26. Mai 2017
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Rubriken: Rundbriefe
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Wertfrei hinschauen, wertvoll handeln – Rundbrief Nr. 154 vom Mai 

»Die Fähigkeit Optionen zu bewerten und bei Entscheidungen gut zu urteilen ist für unser Leben essentiell.«—Wolf

Schon lange nervt es mich, das der schöne Spruch von Rumi: »Jenseits von gut und böse, dort treffen wir uns«, in spirituellen Kreisen zu einer Art ethikfreiem, urteilslosen Nihilismus missbraucht wird. Und das Problem existiert nicht nur in Kreisen, die sich als spirituell bewegt verstehen. 

Diesseits von Gut und Böse

Was sind eigentlich die Werte, nach denen wir handeln? In der Politik, in der Wirtschaft, im Privaten. Unter spirituell Bewegten Spiris hört man immer wieder, fast mantraartig wiederholt, das gut gemeinte Motto, wertfrei zu denken und sprechen, wertfrei zu sein und keinesfalls, igitt, etwas zu be- oder gar zu verurteilen. Das wird im realen Leben jedoch nicht eingelöst, denn wir können nicht anders als zu werten. Wenn wir das Werten verurteilen, verdrängen wir es. Es wirkt dann aus dem Unbewussten und entfaltet seine negativen Seiten noch viel mehr als sonst. Zudem ist das Verurteilen des Wertens ja schon eine Wertung und passt so gar nicht zu der allumarmenden Toleranz, die sich die Verkünder des Wertfreiheit so sehr wünschen. 

Ehrlicher und gesünder wäre es, nur im Erkenntnisprozess Wertfreiheit anzustreben, dann vermeidet man das Ausblenden dessen, was man »nicht sehen will«. Wenn es aber ans Handeln geht, ans Tun, dann brauchen wir Werte und Bewertungen. Die Fähigkeit Optionen zu bewerten und bei Entscheidungen gut zu urteilen, ist für unser Leben essentiell, sie entscheidet nicht nur über unsere Lust&Laune, unsere Gesundheit, unser Glück, sondern oft genug über Leben und Tod. 

Sogar das Rechnen kann helfen

Wer wertet, sagt übrigens meist nicht nur einfach Ja oder Nein, denn meistens gibt es mehr als zwei Optionen. Wenn es mehr als zwei Möglichkeiten gibt, haben wir eine Werteskala, wir priorisieren gemäß einer Rangfolge: Das hier will ich am liebsten, das hier wäre meine zweite Wahl, und so weiter.

Manchmal lässt sich sogar eine noch genauere Antwort auf eine gestellte Lebensentscheidung geben als nur eine Rangfolge, indem man etwa sagt: Das will ich 100 pro, das wäre optimal, zu jenem anderen kann ich nur zu 85% Ja sagen, und so weiter. Wenn man etwa durch eine Naturschutzmaßnahme 12 geschützte Arten vor dem Aussterben retten kann und durch eine andere nur 3, dann ist die erste Maßnahme grob geschätzt und ohne weiter Detailinfos 4 mal so gut. Dann wird eine Entscheidung plötzlich zahlenmäßig fassbar. Das Einsparen von Geld, das Verdienen von Geld, das Retten von Nahrungsmitteln vor dem Verfal und sogar das von Flüchtlingen aus dem Mittelmeer, ach, es gibt so viele Entscheidungen, die mehr als nur ein Ja oder Nein, ein Besser oder Schlechter als Antwort erfordern. Wer da beim Finden der Antwort das Vergleichen und im Falle von Zähl- oder Messbarem auch das Rechnen nicht scheut, ist ethisch besser dran, erfolgreicher und, ja: als besser zu bewerten. 

Kürzlich hatte ich einen Dialog mit einem Menschen, der behauptete Hierarchien nicht zu brauchen und sie außerdem grundsätzlich nicht zu akzeptieren. Wählst du denn beim Einkauf deiner Nahrungsmittel nicht die besten aus? Oder unter den gleich guten (gesunden und gut schmeckenden) bevorzugst du die preiswertesten? Und unter deinen Freunden, hast du da keine/n Liebste/n, keinen »best oft«, keinen Spitzenreiter? Unser ganzes Leben ist von Wertungen und Hierarchien durchzogen. Wer diese Tatsache verdrängt, schadet sich und all denen in der eigenen sozialen Umgebung, die dann die Folgen dieser Verdrängung ertragen müssen. 

Immer noch nicht erleuchtet?

Ja, das Werten. Und die Rangfolgen. Und die Entwicklung zu Höherem … äh, nein, sorry, wie konnte mir das nur rausrutschen. Wir sind doch alle gleich. Alle Menschen, alle Kulturen, alle Entwicklungsstadien eines einzelnen Menschen oder einer einzelnen Kultur sind gleich. Eben nicht! Gerade unter den Verächtern des Wertens ist oft die Rede von einem »höheren Selbst«. Ach, wie, höher? Ich dachte, wir wären alle gleich. Ein solches, hohes Selbst ist dann aber mit meinem mittelmäßigem Selbst nicht mehr auf Augenhöhe. Autsch, das tut weh. Da fühle ich mich entwertet. 

Ich weiß: Spotten ist leicht, es besser machen schwieriger. Ich bin jetzt jedenfalls unter die »Wasserverkäufer« geraten, die Erleuchtungslehrer und Lehrer des Erwachens. Waaaaas, du dort???, werden sich viele fragen und diese Entscheidung vielleicht für einen Abstieg halten (schon wieder eine Wertung, hehe). Ist es aber nicht. Für mich ist es eine Rückkehr in ein Terrain, auf dem ich mich vor Jahren sehr engagiert betätigt habe. Zum Beispiel als Organisator der beiden ersten Kongresse (erst im Gut Haushalt, dann im Jonathan am Chiemsee) mit Advaita-Lehrern, die es meines Wissens im deutschen Sprachraum gab. Die Jahre danach habe ich eher Shri Shitananda sprechen lassen, eine Karikatur des Satsang-Lehrers (mit Elementen von Osho im Auftritt, also eine Art Fusion). Dieser Shri redet viel Blödsinn, es gibt dabei viel zu lachen, und ab und zu rutscht ihm auch mal eine Weisheit aus dem Mund. Oder, je nachdem wie du das aufnimmst: Vielleicht sind ja auch seine Weisheiten dumm und seine Dummheiten weise? Das hat doch allemal mit der Aufnahmefähigkeit des Wahrnehmenden zu tun. 

Jedenfalls bin ich nun Co-Repräsentant des Erleuchtungskongresses von Ludmilla Rudat und Roland Heine geworden. In den drei Tagen vom 8. bis 10. September werden wir zu dritt diese Veranstaltung repräsentieren, und ich werde sie schon im Vorfeld mitgestalten. Wo ich doch Hierarchien vermeiden wollte. Ich führe nicht gerne, dazu bin ich zu sehr Anarchist und muss doch, wie jeder andere auch, Rangfolgen akzeptieren, siehe oben. Bin halt noch »im Prozess« damit, wie man das szenemäßig korrekt so nennt. Roland und Ludmilla haben mich jedenfalls sehr freundlich, geradezu begeistert in ihr Projekt aufgenommen und dieser Tage ein Oline-Interview mit mir gemacht über meine eigene Erwachens-Geschichte. 

Ist das Unterteilen der Menschheit in Erwachte und noch Schlafende nicht ziemlich dualistisch und insofern »so gar nicht Advaita«? Advaita bedeutet ja Nicht-Zweiheit. Es gibt jedoch gewisse Erkenntnisse, die irreversibel sind und so bedeutsam, dass sie zu einem »Knick in der Biografie« führen, behaupte ich. Dazu gehört insbesondere auch die Einsicht in die Fiktivität der eigenen Ich-Identität und aller anderen sozialen Identitäten. Etwas, das Buddha und andere spirituelle Lehrer »die Mutter aller Illusionen« genannt haben. 

Hier könnt ihr schon mal einen ersten Eindruck von dem Kongress bekommen. Es gibt dabei auch Helfertickets, und wer sich jetzt schon anmeldet, bekommt einen Frühbucherpreis. Wer dabei angibt, durch meinen Newsletter darauf gestoßen zu sein, bekommt auf seine Buchung 10% Rabatt. 

»Es ist viel los«

Es passiert gerade sehr viel in meinem Leben. Ich weiß, das ist so ein Spiri-Spruch, da sagt man dann »Es ist gerade sehr intensiv«. In meinem Falle ist es nicht intensiver als sonst – die Gier nach Intensität, ich glaube damit bin ich durch, hehe – aber es sind viele Entscheidungen zu treffen. Ich habe eigene Buchprojekte und habe trotzdem wieder einen Übersetzungsauftrag angenommen. Ich coache, ghostwrite und lektoriere, bin viel unterwegs, auf vielen Bühnen. Es gibt ein Projekt, das Kernthema von Connection neu aufzugreifen und eine (vorrangig non-print) Weltmarke daraus zu machen, denn die Themen von Connection scheinen vielen Menschen erst jetzt hochrelevant zu sein, mehr als in den dreißig Jahren (1985 bis 2015), in denen diese Zeitschrift existierte. Jedenfalls ist die Aufnahmebereitschaft für diese Themen heute größer denn je. Ich will meine Webseite relaunchen und Webinare anbieten, die sich um meine Kernthemen Humor, Werte, Liebe und Freiheit drehen. Ich weiß manchmal nicht, wo mir der Kopf steht, bei all diesen Entscheidungen, aber es geht mir gut, damit und mit fast allem, ich genieße das Leben. 

Alterslust

Und noch etwas: Mir ist mein Lebensalter bewusster geworden. Bewusster denn je? Kann sein. Ich bin jetzt 64 Jahre alt, das murmel ich manchmal vor mich hin, damit ich es nicht vergesse, bei alledem, was da jetzt in meinem Leben beginnt und mich thrillt und begeistert. Was ich mit meinen Altersgenossen genieße, aber auch, sogar mehr noch, mit circa 30 Jahre jüngeren Menschen. Denen habe ich etwas zu geben, etwas weiterzugeben, wie bei einem Staffellauf, so kommt es mir vor. Das war mir vorher nicht so richtig bewusst. Es ist so eine Art Vater-, Großvater- oder Ältesten-Energie. »Generativität« hat der Psychoanalytiker Erik Erikson das genannt. Es ist für mich ein riesengroßer und noch neuer Genuss, meine Lebenserfahrung und Weisheit, meine Alterslust und Abgeklärtheit, meinen Humor und unerschütterlichen Aufbruchgeist in Gefäße zu gießen, die sie wirklich, wirklich aufnehmen wollen. Ich hatte nicht erwartet, dass das so ist, aber so ist es. Wenn ich schreibe und das gerne gelesen wird und hilfreich ist, das freut mich. Wenn ich auf der Bühne stehe, etwas erkläre, Witze mache oder einen Humorworkshop leite und »das kommt an«, das ist mir eine große Freude. Gegenüber allen Menschen, gewiss, aber insbesondere gegenüber ein oder zwei Jahrzehnte Jüngeren. Großes Staunen über mich selbst. Und dann: Staunen, dass ich das erst jetzt so richtig wahrnehme. Ja, es gibt immer was zu staunen. Möge das so bleiben. 

Tipps und Links

Jetzt noch ein paar Tipps und Links. Kürzlich habe ich wieder mehr in mein Blog geschrieben. Dort auch über ein Thema, über das ich vor ein paar Jahren mal ein Sonderheft gemacht habe: Polyamorie. Es ist heute mehr denn je in aller Munde, und ich werde dazu auf dem BeFree Pfingstfestival einen Vortrag und Kurzworkshop geben.

Das Lied „Prayer of the mothers«von Yael Deckelbaum und die von ihr initiierte Frauenbewegung in Israel&Palästina kenne ich schon länger und bin immer wieder zu Tränen gerührt davon. Nun kommt sie am 15. Juni nach Berlin.

Das bedingungslose Grundeinkommen wird nun auch von Richard David Precht unterstützt wird und von vielen anderen. Es werden immer mehr, und es gibt jetzt auch eine Initiative, es bei der kommenden Bundestagswahl durch eine speziell hierfür gegründete Partei zur Geltung kommen zu lassen: das Bündnis Grundeinkommen.

Manche von denen, die meine Geschichte vom Wasserverkäufer am Fluss gelesen haben, dachten daraufhin, ich sei nun, nach all den Jahren in und mit der Szene gebeutelt, ernüchtert und die Federn gelassen, völlig unspirituell geworden und hätte jetzt nur noch Spott übrig für die Gläubigen. Nicht so. Ein Kafir (Ungläubiger) war ich schon immer, wie man an diesem Vortrag sieht, den ich mal vor Jahren auf einem Zeitenwechsel-Kongress in Landshut gehalten habe.

Wer mich immer noch für unspirituell hält, aufgepasst: Ich kann auch channeln! Aber das geht besser von einem weiblichen Körper aus. So bin ich 2011 auf dem IP-Kongress in der Schweiz als die bayerisch sprechende Resi Obergrußberger aufgetreten, in ihrem feschen Dirndl. Anschließend als der Kundalinilehrer Mahatma Siddhananada. Dann als Zeitreisender in die Zukunft mit den Nachrichten aus dem Jahr 2031 (ojeoje) und schließlich als der weise Shri Shitananda, das ist alles mit drin, in diesem 9 min Film. 

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Diskussion zu: Wertfrei hinschauen, wertvoll handeln – Rundbrief Nr. 154 vom Mai 

  1. „Aufnahmebereitschaft für diese Themen“
    Ich frage mich immer, wo die Leser, die Hungrigen, die Gestaltungsfreudigen sind? Sie spiegeln sich hier nicht, aber wo sind sie? Wo tummeln sie sich? Wo treten sie auf?

  2. Ein treuer Leser:-)

  3. Hi,

    einfach ein paar Gedanken dazu.

    Werten/Bewerten:

    Vollständig d’accord.
    Eine wertfreie Haltung ist in Kommunikationsprozessen anzustreben in dem Sinne, dass man bei sich selbst zwischen Faktischem und Wertendem nicht nur zu unterscheiden in der Lage ist, sondern es auch tut. Ich kenne wenige Menschen, denen das durchgehend gelingt, mich inklusive. Wer so tut, ist deshalb meistens ein Heuchler. Wer sich darum bemüht, nicht. Je mehr Menschen meinen, sie würden nicht bewerten, desto vorsichtiger fasse ich sie an.
    Und Wertfreiheit ergibt sich im mystischen Prozess. Doch der mündet, zumindest bei mir, in einer liebenden Position, die wiederum die Grundlage für wertendes Verhalten im Alltag wird.

    Was mir gut gefällt, ist Deine Argumentation „Sogar Rechnen kann helfen“. Das ist provozierend nüchtern. „Köstlich“ mit anderen Worten.

    Übrigens bewerte ich grade im Monat Mai heftiger als sonst, wenn ich durch ne Fußgängerzone gehe und all die schönen Mädels sehe.

    „Bin halt noch »im Prozess« damit, wie man das szenemäßig korrekt so nennt.“ Das hier ist auch grade ’n Prozess. Das erinnert mich an die Scheu vor dem Wort „Konflikt“. Lieber sagt man da, „Ich hätte da mal ein Thema“. Konflikt ist ja schon bewertend. Oder wie wär’s mit „Einschätzung“? Ist die auch nicht mehr erlaubt? Und funktioniert Einschätzung ohne Bewertung. Warum sollte ich eigentlich scharf bremsen, wenn mir ein kleines Kind vors Auto läuft, bei ner Ratte tu ich’s ja auch nicht. Dazu müsste ich ja werten!

    Alterslust:

    Ja, da finde ich mich auch langsam rein. Manchmal fühle ich mich aber noch so fit, dass ich immer wieder vergesse, wie alt ich bin. Dann freu ich mich noch mehr über den Tag.

    Lied „Prayer of the mothers“ von Yael Deckelbaum: Ich habe auch das erste Mal geweint, als ich es sah.

    love is the gardener of meaning, Bobby

  4. Auch ein treuer Leser, wenn er denn dazu kommt. Manchmal schreibt er ja auch selbst. Auf jeden Fall ein Freund.

  5. Hallo …,

    durch Bobby Langer auf den/ das Blog aufmerksam gemacht, noch nicht Zeit bzw. Muße zum Lesen des eigentlichen Beitrages gehabt, möchte ich kurz auf den Kommentar von Bobby Langer eingehen, ihn quasi aus meiner Sicht ergänzen; ich teile seine Überlegungen zum Wertfreien und zum wertfrei (schon) Können.

    Mir fiel zum Beispiel mit dem Kind und der Ratte Marshall B. Rosenberg ein, der – wenn ich es jetzt richtig wiedergeben kann – sinngemäß wohl dies dazu meint (nunja, vielleicht ist das auch nur meine Sicht/ mein Verständnis…):

    NICHTwerten heißt NICHT, daß ich bestimmte Verhaltensweisen nicht anderen vorziehe. Und dies beruht wohl darauf, daß ich natürlich bestimmte eigene Werte HABE. Doch diese zu HABEN, heißt für mich aber NICHT, mich oder andere zu BEwerten bzw. gar zu verURTEILEN. Oder gar meine Werte für die unumstößliche unverserselle Wahrheit zu halten bzw. das Verhalten anderer Menschen daran zu messen.

    Ich kann also durchaus für ein Kind bremsen und für eine Ratte nicht.
    Ich kann auch für beide bremsen.
    Oder auch nicht.
    (Erst wenn ich alle Informationen habe, durch empathisches Zuhören, kann ich selbst verstehen, warum jemand/ ich so oder so oder so (re)agiert habe. Und danach ist die Frage: was ich mit diesen Informationen und meinem Verständnis MACHE!?….)

    Eine dankbare – künftige – Leserin.

  6. @ Bobby
    Ja, Bobby Langer ist ein guter alter Freund. Ehemals selbst Redakteur (und Connection-Autor), ist er jetzt mit guten Projekten unterwegs, z.B. mit diesem hier: http://www.ecofairpr.de.
    Mit Bobby zusammen habe ich mal für eine afrikanische Universität in Gründung das Konzept für eine spirituelle Fakultät entwickelt, die ich dann zu leiten gehabt hätte. Witzig: Ich, der ich nie an einer der alten Universität einen akademischen Grad erworben habe, wäre dann Dekan geworden und hätte die Studenten beurteilen (!) müssen, ob sie das ihnen gegebene Koan gelöst haben. Mit Bobby zusammen hätte ich das gerne gemacht, aber der afrikanische Potentat, für den das erst ein Prestigeprojekt war, hat dann einen Rückzieher gemacht.

  7. Der verbreiteten Maxime, auf Wertungen zu verzichten, liegt selbst eine Wertung zugrunde, das machst du gut klar, lieber Wolf.
    Hintergrund dafür ist unsere Kultur, die geradezu süchtig danach ist, alles sofort zu werten, was eine verständliche Gegenreaktion auslöst bzw. die Sehnsucht nach dem wertfreien Raum.
    Was m. E. nach noch klarer werden dürfte: unsere Wertungen haben eine subjektive Gültigkeit, aber keine von uns selbst unabhängige. Ich finde es hilfreich, unsere Werte bei unseren Wertungen transparent zu machen.
    Deswegen bleibe ichauch lieber beim Bewerten (ich messe etwas einen mehr oder minder großen Wert zu) und verzichte auf das Verurteilen, weil es doch meistens so ankommt, als beanspruche ein Urteil eine mehr als subjektive Gültigkeit.
    Und wenn wir meinen, unsere Werte wären es Wert, allgemeine Gültigkeit zu bekommen, können wir Intersubjektiv darum ringen, anstatt im Namen einer vermeintlichen Objektivität dafür zu kämpfen …

  8. @ Saleem
    Hallo Saleem, auch ich glaube, dass die weit verbreitete Sehnsucht nach Wertfreiheit eine Gegenreaktion ist auf ein zu viel Bewerten, Beurteilen, Verurteilen. Dabei aber wird das Kind mit dem Badewasser ausgeschüttet.
    Die Unterscheidung zwischen Bewerten (gut so) und Beurteilen (schlecht so) oder gar als dem Schlimmsten, dem „Verurteilen“ halte ich aber für oberflächlich. Warum sollen wir nicht den Genozid und andere schlimme Verbrechen VERurteilen? Ist das nur subjektiv, dass wir das nicht mögen? Wenn viele Subjekte das nicht mögen, können sie Einigkeit darüber erzielen, dass Genozid, Vergewaltigung, Päderastie und Sklaverei „ver“urteilt werden.
    Einiges darf von mir aus gerne ver-ehrt und anderes ver-urteilt werden. Wir können mit den Mördern ja immer noch gut umgehen, ohne Rachegelüste, mit Heilungsabsicht. Aber zuvor sollte klar gemacht werden, welche Handlungen von der Gemeinschaft erwünscht und welche unerwünscht sind. Das ist dann zwar nicht im wissenschaftlichen Sinne objektiv, aber doch in gewisser Hinsicht mehr als nur subjektiv. Es ist mehr als nur mein Gutdünken, dass kleine Kinder nicht von Erwachsenen gefickt werden sollten und der Genozid an Juden, Armeniern und Indianern zu „verurteilen‘ ist. Ethik ist ein kommunikativ entstandenes Ergebnis aus diversen subjektiven Wertungen, die dann im miteinander kommunizierenden Kollektiv zu Handlungsmaximen alias ‚kommunalen‘ Wertungen führen. Und „das ist gut so“, ha! Ja, bei aller Verehrung Rumi&Co und der Transzendenz von Gut und Böse, die bleibt davon unbenommen.

  9. Hallo Wolf,
    ich schrieb ja, wir können intersubjektiv, d.h. auch kollektiv um Werte ringen und uns auch auf Werte und daraus resultierende Regeln und Gesetze einigen. Wir können auch Strafgesetze danach formulieren. Aber wir sind gut beraten, uns bewusst zu bleiben, dass sie Ausdruck eines Zeitgeistes sind, der sich und wir uns mit ihm wandelt.
    So wird immer wieder klar, auf was wir uns beziehen in unserem „Urteil“, nämlich auf ein menschengemachtes Gesetz.
    Mit dem Beispiel „Kinderficken“ bedienst du leider eine verbreitete selbstgerechte Eindeutigkeit des Urteilens über Pädos, die z.B. Christoph Ahlers (er baute dazu ein Präventionsprojekt an der Charité Berlin auf) in seinem Buch „Himmel auf Erden, Hölle im Kopf“ sehr gut auseinandernimmt und differenziert: „Die Pädophilen sind die psychodynamische Bad Bank für unsere kollektiven Fürsorgeschulden bei den vernachlässigten und verwahrlosten Kindern unserer Gesellschaft.“
    Ein Urteil ist so gesehen immer nur die Spitze eines Eisbergs, deren unter Wasser liegenden Teil, an dem wir alle Anteil haben, nur die wenigsten sehen wollen.
    Was Ahlers auch gut herausarbeitet: Etwas zu verstehen, heißt nicht, es nicht ablehnen zu dürfen. Ja, ich bin dafür, Sex von Erwachsenen mit Kindern unter Strafe zu stellen. Aber damit ist das Thema doch nicht erledigt!
    Ein Verhalten zu verurteilen, ohne es eingefühlt und verstanden zu haben, öffnet das Tor für die Projektion unseres eigenen Schattens auf die Verurteilten. Davor schützt auch intersubjektive „Verständigung“ nicht, wie sich an den Projektionen auf Juden, Muslime, Ausländer etc. leicht zeigen lässt.

  10. Hallo Saleem,
    einverstanden. Auch damit, dass ich mit „Kinder ficken“ etwas bediene, was mehr Verständnis braucht auch nur die untersubjektive Einigung auf ein Verbot und eine Strafe.
    Einverstanden auch damit, dass „verstehen“ nicht „billigen“ bedeutet. Man kann eine Tat verstehen, wenn man sich in den Täter einfühlen kann, weil man emphatisch ist und mitfühlt. Im Grunde können wir uns bei großer Empathie in JEDEN einfühlen, denn, „nichts Menschliches ist mir fremd“ (sagte Terenz, römische Antike). Trotzdem können wir und müssen wir einige Verhaltensweisen verurteilen, auch dann, wenn sie uns aus Täterperspektive verständlich sind.

  11. Danke Wolf, für diesen Text.

    Er hat mich schon angeregt das Thema „Nicht-Werten und Werte“ mal aus „integraler Sicht“ zu reflektieren. Das Bild was mir dazu kam, braucht noch etwas Zeit, damit ich es mal in einen Text gieße.

    Auf jeden Fall geht es auch hier um ein „Sowohl-als-auch“. Sowohl das Entdecken einer nicht-wertenden inneren Haltung, als auch das Erspüren von Wertdifferenzierungen für das konkrete Leben. Meiner Erfahrnung nach muss beides sogar zusammengehen. Die höheren Formen von Moral und Ethik entspringen aus einer transrationalen inneren Stimmigkeit, welche man sich erst erschließen kann, wenn die bisherigen Formen moralischer Normativität (erst tradtionell-vorgegebene Wertrichtlinien, dann rein-Vernunfts-getragene Wertentwicklung) durch etwas abgelöst werden, was ich schon vor längerer Zeit „natürliche Ethik“ genannt habe. Sie entspringt aus dem erspürten Einssein mit allen Wesen und Erscheinungen und kann von Moment zu Moment aus einer stillen Intelligenz heraus angemessen urteilen und handeln.

    Dieses Thema hat ja auch eine große Nähe zu unserem gemeinsamen Auftritt auf dem Kongress in Berlin (Titel unserer Veranstaltung „Klares Denken in der Stille“). Darauf freue ich mich immer mehr!!!

    herzlich

    Torsten

  12. Hallo Sugata,

    Inzwischen ist das Bündnis Grundeinkommen in allen Ländern und vom Bundeswahlleiter für die Wahl im September zugelassen; die bundesweite Volksabstimmung kann also starten 🙂

    Gruß von der Schönen Blauen Peene
    Heinz Meru Gunkel, Buggenhagen

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