Novemberblues in Dunkeldeutschland. Zeit für die großen Fragen. Zeit für das Wesentliche.

 

Was will ich hier eigentlich?

Ich will verhindern helfen, dass Deutschland erneut in einen Krieg gegen Russland taumelt. Als Autor, Coach und Seminarleiter möchte ich meinen Kunden Natur- und Selbstbewusstsein vermitteln, damit sie fähig sind, für sich und ihre Umgebung Verantwortung zu übernehmen und sich nicht in unnötige Streits reinziehen lassen, und damit meine ich alle Arten unnötiger Konflikte, private ebenso wie nationale, politische, religiöse und andere. 

Ist es Größenwahn, das zu wollen? Einer meiner Grundsätze ist das Gebet von Reinhold Niebuhr: »Gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.«

Vielleicht habe ich mir mit meinem Projekt des Aldruper Jurtengartens zu viel vorgenommen. Gehören doch auch die Worte von Marianne Williamson zu meinen Grundsätzen, die Nelson Mandela bei seiner Antrittsrede als Präsident von Südafrika zitierte: »Unsere größte Angst ist nicht, unzulänglich zu sein. Unsere größte Angst ist, grenzenlos mächtig zu sein.« 

Kleinheitswahn ist schlimmer als Größenwahn, das ist schon lange meine Überzeugung. Auch Ohnmacht ist ein Wahn. Aber es braucht Weisheit, den eigenen Wirkungsradius zu erkennen, in der Hinsicht hat Reinhold Niebuhr Recht.

Hindernisse 

Weil ich zugleich Alleinerzieher meines minderjährigen Sohns bin, der seine Mutter durch ihren frühen Tod verloren hat, begleite ich ihn an dem Ort ins Erwachsenenleben, an dem er aufgewachsen ist: Greven im Münsterland. Nach meiner nun zweinhalbjährigen Erfahrung mit diesem Ort, verstehe ich ihn als exemplarisch für den Teil Deutschlands (und der Welt), der sagt: Ich will’s nicht wissen, was da in der Welt passiert. Es wird schon gut gehen, wenn wir nur nicht hinschauen und alles so weitermachen wie bisher. 

Um mein Bildungsprojekt an diesem Ort zu verwirklichen, an den ich durch mein Kind gebunden bin, habe ich in unserem großen Garten eine Jurte aufgestellt, in der ich Seminare geben kann und wir uns zur Meditation treffen können, ohne dass ich mein Kind allein lassen muss. 

Die Jurte stört niemanden und auch die Natur nicht. Es gibt aber Bauvorschriften, die, wenn man sie genau nimmt, die Aufstellung einer Jurte nicht erlauben. Viele halten diese Vorschriften für unsinnig. Ein Angestellter aus der Verwaltung meiner Kleinstadt sagte mir, ich könne ja versuchen, im Rahmen unseres Rechtsstaats das entsprechende Gesetz zu verändern, unter dem schon so viele leiden und das doch nur sehr eingeschränkt seinen ursprünglichen Zweck erfüllt. Das würde aber viele Jahre dauern, meinte er, und die Aussichten auf Erfolg seien gering. Meine Antwort war: Ich bin nun 72 Jahre alt, das schaffe ich in diesem Leben nicht mehr. 

Lebenszeitdiebstahl

Außerdem würde mir ein solches politisches Ziel Lebenszeit stehlen, die ich lieber für Anderes verwende. Zumal in Bereichen, in denen ich kompetenter bin als in der politischen Lobbyarbeit. Außerdem würde es nicht nur mir Zeit stehlen, auch tausende Andere würden damit Zeit und Kompetenz-Ressourcen verschwenden: So viele Anwälte, Politiker, Richter und Verwalter in den Behörden wären darin involviert, für viele Jahre. Die Kosten wären immens. Während es überall Sozialkürzungen gibt und dieses ganze schreckliche Aufrüstungsprogramm. Nach zehn oder zwanzig Jahren, hätte ich es vielleicht geschafft, einen einzigen unsinnigen Paragraphen zu ändern, aber dabei noch lange nicht die Haltung meines Landes und anderer Länder im Umgang mit Paragraphen.

Alle, die schon mit diesem Gesetz (BauGB § 35, v.a. der Absatz 1, Abschnitt 4) zu tun hatten, bedauern mich. »Wo kein Kläger, kein Richter«, sagen sie. Und die Jurtenbesitzer, die keine bösen Nachbarn haben, sie nicken dazu. Da hätte ich halt Pech gehabt, sagen sie. Und die Fachanwälte und Beamten in den Bauabteilungen, auch sie bedauern, dass das Gesetz jedem Bürger ermöglicht, über den Hebel ihres örtlich zuständigen Bauamts einen Menschen, meist ist es ein Nachbar, dem sie sein Glück nicht gönnen, zu terrorisieren. »Wir erfüllen ja nur unsere Pflicht«, sagen die Beamten. »Wir können Ihnen, Herr Schneider, nicht erlauben, was wir auch andern nicht erlauben. Das Gesetz gilt für alle.« 

»Die Politik« wollte es so

Ein renommierter Stadtplaner aus meiner Region nannte mir einen Fall, in dem während der Coronazeit ein Biergarten auf einem Gelände entstand, auf dem er nicht hätte betrieben werden dürfen. Und das nicht nur wegen eines einzigen Paragraphen, sondern wegen einer Vielzahl von Gesetzen und Vorschriften. Es gab einen Aufschrei unter den Anwälten, Richtern, Verwaltungsbeamten und Naturschützern der Region, der ging durch alle Medien und bis in höchste politische Kreise und juristische Instanzen. Aber »die Politik« wollte den Biergarten, deshalb durfte er bestehen. Für meinen Fall wollte der Stadtplaner mir jedoch keine Hoffnung machen. Sie schädigen niemand, sagte er, aber Gesetz ist Gesetz. Der Biergarten sei eine kaum glaubliche Ausnahme von nicht nur einem Gesetz gewesen, aber solch eine Ausnahme sei sehr, sehr selten. Für mich Außenseiter, der ja nicht einmal kriegstüchtig werden will, ist es nicht möglich, »die Politik« in großem Maß auf meine Seite zu bringen.

Im Freundeskreis wird mir geraten auszuwandern. Andere Länder seien weniger bürokratisch. Dort säßen in den Behörden Menschen, nicht nur willige Vollstrecker. Das mag eine romantische Vorstellung sein, denn aus den Zeiten, in denen ich in Italien, Spanien, Indien und den USA gelebt habe, weiß ich, dass es auch dort unsinnige Bürokratie gebt. Oft ist es dort sogar noch wichtiger als bei uns, an den richtigen Stellen Freunde zu haben. 

Die Pharisäer von heute

Die (deutsche?) Paragraphentreue bis hin zur Vollstreckung von großen Unheil hat ja auch Vorteile, das will ich hier nicht verschweigen. Sie soll Korruption erschweren, das ist ihr nobles Ziel. In der Praxis aber versteckt sich die Vorteilsnahme auch bei der deutschen Paragraphentreue oft nur besser, und die Weisheit im Umgang mit den Gesetzen wird durch die Wortgläubigen erschwert. Heute nicht viel anders als zu Jesu Zeiten wissen »die Schriftgelehrten«, das sind heutzutage die Juristen, die Schriften so zu interpretieren, dass dann doch wieder vieles möglich ist, auch krass jedem Geissen und jeden ethischen Vorgaben Widersprechendes. Zudem interpretieren sie die Gesetze zu Stundensätzen, die auch wieder die begünstigen, die schon so viel haben. Warum haben sie schon so viel? Weil sie, ähnlich den grauen Herren bei Momo, den Paragraphen mehr Wert gegeben haben als dem realen Leben. 

»Du willst Künstlerin werden? Nein, mein Kind, studier lieber was Vernünftiges! Mit Jura bist du immer auf der richtigen Seite. Malen, tanzen und musizieren kannst du dann als Hobby, wenn dein Lebensunterhalt gesichert ist.«

Dunkeldeutschland im November

Meinen Größenwahn mir schönredend und meinen Wirkungsgrad mir großredend sage ich in letzter Zeit gerne: Ich bin hier in Greven in Dunkeldeutschland gelandet. Greven als Kulmination von Dunkeldeutschland – und das im Bluesmonat November! Wer kann das ertragen. Die Mehrheit der Bewohner hier glauben, wenn sie nur nicht richtig hinschauen, wie es um sie steht, wird schon alles gutgehen. Augen zu und durch. Sie konsumieren wie bisher, sie denken und reden wie bisher, sie gestalten oder ruinieren ihre Beziehungen wie bisher, im Glauben, dass schon alles irgendwie gutgehen wird. Solange auf dem Deck der Titanic die Musik noch spielt, werde ich doch meine nächste Kreuzfahrt auf der Aida noch buchen können!

Bert Brecht soll gesagt haben, das Beste an Augsburg sei die Bahnverbindung nach München. Greven hat eine Bahnverbindung nach Münster. Aber ach, Münster …. reden wir nicht über diese versnobte, im Grunde erzkatholische, münsterländisch sture Stadt. Nein, sorry, in meiner Eingeschränktheit hab ich grad ein bisschen übertrieben. Auch die Stadt Münster hat Risse in ihrer lackierten Oberfläche. »There’s a crack in everything, that’s how the light gets in«, sagte doch einst Leonard Cohen. Möge das Licht auch in Münster und Greven durch die Risse hindurch scheinen. 

Sinn für Humor

Wenn du keinen Sinn für Humor hast, ist es einfach nicht lustig, schreibt mein buddhistisch geprägter Freund Wolfgang Presser (dabei Wavy Gravy zitierend) in seinem immer lesenswerten Blog, das er zusammen mit seiner Partnerin Ruth Kölling  betreibt.