Stell dir vor, jemand hätte dir einen persönlichen Kontakt empfohlen, eine für dich wichtige Persönlichkeit, von der du sehr profitieren könntest. Ihr seid in der Lobby eines internationalen Hotels verabredet, wo man sich gerne mal für erste Kontaktgespräche trifft. Du hast viel zu tun, deine Termine sind eng getaktet, aber zwei Tage vor eurem Treffen hast du dich über diese Person näher informiert und unwiderlegliche Informationen erhalten, dass dieser Mensch jemand ist, bei dem Vergewaltigung, Folter und Mord zum täglichen Geschäft gehören. Wie würdest du reagieren, was würdest du tun?

Würdest du zu dir sagen: „Ist mir doch egal.“ Oder: „Das kann und will ich nicht glauben.“ Oder: „Das ist mir zu komplex.“ Letztlich: Würdest du dich zu deinem eigenen Vorteil mit diesem Mann treffen, ihm ein wenig schmeicheln, ihm deine guten Verbindungen anbieten und herausholen, was herauszuholen ist, mit ihm lukrative Geschäfte machen? Oder würdest du den Kontakt absagen und lieber einen schönen Nachmittag mit deiner Familie oder Freunden verbringen?

Darf Demütigung sein?

Ich will das mal so stehen lassen. Die Fragen sind ernst gemeint und natürlich auch an mich selbst gerichtet. Auf den ersten Blick haben sie nichts mit Gerechtigkeit zu tun, auf den zweiten Blick jede Menge. Am Gymnasium war ich ziemlich gut in Latein, meiner ersten Fremdsprache. In der 9. Klasse hatten wir einen Lateinlehrer, der die guten Schüler bevorzugte und die schlechten misshandelte. Das hat er so gemacht: Er rief den betreffenden Schüler zur Übersetzungs- oder Grammatikabfrage vor die Klasse und prüfte ihn. Da er schlecht in Latein war, fiel es dem Lehrer nicht schwer, ihm Fehler nachzuweisen. Selbst wenn der Schüler so gut wie möglich gelernt hatte, bohrte dieser Sadist so lange in ihm herum, bis sein Opfer vor der Klasse in Tränen ausbrach. Ich habe diesen Lateinlehrer wegen seiner Ungerechtigkeit gehasst und ihn mehrfach für sein Verhalten zur Rede gestellt. Daraufhin versuchte er, sein Demütigungsritual auch an mir zu erproben. Ich schützte mich vor ihm mit intensivem Lateinlernen.

Wir alle haben ein Gefühl für Gerechtigkeit. Einer unserer ersten moralischen Sätze als Kind lautet: „Das ist aber ungerecht!“ Für Ungerechtigkeit haben wir ein feines Gefühl. Sie hat häufig mit Unverhältnismäßigkeit zu tun – oder wie im Fall des Lateinlehrers mit dem Ausspielen von Macht. Wenn ich meine Tochter auf den Schoß nehme und tröste, aber zu meinem Sohn in einem vergleichbaren Fall sage: „Sei ein Mann, da musst du durch“, dann ist das nicht nur dumm und gemein, sondern auch ungerecht.

Wird Widerstand jemals zur Pflicht?

Gerechtigkeit findet nicht nur auf der persönlichen Ebene statt, sie ist ein wichtiges Motiv für soziales und politisches Handeln. Ungerechtigkeit hat in der Weltgeschichte zu Aufständen und Revolutionen geführt. Ich denke, die sozialen bzw. asozialen Aspekte von Ungerechtigkeit muss ich hier nicht behandeln, sie leuchten jedem ein. Weniger augenfällig ist die politische Ebene. Wie auch immer man zu Mehrheitsentscheidungen steht, sie haben auf jeden Fall etwas mit Gerechtigkeit zu tun. Dasselbe gilt für Geschlechtergerechtigkeit oder die Gleichheit vor dem Gesetz. Ein Rechtsstaat heißt so, weil er sich für gerechtes staatliches Handeln einsetzt und zuständig sieht. Gehört Unrecht zu den Grundlagen eines Staatswesens – etwa im Fall des Gottesgnadentums absolutistischer Herrscher der Anspruch, von Gott persönlich eingesetzt zu sein, oder im Fall des Nationalsozialismus die systematische Diskriminierung und Verfolgung von Minderheiten –, dann verliert ein solcher Staat seine moralische Legitimation und Widerstand „wird zur Pflicht“. Nicht umsonst gibt es den Artikel 20 Absatz 4 im deutschen Grundgesetz: „Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist“ – ein Artikel, der weltweit ziemlich einmalig und vorbildlich ist – theoretisch.

Die Beliebigkeit der Moral

Auch auf internationaler Ebene hat man im Nachgang des Zweiten Weltkriegs versucht, Gerechtigkeit auf zwischenstaatlicher Ebene zu etablieren. Deshalb wurden die Vereinten Nationen gegründet. Allerdings haben zwei Prinzipien von Anfang an das Gerechtigkeitsprinzip der UNO ad absurdum geführt: Fünf Staaten waren „gleicher“ als alle anderen: Großbritannien, Frankreich, Russland, die USA und China – die sogenannten Siegermächte. Sie konnten und können mit einem „Nein“ jede Abstimmung der restlichen 188 Staaten ungültig machen. Dabei ergibt sich die noch wichtigere Frage: Welche Interessen sorgen dafür, dass es zu einem solchen „Nein“ kommt? Ungerechtigkeit ist also ein Gründungsprinzip der UNO. Hinzu kommt, dass es keine Instanz gibt, die eine einstimmige Resolution der UNO durchsetzen könnte. Der parallel zu den Vereinten Nationen gegründete Internationale Gerichtshof (IGH bzw. ICJ) ist ähnlich impotent. Da er über keine eigene Polizei oder Vollstreckungsbehörde verfügt, ist es den Staaten überlassen, ob sie sich um rechtskräftige Urteile scheren oder nicht.

Auch die selbst ernannten Rechtsstaaten handeln nach Gutdünken an Urteilen des IGH vorbei. Als dieser kürzlich gegen den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu einen Haftbefehl erließ, setzte der deutsche Staat Staatsräson über Gerechtigkeit und Bundeskanzler Friedrich Merz lud Netanjahu nach Deutschland ein. Die Situation war also sehr ähnlich der eingangs geschilderten. Wie sich Merz entschieden hat, wissen wir.

Macht mich das krank?

Ich selbst frage mich in solchen Situationen: Bin ich einfach nur naiv oder dumm, wenn ich an rechtsstaatliche Prinzipien glaube? Und wenn ich das nicht tue, sondern sie durch Prinzipienlosigkeit ersetze, durch Willkür oder Beliebigkeit, was geschieht dann mit mir? Wenn ich gegen ein als richtig erkanntes Gesetz verstoße, nur weil mir das gerade besser in den Kram passt? Und wenn ich das so täte, wie könnte ich dann von irgendjemandem erwarten, dass er mich ernst nimmt, dass er sich auf mich verlässt, dass er zu mir hält, obwohl er weiß, dass auf mich im Zweifelsfall kein Verlass ist? Moral ergibt doch nur dann Sinn, wenn sie eine gemeinsam verabredete ist. (Dabei ist mir bewusst, dass auch Moral verbrecherisch sein kann, aber das wäre ein anderes Thema.) Wie verhalte ich mich einem Rechtsstaat gegenüber, der politischen Mord per Drohne offen unterstützt und sich als Bündnispartner von Kidnappern, Piraten und Massenmördern versteht? Helfen dann nur noch Verdrängung, Wegschauen und/oder Ignoranz? Oder das sich Einschließen in eine beruhigende Echokammer mit Gesinnungsgenossen? Macht mich so etwas am Ende krank?

Last, but not least: Wie verhalte ich mich gegenüber einer Zivilisation, für die Lebendigkeit und Leben keinen Wert darstellen, die aber das Gegenteil von sich behauptet? Loyal? Wo hadere ich noch und ab wann beginnt Doppelmoral? Öffne ich mich ihr einen Spaltbreit oder gleich mit Tür und Tor? Ab wann verliere ich bei sowas meine Selbstachtung?