Zum Tod von Jörg Andrees Elten

»Die Journalisten des Mainstreams unterliegen in enorm vielen Bereichen massenhypnotischen Beeinflussungen«—Wolf

Unter der Überschrift »Indien und zurück«, Untertitel »Ehemaliger SZ-Korrespondent Elten gestorben« stand in der Süddeutschen Zeitung vor ein paar Tagen ein Nachruf: 

»Zu zwei Themen ist Jörg Andrees Elten in den letzten zwei Jahren seines Lebens immer mal wieder befragt worden, zu seinen Erfahrungen als Jugendlicher bei der Waffen-SS und zu seiner Zeit bei der Bhagwan-Bewegung. Im Jahr 1977 hatte Elten den Guru für sich entdeckt, als er im indischen Poona recherchierte. Für das Magazin Stern war der Reporter damals nach Indien gereist – und blieb dort. Er schloss sich der Sekte an und gab seinen Job auf.«

Aus Gründen der presserechtlich erlaubten Zitatlänge unterbreche ich dieses Zitat des SZ-Nachrufs und füge ein, dass das gleich von Eltens Tochter kommentiert wird. Im Jahr 1977 war übrigens auch ich in Poona. Einen Guru im üblichen Sinne habe ich dort aber nicht getroffen, eher einen Anti-Guru. Und jetzt weiter im Zitat:

»In einem Interview mit seinem früheren Arbeitgeber sagte er im Jahre 2010, er habe damals zunehmend eine innere Leere gespürt, die er mit »Erfolg, Geld und Anerkennung nicht mehr kompensieren konnte«. Seine Laufbahn hatte der 1927 geborene Elten nach dem Krieg in München begonnen. Er arbeitete für die Abendzeitung, war später sechs Jahre Nahost- und Afrika-Korrespondent für die Süddeutsche Zeitung, bevor er als politischer Reporter zum Stern wechselte. Er verbrachte vier Jahre bei der Sekte…«,

Sorry, dass ich hier nochmal unterbreche, mit der Frage: Sekte? Das war eher ein wilder Haufen von Freaks, die sich dort sexuell, sozial und spirituell ausleben konnten. Konfrontierend für Schüchterne, ein Paradies für Abenteurer und für mich, den Ex-Mönch, ein Ashram vom Feinsten. Übrigens: vier Jahre? Meines Wissens ist Elten bis zu seinem Tod Sannyasin geblieben.

Ich glaube nicht, dass die Kollegen von der SZ es mir übelgenommen hätten, wenn ich die Meldung ganz gelassen hätte, aber ich hatte mal Ärger mit einem Abmahnverein aus Hamburg, der per Computer das Web nach Doubletten durchsuchte und dann eine Einstweilige Verfügung rausließ, mit Strafandrohung, wenn man nicht sofort die verlangte Gebühr zahlte, allein schon aufgrund eines Zitates, dass die übliche Länge überschreitet. Was üblich ist, darüber kann man sich streiten – aber wer will schon mit Anwälten streiten; und das wissen sie, das ist ihre Geschäftsgrundlage – also deshalb diese Unterbrechung, und jetzt weiter im Zitat:

1979 schrieb er darüber das Buch Ganz entspannt im Hier und Jetzt. Später ging Elten als freier Schriftsteller in die USA. 1998 zog er nach Deutschland zurück, leitete Kreativitäts- und Meditationsseminare. Jetzt ist Jörg Andrees Elten kurz vor seinem 90. Geburtstag gestorben.«

Diffamierung as usual 

Da ich gerade mit seiner Tochter Susanne, mit Sannyas-Namen Avinasho, korrespondierte, erfuhr ich von seinem Tod und diesem Nachruf in der Süddeutschen mit der hierzulande üblichen Anti-Sannyas-Häme. Avinasho hatte daraufhin gleich der SZ geschrieben, mit wenig Hoffnung, dass sie ihren Leserbrief veröffentlichen würden. Hier ist ihr Brief:  

»Mit unglaublicher Geschwindigkeit haben Sie einen Nachruf auf meinen Vater aus einer ganz alten Schublade gerissen. Dabei haben sie völlig übersehen, dass dieser im Jahre 27 nach Bhagwan/Osho immer noch im Diffamierungssprech der Kirchen gehalten ist, die in den 80er Jahren alles platt zu machen versuchten, das irgendwie spirituell, aber ohne ihren Segen war. Heute bieten die Kirchen die Meditationen selber an, und sicher war jeder SZ-Mitarbeiter schon mal auf einem Workshop bei dem es um Selbsterkenntnis, Spiritualität, Yoga, Tantra, Psycho oder Ähnliches ging.

Totschlagbegriff »Sekte«

Woher also diese Häme? Und wie infam ist das denn, gleich im ersten Satz die Waffen-SS in einem Aufwasch mit Bhagwan/Osho zu nennen? Und können Sie sich vorstellen, dass es für uns, die Angehörigen, der pure Stress ist, wenn wir uns dauernd gegen den Begriff »Sekte« wehren müssen, weil gedankenlose Journalisten seit anno dunnemals immer den gleichen Mist voneinander abschreiben, anstatt mal bei Wikipedia nachzulesen, was eine Sekte eigentlich sein soll. Um dann festzustellen, dass nix davon auf Osho-Fans zutrifft.

Und selbst wenn: Der Begriff Sekte ist in Deutschland zum Ober-Grusel-Totschlag-Begriff hochgejazzt worden. Der Dalai Lama z.B. sieht das völlig anders. Wenn man hier »Sekte« sagt, dann braucht man gar nicht mehr inhaltlich zu werden. Man kann sich wohlig gruseln, und fertig.

Ein Nachruf – anders

Meine Schwestern und ich hätten uns stattdessen gefreut, wenn sie z.B. erwähnt hätten, dass unser Vater Gründungsmitglied der AZ war, dass er über die griechischen Inseln geflogen ist, um die KZs der griechischen Junta zu entlarven, dass er den russischen Geheimdienst abgeschüttelt hat, um Sacharov zu interviewen, dass er mit Sharon im Sinai im Sand gelegen hat und mit ihm dessen Fresspakete geteilt hat (die ihm seine Mutter in den Krieg geschickt hat), dass er noch auf dem Rollfeld aus dem Flugzeug geworfen wurde, welches dann mit Dag Hammarskjöld abstürzte…. Weggefährten wie Klaus Happrecht z.B. beschreiben ihn als einen hochkompetenten Kollegen.

Die Angst der Journalisten

Man könnte auch durchaus darüber nachdenken, warum die Kollegen von der Presse Vaters Reise nach Indien gar so sehr, so oft und so laut erwähnt haben. Was bitte war denn für sie daran eigentlich so aufregend? Hatten sie Angst ihre Beobachterrolle zu verlieren? Und warum bitte hat der damalige Innenminister Zimmermann eine Einreiseverbot für Osho/Bhagwan ausgesprochen? Wovor graut Politiker und Journalisten hierzulande?

Mein Vater ist sehr alt geworden. Kann gut sein, dass diejenigen, die heute die SZ machen sich gar nicht mehr an ihn als Journalisten und Kollegen erinnern. »Ganz entspannt im Hier und Jetzt« ist nicht nur ein Bestseller geworden, sondern auch ein geflügeltes Wort.«

Randgruppenexistenz

Ich bringe das hier in meinem Blog aus mehreren Gründen. Zum einen, weil ich Jörg-Andrees Elten persönlich kannte und meine eigene Geschichte mit ihm hatte (die ich vielleicht mal an anderer Stelle erzählen will). Zum anderen, weil das Thema der Diffamierung alternativer religiöser Bewegungen in Deutschland auch mich als Herausgeber viele Jahre lange beschäftigt hat, inhaltlich und wirtschaftlich: Es war für uns geistig höchst herausfordernd, bedeutete aber wirtschaftlich eine Existenz auf Messers Schneide, die in den drei Jahrzehnten der Existenz von Connection nie ein ruhiges Fahrwasser erreichte. Für den Durschnittsdeutschen genügte damals ein indisch klingender Name, um das Etikett »Sekte« aufzukleben, was es für mich auf dem Land – in einem kleinen, oberbayerischen Dorf, wo der Verlag 25 Jahre lang seinen Sitz hatte, weil die Mieten in München unerschwinglich waren – schwer machte Mitarbeiter zu bekommen und nachbarschaftliche Unterstützung, geschweige denn Kapital. 

Heute geht der Totschlag-Begriff »Lügenpresse« um, weil ein großer Teil der Bevölkerung ahnt, dass die Journalisten des Mainstreams in enorm vielen Bereichen massenhypnotischen Beeinflussungen unterliegen, wenig recherchieren, viel voneinander abschreiben und manche Themen und Standpunkte tabu sind: Man macht sich zum Aussätzigen, wenn man sie bringt, und wer will schon seine eigene Karriere zerstören. Die in jenen Jahren mit dem Begriff »Sekte« Beklebten erfuhren schon damals, unmissverständlich und nachhaltig, dass man »der Presse« nur bedingt trauen darf. 

Herbert Riehl-Heyse

Eine positive Ausnahme der üblichen Sannyas- und Bhagwan-Diffamierung war der SZ-Autor und Redakteur Herbert Riehl-Heyse. Er schrieb des öfteren positiv über Bhagwan und die Sannyasins. Vermutlich musste er damals deswegen einiges an Kollegenschelte einstecken, aber er war ein Mann, der das aushalten konnte. Warum? Auch darüber schrieb er in der SZ: 

Geboren im Oktober 1940, wuchs Herbert Riehl-Heyse im oberbayerischen Altötting auf. Das wohl prägendste Erlebnis seiner Kindheit betrifft seinen Vater. Als die Amis im Mai 1945 in den letzten Tagen des Krieges gegen Altötting vorrückten, war sein Vater trotz jahrelanger Nazi-Gehinwäsche besonnen genug zu versuchen, seine Kameraden davon abzuhalten, noch ein letztes Aufgebot von Desperados ins gegnerische Feuer zu schicken. Er wurde daraufhin kurzerhand als Verräter erschossen, nur wenige Tage vor der Unterzeichnung der Kapitulation. Sein Sohn Herbert wurde in den Folgejahren in der Schule als Kind eines Feiglings und Verräters gehänselt. Sowas prägt einen Menschen. Es muss in dem kleinen Herbert eine Art inneren Schwur gegeben haben, sich nie einer Massenhypnose zu unterwerfen und zum Mitläufer einer Herde zu werden, egal wie verführerisch und opportun das Blöken mit der Masse auch sein mag. 

Rache fürs Schubladendenken 

Weil Herbert Riehl-Heyse so unbestechlich war in seiner Beobachtung, verbunden mit einer feinen Ironie, die er vor allem in den berühmten (nicht signierten) Streiflicht-Kolumnen der Süddeutschen äußerte, gibt es heute einen »Herbert-Riehl-Heyse-Preis«. Meines Wissens ist er der einzige SZ-Redakteur, zu dessen Ehren es einen Journalisten-Preis gibt. Und er wird von den Gesellschaftern des Süddeutschen Verlages gestiftet! Wäre doch schön, wenn man sich dort erinnern würde, was Riehl-Heyse auszeichnet. Der Nachruf auf Jörg Andrees Elten wäre dann anders ausgefallen. 

Und nicht nur das: Die SZ wäre dann nicht so leicht in der Schublade der Lügenpresse gelandet, diesem Schlagwort der Rechtspopulisten, unter dem nun auch seriöse recherchierende Journalisten leiden müssen. So wie es seit je der Sektiererei unverdächtige spirituell orientierte Menschen außerhalb des von den Kirchen akzeptierten religiösen Mainstreams gibt. 

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Diskussion zu: Zum Tod von Jörg Andrees Elten

  1. Ich finde es schade, daß es offenbar meist solcher Schicksale wie das von Herbert Riehl-Heyse braucht, um bleibend aufklärerisch und aktiv zu werden.
    Braucht es wirklich immer solche Auslöser? Anscheinend muß (in der eigenen Biographie) auf einen bestimmten Knopf gedrückt werden, sonst schwimmt man mit der herkömmlichen Meinung mit.
    So scheint es zumindest. Eigenes Leid, eigene tiefe Betroffenheit. Und Sich damit auseinandersetzen und nicht weglaufen/verdrängen/wegtun.

  2. Das Buch „Ganz entspannt im Hier und Jetzt“ war Auslöser für meine
    Hinwendung zur Sannyas-Bewegung, mit der ich mich seit dreißig Jahren
    verbunden fühle. Etwas Besseres hätte mir nicht passieren können.
    Danke Satyananda!

  3. Andrees war ein besonderer Mensch. Voller Wärme und so klar mit seinem Blick für die Menschen. Aber er hatte auch ein langes Leben.
    Mit ihm durfte ich einige Stunden verbringen: Z.B. hat er Meditationstage in Großhansdorf angeboten. In Stellshagen habe ich ihn auch getroffen und er mochte meinen Sohn Boris so gerne und stand oft und gerne bei ihm wenn der bei einer Veranstaltung dabei war.
    Am 1. April ist „Trauerfeier“? Was erwartet uns?
    „April, April“ und Wiederauferstehung?
    Gert aus Bargteheide
    Seit (gefühlt) 50 Jahren in der Männerarbeit.
    Jetzt schon 67 (seit dem 31.1.17)
    Gruß an Martina!

  4. Strange enough macht die Tochter des von Dir gepriesenen Riehl-Heyse, eine Frau namens Katharina Riehl jetzt die Medienseite der SZ, auf der der Nachruf stand. Meinen Brief beantwortet sie mit einer „Huch-Nummer“ bei der besonders die offensive Anhnungslosigkeit nervt… hier kommt er:

    Sehr geehrte Frau Elten,

    ich melde mich bei Ihnen, weil ich für die Medienseite der SZ verantwortlich und damit auch für das kurze Stück zum Tod Ihres Vaters.

    Es tut mir leid, wenn Sie unglücklich waren über den Text. Ich sehe aber auch beim zweiten und beim dritten Lesen beim besten Willen nicht, wo Sie aus dem Stück Häme herauslesen. Das war weder intendiert, noch hat irgendeiner in der Redaktion das so gelesen. Niemand hätte einen Grund zur Häme.

    Aus Ihrer Sicht verstehe ich, dass Ihnen die Indien-Episode Ihres Vaters nicht so zentral erscheint, dass Ihnen andere Aspekte wichtiger gewesen wären. Aber in einer so nachtrichtlich gehaltenen Meldung zum Tod Ihres Vaters müssen natürlich die Dinge vorkommen, für die er bis heute am bekanntesten war. Ich bin mir sicher, dass auch Ihr Vater das journalistisch völlig normal gefunden hätten. Zudem meine Recherchen ergeben haben, dass er auf seine Zeit dort und seine Erfahrungen durchaus stolz war und gerne darüber berichtete. Es ist einfach eine spannende, ungewöhnliche Lebensgeschichte, die natürlich fasziniert.

    Seien Sie jedenfalls versichert, dass niemand Ihrem Vater etwas Böses wollte – und wirklich niemand, den ich gesprochen habe, hat es so verstanden. Meine Mutter kannte Ihren Vater übrigens noch, denn Ihr Vater und mein schon vor vielen Jahren verstorbener Vater waren vor langer, langer Zeit Kollegen bei der SZ.

    Herzliche Grüße aus München,
    Katharina Riehl

  5. Lieber Wolf,

    ich habe diesen Beitrag mit Interesse gelesen und kann auch die empörte Reaktion der Töchter gut nachvollziehen, wenn ein Mensch (ihr Vater), der mitten in unserer Gesellschaft mutig seinen Einsatz geleistet hat, dann posthum nur noch als „Sektierer“ ausgegrenzt wird.
    Ob der Ausdruck „Diffamierung alternativer religiöser Bewegungen“ hier allerdings zutreffend ist, habe ich meine Zweifel. Oshos Bücher sind doch mittlerweile Bestseller – er wird auch in aufgeklärt-christlichen Kreisen gelesen.
    Für mich sind das einfach Berührungsängste der herrschenden Strukturen mit Bewegungen, die sie in Frage stellen könnten. Diesen Satz im SZ-Nachruf finde ich hier bezeichnend:

    In einem Interview mit seinem früheren Arbeitgeber sagte er im Jahre 2010, er habe damals zunehmend eine innere Leere gespürt, die er mit »Erfolg, Geld und Anerkennung nicht mehr kompensieren konnte

    Diese innere Leere, die Erfahrung, dass Äußerlichkeiten nicht satt und glücklich machen können, die kennt doch jeder.
    In meinen Ohren klingt da auch ein großer Respekt durch, dass einer aus dem „Establishment“ den Mut hatte, sich von einer ganz anderen Lebensform und Denkweise inspirieren zu lassen. Mir imponiert das auch (unbekannterweise), war er doch die Generation meines Vaters, wo solche mutigen Aussteiger sicher die Ausnahme waren.

    Mit herzlichem Gruß
    Marianne

  6. Liebe Marianne,
    du bist an diesem Punkt offenbar freundlicher, versöhnlicher mit den Schwächen der in ihrer Komfortzone des Mitmachens befangenen Vertreter unserer Massenmedien und Institutionen. Für mich war und ist die Sache existenzieller. Ich habe fast meine ganzes Arbeitsleben, meine ‚besten Jahre‘ auf die Offenheit der Gesellschaft und ihrer Institutionen für gute, neue Ideen verwettet – und dabei verloren. Nicht nur an Reputation verloren, das kann ich verschmerzen, sondern meinen gesamten Besitz und einen Großteil dessen, was mir Freunde an Geld geliehen hatten. Deshalb kann ich diese Ablehnung der in ihrem Memen gefangenen Massenmedien nicht so leicht hinnehmen wie offenbar du es kannst.
    Die Bücher von Osho sind inzwischen großenteils gut verkäuflich, das stimmt. ‚Bestseller‘, diese Phrase dem Marketing-Sprechs finde ich da etwas hoch gegriffen. Für die Geschichtsbücher und für Medien wie Spiegel, SZ, ARD und ZDF ist Osho aber immer noch ein rotes Tuch. Und für mich, dessen Biografie 13 Jahre ‚mit Osho‘ enthält, öffnen sich manche Türen in manche Kreise eben nicht, obwohl ich inhaltlich und von der Kompetenz her da gut reinpassen würde. Das ist für mich kein Grund zum Selbstmitleid, dazu geht es mir viel zu gut mit alledem, aber ich will es auch nicht verschweigen. Und ich weiß, dass andere hochkompetente Menschen mit ähnlichen ‚Mäkeln‘ in ihrer unkonventionellen Biografie leben müssen, wenn sie beruflich / gesellschaftlich etwas erreichen wollen. Auf einer katholischen Klosterschule oder jesuitischen Universität ausgebildet worden zu sein ist verglichen damit kein Makel. Bei den Hare Krishnas gewesen zu sein hingegen schon. Diese Engherzigkeit unserer alten Institutionen ist nicht das Schlimmste, was wir heute an globalen Problemen haben, aber es trägt eben auch das dazu bei, dass viele Menschen diese Medien als Lügenpresse bezeichnen und sich von der Politik as usual abwenden – und nicht unbedingt Besserem zuwenden.
    Liebe Grüße
    Wolf

  7. Lieber Wolf,

    ja, da hast du sicher Recht: Als Nicht-Betroffene kann ich da eine wesentlich versöhnlichere Perspektive einnehmen.

    Meine existenziellen „Baustellen“ sind auf einer ganz anderen gesellschaftlichen „Bühne“, wo ich vor vielen Jahren ausgestiegen bin (mit der Verweigerung einer Kassenzulassung), damit auch einiges Geld verloren habe und mir heute ähnlich schwer tue, einen vernünftigen Stand zu finden – nämlich in der etablierten „Psychotherapeut(inn)en-Welt“. (Da könnte ich vielleicht auch mal etwas dazu schreiben.)

    Ich bleibe trotzdem bei meiner Wahrnehmung von Berührungsängsten – auf beiden Seiten – die zweifelsohne zu (gegenseitigen) Ausgrenzungen führen!

    Und … als „Verlierer“ nehme ich Menschen, die unkonventionelle Wege gehen, auf keinen Fall war. Im Gegenteil: Ich habe großen Respekt und ziehe den Hut – auch vor dem, was du mit der Connection über Jahrzehnte durch alle Widrigkeiten hindurch, geschaffen und bewirkt hast.
    Letztendlich haben wir das wohl auch dem guten alten „Osho“ ein wenig mit zu verdanken … 😉

    Herzlich
    Marianne

  8. Liebe Marianne,
    »Berührungsängste« ist hier sicherlich ein gut passender Begriff. Für beiden Seiten? Vielleicht. Wobei ich, nach einigem Nachdenken hierüber, nicht den Eindruck habe, dass ich die Berührung mit den in ihren konventionellen Biografien Verbliebenen scheue. Und wenn ein Spiegel-Reporter zwei Monate lang zum Thema »Sannyas heute« recherchieren darf und dafür in der Welt rumfliegt, was den Spiegel vermutlich ein paar zig Tausend an Honorar und Spesen kostet, dann ist er den Objekten seiner Recherche ja nah, sozusagen hautnah – und gibt dann trotzdem eine Igitt-wie-blöd-sind-diese-Leute Bericht ab. Das ist dann keine Berührungsangst mehr, meine ich, sondern entweder schiere Verblendung des Reporters, Vorurteile, Schere im Kopf, oder aber von oben, von der Chefredaktion so gesteuert, dass es ein Igitt-Bericht wird.
    Bin sehr daran interessiert, deinen ‚Aussteigerbericht‘ aus der Psychotherapeuten-Szene hier im Blog zu lesen! Oder von hier aus auf deinen Blog zu verlinken, wenn du sie lieber dort aufschreiben willst. Die Angst, für das, was wir tun, die Billigung unserer nahen sozialen Umgebung zu verlieren, sitzt ja mehr oder weniger in allen von uns. Insofern mag ich solche Aussteiger-Berichte. Die Individuation, wie C.G. Jung sie beschrieb und propagierte, ist ja vielleicht auch eine Art Aussteigen aus dem, was andere von einem wollen – eine Selbstwerdung.
    Liebe Grüße
    Wolf

  9. Bin sehr daran interessiert, deinen ‚Aussteigerbericht‘ aus der Psychotherapeuten-Szene hier im Blog zu lesen! Oder von hier aus auf deinen Blog zu verlinken, wenn du sie lieber dort aufschreiben willst. Die Angst, für das, was wir tun, die Billigung unserer nahen sozialen Umgebung zu verlieren, sitzt ja mehr oder weniger in allen von uns. Insofern mag ich solche Aussteiger-Berichte.

    Mein Aussteiger-Bericht würde davon handeln, wie ich mir unter dem Tarnnamen „Spirituelle Krise“ einen Ausweg aus dem psychiatrischen Gesundheits-Krankheits-System erschlichen habe, der auch keinen einfachen Rückweg erlaubt …
    Weiß noch nicht, ob ich da schon ausreichend darüber stehe, um etwas dazu zu schreiben – hier oder anderswo. Schau‘ ‚ma mal!

  10. Aus meiner Sicht ist die eigene spirituelle Krise geradezu ein Muss für einen spirituellen Berater, Therapeuten, Coach oder Krisenberater. Du kannst ja auch nicht Psychoanalytikerin werden ohne selbst eine Psychoanalyse gemacht zu haben, die ‚Lehranalyse‘.
    Alle großen Mystiker hatten ihre spirituellen Krisen, inklusive Jesus (»Mein Gott, warum hast du mich verlassen«), und als Schamanin hattest du eine Schamanenkrankheit oder bist an ihr haarscharf vorbeigeschliddert. Das ist der Archetyp des verwundeten Heilers – the wounded healer – Unverwundete sind keine so guten Heiler.
    Und aus der Drogentherapie (als Assistent von Veeresh, damals) weiß ich, dass fast nur Ex-Junkies es schaffen, einen Menschen aus der Abhängigkeit von einer harten Droge (wie Heroin oder Kokain) wegzubekommen.
    In meinen Augen bist du als Mensch, der seine eigene spirituelle Krise hatte (mindestens eine …) und diese ‚dunkle Nacht der Seele‘ psychisch überlebt hat, geradezu dazu auserkoren auch andere in ihren Krisen zu begleiten. Wenn es mich so richtig beutelt und bei mir der Arsch auf Grundeis geht, will ich noch nicht von einem Menschen geführt oder auch nur begleitet werden, der solche Erfahrungen nicht aus dem eigenen Leben kennt.

  11. Danke für die liebevollen und aufmunternden Worte! <3
    Ich hoffe, ich konnte dich auch ein bisschen aufmuntern bzgl. deiner Sannyas-Vergangenheit. Für mich zeichnen sich alle Ex-Sannyasins, die ich in den letzten Jahren kennen gelernt habe (dich kenne ich ja schon länger) durch ein meist eigenwilliges und individuelles, aber auch stark selbst-reflektierendes hinterfragendes Auftreten aus. Glaube kaum, dass unsere Gesellschaft auf solche Leute verzichten möchte ... 😉

  12. Das war ja eine richtige Konversation zwischen Euch!

    Die Bitterkeit von Wolf kann ich in etwa nachempfinden. Doch frage ich mich: Hast Du zu Anfang nicht auch geahnt, daß es so kommen wird?
    Im Prinzip, so denke ich, war das vorauszusehen. Umsomehr meinen aufrichtigen Dank an Dich, daß Du solcherart tätig warst – und natürlich immer noch bist 🙂

  13. An Marianne:
    Bin auch sehr daran interessiert, deinen ‚Aussteigerbericht‘ aus der Psychotherapeuten-Szene zu lesen!
    Aber nicht als Schnellschuß. Ich finde, so etwas sollte „wohlgesetzt“ veröffentlicht werden. Mit Würde und mit Anspruch.
    Ich denke sowieso, daß wir sehr von Menschen lernen können, die Krisen hatten. Dazu gehöre ich auch, sonst würde ich hier nicht schreiben.

  14. An Marianne und Gerhard,
    danke für eure Aufmunterung, und vor allem euer Verständnis. Was ich mir im Leben am meisten wünsche, habe ich mal irgendwo geschrieben, ist: zu verstehen und verstanden zu werden. Insofern: danke!
    Bitterkeit? Weiß nicht. Ich fühle mich da irgendwo zwischen Bitterkeit, Nüchternheit und Adel (Schlag zum Ehrenritter, hihi) – oder nichts von alledem. Auf jeden Fall möchte ich gerne, jetzt aus der Distanz, zu einigen Ereignissen aus meinem Leben etwas ausführlicher schreiben, denn das Weitergeben von Erfahrungen passt zu meinem Lebensalter; ich empfinde es wirklich als einen Genuss, eine Erfüllung, jüngeren Menschen etwas weiterzubegeben – das ist neu für mich, das kannte ich vorher nicht. Früher habe ich mich mit allen Menschen als irgendwie gleichaltrig gefühlt, oder eher als angry young man, als Revoluzzer. Also … das Leben ist immer wieder neu, in jedem Alter! Und im Grunde, jedenfalls im tiefen Urgrunde, bin ich ohne Reue bezüglich meiner Lebensentscheidungen, auch wenn ich weiß, dass man sie genauso als Aneinanderreihung von Fehlentscheidungen darstellen kann – die Kunst der Darstellung, sie lässt einem Biografen große Spielräume.

  15. Das erinnert mich an Jungk, den ich mal Anfang der 90er im Zug über den Weg lief, als er dem Schaffner gegenüber mit seinen Namen kokettierte.
    Jung mit K.
    Ist doch schön, diese Erfahrungen weiterzugeben.

  16. Hi Sugata,
    „Ich habe fast meine ganzes Arbeitsleben, meine ‚besten Jahre‘ auf die Offenheit der Gesellschaft und ihrer Institutionen für gute, neue Ideen verwettet – und dabei verloren.“
    Nein, Du hast nicht verloren, denn die Welt(anschauungen) haben sich in den letzten 30 Jahre so sehr verändert: es gehört inzwischen zum guten Ton zu meditieren, sich selbst zu kennen, einigermaßen reflektiert zu sein etc. Von nix kommt nix. Und Du warst Teil davon. Du hast diese Veränderung mit angeschoben.
    Dass es materiell nicht so gut geht, hat m.E. nix mit Osho/Eso zu tun. Das seh ich psychodynamisch: alles was im Leben passiert, ist in den ersten beiden Lebensjahren programmiert worden. Es ist nicht so, dass wir Streß haben, weil wir bei Osho waren, sondern umgekehrt: wir hatten Streß und sind deswegen bei Osho gelandet…. so seh ich das.

  17. Lieber Sugata und liebe andere Schreiber und Schreiberinnen zu diesem Thema…..
    Eure Diskussion ist für mich sehr inspirierend. Es kommen mir viele Bilder aus meinem eigenen Leben. Ich bin auch so eine Ex-Sanyassin, die viele Jahre zwischen Sanyassin-sein und „Leben auf dem Marktplatz“ im Spagat gelebt hat. Ich habe in den 90er Jahren im sozialen Bereich bei einem kirchlichen Träger gearbeitet, und privat war ich dann „Nishtha“ und betrieb mit meinem damaligen Partner ein kleines Osho-Center in einem winzigen Dorf auf dem Land. Ständig in der Spannung, dass die Menschen um mich herum eine Schublade für „Bhagwan“/Osho haben und mich mit diesen Augen betrachten. Auf der anderen Seite nahmen sie auch immer wahr, dass ich in diese Schublade ja gar nicht reinpasse. Dasselbe bei meinen Kindern: wir sind vor 25 Jahren von Poona kommend aufs Land gezogen. Meine Kinder waren täglich im Dorf und im hiesigen Reitstall unterwegs. Sie wurden anfangs misstrauisch beäugt – das erfuhren wir später. Nachdem die Dorfbewohner gemerkt hatten, dass meine Kinder keineswegs ferngesteuert wirkten, sondern im Gegenteil sehr offen und mit großer Sozialkompetenz in Kontakt gingen, konnten sie entspannen.
    Das Thema hat sich jedoch ein gutes Stück verändert. Ich erinnere mich, als ich vor etwa 5 Jahren in einem bäuerlichen Privatkino den Film „Sommer in Orange“ sah. Da zeigten sich bei einigen Zuschauern plötzlich Gefühle von Bedauern, etwas Entscheidendes verpasst zu haben. Und ich spürte mir selbst gegenüber unendliche Dankbarkeit, dass ich meinem inneren Ruf absolut konsequent gefolgt bin. 1992 wurde mir ganz bewusst, dass ich meinen Wohnsitz aufgeben möchte und mit dem Gefühl „ich bin genau da zuhause, wo ich in diesem Moment bin“ und mit meinen beiden damals 5 und 7 Jahre alten Kindern an der Hand auf unbestimmte Zeit nach Poona gehen möchte und dass es auch nicht klar ist, ob wir jemals zurück kommen würden. Nie mehr war die Welt so offen, da wir überall bei null anfangen würden. Eine große Übung in Vertrauen, eine Erfahrung, die meinem Leben noch heute Kraft gibt.
    Ich bin betrübt darüber, dass Satyananda nicht mehr in dieser körperlichen Welt lebt. Ich war noch vor 4 Jahren bei ihm auf einem Schreib-Workshop. Ich spüre auch Glück in mir, wenn ich zu ihm hinspüre. Dankbarkeit dafür, dass er seinem Inneren so konsequent gefolgt ist und mit nichts hinterm Berg gehalten hat. (Ich weiß, das ist meine Projektion, meine Sichtweise aus der Ferne).
    Liebe Grüße
    Gudrun

  18. „Eine große Übung in Vertrauen, einer Erfahrung, die meinem Leben noch heute Kraft gibt.“
    Schöner Satz!

  19. Nachdem ich alle Kommentare geh-lesen (NICHT gerand – nur am Rande, & NICHT auf-gelesen !). . Da höre Ich in meinem inneren Ohr die Melodie von „I can see clearly now the rain has gone . . . it’s gone be a bright, bright sunshining day . . .“ & das ist wirklich SO – HEUTE – JETZT . . . im geh‘ Fühlen, froh & freudig & glückselig sein zu dürfen mit ALL den dollen Leuten umoshorum, neudeutsch: Ummoschorum in Ewigkeit – SO-seits (der syncairotische Ausdruck von allseits . . .) guten Morgen, buon giorno, hell-oh!, serwass Satsugat & auch den VIELEN anderen „sats“ & posthum DANK an den SAT-yananda <3<3<3

  20. Nach der heutigen Beisetzung von Satyanandas Asche & Urne stoße ich bei meiner privaten Nachlese auf diese vielen Artikel und „Meinungen“ darüber, was und wer er war und woher er kam. Who cares, ob Sannyas ein Sekte ist, und who cares, wenn einigen Zeitgenossen mit Osho ein Problem haben?
    Die Beisetzung fand in einer alten Dorfkirche statt, und es war für mich überraschend versöhnlich, wie sich dort alles so liebevoll zusammen gefunden hat. Stelle mir vor, wie er beim Lesen der Artikel schmunzelt und sich freut, dass er noch immer für eine Schagzeile im Namen seines so geliebten Meisters gut ist. Alle die da waren, und die Kirche war bis zum letzten Platz gefüllt, werden mit all denen, die ihn kannten J.A. Elten aka Satyanada als Mensch in Erinnerung behalten – jenseits der Projektionsfläche, die er uns wohlmöglich gerne zur Verfügung gestellt hat.

  21. Satyananda, Jörg Andrees Elten – „Ashram in Poona“ 1979 (+ engl. subtitles)

    https://www.youtube.com/watch?v=Px1ZSI-BxXw

    Satyananda war auch – wie viele von uns – auf den Osho-Trick hereingefallen, wir Auserwählte hätten der Welt irgendwas Besonderes zu sagen oder vorzuleben. (Das zeigt der Videoausschnitt hier so schön)
    Osho half nicht weit über seine Lebenszeit hinaus – dem Rest vom Schützenfest – Das ist ja auch natürlich so.
    Dann kamen die erleuchteten Schüler Papajis, mischten die Welt mit Advaita und Satsang in jeder Kleinstadt auf und hatten weit mehr Einfluss als Sannyas, das im Grunde die letzte „Großreligion“ war, die sich weigerte Religion zu sein. Menschen sind nun mal gerne unter Gleichgesinnten und ahmen den Gruppengeist nach, um sich darin aufgehoben zu fühlen.

  22. Mein kurzer Nachtrag zum langen Thema „Lügenpresse“ …
    Dieser Begriff kommt ursprünglich von Rechts, aber ist längt in der esoterisch-spirituellen Szene angekommen. Eine peinliche Dummheit!

    Ich denke diese Bausch-Und-Bogen-Verurteilung kommt daher, dass das gekränkte Ego innerhalb von Ideologie und Religion jede öffentliche Kritik an eigenen Anschauungen hasst und plump abwehrt.
    Richtig, Bhagwan wurde damals äußerst selten in der Presse gelobt und verstanden. Das ist beinahe bis heute so in den Leitmedien – wenn überhaupt noch jemand über ihn spricht. Manch gekränkte Freunde ficht das scheinbar noch immer an – siehe hier: Sugata. Kritik geht den Einseitig-Überzeugt-Gläubigen eben auf den Wecker, genauso wie derzeit den Moslems, oder linken und rechten Parteien die sich abgeschoben und missachtet fühlen vom Mainstream der „Ungläubigen“.
    Wir haben ursprünglich mal Demokratie, Presse- und Meinungsfreiheit erfunden und erkämpft. Dennoch wird heutzutage religiös-politische Kritik und Skepsis als feindliche Macht empfunden und verachtet. Das Fell ist dünner geworden. Authenzität und gesundes Selbstbewußtsein haben wohl gelitten. Man wünscht sich eine Nische mit Arten-Schutz.
    Erleuchtung ist aber nun mal kein Mainstream-Thema, Meister-Schüler Beziehung kein intellektuell begehbares Terrain für die Allermeisten. Kein Wunder dass hier Skepsis und Unverständnis herrschen. Das hat aber mit „Lügenpresse“ rein gar nichts zu tun.
    Die Zeit der Gurus ist fast ganz vorbei. Satsang hingegen blüht heute fast unsichtbar und nahezu banal in jeder deutschen Kleinstadt – aber nur für diejenigen, die den Kontakt zu lebendigen Lehrern noch immer suchen. Niemand würde groß Werbung machen wollen für einen Karl Renz oder einen Christian Meyer, außer in New-Age-Eso-Blättern natürlich. Das ist eben schlicht kein commen sense. Hier den Medien Vorwürfe zu machen ist nicht besonders intelligent, wenn auch die Zeit für bezahlte Recherchen arg geschrumpft sein mag wie man häufig klagen hört.
    Ich bin absolut für freie und kritische Medien und ziehe sie jeder orthodoxen „Kirchenpostille“ vor, die über den eigenen Tellerrand des wahren guten Glaubens nicht hinaussehen kann.

    Bei allen Fehlern, die nur Eingeweihten auffallen, hier unser Satyananda in einem relativ neuen SPIEGEL-Artikel:
    http://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/85913023

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