Meine neue Heimatstadt Greven hat eine Partnerschaft mit Montargis, einer Kleinstadt südlich von Paris, die sich um den Fluss Loing gebildet hat. Montargis rühmt sich seiner über hundert Brücken, eine davon habe ich hier abgebildet. 

Auch Greven ist eine Brückenstadt. Sie entstand am südlichsten Ende der Ems, wo sie nach dem Zusammenfluss mit der Münsterschen Aa gerade noch schiffbar war, um eine Brücke herum, welche die beiden Ufer miteinander verband, vermutlich ähnlich dem Entstehen von Montargis um den Fluss Loing.

Ich liebe das Wasser so sehr, dass ich darüber sogar ein Buch geschrieben habe: Das Tao des Wassers. Besonders das Meer hat es mir angetan, der Blick vom Ufer zum Horizont, wo das Wasser den Himmel berührt in einer Linie bilden, die ins Unendliche weist. Im Inland mag ich vor allem die Fließgewässer. Deren Flussbett repräsentiert das Irdische, das darin fließende Wasser das Mysterium der Unendlichkeit. 

Was kann ich als Neubürgen von Greven für diese Stadt tun? Ich will ihr als Brückenstadt ein neues Image verpassen, eine schöneres als nur »Schlafstadt von Münster« zu sein. Beide Städte, Greven wie Montargis, überbrücken mit ihrer Partnerschaft ja bereits einen weltanschaulichen Graben. Wir könnten sie als Brückenstädte neu definieren.

Brücken über Gräben 

Trennende Gräben gibt es genug, am schmerzlichsten darunter die weltanschaulichen. Manchmal führen sie sogar zum Krieg. So wie Deutschland und Frankreich sich Jahrhunderte lang bekriegten. In den Schützengräben von Verdun als Materialschlacht mit Hunderttausenden von Toten, die Feindschaft hatte aber auch eine emotionale und geistige Seite. 

Das Wort »Greven« leitet sich aus dem Siedlungsnamen »Grevaon« ab, schreibt die Wikipedia, was so viel bedeute wie »bei den Gräben«. Vor- und frühgeschichtliche Emsarme (Laken, tote Flussbette) seien damit gemeint. Um von der einen Seite auf die andere zu kommen, musste man anscheinend schon damals Gräben überbrücken und jedenfalls auch einen Fluss. Heute müssen wir vor allem zwischen den Menschen in verschiedenen Echokammern Brücken bauen über die sie trennenden Gräben. 

Ökumene

Die Religionen versuchen dies mit ökumenischen Bewegungen. Zunächst zwischen den christlichen Religionen und Sekten. Dann auch mit den anderen Abrahamiten, den Juden und Moslem. Noch mehr weitet sich der Bogen, wenn alle Religionen einbezogen werden, wie etwa der Theologe Othmar Keel es macht in seiner »vertikalen Ökumene«. Dabei werden polytheistische Religionen einbezogen wie die griechische der Antike und die der heutige Hinduismus. Ebenso Jenseitslehren indigener Völker, wie etwa die aus dem Bön-Schamnismus, die in den tibetischen Buddhismus aufgenommen wurden oder Opfermythen der frühen Juden in die christliche Religion. 

Säkulare Religiosität

Noch wichtiger ist heute die Einbeziehung der wissenschaftlich gebildeten Menschen, die ja ebenfalls Sehnsüchte nach Ganzheit und Geborgenheit im Universum haben und mystische Erfahrungen machen. An Mythen wie Himmelfahrt und Jungfrauengeburt glauben diese Menschen nicht mehr. Viele von ihnen wollen diese Erzählungen auch nicht als Metaphern und Allegorien tiefer Weisheit in ihr modernes Weltbild hinüber retten. Sie empfinden sich als profan und säkular. Die Sehnsucht nach dem großen Ganzen aber bleibt: Das irdische Leben, so wie es sich uns jetzt zeigt, das kann doch nicht schon alles gewesen sein!

Transzendenz

Mit den Pfarrern der evangelischen und katholischen Kirchen von Greven bin ich hierüber im Gespräch. Auch mit den Kulturschaffenden der Stadtverwaltung und von der Kulturinitiative Greven. Als Ex-Mönch, Meditationslehrer und Coach von Krisengeschüttelten sehe ich es als meine Aufgabe, Menschen wieder in Bezug zum großen Ganzen zu bringen. Aus Tausenden von Einzelgespräche weiß ich, wie sehr alle Menschen spirituelle Sehnsüchte haben, egal, ob sie sich als spirituell, religiös, profan oder säkular bezeichnen. Und auch die gesellschaftlichen Konflikte sind nur lösbar durch Überwindung von Gräben. 

Deshalb möchte ich dazu beizutragen, dass meine aktuelle Heimatstadt Greven zu einer Brückenstadt gerade in dieser Hinsicht wird. Als ein Ort, der in vorbildlicher Weise ‚Andersgläubige‘ im Dialog einbezieht und zu ihnen hin Brücken baut. Egal ob das religiös, politisch oder sonstwie gesellschaftlich Andersgläubige, Andersfühlende oder Andersdenkende sind. Ihnen zuhören und sie verstehen. Sie nicht befeinden, sondern in ihrer Andersartigkeit ernst nehmen. Brücken bauen zu ihnen hin. Das ist mein Verständnis von Transzendenz. 

Deutschland und Frankreich sind Freunde geworden

Auf der Webseite der Städtepartnerschaft meiner Stadt Greven mit der französischen Stadt Montargis kommt das Völkerverbindende und Gräben Überwindende nicht vor. Wurde es vergessen? Nicht so bei der Bundeszentrale für politische Bildung. Deren Text über Städtepartnerschaften beginnt mit dem Satz: »Die Idee der Städtepartnerschaft entstand hauptsächlich nach dem Zweiten Weltkrieg als Initiative der Basis, um die durch zwei Weltkriege in Europa aufgerissenen Wunden zu heilen.« Nach all den Kriegen, von der Zeit Ludwig XIV. über Napoleon bis zu den beiden Weltkriegen, schien Frieden mit Frankreich noch vor 80 Jahren kaum möglich. Heute hingegen will kein Deutscher mehr den Elsass »heim ins Reich« holen. Die Mehrheit der Deutschen reist heute gerne nach Frankreich und schätzt die französische Kultur. 

Geht das auch mit Russland?

Dieses positive Beispiel für die Überwindung historischer Feindschaften sollte uns auch gegenüber Russland Hoffnung machen. Umso mehr, wenn man bedenkt, dass Deutschland mit Russland im Lauf der Geschichte weniger kriegerische Auseinandersetzungen hatte als mit Frankreich. Auch angesichts dessen, dass Wehrmacht und SS in den Jahren 1941-44 in der damaligen Sowjetunion direkt oder indirekt 27 Millionen Menschen getötet haben, ist die Angst Russlands vor Deutschland viel verständlicher als die umgekehrte Angst Deutschlands vor Russland, die erst mit einem beträchtlichem Aufwand an Propaganda geschürt werden musste.

Optimismus

Viele Grevener bewundern mich für meinen Optimismus und den Mut solche Ideen in die Welt zu setzen. Andere bedauern mich dafür. Eine der Schulen hier in Greven ist die nach Nelson Mandela benannte Gesamtschule. Skeptikern sage ich deshalb gerne: Mandela war 27 Jahre im Gefängnis, ehe er Präsident von Südafrika wurde und (immerhin dort) die Apartheit beendete. Ich hingegen bin noch nicht einmal drei Jahre in Greven.

Ist das Hoffnungskitsch? Der Philosoph Thomas Metzinger, dem ich kürzlich auf einem Vortrag an der Uni Münster zuhörte, nannte den Glauben an die Ökowende Hoffnungskitsch. Wir müssen uns mit dem Scheitern des Projekts der Klimawende abfinden, sagte er; nur dann könnten wir aus den nun nicht mehr vermeidbaren Folgen dieses Scheiterns das Beste machen. 

Ich jedenfalls bin »Optimist aus gesundheitlichen Gründen« sage ich zu sowas immer gerne. Pessimismus tut mir nicht gut, und meiner sozialen Umgebung auch nicht. Deshalb richte ich mich positiv auf die Möglichkeit aus, dass Greven in naher Zukunft auch in weltanschaulicher Hinsicht zur Brückenstadt wird. 

Montargis – ville de ponts

Nicht nur Greven kann das, auch Montargis. Auf der Wikipedia-Seite von dieser Stadt, auch auf der sehr ausführlichen französischen, finde ich nichts zur »jumelage« mit Greven. Viel steht da über Brücken, nichts über Völkerverständigung und auch nichts über die Verbindung dieser Stadt zu Greven. Da ich das Glück habe, Französisch zu verstehen und diese Sprache auch sprechen zu können, würde ich sehr gerne auch dort das Projekt »Montargis – ville de ponts« vertreten. Inklusive dem der »Ponts à travers les fossés ideologiques«.

P.S. Als Weihnachtsbotschaft von globalbidge.de flog mir gerade dieser Bericht von einem Erbauer realer Brücken im Sinne von „materieller Brücken“ zu: Toni Rüttimann. Bleibt noch, wie der Hrsg. Christian Müller am Ende zu Recht betont, das Erbauen von Brücken über die weltanschaulichen Gräben hinweg.

P.S. am 27.12. Heute morgen bei den WE-Einkäufen, wegen er Kälte in meinem kleinen PKW (ein alter Citroen C3) durch Greven fahrend, dachte ich: Was werden die Grevener wohl von meiner verrückten Idee halten, ihre Stadt als Brückenstadt neu zu definieren? Noch dazu „Brücken über weltanschauliche Gräben“? Der traut sich was, der Neue!!! Noch keine drei Jahre hier bei uns, und schon große Töne spucken über eine Neupositionierung unserer Stadt“! Recht haben sie, die Grevener. Der Neue nimmt wieder mal den Mund zu voll. Sowas muss ruhig angegangen werden und alle mit ins Boot holen. Also gemach, alter Junge. Es geht hier alles nicht so schnell. Gut Ding will Weile haben. Deshalb will ich u.a. auch unseren Heimatverein in der Sache kontaktieren. Zwei aus dem Vorstand dieses Vereins habe ich ja schon kürzlich am „Runden Tisch Kultur“ im Ballenlager kennengelernt und lerne gerne weitere Menschen kennen, die sich vielleicht mit meiner Idee anfreunden wollen. Treffen zu diesem Thema dürfen gerne bei mir im Aldruper Brink 75 stattfinden, wo wir ab Januar einen großen Raum zur Verfügung haben, eine 30 qm große Wohnküche, die auch für solche Treffen geeignet ist. Oder in einem Raum in der Kulturschmiede oder einfach in einem Grevener Café.