Was ist ein gutes Leben? Diese Frage geht in den Routinen des Alltags oft unter. Ganz verdrängen können wir sie jedoch nicht. Wozu bin ich eigentlich da, und was mache ich hier den ganzen Tag, teils lebenslänglich – ist das gut so, entspricht mir das, hat die Existenz mich so gemeint?
Wie wir danach fragen, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Mich bewegte schon zu Schulzeiten die Frage nach dem, was gut und wahr ist, so sehr, dass ich oft weglaufen wollte aus dem Gehäuse des Normalen, um außerhalb dieser Gefängnisse Antworten zu finden. Was ich auf dieser Suche fand, war je nach Lebensabschnitt verschieden – oder dasselbe, nur verschieden ausgedrückt.
Heute nenne das gute Leben ein ekstatisches. Trotz der Assoziationen, die das Wort bei vielen weckt, die es in Zusammenhang mit Drogenrausch und anderen Exzessen bringen. Für mich ist das ekstatische Leben mehr ein Bei-mir-sein als ein Aus-mir-heraustreten. Ich trete dabei zwar aus der konditionierten Welt meines Alltagsegos heraus, kehre aber zugleich ein in ein erweitertes Bewusstsein. Es ist ein Ankommen bei mir selbst, in einer echteren Realität als der üblichen, die wir für normal halten.
Glückstrancen
Schon als Kind und Jugendlicher kannte ich ekstatische Zustände, hatte aber kein Wort dafür. Sie verstärkten sich auf meinen Tramp-Reisen durch Europa und Südasien. Ich war lieber allein in der Natur als unter Menschen. Mal Flöte spielend, mal nur schauend. Allein am Wasser, an einem See oder Fluss, am liebsten am Meer. Vom Strand oder einer Steilküste aus schaute ich auf die glitzernde Wasseroberfläche. Auch heute noch versetzt mich das in Entzücken. Diese Glückstrancen sind keine eingeschränkten, sondern erweiterte Bewusstseinszustände, denn mein Normalbewusstsein ist dabei voll intakt und zugänglich.
Alexis Zorbas’ Seilbahn
Niemand muss sich um mich sorgen, wenn ich in einer solchen Trance bin; eher sorge ich mich dabei um die damit nicht Beglückten. Für mich verschwindet dieser Zustand auch nie ganz. Sogar während der Qualen im Zahnarztstuhl, die ich kürzlich wieder erlitt, ist diese Ekstase nicht ganz weg. Sie verblasst dabei allerdings und geht bei starken Qualen gegen null. Auch bei einer Enttäuschung, wenn etwas mühevoll Unternommenes nicht gelingt, verblasst sie. Alexis Zorbas in dem gleichnamigen Film, als er die Seilbahn vor seinen Augen kollabieren sieht und dabei nach einem ersten Schrecken schallend lachen muss über dieses grandiose Schauspiel; das ist ein schönes Beispiel für das Wiederaufstehen nach einer Enttäuschung, diese unbändige Lebenslust, die sich nicht kleinkriegen lässt.
Bin ich ein Sonderling?
Bin ich ein Sonderling, dass ich so empfinde? Im Alter von 23 Jahren nahm ich im Südosten Thailands an einem Vipassana-Retreat teil und sank dabei in eine tagelang währende Glückstrance. Die war so stark, anhaltend und immer wieder aufrufbar, dass ich mein Leben nun ganz diesem Weg widmen wollte und buddhistischer Mönch wurde. Meine Sehnsucht nach Transzendenz und die dabei gemachten Erfahrungen schienen mir nun nicht mehr als etwas völlig Außerirdisches, das mich vom Normalen absonderte, denn nun wusste ich von einem, dem ich folgen konnte; er hatte vor 2500 Jahren diesen Weg gefunden und publik gemacht, und daraus war eine über Jahrtausende weiter wirkende gesellschaftliche Tradition geworden.
Die stillen Ekstasen der Einkehr
Noch immer gerne abstrakt denkend, will ich alles verstehen und unterscheide heute, als über 70-jähriger, zwei Arten von Ekstasen. Zum einen die innere Ekstase, die alle Kulturen kennen. Manchmal wird sie eingeleitet durch Rituale wie das Anrufen von Geistwesen oder das christliche Abendmahl. Bei Indigenen oft begleitet von psychedelischen Substanzen, die ermöglichen »mit den Göttern zu sprechen«. Wahrscheinlich war auch das größte Heiligtum der europäischen Antike, der Apollotempel zu Delphi, ein Ort, an dem tranceinduzierende Dämpfe aus der Erde traten. Falls nicht schon das Aha-Erlebnis des Diktums »Mensch, erkenne ich selbst« am Eingang dieses Tempels den Besucher in tiefes Entzücken versetzt hatte, konnte er dort einen solchen Dampf einatmen, oder die Orakelpriesterin würde es für ihn tun.
Die äußeren Ekstasen des Flow
Den stillen Ekstasen der Einkehr und Einsicht gegenüber stehen die äußeren Ekstasen des hingebungsvollen Tuns. Der Glücksforscher Mihály Csíkszentmihályi prägte dafür in seinem Buch Das Flow-Erlebnis 1975 diesen Begriff, der daraufhin in weiten Kreisen Karriere machte. Als meine Eltern mich bei Geburt Wolf nannten und ich als Fünfjähriger im Spiel mit meiner Schwester das Wort zu »Flow« umdrehte, verstanden wir Kinder weder Englisch, noch gab es Studien zum Flow-Erlebnis. Meine Eltern wussten also nicht, was sie mir mit diesem Namen mitgegeben hatten – sie, die ganz im Weltlichen zuhause waren und mit Ausnahme der Naturerlebnisse meines Vaters ein weitgehend transzendenzfreies Leben führten.
Arbeitsräusche
Als einst stark geforderter Einzelkämpfer für meine Zeitschrift Connection war ich zeitweise im Arbeitsrausch. Meist wurde dieser über Stunden andauernde ekstatische Zustand durch den Druck ausgelöst, etwas »jetzt oder nie« tun zu müssen, sonst würde mein Projekt scheitern. Diesen Kick kennen auch Prokrastinierer, die erst fünf vor zwölf den nötigen Dopamin- oder Adrenalin-Level in ihrem Blut erreichen, um etwas zu erledigen. Wer solche Glücksgefühle des Aktivseins kennt, will sie auch ohne Druck initiieren können und nicht warten wollen, bis es fast zu spät ist – Lebenskunst würde ich das nennen. Das Grübeln hört dabei auf, Entscheidungen werden ohne Aufschub aus dem Bauch heraus getroffen, der Fokus ist nach außen gerichtet auf das zu erreichende Ziel hin. Wenn mich dabei Wilhelm Reichs Diktum »Arbeit ist sichtbar gemachte Liebe« begleitet, ist der Flow umso schöner.
Fenster zum Himmel
Flow-Erlebnisse gibt es auch ohne Ziel, zum Beispiel beim Tanz zu rhythmischer Musik. Als Jugendlicher konnte ich das nur allein, wenn mich niemand dabei hörte oder sah. Jahre später als Taxifahrer in München war ich zu Beginn meiner Nachtschicht in den anfangs noch leeren Diskos oft der Erste, der sich auf die Tanzfläche traute. Nicht mehr scheu gesehen zu werden, hatte ich da die ganze Fläche für mich: geil! Auch Spiel, Verliebtheit, Sex, Abschied und Humor können ekstatische Erlebnisse sein. Das ist sogar trainierbar. »Fenster zum Himmel« habe ich diese Öffnungen genannt, weil wir durch sie aus unserem kleinen Ich hinausschauen ins große Ganze, in dem wir geborgen sind.
Fenster zum Himmel
Seit 2020 habe ich im Rahmen der BeFree-Workshops auf Gut Frohberg diese »Fenster zum Himmel« weiterentwickelt, mit dafür geeigneten Übungen, passender Musik und Zitaten der großen Meister. So sind daraus mehrtägige Workshops entstanden, ähnlich den Humorworkshops die ich schon Jahre davor entwickelt hatte, in denen wir uns selbst als komische Figur auf den Bühnen des Lebens sehen. Mehr als kreativer Schöpfer denn tragisches Opfer. Hinein in den Flow des Tänzers, Schöpfers, Liebenden, Gestalters, sich einem Tun Hingebenden. Das Ich, das wir dabei wahrnehmen, ist die halbdurchlässige Membran, die uns umgibt. Durch ihre Poren oder die Fenster unseres kleinen Ichs schauen wir hinaus ins Unendliche. Sogar Verschmelzen mit der Umgebung bis hin zum Unendlichen, Ganzen können wir dabei und doch immer auch zurückkehren in die Heimat unseres kleinen Ichs, den Gegenpol der mystischen Erfahrung.
Die Termine meiner »Ekstatisch leben« Seminare 2026 findet ihr auf connection.de/humor. Der erste solche Workshop findet am WE 13.-15. März in Berlin statt, im Institut für Seelenheilung.