Wer hat mich in meinem Leben in geistiger Hinsicht zu dem gemacht, der ich heute bin? Die Beschäftigung mit den Büchern von Yuval Noah Harari hat in mir diese Frage in den vergangenen Wochen mal wieder aufgebracht. Fünf Personen ragen unter denen heraus, die mich zu einem erweiterten oder vertieften Blick auf mich selbst und die Welt geführt haben. Fünf männliche Personen. Weil ich selbst ein Mann bin, oder weil das Patriarchat die Menschheitsgeschichte so sehr dominiert hat? Eher das Zweite. 

Ich habe mich beeinflussen und führen lassen, weil ich das so wollte und mich dabei manchmal sehr klein gefühlt im Vergleich zu diesen Geistesgrößen. Manchmal habe ich mich dabei auch sehr ‚hoch stehend‘ gefühlt, wie ein Zwerg auf den Schultern eines Riesen, weil ich aus dieser hohen Warte so weit blicken konnte. Weiter als diese Riesen? Mag sein, vielleicht immerhin in einigen Details. Damit wäre doch der Sinn des Lernens erfüllt: dieses hohe Ziel, dass ein Schüler weiter gehen und weiter blicken kann als seine Lehrer und Meister.

Fünf Influencer in meinen Leben

Wenn ich heute die größten philosophischen Beeinflusser in meinem Leben nennen müsste, wären dies: Bertrand Russell (in den Jahren 1968-73), Buddha (seit 1976), Osho (1977-90), Ken Wilber (seit den 90er Jahren), Harari (seit 2017). Buddha und Osho ließen mich meine mystischen Erfahrungen vertiefen und erweitern. Ken Wilber half, mein Weltbild zu ordnen. Nun fasst Harari mir Bekanntes zusammen, ergänzt, vertieft, verdichtet und erweitert es. Wie schon so viele vor mir das empfunden haben, blicke ich als Zwerg auf den Schultern dieser Riesen in die Welt hinaus – was für ein erhabener Ausblick!

… und ihre Defizite

Neben dem erhebenden Genuss dieses Weitblicks, fallen mir jedoch auch Defizite auf. Bertrand Russell, dem Begründer der Wissenschaftstheorie des 20. Jahrhunderts (das war mein Studienfach), hat die mystische Erfahrung gefehlt. Die habe ich durch Buddha und Osho in mein Leben geholt, habe sie durch diese Vorläufer/Vorbilder, Lehrer oder Meister aussprechen, entfalten und einüben können. 

Was Buddha für Defizite hatte, ist allgemein bekannt. Die zwei wichtigsten: Er hielt das Leben des Haushälters für weniger geeignet für die spirituelle Entwicklung als das des Mönchs, Sadhus oder Eremiten, der auf ‚das Weltliche‘ verzichtet. Er glaubte wohl auch, damit konform seiner Zeit, Frauen müssten erst als Männer wiedergeboren werden, um die volle Erleuchtung zu erlangen. Beides ist inzwischen überholt.

Was Osho für Defizite hatte, auch das ist bekannt. Ich nenne hier nur ein paar. Er unterschätzte die Bedeutung der Bindung an die Mutter (und die Eltern) für die Entwicklung des Kindes. Er betrachtete menschliche Bindung zwar als ideales Lernfeld, gemäß der indischen Tradition doch immer noch als zu überwindende Anhaftung. In ähnlich traditioneller Weise beschrieb er das Ego als Gefängnis, nur durch dessen Überwindung könne man spirituelle Fortschritte machen, was der Praxis des Ego-Bashings unter seinen Schülern Vorschub leistete. Er hielt Homosexualität für eine kulturell bedingte Frühstufe in der persönlichen Entwicklung, die bei mehr Mut zur Begegnung mit dem Gegenpol quasi von allein zur Heterosexualität hinführe. Die Pro-und-contra Debatten der offenen Gesellschaft missachtete er als nur intellektuelle Aufführungen, denen das Wesentliche des Menschseins verschlossen bliebe. 

Ausblick vom Hochplateau

Bei alledem, was ich aus heutiger Sicht als Defizit dieser Großen zu erkennen glaube, bleibt meine Hochachtung. Hätte ich denn das Rad erfinden können, als einer unter denen, die damals noch die Steine für unseren Tempel auf dem Rücken anschleppten? Mindestens hätte ich dazu denen zuschauen müssen, die die größeren der Steine auf Baumstämmen heranrollten, und selbst dafür hätte ich Zeit zum Nachdenken und Ausprobieren gebraucht – die Arbeiter beim Bau der Pyramiden hatten keins von beidem. 

Wenn wir Heutige immerhin so viel Einblick haben, die Größe der Genies erkennen zu können, die vor uns da waren, dann können wir uns auf ihre Schultern stellen. Dann können wir von diesen Hochplateaus aus weiter aufsteigen, anstatt am Base-Camp ganz unten anfangen zu müssen.

Von Bertrand Russell habe ich die Anwendung der exakten wissenschaftlichen Herangehensweise auf die Philosophie übernommen. Von Buddha die Zurücknahme der religiösen Projektionen hin zu ihrem Projektor, dem Menschen, der so imstande ist, sich selbst zu erkennen und sich selbst ein Licht zu sein. Ken Wilber zeigte mir das AQAL-Modell, welches Inneres und Äußeres, Geist und Materie, Individuum und Kollektiv in ein einziges Weltbild fasst, in eine »Theorie von allem«. Damit zeichnete er eine Landkarte von Entwicklungslinien auf, deren jeweils höhere Stufe alle niederen in sich enthält; das waren die Spiral Dynamics, die er von Beck, Cowan & Graves übernommen hatte.

Bei Harari, meinem aktuellen Leuchtturm, fällt es mir viel schwerer Defizite aufzuzählen, so sehr bin ich noch am Aufnehmen der immensen Wissensfelder, in die ich durch seine Bücher eintauche. Doch auch hier fallen mir ein paar Punkte auf, die ich vielleicht eines Tages in einem Interview mit ihm ansprechen kann: Mir scheint, er unterschätzt wie sehr Sprache unser Wissen prägt, allein schon beim Aufkleben eines Wortetiketts auf einen zu benennenden Gegenstand, noch ehe ein Narrativ erfunden wurde, der dann diese Etiketten miteinander verbindet und so unsere Identität prägt und uns führt; schon diese erste Prägung des Bildes, das wir uns von der Welt machen, ist doch bereits eine Entfernung von der mystischen Wahrheit (die von einigen Philosophen auch als Qualia bezeichnet wird). Ein zweiter Punkt ist Hararis Grundlegung der Ethik auf Leidvermeidung. Hier würde ich Lust- und Glücksstreben mit Leidvermeidung in Eines fassen und behaupten, dass alle fühlenden Wesen (sentient beings) evolutionär darauf programmiert sind, die Summe von alledem zu optimieren, wobei Lust/Glück als Plus, Leid als Minus eingespeist werden. Mag sein, dass dieser zweite Einwand eher eine Ergänzung seiner Ausführungen ist als ein Gegenpol zu seinen Thesen. 

Was jetzt? 

Inmitten von alledem, was geeignet ist, mich angesichts der aktuellen Situation von Homo sapiens auf dem Planeten Erde zum Pessimisten zu machen, spüre ich auch Lust, auf der Basis der Einsichten von Harari weiterzudenken. Was können wir denn jetzt tun? Können Mindlabs, Thinktanks oder Aktionsgruppen auf den Kurs der Weltgesellschaft einwirken, die doch bisher so zielstrebig auf den Ökozid zusteuert? Gerne möchte ich dazu eure Kommentare lesen. 

Bitte bedient mich dabei aber nicht mit dem Resonanzprinzip oder etwa dem NewAge-Unsinn, dass wir die Welt erfahren, die wir uns mit unseren Gedanken erschaffen haben. Auch der Gandhi-Spruch »Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt« erscheint mir als entweder zu naiv (Wie könnte ich denn anders sein, inmitten von alledem?) oder größenwahnsinnig (Wenn ich denn imstande wäre, mich vorbildlich zu verhalten, heißt das ja noch nicht, dass irgendwer herschaut). Hilfreicher fände ich einen geistigen Austausch mit denen, die Hararis Bücher »Eine kurze Geschichte der Menscheit«, »Homo Deus« und »21 Lektionen für das 21. Jahrhundert« gelesen haben, sei es auf Englisch oder auf Deutsch. 

Auch wenn du nur eines dieser Bücher gelesen hast, schreib’ mir hier deinen Kommentar rein, dann schauen wir weiter. Mir fällt schon jetzt sehr viel mehr ein als nur ein Dialog mit Worten, aber ein solcher wäre schon mal ein guter Beginn. Fortschritte in der Weltgesellschaft lassen sich nur von in Netzwerken miteinander verbundenen Individuen erreichen.