Aufgewacht oder noch halb im Schlaf?
Erleuchtung & Erwachen, was ist damit überhaupt gemeint? Sind das irreversible Stufen der Persönlichkeitsentwicklung, die jeder erklimmen kann? Und wer das wuppt, gelangt der dann ans andere Ufer, vom Weltlichen ins Göttliche, das Himmelreich auf Erden? Oder ist es so wie beim Erwachsenwerden, dass unsere Persönlichkeitsentwicklung eine allmähliche ist. Weil doch »alles fließt« (pantha rhei), wie Heraklit einst schrieb, seitdem tausendfach wiederholt von klugen, der Weisheit verdächtigen Menschen?
Kipppunkte
Oder ist es so wie bei den Trainern aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten, die ihre Klienten mit aller Kraft zu einem powervollen Breakthrough ermutigen – ich hatte mal so eine Trainerin. Oder die Erleuchtungslehrer, die drauf warten, dass ihre Schüler »aufwachen« – manchmal schubsen sie sie sogar dorthin. Das würde bedeuten, dass es auch in der Persönlichkeitsentwicklung Kipppunkte gibt, so ähnlich wie in der Ökologie, nach denen ist »alles anders«.
Diese Thematik interessiert mich schon lange. Sie erscheint beispielsweise auch in der Historie des Zen in Japan. Dort sind die beiden größten Traditionen die Lehre des Rinzai, die auf den Zenmeister Hakuin zurückgeht. Rinzai lehrt mit den intellektuell unlösbaren Rätseln der Koans den Weg der abrupten Veränderung durch Satoris (spontanes Aufwachen). Die Schule des Soto hingegen lehrt den Weg der allmählichen Veränderung durch Zazen, das geduldige Sitzen in Stille.
»Unbeschreibliche« Erfahrungen
Auch Ken Wilbers zwei neueste Bücher beschäftigen sich damit. Am eindringlichsten in Finding radical Wholeness stellt Wilber zwei Stufenwege vor und betont dabei in schier unablässigen Wiederholungen eindringlich wie wichtig die Unterscheidung zwischen dem Erwachen einerseits und dem Stand der Persönlichkeitsentwicklung andererseits ist. Im Erwachen erleben wir die Wirklichkeit so, wie sie ist. Je nach der Stufe der Persönlichkeitsentwicklung, in der wir verankert sind, interpretieren wir diese Erfahrung jedoch sehr verschieden.
Die Erfahrung des Erwachens ist immer »unbeschreiblich«. Wir Menschen sind jedoch nicht nur närrische, sondern narrative Wesen. Das heißt, wir erzählen uns selbst und unseren Menschen fast unablässig wer wir sind und was wir erlebt haben. Als solche narrative Wesen haben wir das Bedürfnis unsere Erfahrungen zu beschreiben, auch die »unbeschreiblichen«, denn nur so können wir sie einordnen, womit wir sie zugleich interpretieren.
Stufen der Entwicklung
Die Beschäftigung damit und mit den Stufen in meinem eigenen persönlichen Weg haben mich dazu geführt, mit Christian Meyer wieder in Kontakt zu treten. Vor vielen Jahren hatte er mal in Berlin einen Auftritt von mir im Galli-Theater gesehen, in dem ich in meiner One-man-Show »Alles ist eins – und noch eins drauf« alles durch den Kakao zog: Yoga ebenso wie Tantra, Satsang und Channeling, die Motivationstrainer im Dopamin-High ebenso wie die Lehrer des Aufstiegs der Kundalini. Christian war sichtlich irritiert und fragte mich nach meinem Auftritt, ob ich denn »an gar nichts glaube«.
Am 28. Juni trafen wir uns nun in diesem Zoom-Call wieder, in dem wir zuerst das Thema der Religiosität im 21. Jahrhundert streiften. Diesbezüglich sind wir uns einig in der Hoffnung, dass mit der Entsorgung der alten Religionen nicht »das Kind mit dem Badewasser« ausgeschüttet, das heißt, auch die Mystik mit entsorgt werde. Dann gehen wir in unserem Dialog über zum Thema der Persönlichkeitsentwicklung, zu dem er ein ausgefuchstes und ziemlich überzeugendes Konzept präsentiert, das auch das Aufwachen enthält. Zu seinem Konzept der Erleuchtung – entweder du hast es, oder du hast es nicht –, sage ich schließlich, dass mir das zu dual sei. Am Ende des Gesprächs entschließen wir uns, den Dialog fortzusetzen. Mit dann hoffentlich besserer Aufnahmetechnik und – mein Wunsch – gerne auch mal face to face auf Gut Frohberg oder in Berlin.
Erleuchtungsstreber oder durchlässige Ichs?
Wenn ich mein Konzept der Weisheitsfindung heute in wenigen Worten zusammenfassen sollte, würde ich sagen: Ich bin vom Erleuchtungsstreber, der ich als 23-jähriger buddhistischer Mönch war, zum Freund der Durchlässigkeit geworden. Das Göttliche ist in uns und überall um uns herum, wir können es nicht vermeiden. Aber auch die Schale oder Membran, mit der wir als Individuen uns umgeben, um uns zu schützen und als etwas Separates, Besonderes auszuzeichnen, ist wichtig. Diese Membran des individuellen Ich ist nicht bloß das blöde, von uns spirituellen Strebern zu überwindende Ego, sondern ebenso wichtig wie das Göttliche, Grenzenlose, die Transzendenz.
Unser Gespräch über Erleuchtung und Transzendenz wollen Christian Meyer und ich jedenfalls fortsetzen. Michael Habecker von den Integralen hat mir dazu schon seine Anmerkungen geschickt. Ich freue mich über weitere Kommentare und Ergänzungen, sei es hier im Blog oder in meinem Youtube-Kanal, der auch noch viele andere Filme enthält; ihr könnt ihn abonnieren.
Meine Vision von Religiosität im 21. Jahrhundert findet ihr als Leitartikel der Juli-August Ausgabe von KGS-Berlin dort im Print sowie auch online.
ChatGPT interpretiert die aktuelle Polykrise
Die aktuellen Polykrise hinterlässt viele von uns mit Ohnmachtsgefühlen. Höchst interessant finde ich in diesem Kontext und auch in dem von der Möglichkeit eines Erwachens den Talk von Salvatore Princi mit ChatGPT, in dem ChatGPT4.0 auf die Bedeutung der Haltung hinweist als etwas, das noch wichtiger sei als das, was wir tun. Wir sind eben nicht bloß human doings, sondern viel mehr human beings. Am Ende des Talks weist die KI nämlich die Identität hin, das Ich, die Persönlichkeit, für die wir uns halten. Das sei das Wesentliche, womit wir der apokalyptischen Fahrt unserer Zivilisation vielleicht noch eine Wende ins Positive geben könnten. Damit wären wir wieder bei der zentralen Frage: Wer bin ich? Und du, für wen hältst du dich?
Auszeit in Greven
Hier möchte ich auch nochmal auf unseren entstehenden Retreatplatz hinweisen, den Aldruper Jurtengarten. Dort könnt ihr ab September wochenweise eine Auszeit nehmen, die deutlich weniger kostet als das von mir seit Jahren favorisierte Upleven an der Nordsee. Ein Einzelner kannst du dir bei uns für 350 € pro Woche eine Auszeit nehmen, mit täglicher Meditation, Gespräch, bei Bedarf Einzelcoaching. Auf Anfrage auch statt Bezahlung im Tausch gegen Mitarbeit.
Weitere Veranstaltungen von und mit mir findet ihr in unserem Eventkalender auf der bald neu gestalteten Seite connection.de
Deutschland & Israel, gemeinsam aggressiv
Sich wegducken und nichts wissen wollen, ist kein Weg zum Frieden. Innerer Frieden ist gut für die Gesundheit und macht krisenfest, aber wenn »da draußen« von unserer Gesellschaft ein Krieg vom Zaun gebrochen wird, ist es schwer – oder wäre sogar zynisch – den inneren Frieden aufrechtzuerhalten. Deshalb findet ihr hier immer wieder Links zur politischen Lage.
Zum Beispiel wusstest du vielleicht noch nicht, wie eng BND und Mossad zusammenarbeiten. Insofern trägt Deutschland nicht nur durch seine umfangreichen Waffenlieferungen an Israel, sondern auch durch seine Kooperation der Geheimdienste Mitschuld an den Kriegsverbrechen der Netanyahu-Regierung.
Krasser stellt der Artikel Völkermord als Selbstverteidigung von Peter Hänseler die Kooperation westlicher Politiker und Medien mit den Zionisten dar – und damit unsere Mitschuld, wenn wir dies hinnehmen und darüber schweigen. Hänseler belegt seine Thesen nach akribischer Recherche mit vielen Fakten, stellt die Täter allerdings aus Wut über das Ausmaß der Verbrechen fast ohne Verweis auf ihre eigenen Opfergeschichten dar. Das ist zwar wahrhaftig, aber nicht versöhnlich.
Vom 13. bis 15. Juni 2025 fand in Wien ein von Juden organisierter antizionistischer Kongress statt. Gut, dass es diese Stimmen gibt! Sonst könnte der Eindruck entstehen, dass ‚alle Juden‘ den Völkermord in Gaza tolerieren, weil so viele ihn unterstützen und auch die die Mehrheit der Juden und Israelis da lieber nicht so genau hingucken will. So wie einst die Deutschen im Holocaust erst Mitläufer waren und danach nichts gewusst haben wollten. Hut ab auch vor dem Mut der israelischen Tageszeitung Haaretz.
Ach, Osteuropa …
Ralph Bossard schrieb auf Globalbridge in seinem Artikel über Deutschland und Belarus über die Verdrängung des Vergangenen und neue Präventivkriegsgelüste. Hier auch noch etwas über Mark Ruttes Kniefall vor Donald Trump – angemessen bitter und spöttisch verzweifelnd an der Intelligenz Westeuropas, von Leo Ensel.
David Goeßmann interviewte den Russland-Experten Anatol Lieven am Quincy-Institut, einem US-Thinktank in Washinton, zu den Chancen auf Frieden im Krieg zwischen Russland und der Ukraine.
Kann man da nur noch spotten?
Vielleicht. Oder hoffen, dass dem Militär als Show einer angeblich wirksamen Defensive bald das Schicksal der Stadtmauern von einst blüht: meine Satire über Ramstein als UNESCO-Weltkulturerbe.
Uniforme Medien
Was ich hier im Blog thematisiere, warum findet man das in den finanziell gut ausgestatteten Öffentlich-Rechtlichen nur unter Kuriosita am Rande der Berichterstattung, obwohl es doch alle betrifft? Am 1. Oktober soll vor dem Verwaltungsgericht in Leipzig geprüft werden, inwieweit der öffentliche-Rechtliche Rundfunk mehr sein kann als nur Durchlauferhitzer regierungsnaher Narrative.
Die direkte menschliche Begegnung
Face to face, die direkte menschliche Begegnung: ja, bitte, mehr davon! Wir brauchen das als Gegengewicht gegenüber der immer mehr nur digitalen Welt. Am Ende dieses Blogeintrags findet ihr deshalb in meinem Veranstaltungskalender wieder die Auflistung meiner ‚realen‘ Auftritte in den kommenden Monaten.
Mehr und mehr möchte ich mich in den nächsten Jahren dort zeigen, wo wohne, in D-48268 Greven, im Münsterland – und euch dorthin einladen, in unseren Aldruper Jurtengarten.
P.S. Übrigens habe ich diesen Rundbrief diesmal an einem sehr stillen Standort fertiggestellt und von dort aus abgeschickt. Da waren keine Autos, keine Menschen, keine Hunde zu hören. Gestern Abend, als ich den Rundbrief abschickte, war es noch sehr warm, ungefähr 27 Grad, deshalb hatte ich die Dachluken gekippt. Heute morgen fing es an zu regnen. Ich saß ein Weilchen still auf meinem Bett, mitten in diesem Regenwald. Zuhause kommt ab und zu eine Bahn vorbei, hier nicht. Welche Stille ist tiefer? Überall ist sie tief. Hinter allem Lärm ist Stille. 
Lieber Wolf, zunächst als Hinweis: Du hast in dem Satz „Am 28. Juni trafen wir uns nun in diesem Zoom-Call wieder, …“ einen Link hinterlegt, der nicht funktioniert – nur zur Info. Dann danken, dass Du den Genozid im Nahen Osten als solchen benennst – das dröhnende Schweigen der allermeisten im sogenannten „Wertewesten“ (was für ein Witz) ist kaum auszuhalten. Was für eine globale Gesamtstrategie dahinter steckt, hat m.E. Brian Berletic am besten herausgearbeitet (u.a. Youtube, The ATLAS Channel). Christian Meyer ist aus meiner persönlichen Sicht – ich sag es mal ganz deutlich – „ein falscher Fuffziger“, der in seinem… Weiterlesen »
Lieber Hermann, danke erstmal für deinen Tipp bzgl. des Links zu dem Interview mit Christian Meyer! Der Fehler ist inzwischen behoben. Du nennst ihn einen „falschen Fuffziger“ und sagst, er sei in seinem spirituellen Ego gelandet. Ich unterstelle ihm zumindest mal gute Absichten. Und da ich in Bezug auf „erleuchtet oder nicht erleuchtet“ es nicht so dual sehe, finde ich ihn nicht mehr pseudo als jeden von uns. Was ist schon echt? Außerdem kommen viele seiner Schüler – Erleuchtung hin oder her – mit ihrer Entwicklung gut voran. Das sagen sie und es sagen auch andere über sie. Das geht auch mit… Weiterlesen »