Um den aktuellen Zustand unserer Gesellschaft emotional ertragen zu können braucht es entweder ein dickes Fell oder ein gut funktionierendes Selbsttäuschungssystem der Art »Ist doch alles nicht so schlimm«.
Doch, es ist schlimm! Ich greif da jetzt mal nur die beinharte deutsche Beteiligung am Völkermord in Palästina auf. Aus dem deutschen »Nie wieder Auschwitz« ist nun ein »Nie wieder etwas gegen einen Staat zulassen, der sich jüdisch nennt«, geworden. Egal wie auschwitz-like die Regierung dieses Staates gegen ihre vermeintlichen Gegner vorgeht und sich dabei selbst neue Feinde macht, Deutschland unterstützt sie ‚moralisch‘ und mit Waffen.
Lokale Oasen
Manchmal wache ich angesichts all der Nachrichten, die mich bis in die Nacht verfolgen, morgens schwermütig auf. Dabei geht es mir in meinem Nahraum doch persönlich gut. Bei Nachrichten aber, dass Deutschland nun wieder die größte Armee Europas haben will und in der Lüneburger Heide die größte Waffenfabrik des Kontinents baut, wird mir übel, und ich sage mir: Nein, das darf nicht sein! Nach zwei Weltkriegen jetzt schon wieder solch ein Größenwahn und moralischer Hochmut: Als hätten wir ‚die gute Demokratie‘, für die Welt ein mit Waffengewalt zu exportierendes Vorbild, dort seien die bösen Autokraten. Wir informieren, die anderen desinformieren. Und so weiter …
Neinsagen zu einem solchen System ist nötig. Es braucht aber auch ein »Wie denn sonst?«. Eine echte Alternative – und nicht sowas wie die AfD, die sich das Wort »Alternative« im Namen einverleibt hat. Es braucht eine wirklich andere Lebensweise: naturnäher, bescheidener, friedlicher, minimalistischer, weniger digitalitätsbesessen und im Bewusstsein der Verbundenheit mit allem. Es braucht kleine, lokale Oasen des »Anders leben«. Deshalb kritisiere ich nicht nur dieses die Natur zerstörende, völkermörderische System, sondern biete dort, wo ich wohne, einen Ort an, an dem wir anders leben können.
Wenn du nicht allzu weit weg wohnst von diesem Ort, komm auf unser Spätsommerfest am kommenden Samstag! Wenn du selbst einen Ort hast, an dem du anders leben kannst als der militaristisch gewordene Mainstream, mach es dort! Wenn du eine Lösung weist, wie das Bewusstsein des Homo sapiens von seinem suizidalen Trip wieder runter kommt, sag sie mir – und lass uns Netzwerke bilden, die dem Globalkapitalismus, Rechtspopulismus und Militarismus etwas entgegen setzen.
Das reale Leben
Hier nochmal in Grundzügen mein Konzept, wie ein »Anderes Leben« aussehen könnte: Wir betrachten uns als Teil der Natur, nicht als eine ihr überlegene Kontrollinstanz. Wir leben gemeinschaftlich, das heißt im Bewusstsein unserer Verbundenheit. Wir kommunizieren mit dem und denen um uns herum, erinnern uns dabei aber immer auch an uns selbst, den Nullpunkt, die Stille. Wir nutzen Technik und Digitalisierung, lassen uns davon aber nicht überwältigen. Das reale Leben ist analog, echt, fühlbar, sinnlich und spielt sich zwischen dir und mir, uns und euch ab.
Nirvana
Hier ein Beispiel wie ein individuelles Bewusstsein sich ändern kann. Im Bachelor of Being, den ich 2021 in Kassel mitgegründet habe – am Sa gibt es hierzu bei uns auf dem Spätsommerfest einen Vortrag der Gründerin Imke-Marie –, habe ich mal die Selbstausdehnung nach Joanna Macy angeleitet. Einer der jungen Erwachsenen hatte dabei ein Erleuchtungserlebnis. Ein Unfall? Nein, ein kleines Erwachen. Daraus etwas Dauerhaftes zu machen war der Wunsch des hiervon Beglückten. Das ist jedoch nicht so einfach. Deshalb: Tut euch in kleinen Gruppen zusammen, die den Massenwahn nicht mitmachen. Ein Ausstieg aus der Herde ist möglich. Frieden ist möglich. Auch eine Reise von tausend Meilen beginnt mit einem ersten Schritt.
Ich Mensch
Vielleicht denkt jetzt jemand, ich wüsste, was richtig ist und würde mir anmaßen, von dieser Warte aus andere zu beurteilen. Fehlanzeige. Wir sitzen doch hier alle auf der Oberfläche eines Planeten, der im Weltall vermutlich ziemlich einzigartig ist, und haben trotz unseres anspruchsollen Namens – sapiens – im Grunde keine Ahnung. Ich beurteile zwar den Militarismus als Militarismus, einen Völkermord als Völkermord, aber wenn ich meinen fokussierten Blick zu einem Weitwinkel ausdehne und dabei immer mehr Kontext einbeziehe, weiß ich wieder, dass ich, um mit Sokrates zu sprechen, im Grunde nichts weiß. Und mit dieser Ahnungslosigkeit zeige ich mich auch noch in aller Öffentlichkeit! So z.B. am 26. Oktober in Leipzig.