Hier stand ein Gedicht von einem Brunnen, von einem kaum bekannten Autoren. Ich fand es im Internet, und es gefiel mir. Es war dort allerdings nicht aus Freude an der Schönheit des strömenden Wassers veröffentlicht, sondern es wurde dort von einem Anwalt als Köder ausgelegt, um nichts ahnende Surfer im Internet zu verleiten, es in ihrem Account zu posten. Der Anwalt fand mich durch eine darauf ausgerichtete Suchmaschine und fordert nun mehr als 1000 € von mir für die angeblich unrechtmäßige Veröffentlichung dieses Gedichts. Dem Autoren hilft das nicht mehr, er ist seit mehr als 40 Jahren tot. Dem Anwalt aber könnte es helfen, wenn sein Vorgehen denn rechtens ist, denn auf diesen Köder fallen vermutlich auch noch viele andere rein. Was für ein Mindset hat einer, frage ich mich gerade, der Rechtswissenschaft studiert hat und dann auf diese Weise versucht, sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen? Jedenfalls bringt er damit seine ganze Berufssparte in Verruf.
Ich lasse mich in der Sache gerade rechtlich beraten und lasse euch das Ergebnis wissen. Vielleicht gibt es ja eine Möglichkeit, andere Spaziergänger im Internet vor speziell diesem und anderen solchen Schmarotzer einer eigentlich gut gemeinten Rechtsprechung zu warnen.
Nun zum Brunnen als Symbol des unerschöpflichen Fließens.
Warum ein Brunnen? Weil, wie schon so oft, ich beschäftige auch jetzt gerade wieder mit dem beschäftige, was ich zu geben habe. Auch der alte Spruch »Geben ist seliger denn Nehmen« weht mich dabei wieder mal an, und die Erinnerung an meine Zeit in Thailand, als ich staunend konstatierte, dass die Menschen dort zu ihrem Geburtstag andere beschenkten, anstatt sich beschenken zu lassen.
Für mich ist das Geben tatsächlich beglückender als das Nehmen. Mir geht es da wie einem Brunnen: ihm Wasser zu entnehmen mindert ihn nicht. Im Gegenteil, das Weitergeben schafft Raum für das Nachfließen von immer noch mehr. Auch mir fließt, was ich zu Geben habe, nur zu; ich bekomme es geschenkt und gebe es weiter.
Arbeitszeit und Freizeit
Insofern ist mir schon seit ich denken kann der Unterschied zwischen Arbeitszeit und Freizeit suspekt. Ich will mich nicht durch Lohnarbeit versklaven, um dann erst mit dem dabei Verdienten meine sogenannte Freizeit genießen zu dürfen. Mein ganzes Leben soll von Genuss und Freizeit geprägt sein. Freizeit auch zum Weiterreichen dessen, was mir gegeben wurde. So lebe ich nun ihm Alter ohne Rente, bekomme aber weiterhin so viel geschenkt, dass ich mich nicht sorgen muss.
Seit ich als Erwachsener für mich selbst sorge, sind mir Arbeit und Freizeit ein Ganzes, denn ich tue fast nur, was ich wirklich will, und ich tue es im Bewusstsein, dass (so Kahlil Gibran) »Arbeit sichtbar gemachte Liebe« ist und »Liebe, Arbeit und Wissen die Quellen unseres Lebens sind; sie sollten es auch beherrschen« (Wilhelm Reich). Das eben gesagte »fast« ist dem Anpassungsdruck geschuldet, dem auch ich unterliege. Den aber halte ich so gering wie möglich.
Am Rand des Mainstreams
Wer heute in Deutschland sich für Frieden und Naturschutz einsetzt, bewegt sich auf gefährlichem Terrain. Erst an den Rand der Gesellschaft gedrängt, droht als nächstes die Illegalisierung. So musste sich in Freiburg ein Schüler vor Gericht gegen den Vorwurf verteidigen, dass er mit einem satirischen Meme einen Bundeswehrsoldaten beleidigt habe und wurde zu 15 Stunden gemeinnütziger Arbeit verurteilt. Nicht nur Pazifisten, auch friedlich und naturbewusst auf dem Land lebende Nutzer von Jurten kommen bei uns »mit dem Recht in Konflikt«. Einem Recht, das lieber Kriege finanziert und die ganze naturzerstörende Wucht unseres lobbygesteuerten Konsumkapitalismus.
Die Bundeswehr darf massiv werben, wie hier in Hamburg an der Elbe Anfang November von mir selbst fotografiert. Sich dagegen wehrende Pazifisten müssen vor Gericht.
Flüchten oder Standhalten?
»Flüchten oder Standhalten« hieß das 1976 erschienene Buch von Horst Eberhard Richter. Meine Eltern schenkten es mir damals; sie wollten mich, der sich schon damals lieber »außerhalb der korrekten Gesellschaft« aufhielt, zu der Überlegung hinschubsen, dass man doch von innerhalb des Systems aus mehr erreichen könne. Hatten sie Recht? Drewermann, der mir politisch und in seinem Blick auf Jesus nach wie vor nahe steht, hat sich für das Drinbleiben in der katholischen Kirche entschieden. Jiddu Krishnamurti, der mir in spiritueller Hinsicht noch näher steht, entschied sich 1929 für das Rausgehen aus einer Organisation, die ihm große Reichweite verschafft hätte, und verpasste damit die Chance, in der Welt großen Einfluss auszuüben.
Innovation aus der Mitte oder vom Rand her?
Die Frage bleibt. Mein Eindruck ist, dass Pioniere positiver Neuerungen in der Gesellschaft immer erstmal aussteigen müssen. Es ist eine Art coming of age, ein Erwachsenwerden, das jeder Nestflüchtling durchmachen muss, um nicht am Rockzipfel der elterlichen Weltanschauung hängen zu bleiben.
Für die Realisierung der Neuerungen aber braucht es Menschen im System. Martin Luther King stieg aus und wurde als Außenseiter ermordet. Erst seine Nachfolger konnten allmählich im gesellschaftlichen System der USA den krassen Rassismus abmildern. Immerhin bis Trump zum zweiten Mal Präsident wurde.
Wo bleibt die kritische Opposition?
Einzelne in der Kirche, den Gewerkschaften, Parteien und Medien halten stand gegen die aktuelle Militarisierung, den Abbau von Sozialstaat und echtem Naturschutz. Die Unheil verheißende Haltung unserer Regierung, die durchaus nicht dem Willen der Bevölkerung entspricht, wird leider auch von den »Amtsmedien« vertreten, wie Precht und Welzer sie in ihrem Buch Die vierte Gewalt nennen, weil diese Medien die kritische Beobachtung des amtlichen Kurses (Ausländer raus, Aufrüstung, Abbau von Naturschutz und Sozialstaat) weitgehend aufgeben haben.
In meinen Blogbeiträgen über meinen politischen Standpunkt, meine aktuelle Heimat Greven als Brückenstadt und meinen Umgang mit einem garstigen Nachbarn erfahrt ihr mehr über mein Wirken im Nahraum.
Unsere Gemeinschaft erweitert sich
Im noch näheren Raum um mich erweitert sich in diesen Wochen unsere bisher dreiköpfige WG auf insgesamt sechs. Ab Januar haben wir nämlich auf der der Südseite unseres Hauses einen 30 qm großen Raum zum Tanzen und Meditieren, das ist einer unserer Gemeinschaftsräume. Dort sind außerdem drei Einzelzimmer möbliert zu vermieten, für je 300, 400 und 520 € (warm, alles inklusive). Mehrere Küchen, Badezimmer, Terrassen, Werkstätten, Lagerräume sowie ein großer Garten und eine Sauna gehören zu unserer dann erweiterten WG.
Erschütterungen
In einem der nächsten Blogeinträge erfahrt ihr mehr über unser Projekt der Renaturierung der Münsterschen Aa, deren Altarm direkt vor unserem Grundstück liegt. Im Folgenden nun ein paar Links zu teils erschütternden oder frappierenden, teils eher zum Lachen reizenden Quellen. Der Weg von der Erschütterung eines alten Weltbildes zur Erschütterung des eigenen Zwerchfells erscheint mir allemal der bessere zu sein als der in die Depression.
Umweltschäden der Rüstungsindustrie
Die Umweltschäden der Rüstungsindustrie sind gewaltig, das fällt nun auch den britischen Gewerkschaften auf. Wenn es dann tatsächlich zum Krieg kommt, worauf der militärisch-industrielle Komplex ja hinsteuert, weil er den Gegner geradezu zwingt, ebenfalls aufzurüsten, sind die Umweltschäden der Zerstörung noch vielfach höher, wie wir aus allen bisherigen Kriegen wissen. So wie im Sommer 1914 fast ganz Deutschland inklusive der SPD, die kurz davor noch die »Internationale« gesungen hatte, jubelnd in den Krieg zog, so stehen heute die Grünen, die sich einst für den Naturschutz eingesetzt hatten, in der Aufrüstung gegen Russland an vorderster Front.
Die Rede an die deutsche Jugend des Satirikers und Politikers Martin Sonneborn vom 30.11. ist deshalb auch jetzt, zur Jahreswende, noch hörenswert. Er hielt sie im Gebäude des Straßburger Parlaments, dem er seit 2014 angehört, und rief damit zum Schulstreik am 5. Dez auf.
Ungleichheit nimmt exponentiell zu
Die weltweite Militarisierung gehört sicherlich zu den schlimmsten Verbrechen, die aktuell die politischen Nachrichten dominieren. Sie ist aber nicht das einzige. Die einst friedfertige SZ, die sich neben FAZ, taz, Spiegel, ZEIT und den Öffentlich-Rechtlichen bei den aktuellen Kriegstreibern eingereiht hat (Heribert Prantl ist unter den SZ-Autoren eine Ausnahme) schrieb am 14.12.25 unter der Überschrift: »Weltweit explodiert die Ungleichheit« in ihren täglichen Newsletter: »Ein paar Superreiche wie Elon Musk und Jeff Bezos besitzen mehr als die ärmere Hälfte der Menschheit.« Da ist es dann auch nicht mehr so wichtig, ob es fünf oder zehn dieser Superreichen sind, die auf der einen Seite der Waagschale stehen, gegenüber den vier Milliarden auf der anderen. Wichtiger ist, dass die Ungleichheit exponentiell zunimmt, sie »explodiert«. Und dass die SZ zu den Medien gehört, die v.a. in ihrem Wirtschaftsteil das System unterstützen, das diese exponentielle Zunahme als festes Kennzeichen in sich trägt (nachzulesen bei Thomas Piketty, z.B. hier).
Unterwegs mit Homo dilettantis
Lisa Fitz hinterließ uns zum Jahresausklang ein paar zeitgeistige Gedanken (6 min lang, das schafft ihr) über den Homo dilettantis. Nachvollziehbar, aber zum Verzweifeln. Neeiiin!!! Denn für die Verwandlung vom homo dilettantis zum homo sapiens gibt es einen Weg: den Eintrag in meinen Rundbrief! Wer ihn bereits erhält, empfehle ihn bitte an andere Dilettanten auf ihrem Weg zur Weisheit weiter. Inzwischen wisst ihr ja: Weitergeben macht glücklich! So wie der Brunnen am Anfang dieses Blogeintrags es macht. Je mehr wir werden, die diese Gedanken teilen, umso größer die Chance, dass unsere Spezies nicht an ihrer Dummheit zugrunde geht.
Zum Schluss noch ein paar Superlative
Slop, auf Deutsch »KI-Matsch«, ist beim Wirtschaftmagazin Economist das »Wort des Jahres 2025« geworden. Steht uns KI-generierte Seichtkultur bevor, oder sind wir schon mitten drin? Vieles spricht für das Zweite. Unser Land der Dichter und Denker (und Friedensbrecher) wird da wohl auch keine Ausnahme machen. Was Militarismus und Genozid anbelangt, hat unser Land ja schon einige Superlative gewonnen. Nun sind ‚wir‘ nach einer Studie von 45.000 Erwachsenen aus 53 Ländern auch noch Narzissmus Weltmeister geworden, sagt das deutsche Wissenschaftsmagazin Spektrum.de: Prost Neujahr!
Hallo Wolf,
wir kennen uns erst eine Woche.
Ich bin sehr beeindruckt, wie gut, ehrlich und klar du die heutigen Zeitgeschehnisse auf den Punkt bringst.
Anders sein und leben, in dieser Welt, das ist vielleicht nicht der einfachste Weg, jedoch möglicherweise, wie du ihn ja selbst lebst, der Erfüllendere.
Das Beispiel des Brunnens kannte ich (noch) nicht, ist ganz wunderbar!
Lieber Gruß, Claudia
Lieber Wolf, ich hab mich über Deinen aktuellen Newsletter gefreut. Noch einmal konfrontierst Du mich mit der Frage, ob ich ein Abo eingehe… oder ob ich demnächst womöglich einfach nichts mehr von Dir höre, auf diesem Wege? Da mich Deine letzten Ausgaben und dann vor allem auch unser kurzes Kommentar-Hin-und-Her enttäuscht hat, bin ich gerade recht unsicher, wie es digital mit uns weitergehen soll. Als ich beim Lesen allerdings ins Schmökern kam, bin ich bei den Veranstaltungen gelandet und habe mit Freude „EL in Stuttgart – Ende Mai“ entdeckt. Und mich bei Eva schon angemeldet dafür. Wie schön, Du kommst… Weiterlesen »
Lieber Markus, ich glaube, du bist unter allen meinen Kommentatoren in diesem Blog der eifrigste. Immer wieder kommt was von dir. Dass ich mal mit dir einverstanden bin, mal nicht, macht es ja viel interessanter, als wenn nur eins davon der Fall wäre. Natürlich freu ich mich, dass wir uns bei dem Kurs in Stuttgart ‚in echt‘ wiedersehen werden! Das ist doch allemal was anderes als das nur Schriftliche. Nun zu den von dir angesprochenen Punkten. Bin ich ein Heuchler oder nicht? Die meisten derer, die mich gut kennen, würden mich auf der ‚Heuchelei-Skala‘ ganz weit auf der Seite der… Weiterlesen »
Lieber Wolf, Danke für Deine ausführliche und für mich sehr wertschätzende Rückmeldung. Gerade erst aus einem Neujahrs-Retreat mit Shai Tubali kommend ist Gott ein sehr präsentes und tief hingefühltes Thema. Vielleicht auch deshalb wollte ich auf das jeweilige „1%“ am äußersten Pendelrandausschlag bei Dir und Deinem Nachbarn hinweisen, wenn ich Dein Bild nun aufgreife. Die Skala (bei mir: Pendelstelle) Einordnung Deines Nachbarn kann ich nach den vielen Berühmtwerdungs-Geschichten Deinerseits soweit auch ohne weitere Infos gut nachvollziehen. Ich finde Ganser übrigens ebenfalls einen hörens- oder lesenswerten Historiker mit Klarsicht und Mut. Nur leider durchzieht er die schönen, zum Wacher werden animierenden… Weiterlesen »
Hallo lieber Markus, damit meine Antwort nicht zu lang wird, ich gehe jetzt nur auf deine Frage bezüglich Russland / Ukraine ein. Allgemeiner formuliert ist es die Frage, inwieweit wir bereit sein sollten, einem Opfer beizustehen, das Hilfe braucht, um sich gegen einen Aggressor zu wehren. Ich habe hierzu in meinem Blog schon viel geschrieben, wahrscheinlich wiederhole ich mich nun. Das soll mich aber nicht hindern, jetzt dir zu antworten. Ich weiß ja, dass du nicht der einzige bist, der sich diese Frage/n stellt. 1. Wer ist das Opfer, wer der Täter? Wer ist klein und schutzbedürftig, und wer so… Weiterlesen »
Lieber Wolf, Danke für Deine dann doch längere und für mich vielfach schon in anderen Beiträgen geteilte Antwort. Mir kam spontan gerade, dass Du Dir wohl tatsächlich ganz schön Sorgen machst wegen der zunehmenden Kriegereien überall. Wie wenn es irgendwie zwischen den vielen, teils aufgeregten Worten hervorquillt. Ich finde, Du hast jedoch meine Jesus Frage, bzw. die Frage danach, der „armen Freundin“ eben zu helfen oder nicht, nicht klar beantwortet. Ist ja auch kein Muss. Und ich reite hier nur deshalb darauf nochmal rum, weil Du dann ja doch geschrieben hattest, mir darauf zu antworten. Wir sind uns bezüglich der… Weiterlesen »
Lieber Markus, danke für diesen langen, emotionalen und für mich so gut verständlichen und glaubwürdigen Text! Der noch eine längere Antwort verdient, sei es von mir oder von anderen. Aber erstmal nur zu der ‚Jesusfrage‘, wie du sie nennst, die nach der dem Aggressor hingehaltenen anderen Backe. Ich formuliere meine Antwort kurz wie möglich: Ich bin für die Abschaffung jeglichen Militärs auf dem gesamten Globus, aber nicht gegen eine Polizei. Jetzt ein bisschen länger: Die Polizei sollte in einem Rechtsstaat, auch in einem Weltrechtsstaat, von einer unabhängigen, nicht korrumpierbaren Justiz kontrolliert werden, und diese sollte DAS GEWALTMONOPOL haben. Damit dürfte… Weiterlesen »