Das Konzept des »Schatten« wurde erstmals von Carl Gustav Jung ausführlich in der modernen Psychologie behandelt. Kurz gesagt, versteht er darunter »alles das, was du auch bist, aber auf keinen Fall sein willst«. Es geht hier also um die ausgeblendeten Aspekte unseres Mensch-Seins, um das, was wir bei uns nicht sehen wollen oder können.

Wer den »Schatten« bei sich selbst verleugnet, fällt nach Aussage der Jungianer durch negative Projektionen auf: Im anderen kommt mir dann das »Dunkle« entgegen, das ich bei mir nicht wahr haben möchte. Wenn ich daran »hoch gehe« und anfange, es dort zu verbessern oder gar zu bekämpfen, kann man das als »Schattenboxen« bezeichnen.

Die Entstehung des Schattens

Lebensgeschichtlich wird bei den Tiefenpsychologen die Schattenentwicklung als Prozess angenommen, der parallel zur Ich-Entwicklung verläuft: Was nicht ins eigene Ich-Ideal passt und nicht den Wünschen und Ansprüchen der sozialen Umgebung eines Heranwachsenden entspricht, wird ins »Schattenreich« des Unterbewusstseins verbannt. Dort landet also nicht nur Negatives, sondern einfach all das, was nicht mit dem Selbstbild vereinbar ist und daher nicht nach außen gezeigt und gelebt werden möchte. Insofern wird der Schatten zum Gegenspieler der »Persona«, den Ich-Aspekten, die ich meiner Umwelt präsentieren will.

Mir selbst ist vor vielen Jahren, als ich gerade meine erste Digitalkamera gekauft hatte, zu diesem Thema ein wesentliches Licht aufgegangen. Begeistert von der neuen Möglichkeit, in kurzer Zeit eine unbegrenzte Fülle von Bildern erzeugen zu können, lief ich eines Morgens im Sommerurlaub meinen toskanischen Lieblingsstrand auf und ab und versuchte, das Funkeln des Sonnenlichts im leicht bewegten Wasser einzufangen. Der desillusionierende Schock kam dann später, als ich mir die Bilder auf den PC geladen hatte: Da ich mit dem Rücken zur Sonne unterwegs war, hatte ich auf jedem dieser vielen Bilder meinen Körperschatten – mal größer mal kleiner – mit drauf.

schattencollage

Wo kein Licht hin fällt…

Sind das nun Licht-Bilder oder Schatten-Bilder? Oder bilden sie einfach eine Wahrheit unseres Sehvermögens ab? Der »Schatten« und auch der »blinde Fleck« sind im Wahrnehmungssystem mit eingebaut! Wann immer ich meinen Blickwinkel in eine feste Richtung ausrichte, bleibt irgendetwas anderes im Dunkel. Am einfachsten können wir uns das verdeutlichen, wenn wir nach Sonnenuntergang mit einer starken Taschenlampe unterwegs sind. Nur dort, wo ich gerade hin leuchte, wird etwas hell, alles andere – außerhalb des Lichtkegels – bleibt im Lichtschatten. Ein endgültiges Loswerden des Schattens kann es also im menschlichen Leben nicht geben. Wir sollten uns besser mit ihm anfreunden.

Der Umgang mit dem Schatten

»Wer zugleich seinen Schatten und sein Licht wahrnimmt, sieht sich von zwei Seiten, und damit kommt er in die Mitte«, schreibt C.G. Jung.

Ja was nun? Wollen wir nicht lieber ein »Leben in Erleuchtung« führen, wie es vielerorts propagiert wird, zum Beispiel auf diesem Online-Kongress, der demnächst beginnt? Warum gibt es eigentlich nicht auch »Schattenkongresse«? Schon bei der Vorstellung eines solchen, kommen uns unangenehme Gefühle hoch. Da geht doch niemand freiwillig und gerne hin, wo nur »im Dreck« gewühlt wird!

Es scheint schwer zu sein, die Phänomene »Licht« und »Schatten« als zwei gleichwertige Seiten derselben Medaille hinnehmen zu können. Genau darum geht es aber: Das einseitige Streben nach »Licht« hat immer auch eine dunkle Seite und mit dem »Verteufeln« von Schattenaspekten geht ein wesentlicher Teil unserer Lebendigkeit verloren.

Wie ist es möglich, »mittiger« und ausgewogener – im Sinne C.G. Jungs – damit umzugehen?

Ausbalanciert

Ich halte genau das für eine hohe Kunst und nenne sie mal die »Kunst des Nicht-Polarisierens«. Diese Fertigkeit spiegelt sich, wenn wir sie beherrschen, in den scheinbar unwichtigsten Handlungen unseres Alltags wider und balanciert uns genau dort – mitten im Leben – aus.

Die buddhistische Nonne Pema Chödrön lehrt in einem ihrer Bücher, dass man erst dann eine Tasse Tee richtig zubereiten kann, wenn man in der Lage ist, sowohl Samsara als auch Nirvana gleichzeitig im Herzen zu halten. Sie schlägt vor, das ganze Leben als ein Ritual zu sehen, genau das einzustudieren. »Wir können uns den Gedanken aus dem Kopf schlagen, dass wir nur dann gut üben, wenn alles glatt und ruhig verläuft, und schlecht, wenn alles rau und dunkel ist. Und wenn wir all das in unserem Her­zen halten können, dann können wir eine Tasse Tee richtig zubereiten

In der Balance zwischen »Licht« und »Schatten« verschwindet also das »Besondere« am Licht (Nirvana, Leere, Nichts) genauso, wie die Angst vor dem »Bösen« und »Dunklen« (Samsara, Leidkreislauf). Beides sind gute Voraussetzungen dafür, ganz entspannt, in der Präsenz des Augenblicks, unser Leben zu genießen, was auch immer es gerade für uns bereithält.