Bei einem der ersten beiden Durchgänge des Bachelor of Being leitete ich als der Elder im pädagogischen Team in der Projektwoche »Identität« eine Meditation an, die seit Jahrtausenden in der einen oder anderen Form im Buddhismus bekannt ist. Die kürzlich verstorbene us-amerikanische spirituelle Ökologin Joanna Macy pflegte diese Methode immer wieder in einer gut anwendbaren Form anzuleiten als »Selbstausdehnung«.
Sie geht so: Sei dir gewahr, was zu dir gehört und was nicht. Was ist innen, das bist du; und was ist außen, das bist du nicht. Für viele Menschen ist ihre Haut die körperliche Grenze zwischen innen und außen, Ich und Nicht-Ich. Beim Stuhlgang und dem Schneiden der Fingernägel stoßen wir etwas ab, das gerade noch Teil von uns war, nun aber nicht mehr »meins« ist.
Im Psychischen, Geistigen und Emotionalen ist es ein bisschen schwieriger zu entscheiden, was zu mir gehört und »meins« ist und was nicht. Eine grobe Einteilung genügt aber vorerst für diese Meditation, die ja dieses Selbst, das »ich bin«, auszudehnen übt auf Anderes, das zunächst noch außerhalb von mir zu liegen scheint.
Selbstausdehnung
Ich begann die Meditation mit der Aufforderung an alle, in entspannter Haltung bei geschlossenen Augen festzustellen, was innen ist und was außen. Dann einzubeziehen, was sonst noch »so ist wie ich«. Zum Beispiel die mir nahe stehenden Menschen, die verletzlich sind wie ich, manchmal leiden und ebenso wie ich das Glück suchen. Dann auch Tiere, wie etwa unsere Haustiere. Dann auch Menschen, die gerade nicht in meiner Nähe sind, sondern weiter weg und dort vielleicht Hunger leiden oder ein Kriegsgeschehen ertragen müssen oder gerade ihre Kartoffeln waschen fürs Mittagessen. So immer weiter, schließlich alle Lebewesen einbeziehend und auch die eigene Umgebung, das Haus um mich herum, den Garten, die ganze Umwelt. Nimm das alles in dich auf, in dein Bewusstsein, dein Herz, das von dir wahrgenommene Universum und »sei das«. So wie es in den Upanishaden heißt: »Tat twam asi« – auch das bist du!
Ein Hauch von Ewigkeit
Fast alle der 24 jungen Erwachsenen, die der Meditation folgten, wurden dabei angenehm ruhig und entspannt. Bei einem aber passierte mehr: Er erfuhr etwas, das er noch nie vorher erlebt hatte – die Verschmelzung seines Ich-Bewusstseins mit der gesamten von ihm wahrgenommenen Umgebung. Er war sprachlos. Erst nach Minuten einer zeitlosen Ewigkeit, vielleicht war es eine halbe Stunde, kam ihm das Wort »Nirvana« in den Sinn. »Ich habe Nirvana erfahren!«, rief er aus.
Die Meditation war vorbei, etwas Anderes stand im Programm. Ich war nicht mehr im Raum, aber nach diesem Ausruf schickte man ihn zu mir, denn irgendwie schien meine Person für »Nirvana« die richtige Adresse zu sein.
Einbruch ins Normal-Ich
Der eher schüchterne junge Erwachsene, der da seines erstes »Satori« erfahren hatte – so nennt man das im japanischen Buddhismus, der auf solche Erlebnisse abzielt –, konnte es nicht leicht in sein Leben integrieren. Es war seinem Normalbewusstsein einfach zu fremd. Damit solch ein ekstatisches Gefühl der Allverbundenheit vom Immunsystem unseres normalen Alltagsbewusstseins alias Ego nicht abgestoßen oder psychiatrisiert wird, braucht es eine spirituelle Praxis. Auch das ist seit Jahrtausenden bekannt.
Diese Praktiken funktionieren! Sie brauchen Geduld und ein gewisses Maß an Disziplin, das hält viele davon ab. Der Lohn dieser Mühen ist jedoch so groß, dass, wer einmal von diesem himmlischen Nektar gekostet hat, nie wieder davon ablassen will.
JA
Danke