Der Ruf nach DER Revolution kann gar nicht laut genug sein
Von Bobby Langer
Wir brauchen eine Revolution. Wir brauchen keine Revolution, sondern eine – ja was? Der Impuls, der dringliche Impuls hinter dem Begriff der Revolution stimmt. Er erklingt immer öfter, und er kann gar nicht laut und stark genug sein. Im selben Zug läuten die Alarmglocken, erstens weil ich Deutscher bin und zweitens, weil Revolution beinahe schon synonym steht für „schiefgehen“. Und doch beharrt das Wort auf Bedeutung und Wichtigkeit.
Eine moderate Hoffnung, immerhin
Wir haben längst keine Krisen mehr, denn Krisen sind Höhepunkte der Entwicklung eines Konflikts, der anschließend an Dringlichkeit abnimmt. Wir haben also keine Krisen, sondern sind in Nöten. Die Erkenntnis hat sich bis in Regierungsebenen hinein fortgepflanzt, in Deutschland und weltweit, und wirkt doch nicht; sie bleibt so unfruchtbar wie der Samenstoß eines Kastraten. Das ist auch der Grund, weshalb wir keine Revolution brauchen, keine übliche jedenfalls. Einerseits würde die Umkehr der Machtverhältnisse an den systemischen Strukturen der Macht nichts ändern; andererseits würden weder die Natur von einer Revolution profitieren noch die von uns geschundenen menschlichen und nichtmenschlichen Lebewesen.
Wie wäre es mit „Wurzelverjüngung“ statt „Revolution“? Wurzelverjüngung hieße, unsere Kultur, die dominanten ins (Un)Kraut geschossenen Weltkulturen des Planeten bis auf die Wurzeln zurückschneiden, denen es um die mit allem verflochtene Entwicklung von Leben ging, nicht um die Entwicklung von Rechthaberei und Ideologie. Nur mit einem radikalen Neuanfang bestünde eine – moderate – Aussicht auf Hoffnung. Das klingt unmöglich, wenn man daran denkt, wer wo und wie das Heft in der Hand hat. Unmöglich ist eine Wurzelverjüngung aber nur dann, wenn man in konventionellen Revolutionskategorien denkt, fühlt und handelt.
Veraltete Ideen
Eine alte historische Idee besagt, Staatenlenker würden außenpolitische Krisen inszenieren, wenn sie innenpolitisch nicht klarkommen. Was aber tun sie, wenn es auf dem ganzen Globus kriselt, wenn die Probleme längst die nationalen Grenzen überflogen und sie ihre Klettensamen an allen Ecken und Enden der Welt festgesetzt haben und an tausend Stellen gleichzeitig keimen und schwären? Aus ihrer Sicht ideal wäre es, wenn zu solchen Zeiten große, transnationale, furchteinflößende Bedrohungen entstünden. Nichts käme den Mächtigen der Erde gelegener als das. Ungeschickt im Sinne ihrer Machterhaltung wären sie, würden sie diese Krisen beenden; klug hingegen, wenn sie sich vor aller Welt als „Krisenmanager“ gerierten, die die Krisen clever anpacken und im Griff behalten. Sie werden sich als unsere Retter darstellen, denen wir daraufhin dankbar aus der Hand fressen, weil sie uns so segensreich beschützen.
Eine andere, wenigstens ebenso alte historische Idee besagt, dass man Unglück bringende Staatenlenker entmachten muss, auf dass das Unglück beendet sei. Wie aber, wenn das Unglück gar nicht von ihnen gemacht ist, sondern auf Jahrtausende alten Fehlentscheidungen und Fehlwendungen der Geschichte beruht? Was hülfe uns dann ein gestürzter Mächtiger? Wüchsen der Hydra dann nicht immer neue Köpfe, und wir würden unsere Energie zuverlässig in die falsche Richtung lenken? Das Unglück begann ja nicht im letzten Jahrhundert, auch nicht im römischen Reich oder mit Platons eurozentrischen Lehren.
Missverstandener Rousseau
Rousseau schrieb: „Der erste, der ein Stück Land mit einem Zaun umgab und auf den Gedanken kam zu sagen ‚Dies gehört mir‘, und der Leute fand, die einfältig genug waren, ihm zu glauben, war der eigentliche Begründer der bürgerlichen Gesellschaft. Wie viele Verbrechen, Kriege, Morde, wie viel Elend und Schrecken wäre dem Menschengeschlecht erspart geblieben, wenn jemand die Pfähle ausgerissen und seinen Mitmenschen zugerufen hätte: ‚Hütet euch, dem Betrüger Glauben zu schenken; ihr seid verloren, wenn ihr vergesst, dass zwar die Früchte allen, aber die Erde niemandem gehört‘.“
Rousseaus eigentliche Erkenntnis bestand in der Feststellung, dass die Menschen sich gründlich für dumm verkaufen lassen. Dass es den Erfindern des Eigentums gelungen war, den Geist der Menschen zu unterjochen und ihnen Glaubensinhalte einzupflanzen, die sie für wahr nehmen. Hätten sie den Betrügern keinen Glauben geschenkt, dann wären die Pfähle geblieben, was sie waren: Holzstücke nämlich, die jemand aus unverständlichen Gründen in die Erde geschlagen hat. Dann hätte der erste Grundbesitz so wenig Sinn und Wirkung gehabt, wie er ihn heute auf eine rotte Wildschweine ausübt, die nichts weiß von menschlichem Eigentum und sich mit Lust durch den Kartoffelacker pflügt.
Sklaven kannten ihre Gegner
Seit Rousseau geht die Mär, die Entstehung von Privateigentum und Grundbesitz sei die Wurzel allen bis heute andauernden Übels gewesen. Weshalb auch viele meinten, man könne das, was damals nicht geschah, ja heute nachholen – besser spät als nie. In ungezählten Revolutionen wurde versucht, die Pfähle auszureißen, und selten wurde es danach besser als zuvor. Meist wurden die Methoden von Verbrechen, Mord und Krieg lediglich verfeinert und schufen neues Elend und raffiniertere Schrecken; Schrecken, die den Menschen nicht mehr oberflächlich bedrohten, sondern bis in die Tiefen und Untiefen seiner Persönlichkeit vordrangen. Inzwischen arbeitet man systematisch daran mit großem Budget.
Menschen geben in aller Freiheit ihr Leben dran, um den Anforderungen und der Geschwindigkeit der Megamaschine gerecht zu werden. Da sie im Gegenzug mit Wohlstand und einem scheinbaren Zuwachs an Lebensqualität gefüttert werden, können sie Maß und Grund ihres Elends nicht sehen. Konsumtempel, Ferienversprechen, virtuelle Welten und gesteuerte, mediale Mittelmäßigkeit sind wirkmächtiger als die gute alte Gehirnwäsche. Und doch wachsen Unwohlsein und Burnout, Depressionen und geistige Krankheiten und mit ihnen der Eindruck, irgendwie am Leben vorbeizuleben. Unsere „Transzendentale Obdachlosigkeit“ verdichtet sich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt. Wie in Michael Endes Phantasien verschlingt das Nichts immer mehr Lebensbereiche. Die moderne Psychologie spricht von double bind mit dem Ergebnis einer epikureischen Massenschizophrenie. Sklaven hatten es da besser; sie wussten, wogegen sie sich wehren wollten.
Lebens- statt menschendienlich
Wurzelverjüngung bedeutet, uns rund 10.000 Jahre zurückzutasten bis an die Wurzeln unserer irregeleiteten Denk- und Glaubensschablonen und die 1001 Ebenen des Betrugs aufzudecken, denen wir bis zum heutigen Tag aufsitzen. Wurzelverjüngung bedeutet nicht, unsere Welt um 10.000 Jahre zurückzudrehen, sondern vielmehr mit all der uns zur Verfügung stehenden Kraft und allen technischen Möglichkeiten dafür zu sorgen, dass wir die nächsten 10.000 Jahre heil auf einem heilen Planeten gedeihen können. Wurzelverjüngung bedeutet ebenso wenig, die Errungenschaften des menschlichen Geistes geringzuschätzen; vielmehr gilt es, Weizen und Spreu zu trennen. Es ist ja nicht so, dass es keinen Weizen gäbe bzw. immer schon gegeben hätte. Allerdings haben wir einen vom Unkraut der Gier und des Habenwollens überwucherten Weizen.
„Weizen“ steht hier für alles Lebensdienliche. Und „lebensdienlich“ ist nicht gleichbedeutend mit „menschendienlich“. Menschendienlich für sich genommen gehört bereits zur Kategorie der „Spreu“. Spreu ist all das, was dem großen Ganzen schadet, das auf irgendeiner Ebene den Heimatplaneten beschädigt. Zukunft haben wir nur, wenn wir unseren großartigen Gemeinsinn nicht auf den obsoleten Begriff der Nation richten, sondern auf den Planeten, denn er ist unsere Heimat vor den kalten Tiefen des Universums. Zukunft haben wir nur, wenn wir die menschliche Erfindungskraft nicht mehr ins Geschirr des Menschendienlichen, sondern des Lebensdienlichen spannen. Das aber wird uns erst gelingen, wenn wir uns wenigstens ebenso klug verhalten wie die Mückenlarve im Tümpel, wie der Spatzenschwarm im Hollerbusch oder der Maulwurf unter der Waldwiese.
(Foto: Dirk (Beeki®) Schumacher, pixabay)