Im April lag ich eine Woche lang in einem deutschen Krankenhaus. Beim Rollerscaten an einem wunderschönen Frühlingnachmittag im Stadtpark war ich gestürzt und dann drei Tage zuhause gelegen voller Schmerzen. Weil die nicht nachließen, humpelte ich schließlich auf Krücken zum Orthopäden. Der stellte per Röntgenaufnahme einen Oberschenkelhalsbruch fest. Ab ins Krankenhaus, am nächsten Morgen Hüft-Op und ‚eine neue Hüfte‘. In Deutschland ist das inzwischen eine Routine-Operation.

Es ist alles gut gegangen, und nun bin ich am Genesen. Jeden Tag kann ich mich ein bisschen besser bewegen. Ich hatte schon lange kein Krankenhaus mehr von innen gesehen, jedenfalls nicht als Patient. Wie solch ein Betrieb funktioniert, dazu lässt sich viel sagen, ich will diesmal aber meinen Fokus auf das Essen und die Verwaltung richten. Die Ernährung soll ja eine wichtige Voraussetzung von Gesundheit sein, heißt es. Ich würde sogar sagen, dass das mittlerweise zum Allgemeinwissen zählt, aber es gibt da offenbar noch Inseln des Rückstands. Dazu zählen offensichtlich die Küchen der deutschen Krankenhäuser. Ich habe mich umgehört, ob das nur mein Eindruck ist. Nein, dies kein Einzelfall, mir wurde ausschließlich von schlechtem Krankenhausessen berichtet, als sei das eine Selbstverständlichkeit, die eben zum Krankenhaus gehört, wie die weißen Kittel, die Chefvisite, die Desinfektionsmittel und ungemütlichen Stationszimmer. 

Das oben gezeigte Foto habe ich vor wenigen Tagen mit meinem Handy aufgenommen. Das Krankenhaus soll man darauf nicht erkennen – ist ja auch egal, es könnte irgendeines sein, in der Hinsicht sind sie sich sehr ähnlich. Ich hatte vegetarisches Essen bestellt. Ja, machen wir, sagten sie, aber dann brachten sie mir das. Die Tage danach besserten sie sich, indem sie das Fleisch einfach wegließen und mir den Rest zum Essen hinstellen. Außer, wenn das mal vergessen wurde, dann kam das Essen doch wieder mit Fleisch.

Ja, ich weiß, als Vegetarier gehöre ich einer Minderheit an. Da gehört man eben nicht so richtig dazu und muss Defizite in Kauf nehmen. Wäre »der Rest«, also das Essen ohne Fleisch, jedoch gut gewesen, würde ich nichts sagen. Aber auch der Rest war weder gesund noch lecker. Ich ließ mir deshalb Essen ins Krankenhaus bringen; wenigstens das Frühstück, denn auf meine Frage, ob ich zum Frühstück nur Obst bekommen könnte, sonst nichts, wurde das verneint. Obst hätten sie nicht, und in Corona-Zeiten sei die Belieferung allgemein schwierig.

40 Jahre und keine Änderung

Das einzige Erinnerung an ein Krankenhaus von innen, als Patient, habe ich von einem Aufenthalt dort vor gut 42 Jahren. Es war nach einer Indienreise, von der ich mit einer Hepatis A zurückgekommen war, in der Hoffnung, das gute deutsche Gesundheitssystem, das dem indischen immerhin in Sachen Hygiene überlegen ist – ja, das ist es –, könne mir helfen. Zwei Wochen lang lag ich dann in einem Spezialkrankenhaus für Leberkranke, behandelt vom Chefarzt, der auch noch mit einem Vater befreundet war, besser ging es nicht. Dieser Leberspezialist aber tat nichts, außer regelmäßig meine Leberwerte kontrollieren zu lassen, und ab und zu sprach er mit mir. Aber er war ehrlich, das muss man ihm lassen: Über die Leber wissen wir so wenig, sagte er, und da alles, was wir an Medikamenten verabreichen könnten, die Leber belastet, können wir eigentlich nichts tun. Das Essen war damals so wie heute. Ich hätte das Bild austauschen können, nur die Kameras sind heute besser. In den 42 Jahren deutscher Krankenhauskultur hat sich offenbar, was das Essen anbelangt, nichts geändert.

Vorigen Sommer war ich in einer psychosomatischen Klinik im Chiemgau. Ich besuchte dort eine Freundin, die wegen Aneurysma sechs Wochen Reha verordnet bekommnen hatte. Das Essen war auch dort so, wie ich es hier im Foto abgebildet habe: vorgefertigte Lebensmittel, die durch allerlei Mittel haltbar gemacht worden waren; nur selten mal was Frisches, kaum was für Vegetarier, kein Bio, stattdessen Weißmehlprodukte und weißer Zucker. Auch ein Landgasthaus der untersten Preisklasse könnte sich mit sowas nicht halten, auch in Gegenden, die noch keine Feinschmecker kennen und für die Bio ein Fremdwort ist. Um die Tragikomik der Situation abzurunden, musste sich meine Freundin dort in der Klinik auch noch einen Vortrag über gesunde Ernährung anhören – sie musste. Dort wurde erklärt, wie wichtig eine gute Ernährung sei für die Gesundheit. Vorgesetzt aber bekam sie das, was ich oben abgebildet habe, und auch Frühstück und Mittagessen waren nicht besser. Fast wäre dieser duldsame Mensch abgereist, um dort nicht noch kränker zu werden als sie es schon war. Sie bat mich und alle anderen ihrer Freunde bei jedem Besuch, ihr was zu essen mitzubringen.

Ökonomie kann nicht der Grund sein

Wenn ich das erzähle, höre ich als Antwort immer, die Krankenhäuser seien durch die Privatisierung kaputtgespart worden, es zähle dort nur mehr das Geld. Gesundheit und Wohlbefinden der Patienten sei den Betrieben egal. Das kann nicht stimmen, denn es war auch vor der Privatisierung schon so, auch in den städtischen Krankenhäusern und auch in denen etwa von Diakonie und Rotem Kreuz. Und es ist ja auch nicht so, dass Bio viel kostet. 13 € kostet das Essen pro Tag pro Patient in einem durchschnittlichen Krankenhaus, lese ich in der Ärztezeitung in einem Artikel vom März 2018. 5 € davon würden für den Einkauf ausgegeben. Bei 13 € Gesamtkosten kommt mir das hoch vor; die Faustregel in der Gastronomie ist ja, dass man für die Nahrungsmittel im Einkauf nicht mehr als ein Fünftel dessen ausgeben darf, was der Kunde zahlt, sonst kommt man nicht hin. Bei einer Massenküche, die nur eine Art von Essen ausgibt, ist das sicherlich anders, da kann man für 13 € pro Tag drei Essen liefern, und der Kostenanteil der Nahrungsmittel ist höher. Für zwei Euro mehr pro Nase pro Tag könnte man dort sicherlich Bio einkaufen, für einen weiteren Euro mehr Frisches, für einen weiteren müsste man nicht mit Küchenkräften vorlieb nehmen, die sonst nirgendwo unterkommen, sondern könnte jemand wählen, der oder die auch vegetarisch kann und gesund. Dann hätte man für vier Euro mehr pro Tag – oder lass es von mir aus fünf Euro sein – einen riesigen Qualitätssprung gemacht. Ist das viel?

24 h in einem Krankenhaus sind wohl kaum für 100 € Gesamtkosten zu haben, ich habe dazu im Web aber keine Zahlen gefunden. Nach einiger Suche bin ich auf diesen Bericht auf zeit.de gestoßen: Ein Ökonom unterm Messer. Offenbar hatte auch der Kollege von der ZEIT Schwierigkeiten, die realen Kosten seines Krankenhausaufenthaltes ausfindig zu machen. Meiner Schätzung nach liegen sie ohne die Op-Kosten bei ein paar hundert Euro pro Tag, und mit Op eher bei über oder um die 1000 € pro Tag, je nach Dauer des Gesamtaufenthalts. Die Schwierigkeit, das herauszufinden, hat mich stutzig gemacht. Will da vielleicht jemand was verbergen? Ich will das weiter erforschen und bin auch dankbar für Links meiner Leser, unter denen sich ja auch Mediziner befinden.

Eine Hüft-Op kostet ca. 8.000 Euro im Durchschnitt, diese Zahl findet man im Web leicht (7.600 € waren es 2017, mit jährlichen Steigerungen der Kosten). Mit oder ohne den Krankenhausaufenthalt ‚drumrum‘?  Meine Woche im Krankenhaus hat meine Krankenkasse also mehr als tausend Euro pro Tag gekostet.
Für vier bis fünf Euro mehr pro Tag, also circa 30 € mehr für die ganze Woche, hätte ich im Krankenhaus gutes, gesundes Essen bekommen. Warum bieten die Krankenhäuser das nicht an? Es ist mir ein Rätsel. In meiner Vison einer menschenfreundlichen Gesundheitskultur gibt es in den Krankenhäuser Essen von mindestens 3-Sterne Qualität, aber nicht so wie in einer dieser Hotelketten, sondern gesund. Gesundes Essen ist ja kein Geheimnis mehr und auch wissenschaftlich kaum mehr umstritten. Man findet die Tipps in jedem mittelmäßigen Ratgeber: Frische Sachen, Vollwert, ausreichend Eiweiß, wenig (oder gar kein weißer) Zucker, ungesättigte Fettsäuren, Vitamine und Ballaststoffe, sowohl rohes (Obst und Salat) wie auch Gegartes. Das ist doch nicht so schwer.

Von der Wiege bis zur Bahre …

… Formulare, Formulare. Grad war ich mit gebrochener Hüfte in der Notaufnahme der Klinik angekommen und wurde mit dem Rollstuhl in einen Raum gefahren, in dem vier Leute vom medizinischen Personal sich 20 Minuten erstmal mit der Datenaufnahme beschäftigten. Wie ich heiße, wo ich wohne, meine Telefonnummer und E-Mail, meine Krankenkasse, was für Vorerkrankungen ich gehabt hätte und ob ich Allergien hätte. Das einmal abzufragen, mag ja sinnvoll sein. Aber nicht mehr als fünf Mal. Immer wieder musste ich handschriftlich meine Adresse und Telefonnummer in ein Formular nach dem anderen eintragen. Niemand fragte mich nach meinem Befinden, stattdessen schimpften sie über den Computer, der nicht richtig funktionierte und die Masken, ob sie die nun tragen sollten oder doch eigentlich nicht und wer als nächstes wo auf Schicht sei. Nach mehr als 20 Minuten kam schließlich ein Arzt auf mich zu, fragte nach meinem Befinden und versuchte herauszufinden, was am besten mit mir zu machen sei. Das dauerte viel weniger als die vorhergehenden Verwaltungsakte, und es war dazu nur eine Person nötig. Es klagen jedoch auch die Ärzte über ein Übermaß an Verwaltung und Dokumentation, einige sagen in ihrer Verzweiflung, sie verbrächten damit annähernd 90% ihrer Zeit. Ähnliches berichten Altenpfleger und Krankenpfleger. Vom Rollstuhl in ein rollendes Bett verfrachtet, wurde ich nach der Verwaltungsprozedur auf die Station gebracht. Der Weißkittel, der mich schob, sah frustriert aus. Ich ahnte den Grund seiner miesen Stimmung und fragte ihn direkt, wie viel seiner Arbeitszeit er mit Verwaltung verbringe: 70% kam ohne zu zögern als Antwort.

Es sind offenbar nicht nur die Ökonomen, die unsere Krankenhauskultur bestimmen, sondern auch die Juristen. Die verlangen Dokumentationen des Patientenbefindens, der verabreichten Medikamente, wie oft geputzt und sterilisiert wird, und so weiter – und vom Patienten Unterschriften über seitenlange Dokumente, die man als schmerzgeplagter Mensch nur schnellschnell unterschreibt, ohne sie gelesen zu haben. So ähnlich wie die seitenlangen AGBs beim Kauf irgendeines Produktes im Internet oder bei einer der vielen Neuregelungen der eigenen Hausbank, Krankenkasse oder Kreditkarte. Sowas liest man sich nicht durch, man unterschreibt einfach. Zum einen, weil man dieses Juristendeutsch sowieso nicht versteht; zum anderen, weil man ja auch sonst noch einiges zu tun hat – oder in der Notaufnahme mit was anderem beschäftigt ist als mit dem Kleingedruckten eines Vertrages, der im Fall der Fälle wohl vor Gericht sowieso nicht durchsetzbar ist.

Eher Dummheit als Renditegier

Genug der Kritik. Ich bin ja ein Bewunderer der modernen Medizin. Die Op meiner Hüfte ist von hochkompetenten Chirurgen durchgeführt worden in einem gut ein gespielten Team, unterstützt von Maschinen einer famos leistungsfähigen, hochtechnisierten Medizin. Ich bewundere sie, diese Menschen ebenso wie die Maschinen. Auch in vielen anderen Fällen, wenn ich erlebe, was die moderne Medizin alles kann, bin ich voller Hochachtung. Leider leistet diese Medzin das nur für die Menschen in den reichen Ländern und auch dort eher für die Reichen als für die Armen, aber immerhin gibt es sie, prinzipiell.

Wenn ich hier diese Art Krankenhaus kritisiere, dann, weil ich staune wie hier aus Dummheit so viel falsch gemacht wird. Der Grund ist nicht nur die schon tausendfach kritisierte Renditeorientierung unseres Medizinsystems, das kapitalistischen Unternehmen überlassen wurde, denen Gesundheit und Wohlbefinden der Menschen nicht so wichtig sind, und schon gar nicht soziale Gerechtigkeit. Selbst wenn ein Krankenhaus nur die Rendite priorisiert, müsste es doch die Gesundheit seiner Patienten fördern wollen. Dass das Essen deshalb so schlecht ist, weil es die Menschen krank macht, so dass sie dann öfter und für längere Strecken ins Krankenhaus müssen, will ich nicht glauben. Und auch die Verwaltung auf ein vernünftiges Maß zu reduzieren, müsste für kapitalistische Unternehmen ein zu erstrebender Wert sein.

Was das Fehlen einer schlanken Verwaltung anbelangt, vermute ich, dass die Angst, etwas juristisch falsch zu machen und dann nicht nur Vorwürfe, sondern auch Strafen aufgehalst zu bekommen, das Motiv ist. Offenbar haben in unseren medizinischen Institutionen mehr die Juristen das Sagen als die Ärzte.

Und warum das Essen dort so schlecht ist? Vielleicht schreibt ihr mir in die Kommentare, was für einen blinden Fleck ich diesbezüglich eventuell habe.

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