Der Anlass, endlich mal wieder über Wissenschaft zu schreiben ist, dass eine gute Bekannte mir kürzlich von Raik Garve vorschwärmte. Dass der so viel wisse und wie gut er die Welt deuten könne, die doch gerade jetzt, in diesen Zeiten, Corona und so, für so viele Menschen so verwirrend sei. Wir stünden an einem historischen Wendepunkt. Einen Tag später hakte sie nochmal nach und wies mich auf dieses fast zweistündige Interview hin, in dem Raik uns den Deep State in den USA und noch vieles andere erklärt. Was mir die Haare zu Berge stehen ließ. 

»Respekt 🙏…endlich mal eine gute & verständliche Zusammenfassung der ‚Welt in der wir leben‘ ☝️«, ist der erste der mehr als 700 Kommentare unter diesem Interview. Und dieser Kommentar erhielt 219 Mal Zustimmung, kein Mal Ablehnung, auch wenn bei mir der Daumen zuckte, als ich es las.

Schon bei ihrem ersten Bericht von Raik, der alles so kritisch hinterfragen und gründlich erforschen würde, wurde ich ganz still vor Staunen. Das wandelte sich alsbald in Entsetzen. Die ersten Minuten meines Zuhörens gelang mir noch der neutrale Blick des Ethnologen, der eine fremde Kultur staunend betrachtet; ich war erfüllt von dem Versuch, sie vorurteilsfrei zu sehen, ohne bias, ohne Befremden. Allmählich jedoch kroch kaltes Entsetzen in mir hoch, und ich bezog Position, freundlich, aber bestimmt: »Ich trau’ dem nicht«, sagte ich. Es gibt nicht in Russland 40 Tausend Jahre alten Veden, die Raik erforscht haben will. Damals gab es noch nicht einmal Schrift, und so weiter … mühte ich mich ab, mit meiner historischen Allgemeinbildung. 

Nur meine Antipathie?

Ein paar Stunden später googelte ich nach diesem Raik, was mein Befremden noch bestärkte. Sein Gesicht und seine Art zu reden stoßen mich ab; na gut, das kann eine individuelle Antipathie sein, der ich nicht nachgeben sollte. Seine rhetorische Verführungskunst schien mir alle Register zu ziehen, die ich von narzisstischen Gurus her gut kenne; mit Inhalten, die zum großen Teil nicht wahr sind, auch dann nicht, wenn man kontrovers diskutierte Meinungen von Wissenschaftlern einbezieht, die nicht dem Mainstream angehören. Raik mischt sie mit Gemeinplätzen über trendige Defizite von Wissenschaft, Medizin und Weltkultur, auch das ist Usus unter den typischen Gurus und »alternativen« Verführern; so schmiegt er sich in die Psyche der Corona- und Digitalisierungs-Verwirrten ein.

Alternative Forscher

Von Raik wusste ich bis vor ein paar Tagen noch nicht, dass es ihn überhaupt gibt. Ohne ihn und seine Thesen gründlich untersucht zu haben – nach diesem Erstkontakt will ich das auch gar nicht – nehme ich ihn hier als Stellvertreter für einen der vielen alternativen Forscher, Querdenker und Wahrheitsverkünder, für deren Fans meine Worte nur beweisen, dass ich vom Mainstream gehirngewaschen bin. Vielleicht fühlt sich die begeisterte Hörerin solcher Talks durch meine Ablehnung sogar noch bestärkt in der Bedeutung der kritischen Sicht ihres Querdenkers, dass sogar einer wie ich ihm keinen Glauben schenkt, der ich ja nicht als schäfischer Anhänger der jeweils am lautesten blökenden Herde bekannt bin. Wenn sogar ich einem Raik Garve, Ken Jebsen, David Icke, Attila Hildmann, Xavier Naidoo oder Bodo Schiffmann, um hier mal nur ein paar der Berühmtesten zu nennen, nicht glaube, dann ist es umso wichtiger, den Einsichten dieser Kritiker des Mainstreams Gehör zu verschaffen. 

Verschwörungstheoretiker

Diese alternativen Denker und Forscher, die bei politischen oder natürlichen Katastrophen oft sagen, das sei so gewollt oder gesteuert, mögen es nicht, Verschwörungstheoretiker genannt zu werden, das empfinden sie als Diffamierung. Um sie fair zu behandeln, habe ich deshalb den Begriff des Verschwörungstheoretikers lange Zeit gemieden oder ihn gelegentlich durch »Fan einer alternativen Sicht« ersetzt. Ach, waren das noch Zeiten, als »alternativ« und »Querdenker« noch etwas Gutes bedeuteten! Das ist nun vorbei. Grad habe ich mal wieder in den Eintrag in der deutschen Wikipedia über Verschwörungstheorien reingeschaut und empfinde ihn als eine faire Analyse und historische Einordnung. Ja, so sollte man diese Art von Denken nennen: Verschwörungstheorie.

Mein Fazit aus der Beobachtung der vielen »Alternativen«: Für jedes Ego gibt es einen Resonanzraum. Einst im steinzeitlichen Stamm einen solchen zu finden, später dann auch in der Dorfgesellschaft der Agrarzeit, mag unter Umständen schwer gewesen sein, falls dein Spleen eher ungewöhnlich war. Heute findet auch ein transsexueller Impfgegner und Schulverweigerer, der an UFOS glaubt und Bill Gates für einen von Reptiloiden abstammenden Menschenfresser hält, über das Internet noch einen ihn oder sie bestärkenden Resonanzkörper. Verstärkend und bestärkend – das Spiri-Modewort »kraftvoll« ist hier endlich einmal angebracht.

Dissident sein ist heute leicht

Kaum ein paar hundert Jahre ist es her, da brauchte man noch ein gewisses Maß an selbständigem Denken und den Mut, dazu zu stehen, um von einer Religion als Ketzer anerkannt und verbrannt zu werden, oder in einer Diktatur als Dissident verfolgt und in den Gulag oder das KZ gesteckt zu werden. Heute genügt dafür das diffuse Gefühl, dass ‚da irgendwas nicht stimmt‘, was in den Nachrichten so gesagt wird, plus ein Internetanschluss und eine halbe Stunde Googeln, und – Heureka! Schon hast du Bestätigung, dass deine Intuition richtig war und du zur Minderheit der kritischen Betrachter des Weltgeschehens gehörst. Vielleicht gehörst du sogar zu den Hochsensiblen, die schon immer wussten, dass da irgendwas nicht stimmt an dem, was die Leute so erzählen. Was’n Glück, dass du damit nicht allein bist! Es gibt auch andere, die eine ebenso feine Wahrnehmung haben wie du, dass sie sich von den Stereotypen des Mainstream nicht verblöden lassen. Willkommen in der Elite der wirklich kritischen, authentischen Beobachter des Zeitgeschehens. So lange, bis sich auch gegenüber dir und deinesgleichen Rebellengruppen bilden, die euch dann zu schaffen machen, so wie ihr jetzt Leuten wie George Soros, Bill Gates und Klaus Schwab mit seinem infamen »Great Reset« zu schaffen macht.

Embedded an der Front

30 Jahre lang war ich als wissenschaftlich studierter (acht Semester Wissenschaftstheorie an der LMU München) und immer noch wissenschaftlich denkender Mensch der Herausgeber der Zeitschrift Connection und als solcher sozusagen an der Front diverser spiritueller Szenen ‚embedded‘: Psychosomatik, Ganzheitlichkeit, Advaita Vedanta, Zen, Sufismus, systemische Aufstellungen, spirituelle Ökologie und andere. Alles das schätze ich nach wie vor! Aber auch Themen wie Astrologie, Tarot, Schamanismus und Channeling, die ich kritisch sehe kamen in meiner Zeitschrift zur Sprache. Ich war »embeddet« wie die Journalisten, die damals im Irakkrieg an der Front dabei sein durften, um aus erster Hand das Geschehen mitzubekommen, ohne so wie die Soldaten, die von ihnen beobachtet wurden, glauben zu müssen, dass sie in einem notwendigen Krieg für die gute, freie, demokratische Welt gegen den bösen Diktator auf der richtigen Seite standen. 

Spirituelle Märchen

Auch spirituelle Märchen sind immer noch Märchen. Wenn du an spirituelle Geschichten von Licht und Liebe glaubst, statt an weltliche von Macht und Reichtum, macht dich das noch nicht zu einem spirituellen, geschweige denn weisen Menschen. Du bist dann einfach nur einer anderen Geschichte auf den Leim gegangen, die ein anderes, für dich vielleicht schöneres und nobleres Vokabular verwendet. Wirklich spirituell bist du erst, wenn Geschichten für dich nur noch Geschichten sind und nicht die Wahrheit. Spirituell zu sein heißt, transnarrativ verankert zu sein, d.h. in dem stillen, leeren, nonverbalen Raum jenseits aller Erzählungen. Das Cisnarrative (von lat. cis, diesseits, und Narrativ, Erzählung) ist für den transnarrativ Verankerten immer noch wichtig, aber es verführt nun nicht mehr. Verirrt zu sein bedeutet, einer Geschichte gefolgt zu sein, ohne zu wissen, dass es nur eine Geschichte ist, egal ob das die Geschichte von der Erschaffung der Welt in sieben Tagen ist; von einem Ritual, das dir den Status des Erwachten verschafft; von einer jüdischen Weltverschwörung oder von feindlichen UFOS mit reptiloiden Insassen. 

Meditation

Wie gelangt man in den transnarrativen Raum? Durch Einsicht und Meditation. Einsicht in die eigene Verführbarkeit und Meditation, die nur Gewahrsein erstrebt. Die Meditation sollte außer schlichtem Gewahrsein keine Ziele haben, sie sollte auch kein blaues Licht, keine Erleuchtung oder Ekstase erstreben, sondern nur Gewahrsein. Ein Gewahrsein der eigenen Körperempfindungen, Gedanken und Gefühle, die jetzt da sind. Weiter nichts.

Kritik an der Wissenschaft

Nun habe ich die Ignoranten und Verächter der wissenschaftlichen Methode kritisiert, jetzt ist die Wissenschaft (science) dran. Auch sie hat massive Kritik verdient. Schon die gesamte Neuzeit, d.h. seit 1492, dominiert der wissenschaftlich-militärisch-industrielle Komplex (so nennt Yuval Harari ihn) die Wissenschaft, nicht nur der militärisch-industrielle Komplex (so nannte ihn der US-Präsident Eisenhower in seiner Abschiedsrede im Januar 1961). Es soll nämlich nicht nur die Forschungsmethode vorurteilsfrei sein, das ist der bisherige Anspruch der Wissenschaft. Es sollten auch die Ziele, was überhaupt erforscht wird, nicht hauptsächlich von den wirtschaftlich oder militärisch Mächtigsten bestimmt werden und so zu Interkontinental-Raketen, Drohnen, Hacking und massiver Konsumentenbeeinflussung durch industrielle Werbung führen. Wenn hundert mal so viele Mittel für Militärforschung eingesetzt werden wie für Friedensforschung, braucht man sich über das Ergebnis nicht zu wundern. Ähnliches gilt für die Werbung für Süßgetränke wie Coca Cola, Zigaretten und etliche Pharmazeutika.

Die Ziele der Forschung

Was die zu erforschenden Bereiche anbelangt, sollte die Forschung guten Zwecken dienen, meine ich. Dazu gehören zum Beispiel die Beseitigung des Hungers in der Welt; der Frieden zwischen Völkern, Nationen und Individuen; die Gesundheit auch der Armen; das Glück der Menschen; und auch die Tiere sollten uns nicht egal sein. Die zu erforschenden Felder sollten gute und nützliche sein. Dennoch müssen die Ergebnisse, die in diesen Feldern von den Wissenschaftlern erbracht werden, vom Auftraggeber unabhängig und unbeeinflussbar sein. Die Forscher sollten keinerlei Anreiz haben, nur vom Auftraggeber erwünschte Aussagen zu bringen. Die Zielsetzung der Forschung ist nicht wertfrei und darf das auch nicht sein. Die Zielsetzung der Forschungsfelder ist nämlich nicht Wissenschaft, sondern Ethik und Politik – Politik im Sinne von gesellschaftlich angewandter Ethik. Die Ziele wissenschaftlicher Forschung sollten wir nach ethischen Prinzipien oder mit bestmöglichen demokratischen Verfahren bestimmen (die bisherigen Demokratien sind sehr verbesserungsbedürftig). Bisher wird die Zielfindung leider dem freien Spiel der Kräfte überlassen, was bedeutet, dass die Mächtigsten gewinnen. Das sind dann z.B. die militärischen, pharmazeutischen und medizinischen Giganten und die Beherrscher des Internets wie Google, Amazon, Facebook, Apple und Microsoft.

Von innen keine Lösung

Im System selbst gibt es keine Lösung. Aus dem System selbst heraus wirkende Kräfte sind Teil des Problems, oft verstärken sie es noch. Lösungen können nur auf einer anderen Ebene gefunden werden als dort, wo sie entstanden sind, wie ein oft zitierter Ausspruch von Einstein lautet. Aus dem Bewusstsein, dass das so ist, wurde ich, der ich zwar wissenschaftlich denke, aber keiner akademischen Laufbahn und keinen konventionellen Beruf gefolgt bin, vor einigen Jahren in einen Think-Tank von (hauptsächlich) Chemikern eingeladen. Ihnen war bewusst, dass die chemische Industrie, so wie sie jetzt agiert, »an die Wand fährt« und aus sich selbst heraus nicht die Kreativität erbringen kann, um das zu verhindern. Deshalb wurde dort ein Querdenker (ups … sorry), nein, ein anders denkender Mensch wie ich eingeladen, die noble Runde zu ergänzen, in der auch Nobelpreisträger und Vorsitzende der deutschen und europäischen chemischen Verbände das Wort erhielten. Ich empfand mich in dieser Runde als Anomalie, was ich wohl auch sein sollte. Und als die Sprache auf paranormale Wahrnehmungen kam, zeigte sich, dass ich, obwohl ich in dieser Runde der Einzige mit einer ’spirituellen Karriere‘ war, bezüglich Bauchgefühl, Intuition, Synchronizität und anderen paranormalen Wahrnehmungen der skeptischste von allen war. 

Bayer kauft Monsanto

Dann stand Monsanto zum Verkauf. Bayer bewarb sich und erhielt trotz Bedenken von Kartellbehörden nach einiger Zeit den Zuschlag. Wir sprachen über Ethik. Ich sprach das Thema Monsanto an: Darf Bayer solche eine Firma kaufen? Was spricht ethisch dagegen, was eventuell sogar geschäftlich? Ich wagte die Aussage, dass ein Kauf von Monsanto Bayer womöglich sogar geschäftlich schaden würde, ethisch wäre es sowieso skandalös. Die Reaktionen in unserer Runde waren verhalten. Wenn nicht Bayer, dann würde irgendwer anders Monsanto kaufen, und solange das System so funktioniere wie jetzt, das heißt, dass nur der Shareholder Value zähle, sei es fast egal, wer kaufe. Damit war das Thema vom Tisch. Inzwischen denke ich, dass mein Zwischenruf betreffend den Kauf von Monsanto damals vielleicht zu leise war. War ich zu feige, zu verschämt oder zu pessimistisch, als Außenseiter sowieso nicht gehört zu werden?

Objektiv versus subjektiv

Nun noch eine tiefer gehende Kritik an der üblichen Wissenschaft in der Gestalt von Science: Sie gibt der Objektivität den Vorrang gegenüber der Subjektivität in einer Weise, die uns Menschen nicht guttut. Zwar haben die objektiven Weltbilder gegenüber den subjektiven viele Vorteile: Man kann sich intersubjektiv immerhin jeweils vorläufig auf eines einigen; sie lassen sich intersubjektiv prüfen; sie bieten intersubjektiv Orientierung. Sie haben allerdings den Nachteil, dass sie den Vorrang des Subjektiven übergehen, der für jedes wahrnehmende Wesen gilt: Was wir als Subjekte wahrnehmen, ist für uns unbezweifelbarer als jedes objektive Weltbild, auf das wir uns mit anderen erst einigen müssen. Wenn ich Schmerz oder Lust empfinde, ist das mein Schmerz und meine Lust, egal, was objektiv der Fall ist. Wenn ich etwas Rotes sehe, habe ich dabei ein visuelles Erlebnis, egal, ob andere bei demselben Auslöser dasselbe Erlebnis haben, was ich ja nicht wissen kann. Die objektiven Wissenschaften lassen uns durch ihre enormen Erfolge vergessen, dass unsere Subjektivität unbezweifelbarer ist als zum Beispiel die Aussage, dass der Mond die Erde umkreist. 

Links & rechts, oben & unten

Hier noch ein anderer Ansatz zum selben Thema. Für mich gilt, dass etwas vor oder hinter mir ist, links oder rechts von mir, über oder unter mir. In der objektiven Welt ‚da draußen‘ gibt es jedoch kein oben und unten, links und rechts. Für die Aborigines Australiens habe es kein links und rechts gegeben, las ich mal irgendwo, sie verwendeten bei Richtungsangaben stattdessen Worte wie nördlich und südlich, östlich und westlich. Waren sie mit ihrem Weltbild objektiver? Mag sein. Das würde mein Weltbild, in dem das Europa der Neuzeit die Quelle der Dominanz des Objektiven ist, immerhin ein bisschen erschüttern können. 

Übrigens verweist die Tatsache, dass die Südhalbkugel bei unseren Weltbildern und Globen unten ist, nicht auf eine Tatsache in der Welt ‚da draußen‘, sondern ist nur eine Gewohnheit unserer Darstellung. Es wäre nicht weniger objektiv wahr, Feuerland, Südafrika und Australien in unseren Weltbildern oben zu platzieren. Vielleicht wären die südlichen Länder der Erde dann nicht so leicht als Kolonien ausgebeutet worden oder hätten als »down under« gegolten? Wer weiß. Das Experiment wurde nicht gemacht, und jetzt ist es zu spät dafür.

Ich und die Erde in der Mitte

Noch anders gesagt: Ich kann die Welt betrachten als etwas, das ich beim Gehen unter mir nach hinten verschiebe oder als etwas, durch das ich vorwärtsgehe. Beides ist gleich wahr, auch wenn das erste mathematisch-physikalisch schwerer zu erfassen ist, weil da die Newton’schen Gesetze nicht mehr gelten. Vielleicht ist das so ähnlich wie der Unterschied zwischen dem ptolemäischen Weltbild, das bis zur Renaissance galt, in dem die Erde die Mitte des Universums ist, und dem neuzeitlichen, in dem die Erde um die Sonne kreist und die Sonne nur noch ein Stern unter vielen ist. Das ptolemäische Weltbild hat durchaus etwas für sich, auch wenn die Berechnungen der Bahnen der Himmelskörper darin viel komplizierter sind – es ist anheimelnder.

Zusammenfassend lässt sich vielleicht sagen, dass das ewige Jetzt der Mystiker (in der Moderne: Eckart Tolles The power of now) im Räumlichen ergänzt werden muss durch ein allumfassendes Hier. Raum und Zeit haben eine Mitte, in dieser Mitte bin ich, das Subjekt. Auch die Naturwissenschaftlerin ist ein solches Subjekt. Sie arbeitet mit der gut bestätigten Theorie einer intersubjektiv vermittelbaren objektiven Realität, aber auch sie lebt in der ewigen Gegenwart und hat immer auch räumlich etwas vor und etwas hinter sich, etwas ist links von ihr und etwas rechts. Die Mystik ist das angemessene und höchst nötige Korrelat zur Science. Darin würde mir wohl auch der Dalai Lama zustimmen, der Vipassana-Fan Harari sowieso. 

Homöopathie als Heimat

Auch die Homöopathie ist unter wissenschaftsbeflissenen immer wieder Stein des Anstoßes. Neben der Astrologie und der katholischen Zeremonie mit dem Wein und dem Brot (»Hoc est corpus meum«) gehört sie in Deutschland zu dem am weitesten verbreiteten esoterischen Lehren. Als die mit Homöopathie sehr erfolgreiche Ärztin Nathalie Grams herausfand, dass die Methode, die ihr so großen beruflichen Erfolg und zufriedene Kundinnen gebracht hatte, ein Hokuspokus ist, geschah ihr Damaskus-Erlebnis, die Wende. Anschließend ließ sie sich von der GWUP feiern und wirkt seitdem als Aufklärerin. Ihre Ausbildung war schulmedizinisch, so wie die von dem anfangs erwähnten Raik Garve. Heute agiert sie wieder auf Seiten der Schulmedizin (auf eine gute Weise, scheint mir). Kann man, sollte man diese Wechsel im Weltbild als religiöse Konversionen beschreiben? Ähnlichkeiten jedenfalls gibt es. Harari z.B. rechnet auch die politischen Ideologien zu den Religionen, weil etwa auch im Kommunismus und Faschismus der Glaube an das führende Narrativ (und das kommende Paradies usw.) ähnlich groß ist wie etwa im Christentum. Ich würde dieser Betrachtung noch das Gefühl der Beheimatung hinzufügen, als den emotionalen Anteil eines Weltbildes. Heimat ist in meinen Augen nichts Negatives. Wir sind doch in so vielem beheimatet:  in Landschaften, Beziehungen und Essensgewohnheiten. Es ist die emotionale Seite einer Identifikation. Ohne Beheimatungen zu leben wäre geradezu unmenschlich (von der buddhistischen pabbajja spreche ich an anderer Stelle). Siegried Essen hat das wunderbar in seiner ‚Arbeit mit dem Ich und dem Selbst‘ zusammengefasst.
Es macht allerdings ethisch – cisnarrativ  einen großen Unterschied, ob ich im Faschismus beheimatet bin oder in einem umweltfreundlichen, tierempathischen Humanismus.

Was tun?

Am Ende des sehr hörenswerten Interviews, das der Chefredakteur der Zeitschrift Wired im Dezember 2018 mit Yuval Harari und dem Google-Aussteiger Tristan Harris führte, wird Harari gefragt, was er einem heute 18-Jährigen raten würde, der nicht will, dass die Beziehung zwischen Maschinen und Menschen ausbeuterisch wird bzw. so ausbeuterisch bleibt, wie sie jetzt zwischen den Datenkraken (Google, Facebook u.a.) und ihren Kunden ist. Harari antwortet, er würde ihm raten, sich erstens selbst besser kennenzulernen, so gut wie möglich, und wenn ein Wunsch aufkommt, nicht gleich zu denken, das sei sein echter Wunsch und freier Wille, sondern das tiefer zu erforschen. Zweitens sich einer Organisation anzuschließen, denn allein könne ein Mensch kaum etwas erreichen.

An anderer Stelle, kann sein in Homo Deus, sagt Harari, dass er einem durch das politische Geschehen Verwirrten, der wissen möchte, was Fakt und was Fiktion ist, raten würde, die erhältliche wissenschaftliche Fachliteratur zu studieren. Oder jemandem zu vertrauen, der diese kennt, möchte ich dem hinzufügen, denn wer hat schon Zeit, die wissenschaftliche Fachliteratur zu lesen; und sie verstehen können, das muss man ja auch noch. Außerdem brauchen wir Medienkompetenz, das ist heute wichtiger denn je, für alle Generationen. Und wir sollten uns der führenden Narrative bewusst werden, auch darin würde mir Harari sicherlich zustimmen – er sei seit einigen Jahren der erfolgreichste Sachbuchautor der Welt, las ich gerade mit großer Freude am Ende des Xing-Interviews mit ihm vom Januar 2021. 

Trans und Cis

Um sich im Transnarrativen verankern, dazu gibt es die neuerdings erfreulich populären Praktiken der Meditation und Achtsamkeit. Es müssen allerdings ‚ziellose‘ Meditationen sein, die das Eintauchen in die Stille oder Leere einüben. Das Praktizieren von Mantren oder Herbeiführen von Lichteffekten wie kleinen oder großen Erleuchtungen mag erfreulich und unter Umständen auch hilfreich sein, es ist aber keine echte Meditation. 

Zugleich müssen wir im Cisnarrativen gute Entscheidungen treffen, das ist ebenso wichtig. Denn nicht alles ist »Jenseits von Gut und Böse«, wie Nietsche es famoserweise nannte, und wonach auch heute noch viele Meditierer leider einseitig suchen, nicht nur politisch Verirrte. Diesseits ist ebenso wichtig! 

Wir müssen auf beiden Beinen stehen können, sonst kippen wir um. Wir müssen auf beiden Flügeln gleich stark sein, trans- ebenso wie cis-narrativ, um abheben zu können. Ja, abheben, auf eine neue Ebene, immer wieder, um auf das Alte, Bisherige blicken zu können und Überblick zu gewinnen. Und was die Bodenhaftung anbelangt: Auch ein Albatros muss mal landen …

P.S. Erst kurz nach dem Verfassen dieses Blogeintrags erfuhr ich, dass auch die Zeitschrift evolve sich gerade mit dem Thema Wissenschaft beschäftigt. In ihrem aktuellen Heft (Nr. 29) iautet das Schwerpunktthema „Wissenschaft – ihre Grenzen, ihre Macht„.