Seit nunmehr gut 16 Monaten lebe ich weitgehend im Wohnmobil, gehöre also zum ‚fahrenden Volk‘. Habe keine Wohnung mehr und kein Haus, bin Nomade und insofern lustvoll Minimalist geworden, ein Steinzeitmensch im Internetzeitalter. Fahrzeug, Büro und Wohnung sind für mich eines, mit den Ausmaßen: 540 x 210 x 280 cm (Länge, Breite, Höhe). 

Deutschland von der Straße her

Diese Lebensweise verbindet mich näher mit den Rhythmen Tag & Nacht, Sommer & Winter. In den warmen Monaten stelle ich mein Auto gerne an Flüsse oder Seen, wo ich morgens und abends joggen und schwimmen kann. Frei parkend, nicht auf Campingplätze. Im Auto zu duschen ist zwar möglich, aber aufwändiger und weniger komfortabel. Im Frühjahr & Sommer leiten die Solarzellen auf dem Dach meines Autos ausreichend Energie auf die beiden Wohnraumbatterien, im Herbst & Winter spärlicher. Heuer war es schon im Oktober manchmal so kalt, dass ich die Gasheizung im Auto angeschaltet habe.

So lerne ich Deutschland von der Straße her kennen und beheimate mich in Regionen, die ich vorher nie mit eigenen Augen – will sagen: mit meinen eigenen visuellen Filtern und meinem eigenen Fokus – gesehen hatte. Ich bekomme dabei ein Gefühl dafür, was Deutschland als Ganzes ausmacht und wie wir Erdenbürger in der modernen (westlichen) Welt so leben; in Deutschland, den USA, Argentinien, Neuseeland, Südkorea und all den anderen Ländern, aus denen uns täglich Nachrichten zuströmen. 

Landschaftliche Schönheit berührt mich dabei ebenso wie die Zerstörungen durch Industrie, Abfall, Zersiedelung und Transport. ‚Nicht mehr wegzudenken’: die Schlangen von LKWs auf den rechten Spuren der Autobahnen und auf zu wenigen und überfüllten Raststätten. 

In Bewegung sein, aber wo bleiben? Lust auf neue Eindrücke wechselt ab mit dem Bedürfnis nach Konstanz. Neue Rhythmen entstehen zwischen Einkaufen, Essen und Trinken und auch Kulturtechniken wie diese: im Sommer in einer Seenlandschaft mit Waschlappen in der Tasche zu joggen, so dass ich keinen Rucksack brauche und mich mit dem Lappen nach dem nackten Morgenbad abtrocknen kann ohne Handtuch; Kacken im Wald und den Kot verscharren wie die Katzen; Waschen im Fluss; Standplätze finden, die mir behagen, an die ich gerne wiederkehre, mich dort beheimate. 

Optimismus in Zeiten der Cholera

Unterwegs höre ich die Bücher von Harari auf Englisch und Deutsch. Nun auch Eckhart Tolle, wie er sein Buch »Eine neue Erde« selbst aufspricht; süß ist er, auch ein bisschen kitschig; Harari hingegen aufrüttelnd faktennah. Dabei wünsche ich mir, dass sowas Schullektüre wird. Mein neunjähriger Sohn hört Harari mit und fragt nach. In einem Humorworkshop hatte ich ein elfjähriges Mädchen als begeisterte Teilnehmerin und fragte sie danach: Sowas auch für Teenies, wär’ das was? Ja, sagte sie, genial, aber nicht alle seien dafür offen. Fridays for Future, Wisdom for Future? Viele der Kinder scheinen mir weiser zu sein als wir apokalyptisch abgebrühten Erwachsenen, umweltsensibler und bereit für Veränderung. Leider werden sie überwiegend aus Quellen beeinflusst, die mehr versteifen als neue Optionen zu öffnen.  

Greta Thunberg ist eine Ausnahme. Die Ausnahmen werden mehr, aber reicht das aus? 

Klima Demo in Bern.jpg

Klimademo in der Schweizer Hauptstadt Bern im September

Was sich ändern muss

Was mir an vielen der Aufrufe, die Erde zu retten fehlt, ist die Forderung nicht nur nach einem anderen Verhalten der Konsumenten, sondern nach einer Änderung des Betriebssystems der Erdzivilisation. Das Wirtschafts- und Finanzsystem, das uns beherrscht, muss sich ändern. Wer heute Wirtschaft studiert, sollte die Schriften von Silvio Gesell und Thomas Piketty lesen und sich den Film »Das Wunder von Wörgl« ansehen und die ORF Doku über dieses sehr erfolgreiche Freigeld-Experiment. Der Schönheit und Eindringlichkeit wegen auch die Filme von Yann Arthus-Bertrand, die man sich im Web überwiegend oder ganz gratis ansehen kann. Und »Das Salz der Erde« von Wim Wenders und Juliano Salgado.

Als einzelne Konsumenten und Wähler können wir nur wenig ausrichten. Wir können jedoch Keime von Verhaltensänderung setzen: Wenn 1% eines Kollektivs mutig vorangeht, kann sich das Ganze ändern, das zeigten die Montags-Demos in der DDR der 80er Jahre und auch die Abschaffung der Sklaverei im 19. und 20. Jahrhundert; da wirkten einzelne als Vorhut, und schließlich kippte die ganze Gesellschaft in die neue Richtung. Ein solches Kippen in eine neue Dimension brauchen wir in Bezug auf unser Wirtschaftssystem und die Politik.

Bei einer Änderung deines persönlichen Verhaltens kann dir vielleicht eine dieser drei Apps helfen. Aber Apps brauchen Elektronik, und auch die von uns verwendete Elektronik sollte nachhaltig produziert, gehandelt und angewandt werden, findet der Webdesigner Raffael Bollius und hat dazu eine Liste erstellt. 

P.S. Gerade lese ich Saleems Blogeintrag zum Thema „Im Klimaschock – die kollektive Bedrohung und ihre Verarbeitung„, der an dem Tag, an dem ich diesen Rundbrief rausgeschickt habe, in meiner Mailbox eintraf. Genial einsichtig, tiefschürfend und umsichtig untersucht Saleem hier die Innen- und Außenwelten, die uns in dieser Sache bewegen, motivieren oder verzweifeln lassen. Mehr dazu in meinen nächsten Rundbrief und/oder auch hier in meinem eigenen Blog. 

Zwiebelschälen

Oder sollten wir erstmal Innenschau betreiben, ehe wir versuchen unser Verhalten und die Außenwelt zu ändern? Endlich wendet sich nun auch »die Wissenschaft« (haha, ich meine den Mainstream der Wissenschaft) einigen der spirituellen Themen zu und findet zum Beispiel, dass die Suche nach Authentizität und dem wahren Selbst leider kein Ergebnis bringt; auf spektrum.de zusammengefasst von dem Intelligenz-Forscher Scott Barry Kaufman. Innenschau ist eben ein Zwiebelschälen: Schicht um Schicht entblättern und entdecken wir uns – aber die Mitte ist leer. Das lässt sich jedoch auch positiv deuten: Ein authentisches Selbst gibt es nicht, stattdessen wohnt in uns die Unendlichkeit, die Freiheit: nichts, alles; das Unsagbare, das alles umfasst.

Wer schon die Achtsamkeitsmeditation kennt und dann noch Psilocybin (der Stoff aus den magischen Pilzen) oder auch LSD zu sich nimmt, taucht damit noch tiefer in die Meditation ein, wird empathischer und empfindet das Leben als sinnvoll, wie eine Doppelblindstudie zu Achtsamkeit + Pilze ergeben hat. Das gilt wohl auch umgekehrt: Wer mit psychedelischen Substanzen experimentiert und dabei meditiert, vermeidet so den berüchtigten Horror-Trip und erschließt sich so die positive Wirkung dieser Substanzen ihrer Fülle.

Wobei auch Meditation Horror-Trips aus lösen kann, ja, leider. Wer viel verdrängt, bei dem lauern die Dämonen im Schatten und werden auf die Mitmenschen projiziert. Ein Psychedelika-Trip wirkt wie eine Innenschau im Zeitraffer. Das kann nicht nur göttliche Glückszustände bewirken, sondern auch auch das Abgelehnte in der eigenen Seele, die ‚Dämonen‘ aus ihren Verstecken locken, und es folgt ein sogenannter Horror-Trip. Aber auch eine einfache stille, d.h. inhaltsleere Meditation kann u.U. solche Ängste auslösen.

Veranstaltungen mit mir 

• Am WE 30.November/1. Dezember gibt es wieder, wie letztes Jahr, im Yogastudio Heidelberg, Landhausstr. 17, einen Humorworkshop mit mir. Info & Anmeldung wieder über Ulrike Müller, ulmuta@gmx.de.

• Noch ein letzter Humorworkshop dieses Jahr vor der Winterkälte, am WE 7./8. Dezember: Beziehungstheater – in der Nature Community bei Schönsee in der Oberpfalz. Humor hilft nämlich nicht nur gegen die Dunkelheit in der Seele, sondern auch gegen die des Winters. Er hilft in Beziehungen, im Umgang mit sich selbst und in besonderer Weise in Gemeinschaften aller Art. 

Die Wochenenden kosten 160-190 €. Frühbucher und Paare bekommen das WE meist günstiger (für 135-170 €/Person). 

• Das BeFree Silvester-Retreat auf Gut Frohberg (evtl. gibt es dort noch Plätze für Männer). 

• Ich gebe auch Tages-Workshops auf La Palma, wo ich auch dieses Jahr wieder von Anfang Januar bis Ende März überwintere. Meine Workshops sind auch weiterhin nicht für Menschen, die per Flugzeug anreisen. Das gilt für überall, auch für Mitteleuropa. Auf La Palma also nur für Menschen, die schon auf der Insel sind oder per Segelschiff anreisen.

• Das BeFree Oster-Retreat auf Gut Frohberg, Beginn des BeFree-Jahrestrainings.

In allen BeFree-Retreats leite ich Morgenworkshops zu Thema »Ekstatisch leben« und b.a.w. auch Kuss-Rituale an.

• Ein WE-Humorworkshop in der Academy of Stage Arts (21.-23. August)

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