»Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«, diese von Jesus aus Nazareth überlieferte Aussage gehört seit vielen Jahren zu den Grundnahrungsmitteln der Weisheitssucher. Meist wird sie mit dem Hinweis serviert, dass sich dort glasklar die Selbstliebe als Voraussetzung der Liebe zeige. Manchmal allerdings dient das Zitat auch als Begründung für eine Ethik des »Ich zuerst« oder »Ich bin mir selbst am nächsten«.  

Neuerdings gibt es endlich auch ein paar genauere Anleitungen zu dem, wie man es schafft sich selbst zu lieben. Die »Selbstfürsorge« hat Konjunktur und führt an, was man tun kann, wenn die Liebe zu sich selbst einem Menschen nicht von den Eltern in die Wiege gelegt wurde. Da werden dann heilende Workshops zum Nachnähren empfohlen oder auch Einzelsitzungen. Bald gibt es wahrscheinlich auch Kuschelkissen zum Nachnähren zu kaufen, Stofftiere ja schon längst.

Der Trend zur Empfehlung von Selbstliebe und Selbstfürsorge passt jedoch nicht gut zu den weitverbreiteten Klagen über das Ego und den Egoismus. Wie soll man denn dem Ego Energie entziehen (um spirituell zu werden oder ein Gutmensch) und zugleich sich selbst lieben? 

Hier ist meine Anleitung: Sinke erstmal in deinen eigenen Körper ein. Bewohne ihn, fülle ihn aus mit dem innigsten Gefühl von Heimat, das du aufbringen kannst. Inkarniere darin, werde zum Fleisch, zum Körper. Sei der Körper. Wie auch sonst sollte dieser Tempel deiner irdischen Existenz heil werden oder gesund bleiben, wenn du nicht darin wohnst, wirklich wohnst, das heißt dort zuhause bist und dieses Zuhause liebst. 

Zuwendung

Als zweiten Schritt dehne diese liebevolle Hinwendung aus auf jemand oder etwas (anderes, also etwas, das bisher du nicht bist). Bei deiner solchen Verschiebung der Aufmerksamkeit, Hinwendung oder gar Hingabe an ein Objekt passiert es leicht, dass man von sich selbst wegwandert. Das tut nicht gut. Dir nicht und auch nicht dem Objekt, zu dem du da hinwanderst. Das Subjekt muss sich seiner Subjektivität bewusst bleiben, während die psychische Energie, der Fokus, die Beheimatung, das Einsinken zu einem Objekt hinwandern. Optimal wäre eine solche »Wanderung in die Fremde«, wenn sie mit der Möglichkeit der Rückkehr in die Heimat verbunden wäre, in den Raum der »Heimat innnerhalb der eigenen Haut«.

Das liebende Einsinken sollte zudem nicht nur ein den Körper ehrendes sein, sondern auch ein die eigene soziale Identität würdigendes, anerkennendes. Ein wohlwollendes Einsinken in ein bestmöglich realistisches Selbstbild dessen, wer ich in sozialer Hinsicht bin – ich als Teil der Gesellschaft, als diese aus Fremd- und Selbstbildern entstandene, sich permanent in ihrer Identität wandelnden Gestalt. Auch diese Gestalt braucht liebevolle Zuwendung, nicht nur der Körper. 

Ins Herz aufnehmen

Man könnte ein solches liebevoll einsinkendes Ausdehnen der Fürsorge und Ich-Identität auf etwas anderes, auf ein Nicht-Ich, auch ein »ins-Herz-Aufnehmen« nennen. Ich nehme dabei ein anderes Wesen (oder einen Gegenstand oder ein Projekt, eine Idee) in den Raum meiner liebevollen Zuwendung auf. Ich umarme es mit meiner Liebes- und Lebensenergie, sodass das Ziel meines Handeln dann nicht mehr nur das Wohlbefinden, die Lust und Schmerzvermeidung meines eigenen Körpers und Ich-Wesens ist, sondern auch die eines anderen Wesens oder anderer Wesen (oder der Erhalt von Dingen oder das Florieren eines Projektes). Neben meiner eigenen sozialen Gestalt kann ich so auch andere soziale Gestalten lieben und würdigen. 

Anerkennung und Würdigung

Was soll Menschenwürde und Achtung der Privatsphäre und der Persönlichkeit denn sonst heißen, wenn nicht ein verehrender, liebender Kotau vor dem allzu oft als Ego gescholtenen Ich eines anderen? 

Kritik an anderen, Urteile über andere, auch Verurteilungen von auf schädliche Weise handelnden Wesen sind trotzdem unverzichtbar nötig, sowohl innerpsychisch wie sozial. Die Kritik sollte aber mit einer Würdigung des »Du bist jetzt so, wie du bist« beginnen. Erst ein gewürdigtes Individuum wird sich Anforderungen zur Veränderung (die der Beginn eines Reifungsprozesses sein können) unterwerfen lassen ohne sich zu widersetzen. Gegen einen empathielosen Versuch der Beherrschung – benennen wir das jetzt mal mit dem politischen Begriff der »Kolonialisierung« –, wird sich eine gesunde Psyche wehren. Sie wird das an ihr Kritisierte dann nicht zur Schau stellen wollen, es nicht herzeigen und so dem Angriff willig darbieten, sondern es lieber in den Schattenbereich verschwinden lassen. 

Das Kritisierte wird dann im Individuum verdrängt und von anderen, schwächeren Teilnehmern des System getragen und geäußert. Mit den zur Genüge bekannten Folgen – systemische Therapeuten können viele Lieder davon singen.

Mystik

Seit Jahren suche ich nach einem entkitschten Verständnis der Begriffe Liebe und Herz, das über das Niveau von Schlagern und Schnulzen hinausgeht. Jetzt endlich fühle ich mich nahe dran, das gefunden zu haben. Liebe und Herz, die mehr sind als nur eine fragile Süße und Sentimentalität, brauchen eine gut ausgebildete Fähigkeit sich selbst zu beobachten. Sie brauchen Achtsamkeit und Hinwendung, was ja beides immer ‚identifikationsnah‘ ist. »Energy follows intention«, sagt man in der hawaiianischen Huna-Lehre und den Martial Arts, die Energie folgt der Absicht, und wo die psychische Energie ist, dort nistet sich dann auch ‚etwas von uns selbst‘ ein, wir beheimaten uns darin. Wir neigen dazu, zu dem zu werden, was wir um uns herum vorfinden. Der eine mehr als der andere, aber keiner ist ganz dagegen gefeit. Wer sich nicht aus Angst vor einem sich Verlieren in der Umgebung an einem solchen Verschmelzen hindert, wird unvermeidlich ein bisschen (oder ein bisschen mehr) zu dem, was er/sie wahrnimmt: Tat tvam asi. 

Solange dabei die Verwurzelung im Subjekt, im eigenen Standort bleibt, ist dieses sich Hinauslehnen, Hinwenden, sogar ein identitäres Verschmelzen mit dem Objekt keine Gefahr. Liebe und Einswerden ist die via positiva der Mystik.

Liebe ist die »Mystik des kleinen Mannes« (gendergerecht: kleinen Menschen), könnte man sagen, der/die dabei zu etwas Großem wird, größer als alle Heiligen und Könige des Verzichts.

Seit ein paar Jahren gibt es die Kongressreihe BecomeLove zur Philosophie der Liebe. Heuer (2019) vom 13. bis 15. September mit dem Thema „Die Evolution der Liebe in Wirtschaft, Gesellschaft, Beziehungen und Individuen“. Auch diesmal bin ich wieder dabei.

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