Im Juli habe ich zum dritten Mal den Film Das Leben ist schön gesehen. Im Original heißt er La vita e bella. Roberto Benigni hat ihn 1997 veröffentlicht, er spielt darin die Hauptrolle und hat auch Regie geführt. Diesmal erfuhr ich beim Nachlesen, dass Jerry Lewis mit Der Tag, an dem der Clown weinte sich schon 35 Jahre vorher mit dem Thema befasst hatte und damit gescheitert war. 

Humor unter verschärften Bedingungen

Ein Thema beider Filme ist die Frage, inwieweit eine spielerische Haltung zum Leben auch unter den schlimmsten vorstellbaren Umständen möglich ist. Erich Kästner schrieb 1948 Humor sei ein »Regenschirm der Weisen«. Kann ein solcher Schirm vor jedem Regen und Sturm schützen? Oder gibt es etwas – sagen wir: ein KZ – das so schlimm ist, dass selbst dem größten Clown dabei das Lachen vergeht? Wobei ja der Anspruch des Clowns ist, sein Publikum zum Lachen zu bringen, Lachen muss er nicht selbst. Fragen wir deshalb besser so: Gibt es Umstände, unter denen selbst dem größten Narren das Lachen vergeht und kein Grinsen mehr möglich ist?

Als Charlie Chaplin mit Der große Diktator 1940 diese Hitler-Satire in die Kinos brachte, waren die deutschen KZs noch nicht zu den Vernichtungslagern geworden, wie sie es ab 1941 unter Heinrich Himmler wurden. In seiner Autobiografie schrieb Charlie Chaplin später: »Hätte ich von den Schrecken in den deutschen Konzentrationslagern gewusst, hätte ich den Film Der große Diktator nicht zustande bringen können.«

Lächeln gegenüber dem Unerträglichen

Der Komiker Jerry Lewis war 15 oder 16 Jahre alt, als das Ausmaß der KZ im Westen bekannt wurde. Er war Mitte 30, als er es mit The Day the Clown Cried filmisch umzusetzen versuchte. Roberte Benigni wurde 1952 geboren, er war also Mitte 40, als er den Film Das Leben ist schön, realisierte. Vielleicht braucht es eine Zeit, bis sowas wie der Holocaust kulturell rezipiert und auf eine Weise verstanden werden kann, dass einem dabei nicht das Lachen im Hals stecken bleibt. Oder wird das nie möglich sein?

Ich hoffe, dass Mord, Völkermord und die Vernichtung von Minderheiten nie ethisch akzeptiert werden, umso mehr gilt das für die industrielle Massenvernichtung in den KZs. Andererseits meine ich, dass das Witzige nicht ein Bereich aus der Wirklichkeit sein sollte, der von der aktuell herrschenden Kultur zum drüber Lachen Dürfen frei gegeben werden muss, abgegrenzt von dem anderen Bereich, über den man nicht lachen darf. Sondern dass Humor eine Art ist, auf die vorhandene Wirklichkeit zu schauen, ohne sich dabei zum Opfer zu machen, weil alles so schlimm ist, und dann in Selbstmitleid zu versinken. Mein Verständnis von Humor ist nondual. Es teilt nicht ein in das, worüber gelacht werden darf und das andere, das »gar nicht komisch« ist. 

Leela, die Freiheit des Spielers

Roberto Benigni hat es mit seinem Film Das Leben ist schön geschafft, der Freiheit des Spielers ein Denkmal zu setzen. »Spieler« im Sinn des Sanskrit-Wortes Leela für das Spiel der Götter, die als Avatar jede menschliche Gestalt annehmen können, böse ebenso wie gute Gestalten, alle. Oder wie Shakespeare es auf den Punkt brachte: »Die ganze Welt ist Bühne, und alle Frauen und Männer bloße Spieler. Sie treten auf und treten wieder ab.« Wie die Avatare in der heutigen digitalen Welt oder der Narr im Kartenspiel, der dort ja die Trumpfkarte ist; der Narr als flexible Persönlichkeit kann im Kartenspiel jede Position einnehmen und sich dort wie ein Chamäleon der Umgebung anpassen. So wie der ideale Schauspieler jede Rolle annehmen und glaubwürdig ausfüllen kann. Das ist die Freiheit des Spielers! »Nichts Menschliches ist mir fremd«, sagte der römische Komödiendichter Terenz zu dieser Freiheit. 

Der Mensch als tragikomische Figur

Im 18. Jahrhundert war Sklaverei noch üblich, im 19. Jahrhundert die Überzeugung, dass Frauen minderwertig seien. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts war auch Rassismus noch Mainstream-Überzeugung. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelte sich die Weisheit, dass Humor nicht die Fähigkeit ist, über das Ausgegrenzte zu Lachen. Seitdem gewinnt ein Humorverständnis an Rückhalt, bei dem es dabei mehr auf die Fähigkeit ankommt, wle wir auf die Welt schauen. Dabei erkennen wir den Menschen als tragikomisches Wesen, das sich selbst komisch finden und das Geschehen in der Welt ja nach Blickwinkel ebenso als Komödie wie als Tragödie betrachten kann. 

Dieses neue Verständnis von Humor ist ein historischer Schritt über eine Schwelle, auf dem Weg zu einem realistischeren Verständnis von uns selbst als Menschen. Nicht nur Benigni hat diesen Schritt vollzogen und vor ihm Jerry Lewis ihn versucht. Die Crazy Wisdom Meister Asiens (Ikkyu Shojun, Drugpa Künleg, Gurdjieff u.a.) haben diesen Schritt schon Jahrhunderte früher vollzogen; aufgefrischt wurde die Pädagogik der »verrückten Weisheit« oder »Weisheit durch Provokation« von Osho in den Jahren 1960 bis 1990. 

Die Weltkultur Anfang des 21. Jahrhunderts mit ihren Avataren auf den Bildschirmen hat den Schritt zu Identität als Fiktion immerhin technisch vollzogen, im Bewusstsein allerdings nur ansatzweise. Benigni hat ihn mit Das Leben ist schön auf so überzeugende Weise vollzogen, dass damit der Weg frei ist für andere, Komik und Tragik nun als ein Ganzes u begreifen und im Subjekt die Instanz zu erkennen, die diese Integration vollziehen kann.

(Das Aufmacherbild dieses Blogeintrags habe ich der italienischen Webseite von La Vita è bella entnommen. Es ist ein Screenshot aus dem Film, freigegeben nach den Regeln der Creative Commons.)