Bobby Langer veröffentlichte in dem von ihm betreuten Online-Buchladen »Neuer Weg« den Link zu einem langen Interview mit Chase Hughes, das sich mit der Steuerung unsere Wahrnehmung befasst. Denn heute ist der mit dem Internet verbundene Teil der Weltbevölkerung in so großem Maße von unerkannten Quellen gesteuert, dass man die Rezipienten dieser Einflüsse nicht mehr souverän nennen kann: Sie sind das Produkt des von den Quellen dieser Kommunikation Gewollten.
Experte für Verhaltenssteuerung
Chase Hughes verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung als Veteran der US-Marine und ist heute ein führender Experte für Verhaltensanalyse, Einflussnahme und Überzeugungsarbeit. Er entwickelte bahnbrechende Programme wie das »Behavior Pilot Program« für HUMINT, »CuePrime« zur Analyse von Verhörverhalten und den »Pre-Violence Indicators Index« zur Erkennung von Verhaltensweisen vor einem Angriff. Als Autor des Bestsellers »The Ellipsis Manual: Analysis and Engineering of Human Behavior« berät Hughes Strafverfolgungsbehörden, das Militär, Führungskräfte von Fortune-500-Unternehmen und viele mehr.
Als Mitglied von »The Behavior Panel« auf YouTube vermittelt er Wissen über Körpersprache und Täuschungserkennung. Als international zertifizierter klinischer Hypnotherapeut setzt er sich für den ethischen Einsatz der Verhaltenswissenschaften in den Bereichen Führung, Sicherheit und persönliche Entwicklung ein und nutzt dabei seinen militärischen Hintergrund, um lebensrettende Systeme wie »The Hostile Hospital« und »Tactical Psychology« zu entwickeln.
Hier nun der letzte Teil dies langen Interviews mit Chase Hughes.
Narrative steuern die Wahrnehmung
Es herrscht heutzutage viel Misstrauen – gegenüber Institutionen, den Mainstream-Medien – vielleicht bleibt bei den älteren Generationen noch ein bisschen Vertrauen übrig. Algorithmen sperren Menschen in eine Art Käfig dessen, was sie mehr sehen wollen. Es wird extrem personalisiert.
Was ist also die Definition eines SCOP (Symbolic Communication Output Product)? Es ist eine narrativ gesteuerte Steuerung der Wahrnehmung mit dem Ziel, Verhalten zu formen. Man füttert jemanden mit Informationen, bis er eine bestimmte Überzeugung oder Identität annimmt. Es geht weniger um Ideen als vielmehr um Identität – darum, wer du bist.
Tiefpunkt des Vertrauens
Wir befinden uns auf einem historischen Tiefpunkt, was das Vertrauen angeht. Die jüngsten Ereignisse haben Manipulationen deutlicher gemacht. Es gibt Spekulationen, dass manche Akteure bestimmte Entwicklungen beschleunigen, vielleicht aus Ego oder Dringlichkeit. Aber es ist klar, dass wir in Richtung Tribalismus gedrängt werden, in eine »Wir gegen die anderen«-Mentalität, die in allem verankert ist.
Wenn man auf die Menschheitsgeschichte zurückblickt, hat sich unser Gehirn für kleine Stämme entwickelt, für etwa 120 bis 150 Menschen. Seitdem hat sich unser Gehirn nicht wesentlich verändert. Aus einem Stamm verbannt zu werden bedeutete den Tod, nicht nur physisch, sondern auch genetisch. Diese Angst vor Beurteilung ist tief in uns verankert. Das öffentliche Sprechen wird nicht wegen der Handlung selbst gefürchtet, sondern wegen der Beurteilung.
Diese Angst wurde als Waffe eingesetzt, besonders in den sozialen Medien. Unser Gehirn ist auf begrenzte soziale Kreise ausgelegt, doch wir sind wir heute im Internet Tausenden oder Millionen von Menschen ausgesetzt. Soziale Medien wirken wie ein Placebo für Verbundenheit – wir verwechseln dabei Aufmerksamkeit mit Verbundenheit.
Die Illusion von Verbundenheit
Wenn Netzwerke über das hinauswachsen, was wir bewältigen können, entwickeln wir Apathie. Das zeigt sich im Bystander-Effekt: Menschen handeln in Notfällen nicht, wenn andere dabei sind. Wir sind abgestumpft.
Soziale Medien erzeugen emotionale Spitzen – Wut, Empörung, dann plötzliche Positivität – gefolgt von Werbung. Diese emotionale Manipulation spiegelt Hypnosetechniken wie Fraktionierung wider, bei denen emotionale Höhen und Tiefen den Einfluss verstärken.
Es gibt auch eine Epidemie der Einsamkeit trotz zunehmender Vernetzung. Soziale Medien vermitteln die Illusion von Verbundenheit, aber es fehlt an echter Tiefe.
Focus, Authority, Tribe, Emotion > FATE
Das FATE-Modell (Focus, Authority, Tribe, Emotion) erklärt Einfluss: Fokus, Autorität, Gemeinschaft, Emotion. Wenn jemand diese kontrolliert, kann er Verhalten formen. Soziale Medien manipulieren Fokus, Autorität (blaue Häkchen, Follower), Zugehörigkeit (Gruppenidentität) und Emotionen (Wut, Freude).
Dieses Modell gilt sogar für die Tiererziehung. Etabliere Fokus, Autorität, Zugehörigkeit und belohne dann mit Emotionen. Die gleichen Prinzipien bestimmen das menschliche Verhalten.
Es gibt keine mentale Firewall – wir sind alle verwundbar. Bewusstsein hilft, beseitigt aber nicht die Anfälligkeit. Gehirnstudien zeigen, dass Entscheidungen unbewusst getroffen werden, bevor wir glauben, sie zu treffen. Das Bewusstsein heimst danach die Lorbeeren ein.
In der modernen Gesellschaft hat das Misstrauen so stark zugenommen, dass Menschen sogar ihre eigenen Wahrnehmungen anzweifeln. SCOPs zielen darauf ab, die öffentliche Wahrnehmung durch kontrollierte Narrative zu formen.
Manipulation
Ein wichtiger Indikator für ein SCOP: wenn gegensätzliche Meinungen zum Schweigen gebracht werden. Wenn glaubwürdige Stimmen zensiert werden, deutet das auf Manipulation hin. Das erzeugt auch Angst – Menschen vermeiden es, sich zu äußern, um soziale Bestrafung zu vermeiden.
Zur SCOP-Planung gehört das Verstehen der Ziele: Überzeugungen, Werte, Identität und Kontext. Verhalten hängt stark vom Kontext ab – veränderst du den Kontext, ändert sich auch das Verhalten.
Menschen haben Grundbedürfnisse: Bedeutung, Akzeptanz, Anerkennung, Intelligenz, Mitleid und Stärke. Indem sie diese identifizieren, können Manipulatoren Ängste und Unsicherheiten ausnutzen.
Beeinflussung funktioniert oft in kleinen Schritten. Zum Beispiel führt die Zustimmung zu einer kleinen Handlung später zu größeren Verpflichtungen. Identität spielt dabei eine Schlüsselrolle – sobald sich jemand mit einem bestimmten Typ identifiziert, handelt er im Einklang mit dieser Identität.
Auf gesellschaftlicher Ebene wird so die Spaltung verstärkt. Algorithmen zeigen extreme Beispiele gegensätzlicher Ansichten, wodurch die andere Seite als irrational erscheint. Das erhöht die Feindseligkeit und stärkt die Gruppenidentität.
Idee → Ideologie → Identität
Der Verlauf ist dabei: Idee → Ideologie → Identität. Sobald Überzeugungen zur Identität werden, verteidigen Menschen sie um jeden Preis.
Maslows Hierarchie erklärt die moderne Spaltung: Sobald Grundbedürfnisse erfüllt sind, konzentrieren sich Menschen auf Zugehörigkeit und Identität. Soziale Medien nutzen dies aus, indem sie künstliche Zugehörigkeit anbieten.
Spaltung schwächt Gesellschaften. Ob nun durch Algorithmen, Gewinnstreben oder geopolitische Strategien. Fragmentierung und ein verminderter Zusammenhalt sind das Ergebnis.
Letztendlich zielen viele dieser Systeme – Medien, Algorithmen, Werbung – darauf ab, Verhalten zu beeinflussen. Ob absichtlich oder ungewollt, sie prägen unsere Wahrnehmung in großem Maße.
Diese Mechanismen zu verstehen, ist entscheidend. Zu erkennen, wann dein Fokus, dein Autoritätsgefühl, deine Gruppenidentität oder deine Emotionen manipuliert werden, ist das Beste, was du zu deinem Schutz tun kannst.
P.S.: Das Aufmacherbild dieses Blogeintrags hat die Steuerung der Wahrnehmung als Thema, indem es zeigt, wie je nach gezeigtem Ausschnitt aus der Wirklichkeit mal hier das Opfer und dort der Täter zu sehen ist, mal umgekehrt. Und auch dieses Bild steuert die Wahrnehmung. Hier mit dem Ziel, eben dies zu erkennen.