Am vergangenen Freitag stellte ich bei uns in der Nachbarschaft, im Aartal-Kultur-Café, die Neuauflage meines Buchs »Zauberkraft der Sprache« vor. Etwa 20 Zuhörer waren gekommen, darunter auch zwei Kinder. Dank der beiden Kinder (5 und 8 Jahre alt) und ein paar anderen, die mich als Humoristen kannten, wurde es sehr lustig. Es gehörte ja auch diesmal zu meinen Absichten, die Tragikomik des Menschsein anhand von dem zu zeigen, wie wir uns von Sprache verzaubern lassen. Mal verzaubert sie uns zum Guten, mal zum Schlechten, und den Wechsel vom Schlechten zum Guten ermöglichen wir, indem wir das Komische an einem Akt durchscheinen lassen.
Neu an der zweiten Auflage dieses Buchs ist vor allem das Bild, das ich schon 2006, beim Entstehen der ersten Auflage, auf dem Umschlag haben wollte: ein Vogel, der statt auf einem Baum auf vier Buchstaben sitzt, die Baum bedeuten. Er sitzt also auf einem Fake, auf etwas Unechtem. Trotzdem trällert er fröhlich sein Lied. Obwohl Sprache fast nie das ist, was sie meint, können wir auch auf einen Fake sitzend glücklich sein und unser Lied vor uns hinträllern.
Sprache ist nicht, was sie meint
Der Sinn meines Buchcovers ähnelt dem des berühmten Bildes »La trahison des images« / Der Verrat der Bilder, das René Margritte 1929 malte. Es zeigt das Bild einer Pfeife, darunter die Worte »Ce n’est pas une pipe« / Dies ist keine Pfeife. Es ist ja nur die Abbildung einer Pfeife. Wenn wir über etwas sprechen, ist dieses Geschehen etwas anderes, als das, was es meint. Sprachliche Gegenstände (z.B. geschrieben Worte ebenso wie andere visuelle Signale) oder Ereignisse (Lautfolgen wie gesprochene Worte oder Sätze) bedeuten etwas, das sie nicht sind. Ausnahmen sind Sätze wie »Dieser Satz hat fünf Worte«, er bedeutet sich selbst.
Von der Trance in die Wachheit
Auf der Rückseite des Buchs sitzt der Vogel nicht mehr auf vier Buchstaben. Nun sitzt er auf dem Ast eines echten Baums; er hat den Weg zurück zur Natur gefunden. Hinaus aus dem Gefängnis der Sprachtrancen, hinaus aus dem irdischen Jammertal, das ihm beschieden war nach dem Naschen vom Baum der Unterscheidungen. Nun sitzt er auf einem echten Baum und ragt sogar aus dem Bild hinaus in den leeren Raum jenseits davon: Er hat transzendiert. Sprache als das zu erkennen, was sie ist, führt zur Transzendenz.
Wer beim Sprechen, anstatt getrieben zu sein von Worten, weiß, dass er spricht und beim Zuhören weiß, dass er dabei fast unvermeidlich in eine leichte Trance versetzt wird, ist bewusst, wach, präsent und insofern kaum mehr manipulierbar. Diese leichte Trance nenne ich Verstehtrance. Sie ist eine Einschränkung der Wahrnehmung, die im Stroop-Effekt sogar messbar ist. Wer dieser Trance entkommt, hat vom Baum des Lebens gegessen, die sprachinduzierten Illusionen durchschaut und kann die Welt nun so wahrnehmen wie sie ist. Das Aufwachen aus den Sprachtrancen ist der Weg in die Freiheit. Dazu will dieses Buch verhelfen.
Sprachbewusstsein
Aus dem Zen ist die folgende Geschichte bekannt. Vier Mönche verabreden sich zu einem einwöchigen Schweigeretreat. Am dritten Morgen kräht der Hahn so laut, dass einer Mönche nicht an sich halten kann und sagt: »Das ist aber laut!«. Darauf der zweite: »Wir haben doch vereinbart eine Woche zu schweigen!« und dritte: »Nun hast auch du gesprochen!«. »Ich bin der einzige, der noch nicht gesprochen hat«, ergänzt der Vierte das Quartett der vier, die das optimale Sprachbewussten offenbar noch nicht erreicht haben.
Für sprachbewusste Menschen ist Lesen keine »fesselnde« Lektüre mehr, sondern eine befreiende. Das ist die Ambivalenz der Sprache: Sie kann in die Irre führen, wie die vielfältigen Beeinflussungen durch Werbung, Medien, Kultur, Religion und Politik und die Beurteilung von uns selbst und anderen auch im Nahraum und Selbstgespräch uns tagtäglich zeigen. Sie kann aber auch befreien.
Harari über die Gefahr und Chance von KI
Gerade bin ich auf diesen Vortrag von Harari über KI gestoßen, den er vor ein paar Tagen in Oxford gehalten hat. Am Ende dieses Vortrags verweist er auf die Herausforderung, die KI uns nun krasser stellt als je in der Geschichte der Zivilisation. KIs sind ja im Wesentlichen LLS, Large Language Models / Große Sprachmodelle. Als solche wird KI uns Menschen in allem Sprachlichen bald so hoch überlegen sein wie schon längst im Schach und in vielem anderen. KI kann aber nur Sprache. Was jenseits davon ist, das kann sie nicht.
Harari fragt am Ende dieses Vortrags: Was ist jenseits von Sprache? Dieses Jenseits erreicht KI nicht. Wie schon der erste Satz des Daodejing es sagt: Über das wahre Dao kann man nicht sprechen. Das ist auch die Essenz von Zen. Und es ist die Essenz von meinem Buch über die »Zauberkraft der Sprache«.
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