Am 23. März habe ich in der Kapelle unseres Grevener Krankenhauses auf Einladung von Joseph Ridders, dem Vorsitzenden des KKV (Bundesverband der Katholiken in Wirtschaft und Verwaltung) einen halbstündigen Impulsvortrag halten dürfen zu einem Thema meiner Wahl. Weil Kapellen als heilige Räume gelten, habe ich mir »Das Heilige« als Thema gewählt.
Der Vortrag wurde mit meinem Handy aufgenommen. Leider hatte ich versäumt, mir dabei ein Bluetooth-Mikro anzustecken. Der Ton der Aufnahme war deshalb so wenig verständlich, dass ich dann bei Anschauen der Aufnahme an meinen Laptop den Inhalt aus der Erinnerung nocheinmal wiedergab – wieder als Impulsrede, ohne Skript.
Im Folgenden findet ihr den von mir selbst auf Essenz und Verständlichkeit hin leicht überarbeiteten Text dieses Impulsvortrags.
Zwischen Aschermittwoch und Ostern ist für Christen die Fastenzeit. Da gab es bei uns hier in Greven in der St. Martinus Kirche eine Ausstellung zum Thema »Was ist heilig?«. Daran knüpfe ich nun an. Es freute mich auch, dass mein inzwischen guter Freund Michael Mombauer, der Pfarrer von St. Martinus, hier im Publikum mit dabei ist.
Ich darf hier über das Heilige sprechen und das, was mir heilig ist.
Ich komme also in diesen Raum, in diese Kapelle. Die nennt man ja so wie die Kirchen: Gotteshaus. Das ist für mich ein ambivalenter Begriff, denn dabei frage ich mich immer mal wieder: »Und was ist mit den anderen Häusern? Wohnt Gott da nicht, sondern nur hier? Das wäre doch ein bisschen bisschen knausrig von ihm.«
So spiele ich hier nun leicht humorig mit diesen Begriffen rum. Der Josef Ridders, der mich eingeladen hat, weiß ja, dass ich auch an anderen Stellen als Humorist oder sogar Kabarettist auftrete. Er hatte von mir vor allem verlangt, dass ich unser Publikum nicht langweilen soll.
Ich stehe nun also in diesem christlich ausgestatteten Raum vor dem Kreuz am Altar. Als ethnologisch gebildeter Mensch empfinde ist dies für mich ein Kultraum der Christen. Hier das Bild der Mutter Maria an der Wand, dort die Skulptur des Gekreuzigten, davor ein Altar.
Genial: ein Altar als Kaaba
Als ich zum ersten Mal in diesen Raum kam, dachte ich: Wieso stellen die Christen hier hier eine Replik der Kaaba mitten in den Raum? Das ist doch dieser große schwarze Würfel in Mekka, das größte Heiligtum des Islam. Hat der Architekt dieses Hauses den Altar vielleicht als etwas Transkulturelles, Transreligiöses gestalten wollen, damit den untereinander verfeindeten Religionen bewusst wird, dass sie etwas Gemeinsames haben und denselben Gott verehren? Ein geniale Idee wäre das, für unsere aktuell doch so sehr in Ideologien, Religionen und Weltanschauungen zerspaltene Welt. Jede dieser Weltanschauungen glaubt, die Welt richtig zu deuten, und oft sind sie einander gram. Im schlimmsten Falle bekriegen sie sich sogar, was Moslems und Christen ja oft genug getan haben.
Nun nun stehe ich in dieser christlichen Kapelle vor diesem schwarzen Würfel, der mir vorkommt wie die Kaaba. Einmal im Leben sollte jeder Moslem, der sich das leisten kann, dorthin pilgern und sie ein paar Mal umrunden. Schon bevor Mohammed die Botschaften vom Erzengel Gabriel empfing, aus denen dann der Koran wurde, war dieser schwarze Würfel ein Heiligtum. Nun sind wir hier in der Kapelle in diesem Raum, in dessen Mitte dieser schwarze Würfel steht und empfinden diesen Raum als heilig, als Gotteshaus.
Heilige Stille
Mir geht es fast immer so, wenn ich in einen sakralen Raum wie diesen hier komme, dass ich dann das Heilige fühle. Ich sehe diese Kuppel über uns, da kommt von oben Licht in den Raum. Ich werde umfangen vom Ambiente dieses Raums und empfinde hier die Präsenz der Lebendigkeit des Geistes und des Gewahrseins meiner selbst und der ganzen Welt. Ich empfinde das hier intensiver als woanders. Mehr noch gilt das, wenn es in so einem Raum ganz still ist. Manchmal gehe ich in Kapellen, meist sind sie ja leer, ich bin dort der einzige – und genieße die Stille. Da ist es einfach so wunderbar still. Vielleicht hört man da nur das Vögelzwitschern. Auch hier ist die Tür nach draußen manchmal offen und man hört keinen sprechen – wie wunderbar!
Diese Heiligkeit kann man auch im Wald empfinden. Waldbaden wird ja immer populärer. Da empfinden die Menschen plötzlich die Natur als einen heiligen Raum, in dem sie umfangen sind und geborgen. Hier durfte ich nun sprechen vor diesem, ich vermute mal weitgehend katholisch geprägten Publikum. Ich als Ungläubiger, Ungetaufter darf in diesem Raum über das Heilige sprechen! Das empfinde ich als einen Segen. Und zum Thema Gotteshaus frage ich mich: Was ist eine Kirche, eine Moschee, ein Tempel, eine Synagoge?
Ein transreligiöses Gotteshaus
Dazu fällt mir die Hagia Chora ein. Als Achtzehnjähriger war ich von München nach Istanbul getrampt und habe dort dieses wunderbare Bauwerk besucht. Tausend Jahre lang war es das größte Gotteshaus der Christenheit und die größte frei tragende Kuppel, die je geschaffen wurde. Ich stand dort als ungläubiger, unreligiöser, atheistischer Mensch unter dieser Kuppel und war überwältigt: Wow, was für eine Größe! Auch jetzt noch, in der Erinnerung daran, muss ich fast weinen vor Glück, so ergriffen war ich damals und bin es noch heute.
Die Türken haben nicht gesagt: »Ihr Scheißchristen, ihr Ungläubigen, ihr Anbeter von Bildern und Kruzifixen, wir zerstören nun euer blasphemisches Bauwerk«, sondern sie haben die Bilder und Kruzifixe, die für sie Götzenbilder waren, aus dem Raum entfernt und haben eine Moschee draus gemacht. Sie haben dem Raum seine Heiligkeit gelassen und haben ab da auf eine andere Art, auf islamische Art Gott verehrt. Und als dann in der Türkei Atatürk das Sagen hatte, wollte er die ganze Türkei säkularisieren und machte ein Museum aus dem Bau, mit dem Anspruch: »Wir wollen modern sein! Der Islam gehört der Vergangenheit an! Eine moderne Gesellschaft ist säkular! Deshalb machen wir aus diesem großartigen Bau ein Museum!«
So wurde die Hagia Sophia zu einem Museum, 1935 war das. Dann war dieser sakrale Bau, der vorher eine Kirche war und dann eine Moschee, ein Museum. Die Besucher, die da reinspazierten, hatten vielleicht vorher am Eingang ein paar türkische Lira abgegeben, es war ja kein Gebetsraum für die Muslime mehr. Sie kamen aus Japan oder den USA oder woher auch immer und konnten die Heiligkeit dieses Raums empfinden, obwohl er keine Kirche oder Moschee mehr war. Das gefällt mir! Ich mag es, wenn das Heilige spürbar ist und verehrt wird, ohne dass es einer Religion angehört.
Heilige Flüsse und Berge
Es können übrigens auch Flüsse und Berge als heilig empfunden werden und auch andere Naturheiligtümer, etwa Quellen. In Indien wird der Ganges als heilig empfunden, Mutter Ganga nennen sie dort diesen großen Fluss. Da ist das Heilige etwas Weibliches, ein heiliger Fluss. Wenn Hindus nach dem Ende ihres Lebens verbrannt worden sind, wollen sie, dass ihre Asche in diesen Fluss geworfen wird.
Es gibt dort, in diesem Subkontinent, auch einen heiligen Berg, den Kailash. Wenn ihr Fotos von diesem Berg seht – uhhhhh, mich ergreift es, schon wenn ich auf Bildern diesen phänomenalen Sechstausender sehe, wie er da hinter der Hauptkette des Himalaya aus der tibetischen Hochebene herausragt. Da man muss einfach in die Knie gehen vor so einem Berg!
Der Kailash ist übrigens noch immer nicht bestiegen, weil er als Heiligtum gilt. Reinhold Messner hatte einmal die Erlaubnis bekommen, den Berg als Erster zu besteigen. Er verzichtete dann aber darauf, weil dieser Berg für viele Buddhisten und Hindus ein Heiligtum ist. Durch die Besteigung wäre er entweiht worden, so empfanden es viele.
Und so wie die Moslems die Kaaba umrunden, so umrunden Hindus und Buddhisten den Kailash. Obwohl das doch ein viel weiterer Weg ist als der um die kleine Kaaba! Die Umrunden des Kailash ist eine Strecke von mehr als 50 km in einer Höhenlage von 4.600 bis 5.600 Metern. Dazu brauchen Pilger in der Regel drei Tage, falls sie das in der Höhenlage überhaupt schaffen. Eine einmalige Umrundung gilt als genug, um die Sünden des gegenwärtigen Lebens zu tilgen. Für den Ballast aus früheren Leben braucht es 12 Umrundungen, für die Erleuchtung 108. Sie haben da also ihre eigene Ideologie von Erlösung, anders als Christen und Moslem, und eine dazu passende rituelle Praxis der Pilgerschaft. 
Die Jungfrau Maria
Hier stehe ich nun in der Kapelle direkt vor einem Bild von Mutter Gottes, so nennen die Christen die Maria, die da das Jesuskind da auf dem Arm trägt. Was für ein schönes Bild! Ein Bild der weiblichen Fürsorge, der weiblichen Schönheit und der Fürsorge für ein Kind.
Kinder können so süß sein! Erwachsene manchmal auch, aber bei Kindern sieht man das Natürliche, Unschuldige noch viel leichter. In der damaligen Vorstellung – für viele auch noch heute – ist die Unschuld einer Frau am ehesten oder sogar nur dann gegeben, wenn sie noch sexuell unberührt ist. Das ist nicht meine Meinung, aber viele im Christentum denken so. Dann dichten sie dieser Mutter von Jesus eine eine Jungfrauengeburt an. Wer heute nicht mehr naiv gläubig ist, sondern biologisch-medizinisch gebildet, kratzt sich dabei vermutlich am Kopf und sagt: »Wie können Christen nur so blöd sein? Das geht doch nicht! Da hatte sie wohl was zu verheimlichen vor ihrem Josef!«
Wie auch immer man das sieht, man muss darüber ja nicht Witze machen, so wie ich es jetzt gerade angedeutet habe. Auf jeden Fall kann man in diesem Bild die Unschuld, Reinheit, Schlichtheit, Ergriffenheit einer Frau sehen. Aber auch wenn eine Frau soundso oft Sex hatte, mit wem auch immer, kann ich diese schönen Eigenschaften in einer Frau sehen. Ich brauche ihr nicht anzudichten, dass ihr Hymen noch nicht durchstoßen wurde. So viel zur Mutter Maria, neben der ich da stehen darf. Neben dieser Ikone, diesem wunderbaren, mit Gold gemachten Bild. Besonders im osteuropäischen Christentum werden Ikonen ja ganz oft mit Gold gemacht.
Wiederauferstehung
So stehe ich hier nun mit dem Mikrofon in der Hand zwischen Kaaba und Mutter Maria, im Hintergrund das Wahrzeichen des Christentums, der Gekreuzigte. Erst die Kreuzigung, dann »wiederauferstanden am dritten Tage«, so heißt es dazu im Christentum. Deshalb feiert man in den christlichen Ländern Ostern.
Nicht nur mit der kindlichen, (jung)fraulichen – übrigens auch (jung)männlichen – Unschuld kann ich etwas anfangen, sondern auch mit dem Wiederauferstehungsmythos der Christen. Wir Menschen entwickeln uns im Leben. Wir sterben, und dann stehen wir wieder auf. Wir sind heute nicht mehr die, die wir gestern noch waren. Manchmal werden wir von unserem Schicksal sogar geradezu gekreuzigt. »Jeder hat sein Kreuz zu tragen!«, sagt man, und so empfinde ich auch dieses »Gekreuzigt und am dritten Tage wieder auferstanden« als sehr symbolträchtig. Manchmal dauert es nicht drei Tage bis man nach einem schweren Schlag wieder auf die Beine kommt. Manchmal dauert es drei Jahre, bis man sich wieder aufrafft und sagen kann: »Ich bin ein neuer Mensch! Heute ist der erste Tag vom Rest meines Lebens!«
Was uns heilig ist
Hier in der Kapelle darf ich auch solche Themen ansprechen. Ich durfte auch das Publikum fragen: Was ist euch heilig? Was ist uns heilig? Uns, das ist das Kollektive. Ein Gotteshaus, ein Sakralbau ist einer Gemeinschaft heilig. Was ist mir heilig? Das kann etwas anderes sein als was dir heilig ist! In der St.-Martinus-Kirche hatte Pfarrer Mombauer eine Installation aufstellen lassen, wo man Murmeln in verschiedene Gefäße tun konnte, um zu zeigen, was einem heilig ist. Da standen dann Themen drauf wie Familie, Freundschaft, Liebe, sodass die Pfarrei sehen konnte, wie viele Murmeln in welches Gefäß geworfen wurden. Wie so eine psychologische Umfrage, wie man sie heute macht: Was ist dir am heiligsten? Den meisten Menschen ist – oder scheint zu sein – die Familie am heiligsten.
Manche werfen die Murmel vielleicht auch da rein, weil es einfach gut aussieht. Es ‚gehört sich so‘, dass die Familie einem heilig ist. Es gibt ja auch Katastrophenfamilien, wo man dann sagt: Nichts wie weg! Ja es gibt auch solche Biografien! Dann ist einem was anderes am heiligsten, vielleicht die Natur. Ich hab die Murmel bei »Liebe« eingeworfen, weil für mich Liebe das Heiligste ist. Jedenfalls kandidiert Liebe dafür, so konnte ich mich leichten Herzens dafür entscheiden.
Gotteserfahrung ohne Religion
Ich kenne auch Aussagen von zum Beispiel Rumi, diesem islamischen Dichter aus der persischen Kultur. Er hat wunderschöne religiöse Gedichte formuliert im damaligen mittelalterlichen Persien. Eine seiner Aussagen ist: »Wenn ich Gott liebe, brauche ich keine Religion!« Ich weiß nicht, wie die Pfarrer unserer Welt und die Imams, Mullahs und Rabbis das empfinden. Das geht ja an die Wurzeln ihrer beruflichen Existenz,. Für mich aber ist das gut nachvollziehbar.
Wenn man so einen Dichter hat wie Rumi oder eigene Gotteserfahrungen, dann braucht man vielleicht keine Religion. Die mystische Erfahrung bedeutet ja die individuelle Begegnung mit Gott, das Einsinken in das große Ganze, die Verbindung, das Verschmelzen, das Überwinden es kleinen Ego, das sich so oft mit Ellbogen durch die Welt kämpfen zu müssen glaubt und Feinde hat oder zu haben glaubt, weil es sich ängstigt.
Wenn ein Mensch diesen Gottesbezug hat, wozu braucht der dann das ganze Drumherum noch? Diese Arten der Einweihung, dass ich etwa um die Kaaba rumlaufen muss oder um den Kailash, dass ich getauft werden muss, dass ich eine Firmung brauche und die Eucharistie, wozu brauche ich dann das alles? Es ist doch wunderbar, wenn ein Mensch den Gottesbezug auf diese Art finden kann und das Heilige in sich und im großen Ganzen spürt. Oder wenn ein Mensch beim Frühstück oder beim Abendessen allein durch die Aufnahme von Nahrungsmitteln die Eucharistie empfindet, dann ist das doch wunderbar! Das könnte man ja auch Gottesbezug nennen.
Die Sprache Gottes
Und nicht zuletzt auch die Stille! Hier seht ihr mich ins Mikrofon reinsprechen, aber zwischendurch bin ich auch mal ganz still. Ich mag die Stille! Was können wir schon sagen? Es sind doch nur Worte! Menschen sind fehlbar – übrigens auch heilige Schriften, obwohl diese manchen Menschen als unfehlbar gelten. Die Historiker wissen aber, dass sie von Menschen gemacht wurden. Gott hat nicht nur eine Sprache, er spricht nicht nur Hebräisch, Griechisch, Latein, Sanskrit und Arabisch. Gott kann alle Sprachen! Vor allem kann er schweigen.
Ich habe nach dem Vortrag mit einigen der Besucher gesprochen, sie sagten auch, dass sie diese Stille in der Kapelle als so schön empfanden. Die Momente, in denen ich nicht gesprochen habe, wie wunderbar!
Man sieht im Film das Licht von oben kommen. Es scheint da auf meine Haare, manchmal auch auf mich. Einmal schwenkte die Kamera nach oben. Wenn Licht von oben in einen Raum kommt, wie etwa in meiner Jurte oder generell in Jurten, und auch hier, der Architekt hat das ganz wunderbar gemacht! Da kommt Licht von oben in diesen heiligen Raum. Wie schön!
Himmel und Erde
Gott sitzt nicht nur über den Wolken, das wissen wir. Trotzdem haben wir oft das Gefühl, dass im grenzenlosen Himmel etwas Göttliches ist. Die Wolken verdecken den Himmel, doch immer mal wieder reißt er auf, dann können wir das Unendliche sehen und spüren.
Das wäre die ‚männliche Art der Betrachtung‘, dass der Geist – Yang sagen sie dazu in China – dass das Heilige oben ist. Die ‚weibliche Sicht‘, die wir dabei zur Ergänzung brauchen, das ist die Erde. Unter unseren Füßen ist die Erde, sie trägt uns bedingungslos. Die Gravitation, die ich lieber Attraktion nenne. Das kommt nicht vom lateinischen gravis, das schwer bedeutet, sondern von attraktiv, denn die Mutter Erde liebt mich! Ich kann so hoch springen wie ich will, die Attraktion ist immer stark genug, mich zurückzuholen.
Im Tanzen spüre ich das ganz besonders. Ich springe und lande doch immer wieder auf dem Boden von Mutter Erde, auf der heiligen Erde. Über uns der Himmel, unter uns die Erde. Diese beiden Elemente, das Männliche und das Weibliche, sie ergänzen sich zu – Gott. Der auch in meiner Sicht weibliche wie männliche Aspekte hat. Gott nur als Gottvater und nicht als Gottmutter zu betrachten, finde ich einseitig. In der Hinsicht bin ich übrigens mit Pfarrer Mombauer einer Meinung: das Göttliche ist auch etwas Weibliches. Mann könnte auch sagen: etwas Transsexuelles. Gott hat nicht nur ein Geschlecht, er ist jenseits dieser Zuordnung, die ja auch eine Spaltung ist, eine Zweiheit. Gott ist jenseits von den Geschlechterkämpfen und Geschlechterdifferenzen – und auch diesseits davon, wie mysteriös.
Du bist so – ich bin anders
Denn auch unsere Verschiedenheit ist heilig! So wie die Liebe in der menschlichen Begegnung. Von Jesus ist ja überliefert: »Wenn zwei oder drei in meinem Namen beisammen sind, dann bin ich mitten unter ihnen« Mich berühren solche Stellen im Evangelium so sehr wie manche Stellen aus den Sutren von Buddha. Buddha und Jesus sind für mich Gleichrangige. In Bezug zu Gott würde ich sagen: gleichrangige Menschenskinder und zugleich Gottes Kinder. Sie sind Weise, die mir Zugang zu Gott, zum Großen verschafft haben und auch immer wieder schaffen, ich kann mich da anbinden.
Wenn zwei oder drei oder auch zwölf oder tausend in meinem Namen beisammen sind – oder nur ich und du, wie bei Martin Buber in seinem großen Werk »Ich und Du«, dann ist der Heilige Geist bei uns. Dann ist Jesus da, und Buddha ist da und Gott ist da. Dann ist das Heilige bei uns, und wir können es spüren.
Ergriffenheit
Manche spüren es in der Ergriffenheit. Da läuft einem eine Gänsehaut über den Rücken, man spürt einen ‚Heiligen Schauder‘, eine Ehrfurcht vor etwas ganz Großem.
Ich muss in sakralen Räumen oft weinen. Oder auch wenn jemand ein ein Gedicht vorträgt, das mich sehr berührt. Oder wenn die Augen eines Menschen mich anstrahlen, und ich spüre dabei unsere Gemeinsamkeit, Zugewandtheit, dieses einander Erkennen. Das ist für mich das Heilige im Lebendigen, des einander Begegnens, das Gewahrsein: »Ich bin wie du – ein Mensch«. Die Fähigkeit dazu haben wir alle.
Wir können jederzeit einkehren. Nicht nur im Kloster und im Wald, sondern jederzeit, überall. Diese Einkehr ist das Heilige. Wenn ein Mensch eine Kapelle wie diese hier dazu nutzt – wunderbar! Wenn es eine Moschee oder Synagoge ist, oder du sitzt an einem Fluss und schaust in das unablässig strömende Wasser, dann ist es eben das für dich! Dann geh diesen Weg zum Heiligen, deinen eigenen. Spüre es und verbinde dich damit.
Wir und die anderen
Mich immer wieder mit dem Heiligen zu verbinden, auch an Orten, wo man es nicht vermutet, das ist für mich der Weg. Das möchte ich auch anderen sagen: Schaut über die Grenzen von Kulturen hinaus! So oft bekämpfen Kulturen einander. Man nennt das heutzutage meist Rassismus, aber eigentlich ist es nur Misstrauen gegenüber einer anderen Kultur, manchmal auch Hautfarbe. Eine andere Ethnie oder Weltanschauung missbilligt man, weil man sie nicht kennt und deshalb fürchtet. Diese andere Art zu leben, zu denken und zu fühlen verurteilt man dann als falsch oder sogar feindlich: »Dort drüben, das sind die Ungläubigen, die sind nicht so wie wir! Vor denen müssen wir uns schützen. Wir müssen sie taufen und zu Gott führen, damit sie nicht in die Hölle kommen.« Was für ein Unsinn!
Greven als Brückenstadt
Transzendenz bedeutet über die eigene Echokammer hinauszuschauen. Wir sind hier in Greven. Dieser Ort ist als Siedlung um eine Brücke herum entstanden. Mein Wunsch wäre, dass Greven auch in dieser Hinsicht eine vorbildliche Brückenstadt wird, dass sie die Gräben von Weltanschauungen überbrücken kann.
Das Wort »Greven« ist ja aus dem Wort für Gräben entstanden. Da haben wohl damals, als dieser Name entstand, Brücken Gräben überbrückt. Greven entstand an einer Brück über den Fluss Ems. Durch diese Brücke konnte man rechts der Ems ebenso wie links der Ems wohnen und musste nicht einen gefällten Baum über den Fluss legen, um rüberzukommen. Heute ist Herausforderung, für die ganze Weltgesellschaft dass wir die in den anderen Weltanschauungen Beheimateten, dass wir die auch als Mitmenschen akzeptieren und zu ihnen eine Brücke schlagen.
So wie es ja auch das Städtepartnerschaftskomitee Greven-Montargis macht. Es pflegt die Freundschaft zu einem Land, das Jahrhunderte lang für Deutschland ein Feindesland war. Jetzt sind Frankreich und Deutschland miteinander befreundet, und ich wünsche mir, dass Deutschland auch mit all den anderen Ländern Freundschaften schließt, die von unserem Land jetzt noch befeindet werden.
Nicht erst nach dem letzten Atemzug
Josef Ridders, der mich eingeladen hatte, kam nach dem Vortrag zu mir und bedankte sich herzlich. Er wiederholte mir auch noch im Zweiergespräch, wie sehr er sich sehr beseelt fühlte von dem Vortrag und dankbar. Er hatte mich ja auf Empfehlung von Peter Hamelmann von der Kulturinitiative Greven sozusagen als Katze im Sack eingekauft, im Vertrauen, dass ich imstande wäre, einen Vortrag zu halten, der nicht langweilt und die Menschen berührt.
Ich glaube, das ist mir gelungen. Der Applaus war lang, die Gesichter strahlten. Mit einigen aus dem Publikum kam ich danach noch ins Gespräch, und ich freue mich nun, dass diejenigen, die nicht in der Kapelle dabei sein konnten, jetzt diesen Film von meinem Kapellenvortrag sehen können und dazu meine Worte hören oder diesen Text lesen.
Mögt ihr das Heilige in eurem Innern finden, in der Meditation oder im Gebet, in eueren Beziehungen, in eurer Arbeit und gesellschaftlichen Aktivität. Im Wald, in der Kirche, an der Kaaba oder am Kailash, wo auch immer, und hoffentlich findet ihr es nicht erst, wenn ihr den letzten Atemzug getan habt, sondern schon jetzt!
Der Heilige Geist
Pfarrer Mombauer hatte mich für den 10. Mai zu einem Dialoggottesdienst in die St. Martinus Kirche eingeladen. Hier findet ihr meinen Blogeintrag dazu: Kann das alles weg? Da geht es auch um die Frage, ob vom Christentum und den beiden großen Kirchen wirklich »alles weg« kann, so obsolet seien sie, so reformbedürftig und ’nur noch für die Alten‘ da.
Oder ihr klickt direkt in unsere Filmaufnahme von der Predigt: Heiliger Geist – die Verbindung zwischen Mensch und Gott, in der Pfarrer Mombauer den Heiligen Geist einen Geist der Freiheit, der Wahrheit und der Verbundenheit nennt.