Gestern war ich auf einem Sommerfest der Wilden Rose, einem Seminarzentrum bei Osnabrück, und saß dort mit ein paar jungen Leute am Tisch. Mit Spiritualität hätten sie nichts mehr am Hut, das sei das Ding ihrer Elterngeneration, sagten sie mit einem Lächeln. Nur einer aus ihrer Clique, sonst ein trockener IT-ler, interessiere sich gerade für Magie, worüber seine Freunde den Kopf schüttelten. Daraufhin zeigte ich auf das Cover meines Buchs Zauberkraft der Sprache, das ich gerade in meinem eigenen Verlag neu aufgelegt hatte.
Magie, Charisma, Faszination
Zauberkraft, das deutsche Wort für Magie, wird dort wissenschaftlich untersucht und gezeigt, dass nichts uns so sehr verführen, manipulieren, verzaubern und in Trance versetzen kann wie Sprache. Wer braucht da noch Voodoo? Der faule oder fleißige Zauber gelingt uns schon mit der Sprache unseres Alltags. Magie, Charisma und Faszination sind wissenschaftlich erklärbar. Und damit die Kernbotschaft dieses Buchs allen auf Anhieb ins Auge springt, habe ich dem Buch ein neues Cover verpasst: von einem Vogel, der dort auf vier Buchstaben sitzt, anstatt auf einem Baum. Täuscht er sich etwa? Er scheint dort fröhlich vor sich hin zu trällern.
Auf der Rückseite des Buchs sitzt er auf einem echten Baum. Da hat er nun nicht mehr bloß nur den Baum der Erkenntnis – den der Worte und Buchstaben – genossen (genossen?), sondern vom Baum des Lebens gegessen und ist so frei, dass er sogar aus dem Bild herausragt, das meine Grafikerin Christina von Puttkamer da von ihm gemacht hat. Nun ist er frei!
Für diese Freiheit aber müsst ihr das Buch durchlesen. Und es auch verstehen! Deshalb locke ich hier schon mal mit dem Vorwort der Neuauflage dieses Klassikers – ist ein Buch nach zwanzig Jahren schon ein Klassiker? – möge diese Behauptung dem Verkaufserfolg dienen ;-).
Vorwort zur zweiten Auflage
19 Jahre sind seit der ersten Auflage dieses Buchs vergangen (– inzwischen sind es zwanzig, die erste Auflage ist 2006 erschienen). In unserer Zeit der quasi permanenten Umwälzungen im Umgang mit Sprache und Signalen ist das viel. Die stärkste solche Neuigkeit ist vielleicht die Zauberkraft, die das Handy auf uns ausübt: Es zeigt uns Bilder von der Welt und Worte über die Welt, die uns so faszinieren, dass wir sie für die Welt halten. So wie der Vogel auf dem Cover dieses Buchs die vier Buchstaben BAUM für einen Baum hält, verwechseln wir das per Handy Gezeigte mit der Realität. Das Smartphone saugt uns in einen Wahrnehmungstunnel, in dem alles außerhalb dieses Tunnels als unwichtig erscheint.
Besonders die mit den Smartphones aufgewachsenen Jahrgänge ab 2005 liefern sich dem aus. Nach dem Prinzip »Wenn dich dieser Inhalt erregt hat, könnte dich auch jener erregen«, werden den jungen Nutzern dieses faszinierenden Geräts Kaskaden kurzer audiovisueller Inhalte angeboten, die zu weiteren solchen führen, gemäß den gegebenen Likes in sich verstärkenden Erregungsspiralen. Die Welt außerhalb davon kann mit einem solchen Erregungsniveau nicht mithalten, sie verblasst für die abhängig gewordenen User der mobilen Endgeräte und macht sie unfähig für das reale Leben, im Extrem zu Hikikomoris.
10 Stunden pro Tag online
Heute sind die Deutschen durchschnittlich circa zehn Stunden pro Tag online, las ich kürzlich. Kindern und Jugendlichen geben genervte Eltern das Handy wie einem schreienden Baby den Schnuller, meist ohne sich der Schäden bewusst zu sein, die das im Gehirn und der Psyche der Heranwachsenden hinterlässt. Wie sollten sie auch, fehlt ihnen doch selbst das Bewusstsein, wie sehr Signale uns faszinieren, verführen und in eine Verstehtrance versetzen.
Die Beschleunigung der Kommunikationsrevolutionen, die ich in der ersten Auflage dieses Buch beschrieben habe – von der kognitiven Sprache über Schrift, Buchdruck, Radio/TV und Internet jeweils um etwa den Faktor zehn – 50.000, 5.000, 500, 50 Jahre – scheint sich zu bestätigen. Auch wenn das Handy jetzt nicht 5, sondern 15 Jahre braucht, um so viel zu verändern, wie der Buchdruck in 500 Jahren.
Ich bin von gehetzten Menschen umgeben, die »keine Zeit« haben, sich überlastet fühlen, dem Burnout nahe sind oder schon mitten drin und immer öfter sogar verbittert sind oder depressiv. Wie das? Bei alledem, was die Kommunikationstechniken uns doch an Erleichterung versprachen, die Anforderungen des Lebens zu bewältigen! Vielleicht sind wir mit ihnen in eine ähnliche Falle geraten wie mit der Erfindung der Landwirtschaft, die das Leben der vorhergehenden Jäger und Sammler nicht gebessert hat, auch wenn die neolithische Revolution – damals und für viele bis heute – als Fortschritt schien. Ebenso wie die industrielle Revolution und die des Internet.
Die Einheit erfahren
Gemäß dem Mythos der drei abrahamitischen Religionen haben wir das Paradies der Urzeit verlassen, weil wir vom Baum der Erkenntnis gegessen haben. Weil wir uns durch Sprache und Signale in die Irre haben führen lassen, so würde ich das für uns Heutige übersetzen. Wenn wir die Verführungskraft der Sprache durchschauen, können wir jedoch vom Baum des Lebens essen, der ebenfalls in der Paradiesgeschichte erwähnt wird. Dann »werden wir sein wie Gott«. Wie die Natur, aus der wir entstanden sind – wir werden die Einheit erfahren und sie sein.
Still werden
Still zu werden inmitten des Getöses der Welt ist heute wichtiger denn je. Aufhören Können mit dem Reden und dem einander etwas Zeigen. Auch in der Stille kommunizieren wir, aber entspannter, direkter, körperlicher. Dann hören wir den Atem des Ganzen, in dem wir schon immer gut aufgehoben waren und geborgen sind. Welch ein Glück, das zu spüren!
Von Lesern der ersten Auflage dieses Buchs habe ich gehört, dies sei eigentlich ein Philosophiebuch und eines über Lebenskunst, eine alle Lebensbereiche berührende Enzyklopädie verdichtet auf 100 Seiten Essenz. Ist das so, und der Text ist eigentlich zu kurz? Schreibt mir eure Kommentare an schneider@connection.de, oder als Rezension auf Amazon.
Am Anfang war das Grunzen
Die erste Auflage dieses Buchs hat das Phänomen Sprache vor allem naturwissenschaftlich betrachtet. Dementsprechend habe ich das Bibelwort »Am Anfang war das Wort«, spöttisch mit »Am Anfang war das Grunzen« beantwortet. Im Sinne der AQAL-Theorie von Ken Wilber, könnten wir aber auch sagen: Worte waren der Anfang unseres Ich-Bewusstseins und der Kultur. Denn nicht nur das Sachliche ist wichtig, sondern auch das Geistige, das Psycho-Soziale: im Individuellen das Ich, (das Gewahrsein einer Ich-Identität), im Kollektiven das Wir (die Prägung durch die Kultur). Das wäre eine Perspektive, welche die Naturwissenschaft gut ergänzt und unsere in Schieflage geratene Welt ins Gleichgewicht bringen könnte.
Large and Small Language Models
Nicht nur die unerkannten Folgen exzessiver Handynutzung sind eine unterschätzte Gefahr, auch die large Langage Modelle (LLM) der KI sind das. Aus dem im Internet verfügbaren Textmaterial bilden sie die statistisch wahrscheinlichsten Wort- und Satzfolge-Beziehungen, was dann wie von Menschen geschaffen klingt. Die von der KI verarbeitete Textmenge ist millionenfach mehr, als ein Mensch in sich fassen, geschweige denn verdauen kann. So klingt das Ergebnis klüger, ja weiser als von Menschen geschaffene Sprachgestalten – und ist dann doch nicht klüger als die Masse, sondern irgendwas zwischen schwarmintelligent und herdendumm. Eine dritte große Gefahr ist die Leichtigkeit, mit der heute Deep Fakes gemacht werden können.
Wir brauchen wieder mehr echte Beziehungen
Was tun gegen diese drei Gefahren? Wir müssen wieder mehr echte Begegnungen zustande kommen lassen, von Mensch zu Mensch, ohne Bildschirm dazwischen, so wie Goethes Faust es in »des Dorfs Getümmel« genoss und jubelte: »Hier bin ich Mensch, hier darf ich‘s sein!« Hier sind wir wieder bei der Urform der Kommunikation; die brauchen wir als Gegengewicht, sei es im »Getümmel« des Kollektivs, sei es face-to-face im Ich & Du. So sehr die neuen Kommunikationsmethoden mit ihren vielen Vorteilen zu führen und verführen imstande sind, brauchen wir etwas, das sie ausbalanciert. Sonst kann jede dieser drei Gefahren das Ende der menschlichen Zivilisation einleiten und auf jeden Fall das Ende unserer psychischen Gesundheit.
Greven, im Herbst 2025
Hier könnt ihr für 15 € die Neuauflage dieses Buchs mit dem Vogel auf dem Cover erwerben. Und hier noch immer die Erstauflage, die übrigens auch Zeichnungen enthält. für schlappe 5 €.