Das Wichtigste, das wir als Zivilisation heute zu lernen haben, ist die Würdigung des Einzelnen und nicht nur die der Struktur, in die er eingebunden ist. Hierzu hat auch die spirituelle Subkultur, der ich seit einem halben Jahrhundert als  Beobachter und Teilnehmer angehöre, etwas beizutragen.

Stolzes kleines Ich

Für die meisten der »Wege zur Einheit« alias »spirituelle Wege« ist das sich behauptende stolze kleine Ich, genannt »Ego«, der Gegner. Die Hingabe an das große Ganze, an Gott, ist das Ziel. Was in dieser Darstellung fehlt, ist die Würdigung des kleinen Ichs. Des Individuums, das seine Grenzen sichert und auch ambitioniert und stolz sein darf. Das werdende Individuum des Menschen auf seiner Heldenreise der Individuation, hin zu immer mehr Integration, Reife, Weisheit.

Am Anfang war das Wort

Dass wir als Individuen abgetrennt seien vom großen Ganzen ist wissenschaftlich gesehen ein Irrtum. Als materielle Wesen sind wir biochemische Fließgleichgewichte, als geistige Wesen nur im Kontext zu verstehen. Ein gesundes Ego zu haben ist dennoch kein Affront gegen Gott oder die Natur, denn im Individuellen spiegelt sich das Ganze. Zumindest für uns weltwahrnehmende Wesen gilt das, für uns Tiere und Menschen.

Am Anfang war das Wort, heißt es in einer der Heiligen Schriften, die noch immer von vielen geschätzt wird. Das formuliere ich für uns Heutige um: Am Anfang unserer Ich-Identität war die Fiktion eines separaten Selbst, die Illusion der Getrenntheit. Die ist jedoch zugleich der Anfang von Kultur und Zivilisation, von Liebe als Verbindung und vom Projekt der Individuation mit dem Ziel der Ganzwerdung im Individuum. 

Aneignung

Intellektuell mag das schwer zu verstehen sein. Vom Herzen her aber ist es leicht, und mit »Herz« meine ich hier die Aneignung, die Erfahrung des Erlebten als Teil von sich selbst. Die Welt ist mein Weltinnenraum und zugleich unser aller Weltinnenraum. Wir sind Subjekt und Objekt zugleich. Mitgefühl ist der Weg dorthin. Mitgefühl mit den wahrnehmenden Wesen, letztlich auch mit den Dingen, denn auch sie sind Teil von uns.