Im Zuge meiner Suche nach dem Gemeinsamen zwischen Menschen verschiedener religiöser Ausrichtung stieß ich auf den deutschen Theologen und Religionswissenschaftlers Rudolf Otto (1869-1937), der den Begriff des Numinosen geprägt hat und den des mysterium tremens et fascinans. Rudolf Otto verstand die Ergriffenheit vor dem Unfassbaren als etwas Religiöses. Man kann diese Ergriffenheit jedoch auch als etwas Psychologisches verstehen, wie William James es in seinem Werk The Varieties of religious experience (1902) tat. William James gilt mit u.a. diesem Werk als Begründer der evidenzbasierten Psychologie. 

Geistliche Trockenheit?

Zwei Bücher fielen mir in diesem Zusammenhang kürzlich in die Hände. Zuerst das Buch Geistliche Trockenheit – empirisch, theologisch, in der Begleitung, von Büssing/Dienberg. 

Den Begriff der geistlichen Trockenheit hatte ich nie vorher gehört. Ich fand ihn ausgerechnet in der Buchhandlung des Yoga Vidya Ashrams in Bad Meinberg, deren Besucher mir in ihrer fröhlichen Ganzheitlichkeit keineswegs als geistlich trocken vorkommen. Vielmehr erscheinen mir viele der formell einer christlichen Kirche Angehörenden jedenfalls in Bezug auf diese Zugehörigkeit als geistlich trocken. So passt es auch, dass IUNCTUS diesen Band herausgegeben hat, das »Kompetenzzentrum für christliche Spiritualität in Münster«. Als Sammelband der Beiträge einer Tagung zu diesem Thema im September 2018 in Münster. Besonders interessant darin war für mich der Beitrag von Ricarda Moufang, wie sie dort ihren zwischen Christentum und Buddhismus mäandernden Weg beschreibt. 

So groß und zeitgemäß das Thema auch ist, das Buch Geistliche Trockenheit, das 2019 erschien, hat anscheinend kaum Leser gefunden; es ist heute nur noch antiquarisch erhältlich.

Interreligiöse Theologie

Das zweite ist das Buch von Perry Schmidt-Leukel Das Wort vom Geheimnis der Welt, das im Juli 2025 erschien. Er vergleicht darin Texte aus verschiedenen Religionen, vor allem aus der christlichen Bibel, dem Koran, der Bhagavadgita und buddhistischen Schriften. In den dort zitierten Beispielen zeigen sich viele Ähnlichkeiten, in der Ethik ebenso wie im Welt- und Selbstverständnis.

Zwischen Buddhismus und Christentum etwa zeigt sich die Vergleichbarkeit der Suche der Buddhisten nach Erleuchtung mit der Suche der Christen nach Gott. Eine Hürde ist dabei allerdings das aus christlicher Sicht personale gegenüber dem aus buddhistischer Sicht transpersonalen Verständnis von Gott. 

Viele Buddhisten nennen die christliche Vorstellung von Gott eine »anthropomorphe Projektion« auf den Himmel, auf die Leinwand des Unendlichen, Unfassbaren. Sowas wie das Gesicht des Mannes im Mond, das wir Menschen dort ‚hineinsehen’ wie in einem Rorschach-Test, obwohl die Konturen dieses Gesichts doch nur Formen von Gebirgen und Kratern sind. 

Christen hingegen sehen im Streben der Buddhisten nach Erleuchtung die Hinwendung zu etwas Unpersönlichem, das den Menschen als souveränes Individuum, als »Kind Gottes«, das nach seinem Ebenbild erschaffen wurde, nicht ausreichend würdigt. 

Meines Erachtens treffen beide Kritiken einen Schwachpunkt der jeweils anderen Seite. Insofern stimme ich Schmidt-Leukels Anspruch der interreligiösen Theologie zu, dass diese nicht nur ein Gebot der Toleranz gegenüber anderen Kulturen ist, sondern dass diese voneinander lernen können.

Im Mitmenschen das Vollkommene erkennen

Im Kapitel »Das habt ihr mir angetan …« in Schmidt-Leukels Buch Das Wort vom Geheimnis der Welt finde ich die berühmte Passage aus dem Mathäus-Evangelium: »Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan«. Mit »nicht getan« meint Jesus in dieser Erzählung die Unterlassung einer Hilfeleistung. Schmidt-Leukel vergleicht sie mit einer Stelle aus dem Vinaya Pitaka des Theravada-Buddhismus, in der Buddha zu seinem Mönchen, die versäumt hatten einen ihrer Kranken zu pflegen, sagte: »Wer, ihr Mönche, mich pflegen würde, der soll den Kranken pflegen«. Noch viel deutlicher ist an diesem Punkt der Mahayana-Buddhismus: Wer im Mitmenschen nicht die Buddhanatur sehen kann, der kann sie auch in sich selbst nicht erkennen.

Eine ähnliche Stelle fand Schmidt-Leukel auch in einer der Hadithen – das sind  Schriften, die Muslimen den Koran interpretieren helfen –, der Hadith Qudsi. Dort spricht Gott am Tag der Auferstehung, gemeint ist hier wohl das, was Christen als das jüngste Gericht bekannt ist, zu einem Menschen und wirft ihm vor: »Du Sohn Adams, ich war krank, und du hast mich nicht besucht«. Der Angesprochene redet sich raus, dass er den Herrn der Welten doch nicht besuchen könne. Der aber antwortet: »Hast du nicht gewusst, dass, wenn du ihn (den Kranken) besucht hättest, du mich in ihm gefunden hättest?«.

Wen interessiert das?

Gerade habe ich diesen Blogeintrag vermeintlich fertiggestellt, da kontaktiert mich ein Theologe, der vor Jahren mal für meine Zeitschrift Connection geschrieben hatte. Jetzt ist er weit über 80, zieht sich zurück und schickt mir zum Abschied sein 2016 in dem christlichen Verlag Publik-Forum erschienenes Buch »Brennende Kerze im Sturm – Mystische Spiritualität inmitten unserer Welt« noch einmal zu (er hatte es mir schon bei Erscheinen geschickt), mit einer Widmung »in Erinnerung an unsere fruchtbare Zusammenarbeit«. Im Publik-Forum Büchershop finde ich es nicht mehr, es hat sich wohl auch dieses Buch schlecht verkauft. Bei Amazon ist es noch bestellbar, steht dort aber auf Rang 4800, das heißt: Das will keiner haben.

Das Buch widmet sich einer »transreligiösen Spiritualität«. Gemeint ist eine Spiritualität, die sich nicht an eine traditionelle Religion bindet und prioritär dort das Heil sucht. Aus meiner Sicht ist das die tiefste Spiritualität und eine – vielleicht die einzige – die wirklich im Absoluten verankert ist, denn Religionen sind weltliche Strukturen, die entstehen und wieder vergehen. »Ich hoffe, dass dich das Buch nicht enttäuscht« schrieb er mir, »denn es enthält nichts von einer speziell christlichen Spiritualität, die dich neuerdings wieder interessiert. Ich verstehe Mystik gerade als ‚jenseits aller Religionen‘ und sehe darin ihre Stärke für uns.«

Das Geländer am Rande des Unendlichen

Nein, das Buch enttäuscht mich nicht. Die christliche Spiritualität interessiert mich neuerdings, weil ich meine Meinung, dort gäbe es keine tiefe Spiritualität mehr, kürzlich wieder mal in Frage gestellt habe und »das Kind nicht mit dem Bade ausschütten« will. Auch im Christentum gibt es tiefe Spiritualität! Für die Mehrheit der Christen ist das Christsein nur etwas Formelles, dem man angehört, weil es sich ziemt oder man dadurch gesellschaftliche Vorteile erhält. Es gibt dort aber eine Minderheit, für die ist es ein Geländer, an dem sie sich festhalten, wenn sie am Rande des Unendlichen zitternd entlang gehen, staunend, sich fürchtend, vielleicht darauf hoffend, irgendwann den Mut zu haben ‚hinüber zu gehen‘ in dieses große Ganze, Unfassbare, das wir nicht verstehen und nicht kontrollieren können. Mögen die Engel sie dabei begleiten! Und damit meine ich die Zuversicht, das Vertrauen.
Ich verurteile diese Zitternden nicht, ich bin ja selber einer von ihnen. Doch bei all dem Zittern gebe ich mich dem Geschehen hin und verlasse dabei auch mal das Geländer (Welches denn? Vielleicht die Sprache?) – und gehe hinüber. Mein Name „Sugata“ bedeutet »Hinübergegangen / wohl gegangen / er hat das Rad der Wiederkehr verlassen«. Doch auch im ‚Drüben‘-Ankommen bin ich noch immer zugleich hier, im Relativen: fließend, liebend und das Unvollkommene akzeptierend.

Gott erleben

Am 10. November spreche ich im Haus der Begegnung der Pfarrei St. Martinus ab 19 h darüber, inwieweit wir Menschen Gott erfahren können. 

Am 18. Oktober spricht Prof. Perry Schmidt-Leukel im Religio-Museum Telgte ab 16 h über die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Christentum und Buddhismus.

Bei belden Veranstaltungen ist der Eintritt frei.