Letzten Sonntag war ich von 10.30 bis 11.45 im Gottesdienst in der St. Martinus Kirche Greven. Der Sugata im Gottesdienst? Was macht DER denn dort, werden sich viele Fragen. Predigen? Michael Mombauer ist der für die etwa 15.000 Katholiken meiner Kleinstadt zuständige katholische Pfarrer. Er hatte mich in diesen „Dialoggottesdienst“ als „Mitprediger“ eingeladen. Obwohl wir uns seit ein paar Wochen treffen und schon einiges miteinander geteilt haben, war ich doch ein bisschen scheu, nun in den Gottesdienst eingeladen zu werden, um dort nun mit ihm zusammen »die frohe Botschaft« zu predigen. In dieser großen, alten, prunkvollen Kirche. Christian hat das gefilmt. Nun haben wir diese Aufnahme in unseren Youtube-Kanal gestellt, den ihr abonnieren könnt.

Hier in meinen Blog stelle ich auch noch das Skript unseres Dialogs. Michael Mombauer hatte mir die Fragen, die er mir stellen wollte, vorab geschickt und sie der Situation entsprechend dann leicht abgeändert. Ganz spontan wollte er es nicht machen – und ich schließlich auch nicht, war es für mich doch ein Erstauftritt auf dieser ungewohnten Bühne. Im Folgenden seht ihr die Antworten, die ich vorbereitet hatte. Im Gottesdienst habe ich spontan geantwortet, frei sprechend wie ich das immer am liebsten mache. Meine vorbereiteten Antworten enthalten jedoch einige Aspekte, die im gesprochenen Dialog nicht vorkommen, mir aber wichtig erscheinen.

In kursiv findet ihr hier die Fragen von Pfarrer Michael Mombauer, so wie er sie vorbereitet und mir vorab zugestellt hatte. In aufrechter Schrift meine Antworten.

Abschied und Neubeginn

Das Evangelium, das wir soeben gehört haben, gehört zu den großen Abschiedsreden Jesu. Abschied und Neubeginn sind mit Erfahrungen verbunden, die wir nicht vergessen können und die uns prägen. Heute ist mit Wolf Schneider jemand bei uns, der in seinem Leben immer wieder Abschied und Neubeginn erlebt hat. Wenn du, lieber Wolf, auf deine Abschiede und deine Neuanfänge blickst, welche haben dich besonders geprägt?

Ich möchte hier zwei Abschiede nennen, die für mich besonders bedeutsam waren. Beim Ersten war ich zehn oder elf Jahre alt. Ich hatte mich drei Tage in meinem Mansardenzimmer eingeschlossen, im Haus wo ich mit meinen Eltern und Schwestern lebte. Ich wollte mit niemandem sprechen und weinte fast ununterbrochen. Ich hatte den Glauben verloren an alles, was mir von der Welt erzählt worden war, auch von meinen Eltern und Lehrern. Ich zweifelte an allem und fühlte mich ab diesem Zeitpunkt in meinem Versuch, die Welt zu verstehen, ganz allein. Ich hatte meine Leichtgläubigkeit verloren. Das war mein Abschied von der Kindheit. 

Beim zweiten großen Abschied war ich 22 Jahre alt. Da verließ ich nach 8 Semestern Philosophiestudium zum zweiten Mal mein Elternhaus, mein Land und meinen Heimatkontinent Europa. Ich wollte noch einmal nach Indien, wohin ich nach dem Abitur mit 18 Jahren schon mal über Land getrampt war. Diese zweite Reise nach Indien aber dauerte mehr als zwei Jahre. In der Zeit beheimatete ich mich in Asien und hatte nicht mehr das Bedürfnis nach Deutschland oder Europa zurückzukehren.

Danach erlebte ich noch viele weitere Abschiede und Neuanfänge. Dazu passt ein Gedicht von Goethe: »Eh du dies nicht hast, dieses Stirb und werde, bist du nur ein trüber Gast auf der dunklen Erde.« 

Ich sterbe in jeden neuen Abschnitt meines Lebens hinein und stehe danach wieder auf als ein neuer Mensch. So ist auch diese Predigt hier in dieser Kirche für mich etwas ganz Neues. Sowas habe ich noch nie erlebt. Die mich kennen werden darüber lachen oder staunen. Etwas Altes stirbt und etwas Neues beginnt. Meine Freundschaft mit dir, Michael, gibt mir einen neuen Blick auf das, was diese alte Religion zu bieten hat. Die katholische Kirche ist ja die älteste Institution der Menschheit. Da ist vieles drin, was wegmuss, aber da liegen auch Schätze drin bereit. Man muss sie nur suchen, dann findet man sie.

Der Geist der Wahrheit 

Das Evangelium, das wir heute gehört haben, ist ein Evangelium, das von seiner Botschaft weit über das Christentum hinausweist. Dieser Text könnte – so wie ich ihn höre – ein Text sein, der von seiner Aussage her viele – vielleicht sogar alle – Religionen miteinander verbinden könnte. Jesus spricht vom Geist der Wahrheit – Was ist eigentlich Wahrheit? – Was ist für dich der Geist der Wahrheit? – Hast du ihn für dich bereits gefunden? 

Der Geist der Wahrheit verbindet tatsächlich alle Religionen, das ist meine Überzeugung. Ich habe nicht nur mit vielen Arten von Christen zusammengelebt, sondern auch mit Muslimen, Hindus, Buddhisten und mit Menschen und natürlich auch mit Menschen, für die Religion Opium fürs Volk ist. Bei allen fand ich die Sehnsucht nach Wahrheit. Einige empfanden die tiefste Wahrheit als unaussprechlich, für Taoisten ist das so oder auch für viele der christlichen Mönche der Trappisten/Zisterzienser. Andere meinen die Wahrheit verkünden zu müssen. Bei allen gibt es diese Sehnsucht. 

Ich selbst habe die Wahrheit in der Präsenz gefunden. Gegenwärtigkeit und Ewigkeit sind für mich dasselbe. Die Aussage Jesu »Wenn zwei oder drei in meinem Namen beisammen sind, da bin ich mitten unter ihnen«, drückt das für mich aus. Der Name von Jesus muss dabei nicht einmal ausgesprochen werden und auch nicht der von Buddha. Es genügt, dass zwei Menschen einander wirklich begegnen.

Sind wir Menschen göttliche Wesen? 

Im Evangelium spricht Jesus davon, dass wir Menschen in ihm und er in uns ist, lebt und wirkt. – Ich höre daraus die Göttlichkeit des Menschen: ein ungeheurer Zuspruch, ein großer Anspruch, aber auch eine große Gefahr. – Wie hörst du diese Botschaft?

Als Gottes Kinder sind wir göttlich. Nicht nur Jesus war Gottes Sohn, auch wir sind seine Kinder. Wir sind in ihm, und er ist in uns. Wer sich selbst gegenüber wahrhaftig ist, weiß jedoch auch, dass wir unseren eigenen Ansprüchen oft nicht genügen. Das gilt auch für den Anspruch Kind Gottes zu sein oder der des Ruhens in der Gegenwart, den ich gerade ausgesprochen habe. Scheitern ist jedoch menschlich. Gotteslästerlicher Größenwahn entsteht erst, wenn wir uns für die Schöpfer von allem halten, weil unser Weltbild in uns selbst entsteht. Das macht uns arrogant, stur und rechthaberisch. Ich meine jedoch, dass Kleinheitswahn noch weiter verbreitet ist als Größenwahn. Beides sind Irrtümer. Auch wenn wir uns für klein und ohnmächtig halten, irren wir uns, nicht nur im Größenwahn.

Ja, wir können Gott erkennen! 

Das Evangelium endet mit der Zusage, dass Jesus sich allen offenbaren wird, die ihn lieben und die auch seinen Vater lieben. Die Offenbarung Gottes vor den Menschen und damit die Möglichkeit, dass wir als Menschen Gott erkennen können, eine Ahnung von ihm bekommen, ist ein großartiger Gedanke, aber ein Gedanke, der sich auch in anderen Religionen findet. Du bist im Buddhismus beheimatet gewesen. Können wir Menschen – deiner Meinung nach – Gott in unserem Leben begegnen, ihn erfahren? Können wir ihn womöglich nach dem Tod von Angesicht zu Angesicht schauen? 

Wir begegnen Gott nicht erst nach dem Tod. Wir können ihm schon jetzt begegnen, jederzeit und überall. Alle Religionen wissen das, auch wenn manche einen Klerus dazwischen schalten als Vermittler. Gott ist erfahrbar auch ohne Religion. Zu oft schon haben Religionen Gotteserfahrungen sogar verhindert, obwohl ihre eigentliche Aufgabe doch wäre, sie zu ermöglichen. Besonders die abrahamitischen Religionen sind mit denen oft sehr grausam umgegangen, die Gotteserfahrungen hatten, die der gerade geltenden Lehre widersprachen. So viele Mystiker sind von den Religionen als Ketzer hingerichtet worden. 

Es gibt tausend Wege, Gott zu erkennen. Spätestens mit dem Tod unseres Körpers werden wir von der Natur nach Hause geholt. Unvermeidlich löst sich dabei unser kleines Ego auf. Wir sind dann nicht mehr mit diesem kleinen, besserwisserischen Ich verbunden, sondern eins mit dem großen Ganzen. Spätestens im Tod sind wir bei Gott. In der Meditation und im Gebet sind wir es aber schon vorher.

Glaube und Religion 

Welche Bedeutung haben für dich der Glaube und die Religion? »Kann das alles weg« – wie man das umgangssprachlich so schön sagt – oder sind Glaube und Religion eine Kraft in einer Welt, die total zerrissen ist?

Das Wort »katholisch« heißt übersetzt »allumfassend«. Es würde deshalb zum Katholizismus passen, meine ich, alle Menschen einzubeziehen und in ihrer Eigenheit und Verschiedenheit zu würdigen, egal wie sie weltanschaulich ticken. Wenn mit Glauben Zuversicht und Vertrauen gemeint ist, ja, dann lasse ich mich gläubig nennen. Wenn damit gemeint ist, dass ich etwas wider besseres Wissen glauben sollte, in der Hinsicht bin ich nicht gläubig. 

In ihrer innigsten Bedeutung ist Religion Re-Ligio – Wiederverbindung. Also eine einende Kraft in dieser so zerrissenen Welt. Io kann sie unterstützen, trösten und Vertrauen schaffen. Vor allem kann sie uns mit dem Unendlichen verbinden, dem Unverfügbaren, dem großen Mysterium. Sie kann uns mit Gott verbinden, egal ob wir darunter eine Person verstehen oder eine transpersonale Macht, die vielleicht ein Gesicht hat, das wir noch gar nicht kennen und eine Stimme, die ja nicht die eines alten Patriarchen sein muss. 

Als kreative Menschen sind wir zwar Schöpfer, aber auch Erschaffene. Erschaffen können wir uns jedoch nicht selbst. Die Macht, die uns erschaffen hat, nennen wir traditionell Gott. Im Buddhismus trägt sie diesen Namen nicht, doch die Möglichkeit, sich dieser großen Macht hingeben zu können, wird auch dort gesehen. Durch die Hingabe an diese Kraft erfahren wir Erlösung, Erleuchtung, Freiheit und bedingungslose Liebe. In diesem Sinne sind sich alle Religionen gleich, auch wenn sie sich in ihren Kultformen unterscheiden. 

Vor dem Südportal dieser Kirche hast du, Michael, am vergangenen Montag die Tränenstele der Künstlerin Anna Arnskötter eingeweiht. Sie erinnert an die Vergangenheit dieser Kirche und aller Kirchen der Welt als Institutionen, die Schreckliches gutgeheißen und vertuscht haben. Wenn wir diese Vergangenheit verurteilen und uns schämen, nicht rechtzeitig dagegen aufbegehrt zu haben, dann denken wir vielleicht, dass das alles wegkann. Eine Kirche, die so viel Schuld auf sich geladen hat, muss weg. Wir sollten dabei aber nicht das Kind mit dem Badewasser ausschütten, meine ich. Sehr vieles von dieser Tradition, vielleicht das meiste, kann weg oder müsste radikal erneuert werden, denn es enthält Intoleranz, Verachtung und Gewalt. 

Im Badewasser, dass wir da wegschütten wollen, aber befindet sich ein Kind, das dürfen wir nicht mit ausschütten. Dieses Kind ist der Bezug zu Gott, zu dem, was uns trägt. Es enthält und trägt uns alle, Christen wie Nicht-Christen, mit allen unseren Fehlern. 

Gott ist so barmherzig wie eine bedingungslos liebende Mutter oder ein liebender Vater. Deshalb nennen wir ihn Gott Vater oder den lieben Gott und beten das Vater unser. 

Dieser Gott lässt die Hölle leer, hast du kürzlich zu mir gesagt, Michael. So groß ist dieser Gott, so barmherzig, er lässt die Hölle leer! Ich weine vor Freude oder verstumme vor dieser Größe. – – – So wie ich auch verstumme vor der Natur, die uns erschaffen hat. In diesem großen Ganzen fühle ich mich angenommen, beheimatet und bedingungslos geliebt. 

P.S. Als ich diesen Text zu Hause schrieb, als Vorbereitung auf den Dialog, musste ich weinen vor Freude über diese Anerkennung der Größe und Barmherzigkeit Gottes und der Natur, die ich beim Schreiben spürte. Leider habe ich diesen Abschluss in der Kirche aus Zeitgründen nicht sagen können. Nicht sagen wollen? Wohl eher das zweite, denn genug Zeit wäre gewesen, sagte mir Michael danach. Ich war wohl zu scheu, dort vor allen Gottesdienstbesuchern meiner Ergriffenheit zu zeigen.

P.P.S. Nach dem Gottesdienst wurde draußen vor dem Kirche im schönsten Sonnenschein von der Pfarrei noch Kaffee angeboten mit Kuchenstückchen und Keksen. An Stehtischen sprachen die Gottesdienstbesucher miteinander über das Erlebte. Schon beim Rausgehen hatten mich einige angesprochen und sich voller Rührung bei mir bedankt. »Ich hatte Gänsehaut beim Zuhören«, sagte eine, »Ich auch – bis in die Fußsohlen« eine andere. Wow, der Körper fühlt mit und antwortet auf die gesprochenen Worte, dachte ich dabei. Zeigt er es vielleicht heutzutage mit Gänsehaut, wenn er die Anwesenheit des ‚Heiligen Geistes‘ wahrgenommen hat?

Danke an Christian fürs Filmen des Gottesdienstes. Hier seht ihr das Ergebnis: