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Sich beheimaten

Oktober 10 @ 19:00 - 21:00
Kostenlos

Vortrag mit Lichtbildern am 10.10.26 um 19 h im Heimatverein Greven 

Ich werde aus meinem persönlichen Leben erzählen und dabei auch das politisch sehr beladene Thema der Migration ansprechen.

Wir alle haben Heimatgefühle. Für die meisten von uns sind das Gefühle der Anbindung an den Ort, an dem wir geboren wurden und aufgewachsen sind. Viele von uns haben diesen Ort verlassen, als sie erwachsen wurden. Andere wurde daraus vertrieben, aus politischen Gründen oder weil sie dort aus kulturellen oder religiösen Gründen nicht bleiben konnten oder wollten. Andere, weil sie dort ihren Lebensunterhalt nicht verdienen konnten. 

In diesem Vortrag möchte ich Heimat als ein Verb verstehen. Als etwas, das in Bewegung ist. Wir beheimaten uns und können uns auch wieder entheimaten. Das kann freiwillig geschehen, wenn wir hinaus wollen, um die Welt zu erkunden und woanders unser Glück zu versuchen. Es kann auch unfreiwillig geschehen, wenn wir vertrieben oder sozial ausgegrenzt werden und dann fliehen. 

In meinem Verständnis sind wir Menschen zwischen Geburt und Tod immer auf einer Heldenreise. Unsere erste Heimat ist der Uterus unserer Mutter. Dann ist unser erstes Zuhause, wenn wir Glück haben, das einer intakten Familie. Dazu gehört eine geografische Umgebung, die Tiere und Pflanzen dieser Region, ihre Gerüchte und Klänge, die Sprache, in der wir aufwuchsen, oft ist es der Dialekt bzw. die Sprache unserer Mutter. Das ist dann für uns Heimat. Mal beglückend, mal durchwachsen, und immer in Bewegung. 

Unser Lebensweg ist dann von wechselnden Bindungen geprägt, die immer auch Beheimatungen sind. Migrationen von einem Job zum anderen, oft auch von einem Land zum anderen, von einer Beziehung, Freundschaft, Partnerschaft in eine nächste. Wir binden uns und verlassen Bindungen auch wieder. Mal verlassen wir sie freiwillig, mal werden wir verlassen. 

Die heutige multikulturelle Gesellschaft ist noch mehr von solchen Wechseln und Migrationen geprägt als frühere Gesellschaften. Zwar waren bis vor 10.000 Jahren alle Nomaden, in Mitteleuropa sogar noch bis vor etwa 7.000 Jahren. Damals wechselte unsere geografische Umgebung sehr oft, dafür war unsere Stammeszugehörigkeit relativ konstant. Am Ende des Lebens aber müssen wir, damals wie heute, die Beheimatung in diesem Körper verlassen. Ob wir uns danach in einer anderen Welt neu beheimaten, ist eine Frage, auf die die Religionen sehr verschiedene Antworten geben. 

Ich möchte in diesem Vortrag Verständnis schaffen dafür, wie sehr unser individuelles und auch kollektives Leben unvermeidlich immer von Wechsel geprägt ist. Von Bindungen, die geschaffen werden oder entstehen und wieder aufgegeben werden, weil sie irgendwann nicht mehr passen. 

Hermann Hesses Gedicht »Stufen« zeigt diese Bewegung als einen ewigen Wandel, dem wir uns nicht verweigern sollten. Goethe bringt den unvermeidlichen Wandel in unseren Beheimatungen noch krasser auf den Punkt: »Eh du dies nicht hast, dieses Stirb und werde, bist du nur ein trüber Gast auf der dunklen Erde.« Wir entwachsen alten Heimaten und sterben in neue hinein.

Wer die bei diesem Wandel entstehende Ängste und Schmerzen lindern will, sollte sich seinen aktuellen Zugehörigkeiten, seinen Identitäten bewusst werden. Besser, wir binden uns sehenden Auges, bei Bewusstsein. Dann sind die unvermeidlich entstehenden Schmerzen geringer, wenn etwas, das angefangen hat, eines Tages wieder aufhört. Und sei es das eigene Leben, oder das eines Nahestehenden. 

Noch mehr als in geografischen Umgebungen beheimaten wir uns in persönlichen Liebesbeziehungen zu anderen Menschen. Für die meisten von uns ist das das höchste vorstellbare Glück. Aber auch aus diesen Bindungen können wir vertrieben werden oder wollen sie eines Tages verlassen. Deshalb ist es gut, sich außerdem noch in etwas Größerem zu beheimaten. Für viele ist das ein Kollektiv. Das kann ein Freundeskreis sein, eine Heimatstadt oder -region, ein Land, ein Dialekt, eine Sprache.

Aber auch das ist nicht beständig. Das einzige Beständige ist die Natur selbst, der wir entstammen, wenn man sie als das Ganze versteht, aus dem unser Planet und seine lebendige Oberfläche entstanden sind. Manche nennen das, was jenseits des Wandel besteht, Gott und entwickeln dazu eine persönliche Ich/Du-Beziehung. Andere nennen es ‚das große Ganze‘, das Universum, das Unfassbare. Das, was uns hält und immer auffängt, egal wie tief wir fallen. Um uns dem anvertrauen zu können müssen wir nicht gläubig sein.

Bei diesem Vortrag im Veranstaltungsraum des Heimatvereins Greven werde ich auch Bilder zeigen, die mit dem Beamer an die Wand geworfen werden. Bilder aus meinem Leben, das von vielfältigen Migrationen geprägt war. Ich möchte mit den Bildern, Worten und Grafiken dazu beitragen, das gesellschaftliche, politische, psychische und philosophische Thema der Migration besser zu verstehen.

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