Wir hätten es kommen sehen müssen

»Viele Esoteriker verherrlichen die magische Welt eines Kindes, das die Augen schließt und nun meint, die Welt sei nicht mehr da«—Wolf

Hier und an anderer Stelle habe ich behauptet, dass die Popspiritualität der vergangenen Jahrzehnte das ‚Postfaktische‘ mit vorbereitet habe und damit den Aufstieg des Rechtspopulismus. Wir hätten es kommen sehen müssen, sage ich, und kommen sehen können und möchte hierzu nun als Beleg meine Rezension des Weltbestsellers »The Secret« anführen, die ich in der Februarausgabe 2008 meiner damaligen Zeitschrift Connection veröffentlicht habe.

Das im Jahr 2006 erschienene Buch »The Secret« von der australischen TV-Journalistin Rhonda Byrne ist in 46 Sprachen übersetzt worden und hat weltweit etwa 19 Millionen Exemplare verkauft. Als ich kurz nach Erscheinen des Buchs auf Deutsch mit dem zuständigen Lektor von Random House darüber sprach, der für die Publikation der deutschen Ausgabe zuständig war und vorsichtig fragte, wie er die Veröffentlichung eines solchen Buchs mit seinem Gewissen vereinbaren könne, antwortete er mir, dass das sicherlich kein tief schürfendes Buch sei, dass es aber doch Neueinsteiger zur echten Spiritualität hinführen könne. Das glaube ich nach wie vor nicht. Halbwissen ist oft schlimmer als gar kein Wissen. Seicht- oder Popspiritualität kann den Kanal mit spirituellem Geschwätz verstopfen, der sonst für echte Mystik offen wäre.  

Hier ist also das, was ich damals, vor neun Jahren, unter der Überschrift »Das Geheimnis des Wünschens« über »Fakt und Fiktion bei Rhonda Byrnes ‚The Secret‘ und anderen Eso-Bestsellern« schrieb.

Popspiritualität ist Mainstream geworden

Wünschen und Begehren, sich Sehnen und etwas Wollen, Strebsamkeit und Ehrgeiz, im Extremfall die Gier, die für die alten Kulturen noch eine »Todsünde« war – alles das ist heute längst Grundlage unserer noch immer wie betrunken wachstumssüchtigen Wirtschaftsordnung. Aber nicht nur das: Inzwischen sind diese Eigenschaften auch die Basis einer modernen, »popspirituellen« Religiosität geworden, die die Massen bewegt, so als hätte unsere heutige Wirtschaftsordnung darin ihren seelischen oder geistigen Ausdruck gefunden.

Was das Wünschen angeht, war die Menschheit seit je gespalten. Der Osten suchte die Wunschlosigkeit, der Westen die Erfüllung der Wünsche. Aber auch quer durch die Kontinente und Kulturen, ja durch Familien zog sich diese Kluft: Die Religiösen suchten das Ende des Begehrens, die Weltlichen seine Erfüllung. Dabei war allen klugen Menschen schon immer klar, dass der »Osten« nicht nur im Osten zu finden ist, sondern auch im Westen. Zum Beispiel in einem Märchen wie dem vom »Hans im Glück«, also: in der Innenwelt. Und der »Westen« ist nicht nur im Westen zu finden, sondern in jedem weltlichen Streben. Zugleich haben alle weltlichen Bestrebungen etwas Religiöses in sich und die religiösen etwas Weltliches; es gehört eben alles zusammen. Doch bevor wir alles wieder zusammenfügen, ist es gut ein paar Unterscheidungen zu treffen, wenigstens diese hier: Der religiöse Mensch sucht die Akzeptanz des Lebens, ultimativ die Wunschlosigkeit. Der weltliche Mensch sucht Ziele zu verwirklichen; er will seine Wünsche nicht loswerden, sondern sie erfüllen.

Magie ist Thema der Weltbestseller

Die Weltbestseller des vergangenen Jahres kommen da gerade recht. Beide beschäftigen sich mit Magie. Es sind Joanne K. Rowlings »Harry Potter und die Heiligtümer des Todes« und »The Secret«, die Nummer eins und die Nummer zwei bei den weltweiten Verkaufszahlen. Für J. K. Rowling ist ihr Harry Potter »Fiction«, das heißt erfunden. Für Rhonda Byrne hingegen ist ihr »Secret« nichts Erfundenes, sondern etwas Gefundendes. Sie hat »Das Gesetz der Anziehung« entdeckt, glaubt sie und lässt ihr Buch als Sachbuch verkaufen, als Fakt, als »Dokumentation« (so wörtlich im Klappentext), nicht als schöngeistige Literatur. Beide Frauen wollen mit ihren Werken die Fantasie anregen, aber sie tun es auf verschiedenene Weise. J. K. Rowling macht es so wie jede schöngeistige Literatur, ohne den Anspruch, dass die dort vorgeführten Zauberkunststücke tatsächlich machbar wären. Und wohl auch die meisten Kinder unter ihren Lesern glauben nicht, dass es Harry Potter wirklich gibt und dass man so zaubern kann; sie wissen solche Geschichten von der Realität zu unterscheiden. Rhonda Byrne aber glaubt, mit dem Gesetz der Anziehung (»The law of attraction«) tatsächlich ein Naturgesetz entdeckt oder wiederentdeckt zu haben, so wie etwa das Newtonsche Gesetz der Gravitation, das die Anziehung aller Körper im Universum untereinander physikalisch exakt beschreibt und überall gültig ist (außer im Nanobereich, und den kann man hier vernachlässigen).

»The Secret« verkauft weltliche Tipps im Gewand des Religiös-Spirituellen. Es kündigt eine weltweite Trendänderung an und fasziniert nicht nur große Teile der alternativ-religiösen Szene, sondern inzwischen auch die Massen. Insofern ist »Die Neue Welt«, von der Leute wie James Redfield, Neale Donald Walsch und Rhonda Byrne mit leuchtenden Augen sprechen – und mit ihnen Millionen ihrer Fans – schon da. Diese begeisterten Massen glauben, sie hätten die alte, der Aufklärung geschuldete Kluft zwischen Glauben und Wissen überbrückt, ja sie hätten die beiden alten Kontrahenten Wissenschaft und Religion wieder miteinander versöhnt. Die Massenhypnosen von heute sind nicht mehr dieselben wie gestern, aber es sind immer noch Massenhypnosen. Die Träume sind andere geworden, die Illusionen sind zeitgemäßer, aktueller und sie ändern sich schneller, aber es sind noch immer Träume, Illusionen, Trancen. Auch der Wahn, aufgewacht, spirituell oder bewusst zu sein ist immer noch ein Wahn. Die Traumbilder wechseln, der Traum bleibt.

Das Geheimnis von Rhonda Byrne

Rhonda wirkt nicht glücklich. Beim Lesen ihres Buchs spüre ich ihre Anstrengung, ihre Aufgesetztheit. Sie hat sich selbst dahin gebracht, das alles zu glauben, was sie da schreibt, durch geschickte, ja meisterhafte Autosuggestion, man könnte auch sagen: Selbstmanipulation. Das ist beachtenswert, es nötigt mir Respekt ab, aber es berührt mich nicht wirklich in der Tiefe, so wie etwa die Schriften von Lao Tse, Rumi, Meister Eckhart, Kabir, Kahlil Gibran, Osho und vielen anderen.

Neulich sprach ich mit einem befreundeten spirituellen Lehrer jüdischer Abstammung aus New York über Andrew Cohen, der ebenfalls spiritueller Lehrer jüdischer Abstammung aus New York ist, und er äußerte sich Cohen gegenüber sehr skeptisch. Ich sagte: Andrew Cohen wirkt auf mich smart, aber kalt. Er sagt großartige Sachen, aber er wärmt mein Herz nicht. Und so möchte ich von Rhonda Byrne sagen: Wow, was für eine Frau! Wie sie das hingekriegt hat, sich selbst davon zu überzeugen; dieses »Gesetz der Anziehung« und das alles… Respekt! Aber sie wärmt mein Herz nicht, und ich spüre ihre Anstrengung dahinter, ihre Selbstmanipulation, ja Selbsttäuschung. Und wenn ich meinen logischen Verstand einsetze und mein Unterscheidungsvermögen, dann sehe ich, wo sie sich irrt. Man merkt es an ihrer Sprache. Sie übertreibt, sie ist ungenau, und sie redet sich in eine Euphorie hinein, die irgendwann, in einem schwachen Moment – in den vielen schwachen Momenten, die da noch kommen werden, auch für sie, wie für uns alle – in sich zusammenfallen wird.

Es ist ein Kunststück und eine Leistung, einen Weltbestseller zu schreiben. Hut ab vor Joanne K. Rowling und Rhonda Byrne! Mehr noch vor Joanne, sie ist von den beiden die ehrlichere. Beide Leistungen sind großartig, nur über die von Rhonda, die ja mit einem spirituellen, oder sagen wir lieber philosophischen Anspruch daherkommt, ein weltweit geltendes »Gesetz« entdeckt zu haben, muss ich sagen: Das ist Literatur, aber kein Faktenwissen. Wer das für Fakten hält, ist naiv. Aber da die Massen naiv sind (von Ausnahmen wie der Rezeption der Beatles-Songs mal abgesehen), in der spirituellen Szene ebenso wie in der entstehenden Weltkultur, haben Bücher wie »The Secret« von Rhonda Byrne solchen Erfolg. Ich greife das Buch von Rhonda Byrne hier nur stellvertretend heraus, weil es zur Zeit nicht nur ein, sondern der Weltbestseller im Sachbuchbereich ist; es gibt noch zig andere mit einer ähnlichen Philosophie und oft auch ziemlich guten Verkaufserfolgen.

Die Konversion oder Erweckung

Der erste Satz von Rhondas Buchs ist: »Vor einem Jahr brach mein Leben zusammen«. Aber dann erwuchs ihr »aus tiefster Not das größte Geschenk«. Binnen eines Jahres fügte sich alles zum Guten, denn »Ich durfte einen Blick auf ein großes Geheimnis werfen«. Das ist die typische Geschichte einer Erweckung, eines zur Mission berufenen Menschen: erst der Zusammenbruch, dann die Wiederauferstehung. Neale Donald Walsch war bankrott, obdachlos, am Ende, dann hörte er die Stimme Gottes. George W. Bush war dem Alkohol verfallen, dann hatte er ein religiöses Erweckungserlebnis, und seitdem kämpft er gegen das Böse in der Welt. Drei sehr verschiedene Menschen, aber die Erweckung oder Konversion (vom Saulus zum Paulus) hatten sie alle drei – nun missionieren sie.

Leider ist das, was Rhonda nach ihrer Erweckung entdeckt hat, weder ein Geheimnis noch ein Gesetz. »Warum weiß das nicht jeder?« fragt sie sich und fährt dann fort: »Mich erfasste ein brennendes Verlangen, das Geheimnis in die Welt zu tragen.« Ich kenne solche Leidenschaft, ein Geheimnis, das man entdeckt hat, in die Welt zu tragen. Ich kann da mit ihr fühlen, aber insofern heute ein solches Verlangen in mir brennt, ist es eher das, sie in ihrem Irrtum zu korrigieren, hier ein universelles Gesetz entdeckt zu haben, und ich möchte begründen und in die Welt tragen, wo sie sich irrt und wo nicht. Wo funktioniert das Wünschen denn, und wo nicht? Wo kann man zaubern, und wo nicht? Es gibt einen Unterschied zwischen naiver und aufgeklärter Magie. Den habe nicht erst ich gefunden, sondern schon tausende vor mir. Ken Wilber ist einer von ihnen. Diesen Unterschied mitzuteilen ist mein Bedürfnis, oder, um mit Rhonda zu sprechen, mein »brennendes Verlangen«.

Zu diesem Zweck zitiere ich im Folgenden einige Sätze aus ihrem Buch. Am Ende der Kapitel fand ich dort jeweils unter der Überschrift »Geheimnis in Kürze« eine Zusammenfassung in einzelnen Merksätzen. Aus diesen habe ich diejenigen ausgewählt, die mir am wichtigsten erschienen, unter Verzicht auf einige, auf die ich in anderen Ausgaben dieser Zeitschrift bereits eingegangen bin oder die ich in ähnlicher Form anlässlich von James Redfields »Prophezeiungen von Celestine« kommentiert habe (hier im Heft auf den Seiten 46 – 51; es ist eben dieselbe Szene, die solches produziert, daher die Ähnlichkeit).

Wiederkehr der naiven Magie 

Naive Magie, damit meine ich die Magie eines Kindes, das die Augen schließt vor der Welt und nun meint, sie sei nicht mehr da. Viele moderne Esoteriker glauben das auch: Wenn sie etwas nicht mehr sehen, dann ist es nicht mehr da.

Bis zu einem gewissen Alter leben Kinder in einer magischen Welt, in der ein Papa, der ein Monster spielt, für sie tatsächlich ein solches ist. Spiel und Wirklichkeit, das ist für sie noch dasselbe. Ab einem gewissen Alter aber fragen sie: Bist du das in echt, oder tust du nur so? Von nun an ist diese Als-ob-Welt ihr Spielfeld, und sie ist von der echten Welt klar unterschieden.

Viele der Leser von Autoren wie Rhonda Byrne scheinen so sehr von dem Jesus-Spruch »Eh’ ihr nicht werdet wie die Kinder…« angetan zu sein, dass sie sich tatsächlich in diese magische Welt zurückversetzen, diese Rückkehr propagieren oder sich wenigstens danach sehnen, wieder so fühlen und denken zu können. Und sie halten das für echte, tiefe Spiritualität; oft so sehr, dass andere Erwachsene, die da nicht mitziehen, als »noch zu sehr im Kopf« diagnostiziert werden.

Das Kind, das die Augen schließt und dann denkt, die Welt sei nicht mehr da – daran dachte Jesus vermutlich nicht, als er sagte »Eh’ ihr nicht werdet wie die Kinder, könnt ihr nicht eingehen in das Himmelreich«. Denn das ist ein Fantasiehimmelreich, in das sich diejenigen zurückziehen, die sich der Realität nicht stellen wollen; einer Realität, die eben nicht so einfach unserem Größenwahn zur Verfügung steht, wie Rhonda Byrne meint, wenn sie in einem ihrer Merksätze schreibt: »Wie Aladins dienstbarer Dschinn führt das Gesetz der Anziehung jeden unserer Befehle aus.«

Die »Frequenz« der Gedanken

Hier sind weitere Sätze von ihr, in der Reihenfolge, wie sie in dem Buch erscheinen, jeweils mit einem kurzen Kommentar von mir.

Das Gesetz der Anziehung ist ein Naturgesetz. Es ist so unparteiisch wie das Gesetz der Schwerkraft.

Nein, es ist kein Naturgesetz. Sogar die Naturgesetze sind in Wirklichkeit keine solchen »Gesetze« wie unser bürgerliches Gesetzbuch sie enthält, sondern gefundene Regelmäßigkeiten, die nur so lange als Naturgesetze bezeichnet werden, bis irgendeine Erfahrungstatsache ihnen widerspricht.

Nichts kann in Ihr Leben und Erleben kommen, wenn Sie es nicht durch anhaltendes Denken herbeigerufen haben.

Nein, um Gottes Willen, nein. Die Millionen in Stalins Gulags hätten sich bitter dafür bedankt, das durch »anhaltendes Denken« hervorgerufen zu haben, die Krebskranken in aller Welt ebenso, und auch die Opfer des Tsunami von Weihnachten 2004.

Ihre Gedanken bestimmen die Frequenz, die Sie aussenden. Ihre Gefühle teilen Ihnen augenblicklich mit, auf welcher Wellenlänge Sie gerade sind. Wenn Sie sich schlecht fühlen, dann sind Sie auf der Frequenz, auf der Sie mehr Schlechtes anziehen. Wenn Sie sich gut fühlen, ziehen Sie mit Macht Gutes an.

Um Glück in die Welt zu bringen ist es besser, Glück auszustrahlen als Leid, da hat sie recht. Aber Gedanken haben keine »Frequenz«. Bisher ist eine solche jedenfalls nicht bekannt, deshalb sollte man da auch nicht von »Frequenz« oder »Ausstrahlung« sprechen, es sei denn als Metapher. Da ist mir der Talmudspruch viel sympathischer, der da sagt: »Achte auf deine Gedanken, denn wie werden zu Worten. Achte auf deine Worte, denn sie werden zu Taten. Achte auf deine Taten, denn sie werden zu Gewohnheiten. Achte auf deine Gewohnheiten, denn sie werden zu deinem Schicksal.« Man kann mit dem Rauchen aufhören, indem man damit anfängt, über das Nichtrauchen positiv zu denken, und … am Ende verlängert sich das Leben (Schicksal!), ganz ohne von Frequenzen sprechen zu müssen, die es vermutlich gar nicht gibt.

Das Gefühl der Liebe ist die höchste Frequenz, die Sie aussenden können. Je größer die Liebe, die Sie fühlen und aussenden, desto größer ist die Macht, die Sie zur Verfügung haben.

Liebe ist »das höchste der Gefühle« sagt der Volksmund, das ist nicht neu und kein Geheimnis. Die hier behauptete Proportionalität zur Macht jedoch ist eine Verhöhnung der Liebenden, die manchmal kaum Macht haben und doch tiefe, ehrliche Liebe.

Bitte, glaube, empfange!

Der schöpferische Prozess in drei einfachen Schritten hilft Ihnen zu erschaffen, was Sie wollen: Bitte, glaube und empfange.

Ach, wenn es doch so einfach wäre…

Glauben umfasst Handeln, Sprechen und Denken, als ob Sie bereits empfangen hätten, worum Sie gebeten haben. Wenn Sie die Frequenz des Empfangens aussenden, wird das Gesetz der Anziehung Umstände, Menschen und Ereignisse in Bewegung setzen, damit Sie das Erbetene erhalten.

Das »als ob« ist ein guter, magischer Trick bei der Realisierung entworfener Visionen. Aber er funktioniert nur dort, wo Magie funktionieren kann: im Bereich unserer Identität und all dessen, was wir damit beeinflussen können. Und wer das »als ob« mit der Wahrheit verwechselt und mehr als vier Jahre alt ist, der ist in Gefahr.

Das Universum benötigt keine Zeit, um zu verwirklichen, was Sie wollen. Einen Euro zu realisieren ist so einfach wie eine Million Euro zu manifestieren.

Das ist Wunschdenken par excellence, wie es aus der Verwechslung des Absoluten mit dem Relativen entsteht.

Schenken Sie Geld, um mehr davon in ihr Leben zu bringen. Wenn Sie mit Geld großzügig sind und sich wohl fühlen, wenn Sie es mit anderen teilen, signalisieren Sie: »Ich habe reichlich«

Dazu fällt mir die Geschichte von dem Ochsen ein, den ein Weiser aus der belagerten Stadt über die Mauer zu werfen empfahl – die letzte Nahrung der Eingeschlossenen. Die waren entsetzt über diesen Rat; aus Verzweiflung führten sie ihn dennoch aus. Da zogen die feindlichen Truppen ab, weil sie dachten: Wer uns einen Ochsen schenken kann, der hält noch lange durch. Aber nicht immer funktioniert so was. Meistens funktioniert es nicht. Das Kriterium, wann und wo so was funktioniert, findet man in Rhonda Byrnes Buch nicht.

Behandeln Sie sich selbst mit Liebe und Respekt, und Sie werden Menschen anziehen, die Ihnen Liebe und Respekt zeigen.

Beziehungen sind sehr weitgehend »magisch« gestaltbar. Faustregel: bei einer Zweierbeziehung zu 50 Prozent. Das ist nicht neu und auch kein Geheimnis. Wenn Rhonda hier von der Opfermentalität abraten und Liebe und Respekt empfehlen möchte, dann kann man ihr zu zustimmen.

Positives Denken

Glaubenssätze über das Altern sind allein in unserem Denken verankert, deshalb entlassen Sie solche Gedanken aus ihrem Bewusstsein. Besinnen Sie sich auf Gesundheit und ewige Jugend.

Rhonda ist zwar Australierin, aber das hier ist typisch amerikanisch. Dort schminkt man auch noch die Leichen, bevor man sie in den Sarg legt. Klar, dass Glaubensätze in unserem Denken verankert sind, und nur dort. Altern aber tun wir trotzdem; da hilft es auch nicht, von ewiger Jugend zu fantasieren. Das wirkt nur peinlich und nimmt dem Alter seine Würde.

Loben und segnen Sie alles, und Sie werden Negativität und Zwietracht auflösen und sich selbst auf die höchste Frequenz einstellen – auf Liebe.

Oh, schöne neue Welt! »Alles« soll ich segnen? Jeden Krieg, jeden Völkermord und Missbrauch? Nein, manchmal muss man kämpfen. Chamberlains Zustimmung zum »Münchner Abkommen« war ein Fehler. Und bevor es zum Kampf kommt, sollte man – nicht immer, aber oft genug – ungeschönt die eigene Meinung sagen.

Wir sind mitten in einer herrlichen Zeit. Wenn wir alle begrenzenden Gedanken loslassen, werden wir die wahre Herrlichkeit des Menschen erleben, in jedem Bereich der Schöpfung.

Das ist positives Denken in Reinkultur, mit allen seinen Tücken. Einem Päderasten werde ich nicht sagen, er sollte »alle begrenzenden Gedanken loslassen«, er würde das … nein, nicht »missverstehen«, sondern ganz richtig verstehen, aber in seinem Sinne, Wort für Wort, so wie es da steht. Also Rhonda: Bitte nicht solche Sachen schreiben!

Tun Sie, was Sie lieben. Wenn Sie nicht wissen, was Ihnen Freude bereitet, fragen Sie sich: »Was macht mir Freude?« Wenn Sie sich Ihrer Freude widmen, werden Sie eine Lawine von freudebringenden Dingen anziehen, weil Sie Freude ausstrahlen.

Auch das ist nett gemeint und schön gedacht, aber nicht wahr und keine gute Ethik. Es ist Hedonismus pur, und schlimmer: ein Freibrief für Eigensinn, Narzissmus und Rücksichtslosigkeit, oder wird jedenfalls als solcher verstanden werden. Anderseits ist Freude möglich auch inmitten von Elend, und solche Freude kann der Keim zu einer Beseitigung des Elends sein.

Nun haben Sie das Wissen um das Geheimnis erfahren; was Sie damit anfangen, liegt allein bei Ihnen. Was auch immer Sie entscheiden ist richtig. Die Macht ist ganz bei Ihnen.

Diesen Schlusssatz von Rhondas Buch werden die New Agies gerne hören: Die Macht liegt bei dir! Was du entscheidest, ist richtig! Aber es gibt eben auch falsche Entscheidungen, und die Macht unsere Wünsche umzusetzen haben wir nur mehr oder weniger. Es ist eben alles relativ und die Welt ein bisschen komplexer als Rhonda Byrne es hier so suggestiv und um Euphorisierung bemüht darstellt.

Komplexe Systeme

Beim Blättern in ihrem Buch und anderen, die naive Magie anpreisenden Büchern über das »Gesetz der Anziehung« fiel mir wieder mal der Grundsatz »similia similibus curantur« ein, »Ähnliches wird durch Ähnliches geheilt«, der Grundsatz der Homöopathie. Ich meine damit, dass es Fälle gibt, in denen ein chronisches Muster dadurch ausgehebelt und schließlich geheilt wird, indem man ausgerechnet die schädigende Ursache (in Hahnemanns erstem Versuch »das Gift«) dem System hinzufügt, wie das etwa in der provokativen Therapie beschrieben wird oder bei Watzlawicks paradoxer Intervention. Aber dieses Hinzufügen muss weise dosiert gegeben werden und zum richtigen Zeitpunkt, und es kann scheitern; vor allem, wenn die Weisheit fehlt.

Dass Freude Freude anzieht und Glück Glück, stimmt das denn? Manchmal rufen Freude und Glück Schadenfreude oder Neid hervor, auch das gibt es, und sichtbares Elend kann Hilfsbereitschaft erwecken. Allerdings zieht Reichtum Reichtum an, denn »Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen« – leider, denn diese Tendenz, die unserem Wirtschaftssystem eigen ist, verstärkt vorhandene Ungleichheiten. Ein allgemeines »Gesetz der Anziehung« aber, das wie ein Naturgesetz alle diese Wahrheiten abdecken würde, das gibt es nicht, dazu sind die genannten Systeme zu komplex.

Die »vier edlen Wahrheiten«

Hat nicht auch der Buddha sich schon mit dem Wünschen beschäftigt, dort »Begehren« genannt? Und dann gesagt, das sei »die Ursache des Leidens«? Ja, er hatte. Ich möchte seine Kernthese hier nun jedoch ein bisschen tantrischer formulieren: Ja, das Begehren ist die Ursache des Leidens, jedenfalls sofern man mit diesem Begehren identifiziert ist, also genau das tut, was die Wünschebücher lehren: Wünsche von ganzem Herzen, intensiv, mit aller Leidenschaft! Die dann Leiden schafft, denn jeder erfüllte Wunsch erzeugt weitere, noch unerfüllte Wünsche. Wer hat, der will noch mehr haben oder nun etwas ganz anderes. So dreht es sich weiter, das Rad des Leides. Erlöst davon ist nur, wer diesen Zyklus durchschaut und sich von der Identifikation mit den eigenen Wünschen löst – letztlich von der Identifikation mit dem eigenen, gesellschaftlich komponierten Ich. Nur wer erkennt, dass dieses Ich eine Fiktion ist, kann sich aus dem Rad der Wiederkehr lösen. Nur dann ist das Wünschen und Begehren nicht mehr die Ursache von Leiden, sondern Vitalität, Lebendigkeit, Freude. Dann freut man sich über die Geschenke, die andere vom Universum bekommen ebenso sehr wie die, die einem selbst zuteil werden. Wünschen, Begehren, Erstreben sind dann einfach vitale, »unpersönliche« Vorgänge, die zum Leben gehören. Ohne sie würde alle Bewegung aufhören und der Tod eintreten.

Entweder oder

Es gibt nur zwei Arten glücklich zu werden, sagt ein alter Spruch. Entweder man erreicht, was man sich wünscht (und zwar dauerhaft, damit das Glück nicht bloß ein kurzes ist). Dafür muss man sich anstrengen: Arbeiten, Karriere machen, Trainieren, jedenfalls Materie in Bewegung versetzen. Oder man wünscht sich und heißt willkommen, was schon da ist. Das ist dann eine geistige Kunst. Wer sie noch nicht beherrscht, muss sie üben, also auch hier eine Anstrengung. Das sind der westliche und der östliche Weg, exemplarisch repräsentiert von (z.B.) Anthony Robbins für den Westen und Ramana Maharshi für den Osten. Erst auf einer Meta-Ebene vereinigen sich diese beiden Wege: Auch das Wünschen mit allen damit verbundenen Freuden und Leiden »ist schon da« und kann als solches akzeptiert werden – Akzeptanz macht glücklich. Oder umgekehrt: Sich zu wünschen (zu erstreben) was schon da ist, auch das erscheint zunächst als ein Streben, also ein Leiden, und erst wenn dieses Streben akzeptiert wird, wird es zu Lebendigkeit, Freude.

Fakt und Fiktion

Was ist die Lösung? Mein Rat: Lerne Fakt und Fiktion zu unterscheiden. Das löst nicht nur die privaten, sondern auch die religiösen und philosophischen Probleme und hat Rückwirkung auf Politik und Gesellschaft. Bleiben wir erst mal bei der Literatur: Sind die Bibel, der Koran und die Prophezeiungen von Celestine Fakt oder Fiktion? Einiges in diesen Büchern ist »ratgebend«, z.B. die Sprüche des Salomon, um hier mal mit der Bibel den »Ratgeber« zu nennen, der das Abendland mehr als alles andere geprägt hat. »Eine offene, ehrliche Antwort ist ein Zeichen wahrer Freundschaft«, steht dort zum Beispiel, im Buch der Sprüche. Mögen Rhonda und ihre Leser mir das abnehmen…. Anderes in diesen Büchern ist Fiktion: die Genesis, das Mahabharata, die meisten der im Koran erzählten Geschichten. Die Märchen der Gebrüder Grimm enthalten Weisheit, ebenso wie die Odyssee, die Tora, die Bhagavad Gita, und auch »Der Alchimist« von Paulo Coelho oder »Die Prophezeiungen von Celestine« können als Quelle der Läuterung dienen. Es kommt halt darauf an, wie man damit umgeht. Ein wörtliches Verständnis dieser Texte und schlichtes Für-wahr-Halten ist in diesen Fällen jedoch meist nicht das Richtige. Die Bücher selbst enthalten in der Regel keine Anleitung für ihre richtige Verwendung, oder wenn doch, dann oft eine, die in den Fundamentalismus führt, wie etwa dieses Aussgabe von Jesus (wenn sie denn wahr ist): »Niemand kommt zum Vater denn durch mich«.

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Diskussion zu: Wir hätten es kommen sehen müssen

  1. Lieber Wolf,

    bis vor einige Zeit hätte ich Dir zugestimmt. Aber dann habe ich mir überlegt, welche ‚Fakten‘, als feststehenden Dinge es eigentlich gibt. Oder geben kann. Darüber hatte sich schon Einstein Gedanken gemacht als er Fragte, ob denn der Mond da wäre, wenn keiner hinschaut.

    Ob man Mikrokosmos ud Makrokosmos einfach trennen kann, halte ich für problematisch. Wenn es da eine Grenze gibt, wo ist die? Sicher wird es je größer es wird immer komplexer. Aber Zeilinger ist da ja schon mit größeren Objekten unterwegs.

    Ich habe die Befürchtung, wir wollen uns damit nur das gewohnte Denken erhalten. Aber natürlich gibt es Fakten, nämlich die beispielsweise, wie die Welt in meinen Kopf kommt. Wir kennen nur diese Welt innen. Und da fangen äußere Fakten irgendwie an irrelevant zu werden. Die alten Griechen fragten sich noch, wie die Realität in unseren Kopf kommt. Dürr etwa hätte gesagt: Garnicht. Keine Fakten, nur Wirklichkeit, ein Prozess. Und ich selbst bin ja auch nur ein Prozess, auch wenn ich mich anders erlebe.

    Wenn das so ist, dann ist diese Aufgabe des Faktischen vielleicht nichts anderes als der Übergang zu einer nächsten Stufe des Bewusstseins oder Verständnisses. Ich habe gerade ein Buch bekommen, Titel: Wie das Gehirn Wirklichkeit konstruiert. Davon müssen wir ausgehen. Sind denn sogenannte Fakten nicht genau die Wirklichkeit, die wir konstruieren? Aber wie es ist, das Postfaktische hat mich ins Grübeln gebracht.

    Und du weißt, ich denke gerne nach vorne und nicht nach hinten. Also schau ich lieber, was daran Positives sein könnte. Ein erster Gedanke … Auf jeden Fall sollten wir den Menschen das Postfaktische in Ermangelung von einer hinreichenden Menge an Fakten nicht nehmen. Wenn wir den Menschen klar machen könnte, dass das für alle gilt, ich denke, dann wären manche nachdenklich werden.

    Namaste!
    Peter

  2. Lieber Peter,
    wenn die Vertreter des Postfaktischen, damit einen Schritt nach vorn, ins Verständnis des Mystischen und der Konstruiertheit aller Fakten durch unseren separatistischen Verstand machen würde, ja, das wäre gut. Die Praxis derer, die sich der Weisheit der nur relativen Relevanz von Fakten bedienen, ist aber eher die, dass dadurch Lügen und platte Irrtümer als „alternative Fakten“ schöngeredet werden. Mit dem Trend zum Postfaktischen setzt sich ja nicht ein kluger Konstruktivismus durch, der durchaus noch zu unterscheiden weiß, oder die uralte These des unter Philosophen so genannten Idealismus („Alle Welt ist Bewusstsein, Geist, nicht Materie“), sondern es ist ein Vermanschen wichtiger, nützlicher Unterscheidungen aus eher ’niederen‘ Motiven wie Gier, Abwehr, Beschönigung.
    LG
    Wolf

  3. Lieber Wolf,

    ich denke, dass die niedren Motive wie Gier, Haß und Beschönigung Ausdruck des krampfhaften Festhaltens sind.

    Meine Frage ist: Was passiert, wenn man das Postfaktische auf die Spitze treibt? Müssten sich die Menschen dann nicht der Wirklichkeit stellen? Dass die Suche nach etwas Faktischem ins Nichts führt, das leider nicht die buddhistische Leere ist?

    Ich finde es ist an der zeit, konstruktiv mit postfaktischem Denken umzugehen.

    Namaste!
    Peter

  4. Manchmal raufe ich mir auch die Haare, wenn destruktive Entwicklungen genau so eintreten, wie ich es schon vorher geahnt habe … 🙁
    Wenn man einen Blick dafür entwickelt – und das tun wir Psychotherapeutinnen natürlich auch – wie sich Schattenaspekte zuspitzen können, dann stehen wir am Ende wirklich oft daneben und fragen uns, ob das zu verhindern gewesen wäre. Nicht immer ist das möglich! Das ist gelegentlich schwer zu ertragen …

    Manchmal ist das aber auch ein Zeichen für Weiter-Entwicklung, wenn Schatten-Aspekte immer sichtbarer werden. Sie hören dann auf, im Verborgenen zu wirken und werden der Beobachtung zugänglich.

    Im gesellschaftlichen Bereich fangen erst dann größere Gruppen an, sich mit den Themen zu beschäftigen und das ist wiederum die Voraussetzung dafür, dass Wandel überhaupt möglich wird.

    Ich sehe die derzeitigen politischen Entwicklungen nicht so negativ, beobachte das eher interessiert, was das für Auswirkungen hat, wenn bedingungsloser Egoismus zur Staatsräson erklärt wird und dafür schon auch mal ein paar Fakten verdreht werden …

    Dass in esoterischen Bewegungen an Fakten und Gesetze geglaubt wird, die vorher selbst erfunden wurden, ist weit verbreitet. Spätestens dann, wenn widersprüchliche Erfahrungen gemacht werden, hört das aber bei den meisten Menschen mit gesundem Verstand auch wieder auf. Ist zumindest meine Erfahrung.

  5. Hallo Herr Schneider,
    ich hatte ja unter Rundbrief 153 schon einen kurzen Kommentar da gelassen, deshalb hier nun ganz artikelbezogen:
    Gefällt mir wirklich gut, was sie so schreiben, auch die Kommentare sind sehr interessant (sehr interessanter Blickwinkel bzgl. Schattenarbeit).
    Was ich etwas kritisch sehe ist, inwiefern es hilfreich ist, Begehren als „zum Leben gehörend“ zu empfinden und zu was „Streben akzeptieren“ führt. Ich wage es nicht zu bewerten, ob es falsch oder richtig ist, aber meiner Meinung nach kann man Begehren nicht nachkommen, ohne nicht eine minimale Sucht nach ihnen zu haben, denn ansonsten würde man die große Mehrzahl ihrer schlichtweg nicht tun. Natürlich sollten Wünsche vielleicht nicht verdrängt werden, aber was wird aus Begehren, wenn man ihm immer wieder nachkommt? Mindert es sich dadurch, bleibt es gleich, wird es mehr? Im Endeffekt meiner Meinung nach alles nur eine Frage, wo man hin will und das Vorgehen ergibt sich dann daraus, dass man sich Ursache und Wirkung dazu offen anschaut. Ich meine, streng genommen ist ja auch das Begehren nicht mehr zu begehren eben auch ein Begehren, es ist halt die Frage, von welchem man sich mehr Wohl/Nutzen… verspricht.
    MfG
    Daniel

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