Wie kann man in einem Land leben, das nach der Schuld an zwei Weltkriegen nun zum dritten Mal aufrüstet, mit dem Ziel, bald die stärkste europäische Armee zu haben? Mit einem Verteidigungs-, nun doch eher Kriegsminister, der mit seiner Forderung, Deutschland müsse kriegstüchtig werden, seit Jahren hierzulande der populärste Politiker ist. Was für ein Land ist das? Mit einem Kanzler, der beim ersten Angriff Israels auf den Iran sagte: »Das ist die Drecksarbeit, die Israel macht für uns alle.« Während deutsche Waffen weiterhin den Genozid der Netanyahu-Regierung an den Palästinensern unterstützen.
Die meisten ducken sich bei diesen Nachrichten weg. Sie wollen nicht mehr hinhören, hinschauen, nichts dazu sagen und schon gar nicht irgendetwas dagegen tun. Und auch nicht darüber nachdenken, wie ihre eigene Gutgläubigkeit und Passivität zu diesen Katastrophen beigetragen hat.
Einst gab es eine Naturschutzbewegung. Seit auch die Grünen olivgrün geworden sind, zerstört die Aufrüstung jede Hoffnung auf ein Abmildern des Klimawandels und den Suizid unserer Zivilisation.
Frühling
Sich wegducken ist das Gesündeste, was wir tun können, sagen sie, denn uns gegen diese Tendenzen wehren, das können wir sowieso nicht. Die üblichen Schuldzuweisungen an Trump, Putin, Netanyahu, Xi Jinping oder das iranische Regime mögen den Selbstgerechten ein Trost sein, helfen tun sie nicht. Die Infogefluteten, Überforderten ziehen sich ins Private zurück.
So freuen wir uns nun am Frühling, der uns alle Jahre wieder mit seiner Blütenpracht begrüßt – diese Freude sei uns gegönnt! Auch die, dass es noch nicht-digitale Begegnungen gibt zwischen Menschen, und dass unsere engsten Freunde und Partner noch keine von Algorithmen für uns individuell maßgeschneiderte Avatare sind, sondern Menschen, die wir berühren können.
Jurte zu verkaufen
Auch mich tröstet der Frühling, als könne er diesen menschengemachten Katastrophen trotzen. Ich bin wieder so gerne im Garten und blicke dabei wehmütig auf die Jahre zurück, in denen ich aus diesem 3000 qm großen Grundstück einen »Aldruper Jurtengarten« machen wollte. Das wird nun nichts. Die Jurte steht zum Verkauf, denn laut BauGB § 35 (1) darf sie dort nicht stehen. Obwohl als Öko- und Resilienzbildung gedacht, so wie unser ganzer Garten, darf sie dort nicht stehen, denn es gibt diesen Paragraphen. Deshalb konnten die Beamten meines örtlichen Bauamts fast nicht anders, als sie mir zu verbieten.
Wo ein Kläger, ein Richter
Andere Jurtenbesitzer unterliegen denselben Paragraphen, werden aber in Ruhe gelassen, denn die Juristen der Bauämter haben Anderes zu tun. Wo kein Kläger, kein Richter. In meinem Falle aber gefällt einem meiner Nachbarn meine Lebensweise nicht, und noch weniger gefällt ihm, was ich auf connection.de poste. Er hasst mich, weil er nicht anders kann. Irgendetwas in seinem Leben muss sehr blöd gelaufen sein, sodass er anderen nicht gönnen kann, das Leben zu genießen. Nun muss er sie zerstören. Oder wenigstens ihre Projekte. Unter seine Mails und SMS schreibt er als Abschlusszeile »geschützt durch Gesetz und Religion«. Möge das Gesetz ihn schützen, das wünsche ich ihm. Die Religion wird es nicht tun, sie ist selbst in der Krise.
Projektion
Kann es nicht sein, dass ich mich irre und auf diesen Nachbarn nur meine dunkle Seite projiziere? Vor einigen Monaten hatte ich das Psychogramm eines lebensfeindlichen, sich selbst hassenden Misanthropen in meinen Blog gesetzt, im Bewusstsein, dass das nur meine Projektion sein könnte. Mein Nachbar fand sich darin jedoch so gut beschrieben, dass er sich sicher war, damit persönlich gemeint zu sein, und drohte mir mit einer Verleumdungsklage. Daraufhin löschte ich das Misanthropen-Portrait und hoffe, dass er nun wieder ruhig schlafen kann.
Kluge Sprüche
»Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt«, sagen die mit mir und unserem Projekt Sympathisierenden. »Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch«, sagen andere, und »Alles Schlechte hat sein Gutes«. Jedenfalls habe ich mein Trug- oder Realbild eines bösen Nachbarn zum Anlass genommen, mir selbst einen Tritt zu geben. Der ich sonst gerne abseits des Mainstreams meine kleinen guten Projekte betreibe – mein Nachbar nannte mich deshalb einen Gutmenschen – habe ich nun eine ‚Flucht nach vorne‘ begonnen.
Das Heilige
Ich bin auf die Autoritäten meiner neuen Heimatstadt Greven zugegangen. Mit einigen bin ich nun per Du und gut befreundet. Darunter unser katholischer Pfarrer Michael Mombauer, der mir altem Atheisten inzwischen ans Herz gewachsen ist. So sehr, dass ich mich allmählich sogar in Einzelheiten der katholischen Liturgie reinfinde und die Freiräume bestaune, die ein Pfarrer hat, innerhalb dieser ältesten Institution der Menschheit, die in so vieler Hinsicht reformbedürftig ist. Vor ein paar Tagen hat er meinem Impulsvortrag über »das Heilige« in unserer Grevener Krankenhauskapelle gelauscht (wir stellen bald Ausschnitte daraus ins Web), und für den 10. Mai wird er mich in einen Dialog-Gottesdienst in unserer Grevener St. Martinuskirche einbeziehen.
Werden die Kirchen bald nur noch NGOs sein?
Was mich Ungetauften, der keiner Religion angehört, zu den Pfarrern unserer Stadt hingeführt hat, ist die Suche nach religiösen Menschen. »Ich finde hier keine, wie gehen Sie als Pfarrer damit um?«, fragte ich provozierend. Über Jesus oder Gott hat hier noch nie jemand mit mir gesprochen, und wenn ich diese Themen anspreche, schaut man mich hier an wie einen Alien. Pfarrer Mombauer ist sich bewusst, dass es bald keinen Priesternachwuchs mehr geben wird, sein Beruf gehört einer aussterbenden Spezies an. Das Zölibat ist durch. Die Kirchenaustritte lassen nicht nach. Bald werden die großen Kirchen in Deutschland nur noch die Größe einer Sekte haben »oder einer NGO«, sagt Mombauer. Immerhin würde man dann dort die finden, die »es wirklich wissen wollen«.
Jenseits der eigenen Echokammer
Vielleicht sollten wir statt »die es wissen wollen« oder »die glauben können« besser sagen: die nach Transzendenz Suchenden. Mit einer modernisierten Definition von Transzendenz, die etwa lauten könnte: sich in Bezug setzen etwas jenseits der eigenen Echokammer. Da wären dann auch die politischen Echokammern (bubbles, Blasen) mit angesprochen. Die Fähigkeit, über den Horizont hinausschauen zu können in »das große Ganze« – so nennt die Wochenzeitung ZEIT Gott inzwischen, um nicht in die klerikale Ecke gesteckt zu werden.
Die große Ökumene
Mein Wunschtraum ist eine wirklich große Ökumene. Nicht nur der (westfälische) Frieden zwischen Protestanten und Katholiken. Nicht nur der unter den drei abrahamitischen Religionen Judentum, Christentum, Islam. Nicht nur der unter den Weltreligionen. Sondern eine Ökumene von Menschen, denen bewusst ist, dass man ein Problem nicht auf der Ebene lösen kann, auf der es entstanden ist (A. Einstein), sondern nur jenseits davon. Jenseits der Ebene, auf der man sich rechtfertigt und streitet. Jenseits der eigenen Scheuklappen, Vorurteile, Echokammern. Für dieses Jenseits braucht es keine Religion. Religiöse und politische Beheimatungen brauchen nur die unter uns, denen das Vertrauen fehlt, »nicht tiefer fallen zu können als in Gottes« Hand.
»Wer Gott liebt, braucht keine Religion«
Also doch wieder: wir alle. Aber wenn auch wir urvertrauende, gereifte Menschen solchen Halt brauchen, dann bitte im Bewusstsein, dass Religion etwas Relatives, Menschliches, geschichtlich Entstandenes, kulturell Geprägtes ist. Für das wir nicht kämpfen, sondern einander in unseren so verschieden geprägten Identitäten akzeptieren sollten. Missionieren würde ich nur für ein Bewusstsein jenseits der eigenen Echokammer – »jenseits des Ego«, wie das in der Pop-Psychologie und Pop-Spiritualität genannt wird. »Wer Gott liebt, braucht keine Religion« soll der persische Dichter Rumi gesagt haben. Mystiker brauchen keine Religion, sie haben den direkten Kontakt. Die Zeile »Gott statt Religion« kommt auch in dem Friedenslied von Georg Danzer vor, das er 1981 im im Liederzirkus des ZDF vortrug.
Wohnen und Arbeiten
Kürzlich haben wir von unserem Bauamt die Nachricht bekommen, dass wir in unserem Wohn- und Gemeinschaftsraum, der auch eine Küchenzeile enthält, Veranstaltungen wie Meditation, Tanz, Yoga und kleine Seminare anbieten dürfen, solange diese »gewerbliche Nutzung« nicht gegenüber dem Wohnen überwiegt. Mitbewohner, die unseren Coaching- und Massageraum nutzen wollen, die handwerklich begabt sind und/oder Lust auf Garten haben oder auf die Versorgung unserer Besucher, sind bei uns deshalb besonders gefragt!
Mir ermöglicht diese Zusage des Bauamts nun, hier kleine Seminare anzubieten, wie ich sie bisher im Upleven an der Nordsee oder im Benediktinerkloster Münsterschwarzach anbiete. Das erspart mir weite Wege zum Seminarort, und für die Besucher kostet es im Vergleich zum Upleven bei uns nur die Hälfte; und schöner als in Münsterschwarzach ist es hier allemal.
Gemeinschaft als Ensemble von Kunstwerken
Besucher können bei uns auch mitwirken. Mitarbeit in Haus und Garten kann gegen Kost&Logis getauscht werden, und wer sich hier dauerhaft wohl fühlt und gemeinschaftsfähig ist, kann hier einziehen und Teil der Gemeinschaft werden. Teil einer kleinen Sangha, die wir etwa so definieren: Als kreative Gestalter des eigenen Lebenswegs und der eigenen Persönlichkeit erlauben wir einander diese ko-kreativ mitzugestalten und daraus ein Ensemble von Kunstwerken zu machen, welches diese Persönlichkeiten – wir – dann sind.
Die Mieten bei uns gelten inklusive aller Nebenkosten, auch Elektrizität und WLAN. Sie beginnen bei 300 €/Monat/Zimmer und gehen bis 600 € für einen 30 qm Raum, in dem auch ein Paar wohnen kann. Die Verhinderung unseres »Aldruper Jurtengarten« hat zwar unsere große Vision vorerst zerstört; sie hat uns aber nicht entmutigt, was die Vision eines respektvollen und liebevollen Zusammenlebens anbelangt. Den schönen Garten haben wir immer noch.
Auszeiten in Greven-Aldrup
Wir sind besuchbar! Wir haben hier Werkstätten, Terrassen, Blumen- und Gemüsebeete, Küchen, Gemeinschaftsräume und eine Sauna. Besucher können sich in einem der Wohnwägen im Garten einnisten, und auf das Fundament der nun zu verkaufenden Jurte stellen wir in der warmen Jahreszeit unser 7-m-Ø Zelt. Wer Gitarre lernen will, kann das bei Christian tun, der hier wohnt und sich gerade als Musiker und Gitarrenlehrer selbständig macht, und ihn anschreiben: christiandoemer@gmx.de.
Wer hier eine Auszeit nehmen will, sei es für Meditation, Spaziergänge oder ein ruhiges Arbeiten übers Internet, kann zu uns kommen. Für 80 €/Tag oder besser 500 €/ Woche U/V als Anhaltspunkt. Ein Hotel soll dieser Ort dadurch nicht werden, die Tendenz zur Sangha im oben genannten Sinn hat für uns Priorität.
Leben in Dunkeldeutschland
Seit etwa drei Jahren lebe ich nun in Greven. Die Münsterländer seien stur, sagte man mir von Anfang an. Auch wenn es mir in der Regel schwerfällt, solch einer Selbsteinschätzung Recht zu geben, hier musste ich mich belehren lassen. Mein Spottvers hierzu ist: Nelson Mandela war 27 Jahre im Gefängnis, ich bin doch erst drei Jahre in Greven! Also Kopf hoch, lass dich nicht hängen!
Andererseits nimmt man sich überall hin mit. Wer mit sich selbst glücklich ist, kann überall glücklich sein. »Ich bin die Frau meines Lebens, so ganz mein Typ«, singt Maite Kelly hierzu. Wenn ich nicht der Mann meines Lebens wäre, könnte ich es nicht mit mir aushalten. 24/7 mit sich selbst sein können, das ist doch schon mal eine Leistung.
Tragisch?
Zu meiner Tragik in Greven leben zu müssen, kommt die Tragik hinzu, dass inzwischen Donald Trump zum zweiten Mal an der Regierung ist und anstatt wie versprochen Kriege zu beenden neue beginnt. Umweltschutz ist out, Kapitalismus und Faustrecht ist in, auf Teufel komm raus. Nicht nur in Deutschland sieht es politisch düster aus, auch um die europäische Einheit steht es schlecht. So wie wir mit dem Erzfeind Frankreich Frieden geschlossen haben, sollten wir es auch mit Erzfeind Russland tun. Niemand will heute mehr das Elsaß »Heim ins Reich« holen. Russland zu besiegen hingegen ist nach wie vor in, begründet mit »Wir haben ja keine Wahl, denn Putin will uns angreifen.« Absurd? Ja, aber wenn man eine Geschichte nur oft genug wiederholt, wird sie für die ‚unterkomplex denkenden‘ Massen zur Wahrheit, das wusste schon Goebbels.
Kriege beginnen immer mit »Wir müssen uns verteidigen«, Aufrüstung mit »Wir müssen und schützen«. Dass der jeweilige Feind sich oft mehr vor uns schützen muss als wir vor ihm, who cares.
Ist das wirklich so tragisch? Einerseits ja. Andererseits gilt: »Wenn du keinen Sinn für Humor hast, ist es einfach nicht lustig«.
Bewusstsein
Zurück zur Transzendenz. Zurzeit ist mir unter den Predigern der Transzendenz Rupert Spira der Liebste. Ich höre gerade sein Buch »Being Aware of Being Aware«. In dem sagt er, es komme eigentlich nur darauf an, sich bewusst zu machen, dass wir bewusst sind. Dabei lenken wir unseren Fokus vom Objekt unserer jeweiligen Wahrnehmung auf das Bewusstsein, dass wir etwas wahrnehmen. Wir lenken es vom Objekt auf das Subjekt. Indem dieses alle wahrgenommenen Objekte in sich trägt, ist es nicht von ihnen getrennt, es ist also ’nonduales‘ (nicht entzweites) Bewusstsein. Wir müssen nur den Schleier der Objektfixierung von der Realität abziehen, dann enthüllt sich uns darunter die Wahrheit, dass wir glücklich sind und es schon immer waren.
»Erleuchtung kann jeder«
Spira sagt das viel schöner, als ich es kann. Jeder sagt es eben auf seine Weise. Jeder der Erwachten, und damit komme ich zu Christian Meyer, dessen Berufung darin besteht, andere aufzuwecken, sie zu erleuchten. Deshalb hat er eines seiner Bücher »Erleuchtung kann jeder« genannt, und es mir nach unserem Treffen am 13. März in Berlin gleich mitgegeben. Unser Gespräch von fast einer Stunde wurde gefilmt, ich habe es in meinen Youtube-Kanal hochgeladen und will es dieser Tage veröffentlichen.
In den Strom eingetreten
Beim Sprechen mit Christian Meyer erinnerte ich mich wieder an meine eigene Erleuchtungssuche, die ja schon vor 50 Jahren begann. Damals war ich nach einer tiefen Erfahrung in einem Meditationskloster Thailands buddhistischer Mönch geworden, um so ‚ganz‘ erleuchtet zu werden. Diese Zeit nenne ich heute mein Erleuchtungsstrebertum. Christian hätte meine damalige Erfahrung wahrscheinlich ein Erwachen genannt. Auch ich selbst versuchte schon damals nach einem Wort für das, was mit mir geschehen war. Ich fand es bei Buddha selbst: Sotapanna heißen die, denen solches geschah, sagte er, sie seien »in den Strom eingetreten«.
Nach dem Erwachen …
Die Jahre danach versuchte ich immer weiter mich zu perfektionieren. Das heißt noch bewusster zu werden, um noch weniger blinde Flecken mit mir herumzuschleppen. Schattenarbeit. Ganzheitliche Therapien aller Art. Dabei wurde ich selbst zum Gruppenleiter und Meditationslehrer, scheute aber immer vor der Rolle des Guru zurück, denn ich empfand mich selbst immer als unfertig. Im Interview mit mir sagte Christian, nach dem Erwachen finge ‚die Arbeit‘ erst richtig an. Tja, das kann man wohl so sagen, und das gilt sicherlich auch für Gurus.
… der Heilige Kakao?
Als ich in den 10er Jahren mein Humorkonzept weiterentwickelt hatte zu einem »Weg zur Erleuchtung«, trat ich einmal im Galli-Theater Berlin auf, mit meiner Show »Alles ist eins und noch eins drauf«. Christian war im Publikum und sprach mich danach an, sichtlich irritiert. Ob mir denn gar nichts ernst sei, in dem ganzen Panorama der spirituellen Konzepte und Verhaltensweisen? Ich weiß nicht mehr, was ich antwortete, aber die Frage fand ich passend. Einerseits ziehe ich gerne alles durch »den heiligen Kakao«, wie ich das auf einer der Erleuchtungskonferenzen in Berlin auch mal vor all den anwesenden Erlauchten vorgestellt hatte. Andererseits will auch ich ernst genommen werden. Aber das, was da ernst genommen werden will, ist nicht das Absolute. Es ist meine Persönlichkeit.
Mystik statt Religion
Bei noch einer anderen Sache bin ich mir mit Christian Meyer einig: Die alten Religionen passen nicht mehr ins 21. Jahrhundert. Die meisten ihrer Faktenbehauptungen und ein Großteil ihrer Moral gehören auf den Müll, und ihre Kulturgeschichte ins Museum. Aber es gibt darin etwas zu retten: Wir dürfen das Kind nicht mit dem Badewasser ausschütten! Die Mystiker und Gottesmenschen, die nach ihrem Ableben von profanen Institutionen zu Religionsgründern oder Heiligen gemacht wurden, hatten etwas, das wir auch heute noch brauchen.
»Der Christ der Zukunft wird ein Mystiker sein, oder er wird nicht sein«, schrieb der weithin hoch geschätzte Theologe Karl Rahner 1966, kurz nach dem Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils, auf das er großen Einfluss hatte. Auf diesem Konzil wurde auch den nicht-christlichen Religionen zugestanden, Wege zur Wahrheit anzubieten. Das war noch nicht die große Ökumene, aber immerhin ein Anfang. Weit ökumenischer klingt die Aussage des Dalai Lama, dass es in der Regel besser sei, in der eigenen religiösen Tradition zu bleiben, als zum Buddhismus zu konvertieren, denn in den meisten anderen Religionen fände sich die Tiefe, die Menschen suchen, ebenso.
Licht in der Dunkelheit
Das ist auch die Ebene, auf der ich mich mit unserem Pfarrer Michael Mombauer treffe. Mein Wirken mit ihm empfinde ich als Licht in der Dunkelheit. In einer Gegend von Deutschland, die auch von Einheimischen als ‚unspirituell’ bezeichnet wird. Sturköppe seien das hier, sagt man. Der Heilige Geist muss diese Gegend bei seinen sowieso viel zu seltenen Besuchen auf der Erde völlig gemieden haben.
Um so wichtiger – hier setze ich nun dem allgegenwärtigen Kleinheitswahn meinen Größenwahn entgegen – umso wichtiger ist es, dass wir Licht in diese Gegend bringen! Bei allem Verständnis für die Wut über die Missbräuche in den Kirchen und den Jihad aggressiver Koran-Vertreter wollen wir den Formal-Katholiken, -Protestanten und -Moslems dieser Region zeigen, dass es im Kern dieser alten Religionen einen Schatz gibt, den zu heben sich lohnt. Möge unsere Rebellion gegen die Pauschalverurteilung der großen alten Religionen weite Kreise ziehen. Mit einem Konzept von Transzendenz als Überschreitung der eigenen Blase hätten wir dem Kind im Badewasser schon mal einen Namen gegeben.
Liebe im privaten Raum
Inzwischen habe ich übrigens sehr viele nette Grevener kennengelernt! Das sich Wegducken produziert im privaten Nahraum und auch im Konventionellen und Provinziellen oft sehr viel Hilfsbereitschaft, Liebe, Mitgefühl und Verständnis für die Fragilität des ganz normalen irdischen Lebens. Der »reale Sozialismus« der einstigen DDR wird heute nur noch im Spott so genannt. Wird es dem »realen Katholizismus« des Münsterlandes auch bald so gehen?
Gerade ist Heiner Wilmer zum neuen Bischof von Münster ernannt worden. Er ist auch Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. Einiges von dem, was ich in der Wikipedia über ihn las, macht mir Hoffnung. Ein großer Reformer wird er wohl nicht werden, aber wir selbst können etwas tun.
Augen auf, Ohren auf, Mund auf! Wir sollten es den legendären drei Affen in meinem Aufmacherbild nicht nachmachen, sondern das Heilige und das Schöne in uns selbst und in der Welt wachrufen, bewundern und davon träumen! 
Ich bin ganz froh, dass Spanien, wo ich inzwischen überwiegend lebe, hier einen anderen Ton setzt. Pedro Sánchez hat den Angriff auf den Iran klar als völkerrechtswidrig bezeichnet und verfolgt insgesamt eine deutlich zurückhaltendere, weniger konfrontative Linie. Gleichzeitig spricht er im Kontext Gaza offen davon, dass ein möglicher Genozid juristisch geprüft werden müsse. Das hat sogar konkrete Folgen: Iran lässt „nicht-feindliche“ Staaten passieren – und laut diplomatischen Berichten betrifft das auch Schiffe mit spanischem Bezug, die die Straße von Hormus weiterhin nutzen können. Auch innenpolitisch zeigt sich eine andere Gewichtung: Spanien hat die Spritpreise zeitweise deutlich gedämpft. Und beim Strom… Weiterlesen »