Kürzlich sprach ich mal wieder mit einer Naturschützerin, die seit vielen Jahren die Grünen unterstützt. Sie ist so sehr Naturschützerin, dass sie ebenso wie ihr Lebensgefährte alle Fahrten mit dem Fahrrad oder den Öffis erledigt. Beide haben aus diesen Gründen konsequenterweise nicht einmal einen Führerschein gemacht, um nicht in Versuchung zu geraten, eben doch mal schnell ein Auto zu nutzen.
Wir hatten uns viele Jahre lang nicht gesehen. Fast unvermeidlich streiften wir im Gespräch auch die aktuelle politische Lage, die sie ebenso wie mich belastet. Auch ich habe viele Jahrzehnte lang die Grünen unterstützt. »Seit sie olivgrün geworden sind«, tue ich das nicht mehr, das ist die Kurzformel, mit der ich die Wende in meiner politischen Überzeugung oft beschreibe. Aus meiner Sicht sind alle Parteien im aktuellen Bundestag Kriegstreiber und Diplomatie-Verweigerer, nur die Linken sind darin immerhin ambivalent.
Putin ist »zu allem fähig«
Das folgende Gespräch drehte sich um Fakten. Vor allem um weltpolitische Fakten und die Tatsachen der osteuropäischen Vorgeschichte des Ukrainekriegs. Meine Gesprächspartnerin verteidigte erbittert die aktuelle Haltung der Grünen zum Ukrainekrieg, immer wieder mit dem Kernargument, man müsse das angegriffene Land unterstützen, andernfalls würde man durch Untätigkeit den Aggressor belohnen, der dann »zu allem fähig« sei und schließlich auch die Bundesrepublik angreifen würde. Putin sei ein Psychopath. Mein Einwand, dass auch Trump ein Psychopath sei, brachte sie nicht davon ab, gleich beiden die Loyalität zu kündigen. So unberechenbar Trump auch sei, sagte sie, wir bräuchten die NATO, um uns gegen Putin verteidigen zu können.
Wie so oft in solchen Diskussionen änderten meine Einwände nichts an ihrer politischen Haltung. Konnte sie aktuell vielleicht nicht zugeben, dass meine Argumente bei ihr vielleicht doch etwas bewirkt hatten? Manchmal hilft ja das ‚drüber schlafen‘. Auch ich halte in einer Debatte gerne an meiner Position fest, in der Nachwirkung jedoch weicht die Festigkeit meiner Haltung manchmal immerhin ein bisschen auf.
Generell ist es jedoch nicht so, dass die Vermittlung glaubwürdiger Fakten die Änderung einer politischen, religiösen oder sonst wie weltanschaulichen Überzeugung bewirkt. Mein Eindruck ist, dass das heutzutage sogar mehr gilt als je. Warum ist das so?
Infofluten
Der Zugang zu Informationen ist heute leichter denn je. Um uns zu informieren brauchen wir nicht mehr in Bibliotheken zu gehen oder uns gedruckte Zeitungen zu besorgen. Übers Internet geht das viel schneller. Mithilfe von KI noch schneller. Quellenprüfung war schon immer nötig, auch die geht heute schneller und leichter denn je. Sogar Sprachbarrieren spielen dabei kaum mehr eine Rolle, die Qualität maschineller Übersetzungen ist bereits hoch und steigt weiter.
Durch die heute viel größere Masse zugänglicher Informationen ist jedoch auch die Masse an Informationen, die meine politische Überzeugung bestätigen, viel größer. Der confirmation bias wirkt deshalb zuverlässiger: Ich kann mir heute viel leichter die Informationen besorgen, die meine politische Haltung bestätigen. Mit den ebenso leicht zugänglichen zugehörigen Argumentationsketten muss ich nicht einmal mehr groß nachdenken, um meine Behauptungen zu begründen, das haben andere schon vor mir gemacht und oft besser als ich es je könnte.
So bleibt es bei den Bubbles, und man kuschelt sich weiterhin in die eigene Echokammer. Die Infofluten, die an den Mauern um diese Kammern anbranden, verstärken diese sogar noch, anstatt durch die Poren der Abgrenzungen, die eigentlich Membranen sein sollten, Korrekturen des eigenen Weltbildes zuzulassen. Dialoge von Echokammer zu Echokammer sind anstrengend und ermüdend, weil es dabei so viel Faktisches zu berücksichtigen und zu diskutieren gibt, entsprechend seltener geschehen sie.
Die begrenzte Relevanz von Fakten
Nach einer Stunde des Gesprächs mit meiner die Grünen loyal unterstützenden Gesprächspartnerin war ich müde und erschöpft. Sie war es, die mehr Ausdauer dabei hatte als ich und die Diskussion fortsetzen wollte. Es war der erste Mai, strahlendes Wetter, ein Frühlingstag wie aus dem Bilderbuch. Warum vermiesten wir uns diesen schönen Tag durch unser Gespräch über Waffenlieferungen in Kriegsgebiete?
In der Nachwirkung dieses Gesprächs fragte ich mich nicht, wie sonst manchmal, welche Tatsache ich vielleicht versäumt hatte, ihr mitzuteilen, um sie doch noch umzustimmen. Stattdessen blieb diesmal das Bedürfnis zu verstehen, wie sich überhaupt und speziell heutzutage generell politische Haltungen ändern können. Mein vorläufiges Fazit ist: Sie ändern sich jedenfalls nicht durch den Hinweis auf Tatsachen, die der zu Überzeugende vielleicht übersehen oder für unwesentlich gehalten hatte.
Auf den Filter kommt es an
Politische Überzeugungen ändern sich nur, wenn die Persönlichkeit ihres Trägers sich ändert, denn diese bestimmt den Filter, der entscheidet, welche Fakten in die Echokammer reingelassen werden. Da die Masse der Fakten, die da außerhalb dieses Filters darauf warten eingelassen zu werden, so viel größer ist als je in der Geschichte menschlicher Kultur, ist die Bedeutung dieses Filter auch entsprechend größer.
Als wir die für uns Menschen relevanten Informationen noch nicht über Radio, Fernsehen, Zeitungen oder das Internet bekamen, sondern am Lagerfeuer unseres Stammes oder beim Wasserholen am Dorfbrunnen, konnte eine einzige kleine Information noch große Wirkung entfalten. Zu wissen wo es im Wald die besten Früchte gab und wo in der Savanne eine Antilopenherde ahnungslos graste oder wer in der Gemeinschaft einem anderen übelwollte, war wichtig und hatte Wirkung auf Blickrichtung und Verhalten des Empfängers.
Erschütterungen
Heute ändern Menschen ihre Blickrichtung auf sich selbst und die Welt nur durch tiefe persönliche Erschütterungen. Gesundheitskrisen, Verlust eines Partners, Kündigung, Scheitern eines eigenen Projektes, Nahtoderfahrungen können einen solchen Reset bewirken und zu Fragen führen wie: Wer bin ich eigentlich, warum tue ich das alles, was hat das für einen Sinn? Auch Reisen in andere Kulturen können das bewirken, weil man da mit den eigenen gewohnten Verhaltensweisen konfrontiert wird, die in anderen Kulturen vielleicht verurteilt werden, dort zumindest aber befremden. Es sollten jedoch besser keine organisierten Reisen sein und schon gar nicht per Kreuzfahrtschiff. Auf sich allein gestellt in einem fremden Land, dessen Sprache man nicht spricht, ist dafür das Beste.
»Alternative Wahrheiten«
Zu Beginn der ersten Amtszeit von Donald Trump kam die Nobelpresse der westlichen Welt nur schwer damit zurecht, dass dieses Land, das so stolz ist auf seine Pressefreiheit, »so einen« gewählt hatte. Der hatte doch bereits im Wahlkampf eine Lüge an die andere gereiht. Nun ließ er bei öffentlicher Widerlegung seiner Behauptungen seine Pressesprecherin auch noch von »alternativen Wahrheiten« sprechen, als gäbe es neben der tatsächlichen Wirklichkeit noch andere, ebenso glaubwürdige.
Die Washington Times zählt neben der New York Times zu den ganz großen Institutionen des von Werten wie Wahrheit und Wahrhaftigkeit geradezu besessenen investigativen Journalismus. Sie reagierte auf diese Lügenexzesse mit einem Redaktionsteam, das die Aussagen des Präsidenten Tag für Tag auf Lügen und Irrtümer hin untersuchte, penibel genau und verlässlich, getragen von der Haltung, dass es entscheidend darauf ankäme, was Fakt ist und was nicht.
Science, evidenzbasierte Wissenschaft heißt, eine These gilt nur so lange, bis sie durch eine belegbare Beobachtung im Konsens verabschiedet wird. Dies gesellschaftlich durchzusetzen gehörte zu den Zielen der Aufklärung und der darauf basierenden Demokratien seit 1776 und 1789, es sollte auch heute die Richtschnur sein bei der Beurteilung von Politikern, meinte die Washington Times und sah sich mit ihrem Faktencheckteam als Vorhut der Wahrheitsfindung gegenüber diesem erratischen Präsidenten, der diese schönen Werte so krass missachtete.
Willkommen im Post-Truth-Age
Nur – diese Faktenschecks erwiesen sich als wirkungslos. Kaum einer von den Unterstützern des Präsidenten wechselte daraufhin das Lager. Das Ziel war nobel, die Wirkung jedoch war nahe null, sodass einige Beobachter daraufhin schon das Post-Truth-Age ausriefen, das Zeitalter nach der Ausrichtung unserer Zivilisation auf Werte wie Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Ich meine jedoch, dass das Streben nach dem Wahren, Guten und Schönen uns nach wie vor motivieren und leiten sollte. Nur müssen wir dabei die Wirkung der heutigen Infofluten auf unsere Wahrnehmungsfilter berücksichtigen.
Verglichen mit dem Tratsch am Dorfbrunnen und dem Austausch von Wissen am einstigen Lagerfeuer ist die heute für uns zugängliche Informationsmenge mindesten millionenfach höher. Wir müssen heute mindestens tausend mal tausend mehr Infos auf Relevanz hin durchsieben als damals. Das ist mehr als ein Mensch psychisch und kognitiv leisten kann, denn diese Anforderung ist evolutionär neu.
Wir und die KI, wer hilft da wem?
Ich halte es nicht für unmöglich, uns dabei von KI helfen zu lassen. Die Gefahr dabei ist jedoch, dass dabei eventuell nur wir der KI helfen, uns besser steuern zu können. Mehr als das sie uns hilft, unser Leben besser steuern zu können. Meines Erachtens können wir heute weniger denn je auf Weisheit verzichten. Wissenserwerb, das war gestern: Heute brauchen wir Weisheit – auch und insbesondere im Umgang mit KI. Und nur Persönlichkeitsentwicklung führt dort hin: die Entwicklung unserer Ich-Identität, die Selbstwerdung oder Individuation.
Deshalb, Leute: Prüft eure Wahrnehmungsfilter! Pflegt Dialoge jenseits eurer Echokammern! Gebt bei einem Konflikt der Möglichkeit Raum, den Gegner vielleicht bei einer anderen Auswahl von Fakten verstehen zu können. Schaut zuerst nach der Schnittmenge zwischen eurem Faktenmaterial und dem eurer Gegner und erst dann, wenn diese Schnittmenge gefunden und kommuniziert wurde, nach den Fakten, die Teil der Basis eurer eigenen Überzeugung sind aber nicht der des Gegners. Auch wenn diese »eigenen Fakten« noch so wahr und noch so relevant sind, wenn sie nur zu den Grundfesten deines eigenen Weltbildes gehören, aber nicht zu denen der gegnerischen Partei, sind sie im Falle eines Konfliktes eher Zankapfel, als dass sie beim Gegner auch nur ein milde zustimmendes Aha auslösen würden, geschweige denn ein Heureka.
Für wen halten wir uns eigentlich?
Auch wenn auf beiden Seiten keiner lügt und keiner sich in Bezug auf irgendwelche Tatsachen irrt, kann der Konflikt sich fortsetzen und eskalieren. Faktenschecks allein sind dagegen machtlos. Relevanzchecks sind schon ein kleiner Schritt hin zu Versöhnung und Frieden: Wie relevant sind deine Fakten in Bezug auf die strittigen Themen zwischen uns, und wie relevant sind es meine?
Es braucht dann jedoch noch einen dritten Schritt: Wer bist du? Womit identifizierst du dich? Passt das zu dem, womit ich beziehungsweise wir uns identifizieren gegenüber dem, womit ihr euch identifiziert? Damit wären wir bei der zentralen Frage der menschlichen Selbsterkenntnis, die so wuchtig am Eingang des größten Heiligtums der Antike, des Apollotempels zu Delphi, den Pilger innehalten ließ: Gnothi seauton – Mensch erkenne dich selbst!
Für wen halten wir uns eigentlich? Nur von dort aus kann Frieden gelingen.