Jeden Tag lese ich ein bis zwei Stunden lang politische Nachrichten, und es bleibt in mir quälend die Frage: Wie können wir dem »ich, ich, ich« und »wir, wir, wir« (gegenüber »den anderen«, die falsch sind, weil sie nicht so sind wie wir) entkommen? 

Ego-Bashing, diese populäre spirituelle Praxis ist keine Lösung, denn sie führt immer nur zu noch mehr von demselben. Es braucht eine echte Überwindung, ein echtes Weiter- und Darüber-hinaus-Gehen. Wir brauchen unser Ich – ein intaktes Ich, das Ja und Nein sagt, sich abgrenzt, aber auch verbindet, sich hingibt und verschmilzt. Wir brauchen sowas wie eine semipermeable Membran um uns herum, um jede Ich- und Wir-Zelle, die wir darstellen, um jedes Holon, das sich schützen, aber auch verbinden will. Das ist mein Verständnis von Tantra.

Aber was hat das mit Liebe und Sexualität zu tun? Tantra gilt doch als der Weg, der durch Liebe und Sexualität zum Heiligsten führt? 

Unter allen Fenstern zum Himmel scheint mir Liebe als das am leichtesten zu öffnende zu sein. Für manche ist es Sex, für andere die Liebe. Beides kann aus dem kleinen Ich-Gefängnis heraus ein Fenster öffnen, durch das der Himmel sichtbar wird und die offene Weite der Unendlichkeit ins Intimste, Innerste eindringt – und beides hängt zusammen. Liebe nur geistig leben? Da fehlt doch was. Liebe nur körperlich leben? Geht nicht. Die Gefühle kann man doch nicht abschalten, allenfalls verdrängen können wir sie. Alles ist heilig, klar doch, einverstanden, aber im Erfahren von Liebe und Sex ist das Heilige so viel leichter spürbar, so direkt zugänglich, so überwältigend, umstürzend, infrage stellend, existenziell ergreifend, dass man oft nur noch sagen möchte: Oh, mein Gott, jaaaa …. das ist es! 

Das Politische daran ist, dass wir alle ausnahmslos empfindende Wesen sind, die Liebe suchen und sie auch geben können. Wenn wir ehrlich sind, ist es das, was wir mehr wollen als alles andere. Auch für einen Trump, Erdogan oder Jihadisten gilt das. Wie verirrt die Persönlichkeit in ihrem Streben auch immer sein mag, sie sucht Bestätigung durch andere, sie will geliebt sein und lieben dürfen. Im hingebungsvollen Sex begegnen wir dem am urigsten. Wer DAS kennt, wird es nicht gegen Macht, Geld oder Ruhm eintauschen wollen. In der Hinsicht sind wir Menschen alle gleich. Wir alle kommen aus einem Mutterleib, aus dem warmen Wasser der vorgeburtlichen Geborgenheit. Unser Streben nach Ankommen und Heimat hat immer mit dieser Erfahrung einer Urheimat zu tun. Manche finden das Verlorene in einer Kirche oder Sekte wieder, einer weltlichen Institution, politischen Partei oder noch anderen Arten von Alma mater, Männer manchmal beim Militär; im Kleinen finden wir es in Cliquen und Vereinen und natürlich in den Familien – zumindest den Wunsch, es dort zu finden, den gibt es. 

Wäre es nicht viel einfacher, das Heilige, Erfüllende, Beglückende, die Geborgenheit und das Aufgehoben- und Willkommen-Sein dort zu suchen, wo wir es am Natürlichsten und Urtümlichsten kennen, in der Liebe und im Sex? Das wäre die tantrische Antwort auf die politischen Probleme. Deshalb müssen wir Tantriker uns gesellschaftlich einmischen. Die Welt vor unseren Augen dem sicheren Suizid entgegen gehen sehen? Nein, das kann ich nicht. Ich muss mich einmischen. Ich mische mich ein, ich kann nicht anders. 

Auch wenn ich um meine Irrtümer weiß und immer wieder stolpere und scheitere – diesen Aspekt vom Menschsein habe ich verstanden: unser Bedürfnis nach Liebe, Bezogenheit, Eingebundensein, Heimat. Beheimatet sein in einem anderen Menschen, einem Freundeskreis oder sozialen Netz; so wie wir es einst im Mutterleib waren, das ist urmenschlich. Wenn wir uns immerhin schon mal entscheiden können, dort zu suchen, wo es wirklich diese tiefe Erfüllung gibt, und nicht im Konsum, im Schein und Glitzer von Geld, Besitz oder gesellschaftlichem Ansehen, das ist dann schon mal ‚die halbe Miete‘, die erste Hälfte vom Weg ins Paradies. Auf dem es ja auch an Rückschlägen, Peinlichkeiten, komischen und tragischen Ereignissen nicht mangelt. Aber dieses Gefühl ganz da sein zu dürfen, angenommen zu sein, geliebt, willkommen mit allem, was mich als Mensch ausmacht, das möchte ich nie mehr missen. Und ich habe es ja, ich erfahre es, ich bin es und kann es geben. Und wünsche es allen anderen Menschen auch. 

(Dieser Text wurde für die Märzausgabe des Tantra-Newsletter geschrieben, nachdem Klaus Peill dort die Frage an die Autor*innen gestellt hatte: »Tantra und Gesellschaft – Genießen wir unsere Nische oder wollen wir da raus?«)

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