[Anstelle eines Vorworts:
Ich weiß, dass meine Haltung (und die von Roger Waters) zu dem Vorgehen Israels kontroverse Gedanken auslösen wird. Vielleicht sogar nen Shitstorm, weil ja ein friedfertiger Umgang mit „anderen“ Meinungen scheinbar passé ist. Wir wagen es trotzdem. Ich persönlich möchte betonen: Ich vertrete eine „Meinung“, und zwar meine, nicht die von Wolf und nicht die deine. Ich vertrete keine Wahrheiten, weshalb ich mich dem alten deutschen Sprichwort anschließe: „Über Geschmack lässt sich nicht streiten.“]
Ich werde ein bisschen aus dem Nähkästchen plaudern. Es ging um ein Mädchen. Ich war 17, das Jahr schrieb sich 1970. Neun Jahre später erschien der Pink-Floyd-Song „Comfortably Numb“, zu Deutsch: „Angenehm betäubt“.
Ich war also meiner Zeit um neun Jahre voraus, als ich mich mit Bier „abschoss“; ausgerechnet das Mädchen, deretwegen ich hoffnungsvoll zu der Party gefahren war, hatte mich gnadenlos abblitzen lassen. Irgendwann, gegen halb zwölf Uhr nachts, machte ich mich auf den Heimweg – volltrunken. Theoretisch hätte das so ausgesehen: Ich hätte mich auf mein Mofa gesetzt und wäre in ca. zehn Minuten die rund drei Kilometer heimgefahren. Praktisch dauerte es länger, mehr als eine Stunde; denn ich war so „dicht“, dass ich mich nur mit Mühe in den Heimweg einfädeln konnte. Aber: Bis dahin war ich „comfortably numb“.
An diese Geschichte musste ich denken, als ich kürzlich Roger Waters‘ Neuauflage von „Comfortably Numb“ – unter Tränen – hörte. Allerdings ist Roger Waters diesmal nicht der einzige Autor, er teilt sich den Song mit Mona Miari, einer palästinensisch-amerikanischen Sängerin. Womit wir schon fast beim Thema sind. Das Begleitvideo zeigt drei Einstellungen: den alten, nachdenklichen Roger Waters – er ist jetzt 82 –, die wunderschöne, traurige Mona, und lange Videosequenzen des zerstörten Gaza, die Monumente westlichen Wahnsinns. Um das auszuhalten, muss man entweder „comfortably numb“ sein – oder Tränen verlieren.
Ich denke, die meisten von uns kennen wenigstens von Bildern diese Ausgeburten von Feindschaft und Hass; Würzburg, wo ich wohne, hat nach dem 16. März 1945 ausgesehen wie Gaza-Stadt. Auch damals hatte der (nachvollziehbare) Hass auf die Nazis größtenteils die Zivilbevölkerung getroffen, rund 3.600 Würzburger kamen bei dem Angriff der Alliierten ums Leben. Aber die Bombardements der 230 britischen Bomber waren kein versuchter Genozid. Vielmehr waren sie einer der vielen irregeleiteten Versuche (die Bombardierung Dresdens war ein anderer unsinniger Versuch), den Ethnozid der Deutschen zu beenden. Das Netanjahu’sche Israel hat da ganz anders durchgegriffen und rund 73.000 Palästinenser umgebracht.
Aber zurück zu „Comfortably Numb“. Mit dieser beunruhigenden Wortkombination beschreibt der neue Song eine Haltung des größten Teils der deutschen Bevölkerung – und der deutschen Regierungsparteien –, die den per Video anzusehenden Massenmord mit einem gleichgültigen Achselzucken hinnahm. Immerhin habe ich niemanden getroffen, den das blutige Treiben auch noch amüsierte. Die deutschen Bischöfe konnten sich zu der radikalen Äußerung durchringen, dass „Israels Recht auf Selbstverteidigung nicht unbegrenzt“ sei, sondern den Vorgaben des humanitären Völkerrechts unterliege. Man höre, staunen muss man nicht.
Insgesamt hat mich der Eindruck beschlichen, es komme gar nicht mehr auf den Grad und das Ausmaß des jeweiligen Unrechts an, denn mit einer Haltung des „comfortably numb“ und einer kühlen Limonade – oder ein paar Bier, siehe oben – kommt man so lange gut durch den Sommer, solange man nicht selbst angegriffen wird. Das kommt wohl noch.
Das Video heißt übrigens „Roger Waters & Mona Miari – Comfortably Numb Re-Imagined“. Auf der zugehörigen Website findet ihr zusätzlich Infos wie z. B. den neuen Liedtext. Und wenn ihr grade dabei seid, schaut euch noch Rogers „Sumud – Palestine will be free“ an.
Danke Bobby, für diesen Beitrag! Ich schätze den Roger Waters sehr, und dieses Lied, das er da zusammen mit Mona Miari singt, hat mich sehr berührt. Wenn ich da richtige hingehört habe, kommt dort am Ende die Verszeile „From the river to the See“ vor, vom Fluss bis zum Meer. Gemeint ist wahrscheinlich „vom Jordan bis zum Mittelmeer“, eine Verszeile, die auch von Menschen gesagt oder gesungen wird, die dort nur eine Ethnie wohnen haben wollen, sei es die arabisch-palästinensische, sei es die jüdische. Für Rechthaber mag das ein Stein des Anstoßes sein. Das Lied von Waters und Miari feiert… Weiterlesen »