Was ist heilig? Ohne es eingrenzen zu wollen, so lässt sich doch sagen, dass das Heilige sich im Intakten, im Unverletzten, Ungebrochenen, im Ganzen findet. Vielleicht auch nur da. Das könnte erklären, warum das Heilige heute unter den Begriffen eine ausgestorbene Tierart ist. Es begegnet uns als die tiergewordene Kraft der Erde in Wildpferden in freier Wildbahn, nicht im Zirkuspferd; in der ihren Wurf verteidigenden Häsin; in der selbstlos ihre Brut verteidigenden Drohne. Es erscheint im unschuldigen Kind in der Wiege, es dämmert im heiligen Hain, auch in einem heiligen Augenblick, der sich über Sekunden hinzuziehen vermag; in einem inneren Ruf, der in alten Zeiten Berufung hieß.
Das Unverletzte, die Essenz des Heiligen, ist der Frau näher als dem Mann, es ist eher weiblich als männlich; denn das Bewahrende und Bergende scheint mir der Frau näher als dem Mann, der stolz seine Stärke zeigt, gerne sich aufschwingt und triumphiert, niederringt, verletzt, schneidet, sticht, verwundet, zerstört oder mordet; der in Gedanken den Tod besiegt, der herrscht und unterjocht. Eine patriarchale Zivilisation muss das Heilige zerstören, muss verletzend sein, muss profanisieren und den eigenen Zwecken unterwerfen. Das ist ihr Wesen.
Die innere Haltung des Lauschens, der Hingabebereitschaft, des willkommen heißenden Lächelns, des Nachgebens und Einsehens in den höheren Wert gemeinsamer Harmonie ist Männern nicht fremd, aber doch keine männliche. Männer geben sich eher geschlagen und sinnen auf Rache und Hinterhalt.
Erst wenn wir das allgegenwärtig Verletzende des männlichen Prinzips sichtbar machen, bekommt das Heilige eine Chance. Es wartet. Es hat Zeit. Wir nicht.
Dieser Beitrag erschien in Bobby’s Corner. Weitere Texte von Bobby Langer findest du hier.