffen worden, kann genauso gut innerlich zusammenhalten und miteinander kooperieren wie eine, die Darwins Evolutionstheorie für eine bessere Erklärung der biologischen Vielfalt hält. 

Die Ähnlichkeit dieser beiden Überzeugunskollektive im Hinblick auf ihre Kooperationsfähigkeit und den Zusammenhalt wirft auch einen Blick auf die Weltanschauungsblasen, die in den heutigen sozialen Netzwerken entstehen. Und auch auf das, was mit KI möglich sein wird: Werden wir unsere Roboter der Zukunft so sehr lieben und hassen können, wie wir das mit echten, fleischlichen Wesen tun? Die Gefühle, die man einem Computer gegenüber haben kann, der sich unvermittelt mal einfach weigert zu starten, zeigen bereits heute, dass auf diesem Gebiet doch einiges möglich ist. 

Die Ich-Werdung

Um die Zuwendung, Einnistung, Beheimatung, das Vertrautwerden einerseits und das Fremdeln andererseits besser zu verstehen, müssen wir uns auch mit der Ich-Werdung des entstehenden Menschen befassen. Soweit das durch autobiografische Erinnerung oder durch Beoachtung von Neugeborenen und Heranwachsenden überhaupt möglich ist, sind wir geneigt zu sagen, dass der neugeborene Mensch erstmal noch keine Teilung in hier ich und dort das andere erlebt, sondern ein Kontinuum. Erst allmählich, vielleicht auch durch Stufen oder kleine Schocks, entsteht das Gefühl »Ich bin die Leila« oder »Ich bin der Leo«. Ich bin etwas von dem, was nicht ich ist, dem anderen, Getrenntes. Das, was man in der Soziologie neuerdings »Othering« nennt, hängt übrigens eng mit der Ich- und Wir-Werdung zusammen; es braucht einen psychischen Aufwand, »das andere« zu konstruieren, ebenso wie die Ich-Werdung; obwohl sie bei Homo sapiens unweigerlich geschieht und für diese Spezies typisch ist.

Empathie kann auch zu weit gehen

Die so an Kindern beobachte oder vermutete Einnistung des Ich-Bewusstseins im eigenen Körper, die Inkarnation, ist eine psychisch wie physisch gesunde Ausgangsbasis für Liebe und Empathie. Sie lässt sich jedoch lockern und dehnen. In der Hinwendung zu etwas oder jemand anderem löst sich der Mensch von der Besessenheit mit dem eigenen Körper und wird zu einem anderen oder zu einem Ganzen aus beiden. Wie schwer es Kindern fallen kann, im Spiel zu verlieren, zeigt das Ausmaß dieses Werdens zu etwas Außerkörperlichem, anderem. Die Rückkehr in den eigenen Körper – auch: in die eigene Psyche – sollte dabei immer möglich sein, sonst geschieht Vereinnahmung, Missbrauch, Opferung, Besessenheit und Verrirrung in Dingen, Menschen oder Ideen. Egal, was vorhandene Moralsysteme, Religionen und sonstige Ideologien dazu sagen, die heutige Psychologie sagt: Selbstfürsorge ist gut und unentbehrlich; zu weit aus sich raus zu gehen ohne flexibel zurückkehren zu können ist nicht gut. 

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