Der folgende Text ist von dem 2017 verstorbenen kanaischen Psychotherapeuten Guy Corneau. Ich habe ihn im Internet gefunden und in zweien meiner Humorworkshops vorgelesen. Nun poste ich ihn in leicht abgewandelter Form hier in diesem Blog:

Ankommen auf der Bühne

»Du wirst ankommen und es werden bereits alle da sein. Und wenn du ankommst, kann das Drama beginnen, denn nur du hast noch gefehlt, und es ist deine eigene Geschichte, die hier gespielt wird. 

Man wird deine Entfremdung von dir selbst spielen, deine Entfremdung von dem, was so ist wie du und das du nicht erkennst. Man wird den Zorn spielen, den Mord, die Verrücktheit, die Lüge und die Eifersucht, die Leidenschaft, die Seufzer, die Betrunkenheit und die Müdigkeit, ja, das ganze Stück. 

Und du wirst fluchen können oder nichts sagen, das Stück wird trotzdem gespielt. Alles wird gespielt werden, bis du sagst: ‚Das ist doch alles nur Theater!‘ Aber das ist vorgesehen im Stück und du kannst nicht hinausgehen.

Auch das bin ich

Du wirst erstaunt sein, bewegt, wirst dich aufopfern oder demütigen, es wird trotzdem gespielt. Es wird gespielt bis du schreist: ‚Jetzt verstehe ich, alle diese Personen, das bin ich!‘ Doch auch das ist vorgesehen im Stück und du kannst nicht hinausgehen. 

Alles wird von vorne beginnen und sich wiederholen, bis dein Herz zerspringt, bis dein Ich erschöpft ist und du alles annehmen kannst.

Dann, in die Stille hinein, wirst du zu dir sagen: ‚Ich liebe! Endlich liebe ich! Ich liebe alle diese Personen, die Opfer und die Henker, die Retter und die Verfolger. Ich habe sie in meiner Haut. Sie gehen durch mich hindurch. Ich sehe sie fließen. Und ich fühle mich frei, zu werden wie jeder von ihnen oder nichts von alledem zu werden.‘

Aber diesmal kannst du aus dem Theater hinausgehen.

Doch das wird nicht mehr nötig sein, denn deine Augen werden klar sehen und mit geweiteter Pupille wirst du eingehend alles betrachten, was du bist.«

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