Wahrheit, Lüge, Wirklichkeit – Rundbrief Nr. 165 vom März

»Gibt es zwischen Fakt und Fiktion einen Unterschied? Nein, sagt ein Großteil derer, die sich für fortgeschritten spirituell halten.«—Wolf

Lügen verbreiten sich auf Twitter (und auch sonst) schneller als Wahrheiten, das ist für mich dieser Tage die Nachricht, dich mich am meisten bewegt. Nicht, weil das neu wäre, sondern weil es kürzlich durch die Auswertung von 4.5 Millionen Tweets (Kurznachrichten auf Twitter) so gut wissenschaftlich bestätigt wurde, dass man nicht mehr drumrum kommt, es als faktisch wahr zu akzeptieren. 

Drei Wissenschaftler vom MIT (in Massachussetts, USA) haben vom Nachrichtendienst Twitter deren Daten vom Beginn im Jahr 2016 bis ins 2017 zur Verfügung gestellt bekommen und dort 126.000 »Kaskaden« gefunden, das sind ungebrochene Ketten von Weiterleitungen einer Nachricht mit demselben Ursprung. »Rumors«, d.h. Gerüchte, nennen sie diese Nachrichten, die von 3.5 Mio Menschen 4,5 Mio mal weitergeleitet wurden. Unwahre Geschichten (über deren Unwahrheit sich Fact-Finding-Institutionen einig sind) hatten quer durch sieben untersuchte Bereiche (darunter Politik, Wirtschaft, Naturkatastrophen) eine deutlich größere Chance auf Weiterleitung. Im Durchschnitt war die Chance einer Weiterleitung bei Falschmeldungen um 70 % größer als bei Wahrheiten, und sie wurden sechs mal schneller weitergeleitet als die wahren. Bei politischen Fakenews war der die Chance auf Weiterleitung im Vergleich zu den faktisch wahren Nachrichten sogar noch größer als in allen anderen der sieben Themenfelder, inklusive Naturkatastrophen. 

Das Ergebnis dieser Forschungen erschien in der Science-Ausgabe vom 9. März. Science ist neben Nature eine der beiden renommiertesten Wissenschaftszeitschriften der Welt. Unter den deutschsprachigen Medien, die das dann second hand ebenfalls brachten, verweise ich hier nur auf den Artikel im Wissenschaftsmagazin Spektrum. Auch in der NewYorkTimes und im Economist, habe ich die Nachricht gelesen, auf Spiegel.de noch nicht (weil ich einen Adblocker installiert habe). Sage ich hier zu viel über die Quellen, anstatt einfach nur, dass Lügen sich leichter verbreiten als Wahrheiten? Gerade im Bereich der Wahrheitsfindung ist die Prüfung der Quellen enorm wichtig, das ist eine der Empfehlungen der Wissenschaftler vom MIT – und auch das ist nicht neu – neben der Empfehlung von Bildung im Umgang mit den Medien. 

Die Aussage »Lügen verbreiten sich schneller als Wahrheiten« ist übrigens ungenau, denn eine Lüge ist eine bewusste Falschmeldung, die nicht im Spaß gesagt wird, wie ein Scherz oder Witz. Bei den von Twitter so effektiv verbreiteten Gerüchten oder Falschmeldungen wussten die Weiterleitenden meist nicht, dass die Meldungen unwahr sind, sondern hielten sie, zumindest im ersten Moment, für wahr. Auch die Wissenschaftler von Science haben das Wort Lüge (Lie) in ihrer Überschrift gebracht, vielleicht weil es auch ihnen als ein besserer Träger von Gefühlen erschien. Auch Wissenschaftlern darf man nicht blind vertrauen.

Weiterleiten…

Warum nicht auch den Newsletter weiterleiten, in dem du dies liest? Er wird sich nicht so schnell verbreiten wie eine Twitternachricht und auch nicht so schnell wie die neueste Detox-Diät oder sonst ein Heilsversprechen weltlicher oder andersweltlicher Art. Aber er ist gut lesbbar, würdigt das Diesseits und auch dass »es ist, wie es ist« – was ja einige auch meiner Leser für die höchste Essenz von Wahrheit halten. Ich jedoch plädiere immer auch für Visionen, Blickrichtungen auf etwas Besseres hin, das sein kann, wenn wir unser Handeln darauf ausrichten. Den Zynikern, die meinen, wir könnten nichts tun, habe ich auch in meinem Rundbrief schon oft geantwortet. Deshalb, Optimisten aller Länder, vereinigt euch (nicht nur sexuell, obwohl auch das sehr schön ist) und leitet diesen Rundbrief weiter! Er kostet nichts, ich verdiene nichts daran, ich muss damit keine Show abziehen, ich schreibe ohne kommerzielles Interesse und ohne Loyalität zu einem Weltbild, dem ich in irgendeiner Hinsicht dienen müsste. 

Alles Maya oder was?

In Bezug auf »die Wahrheit« fuchst es mich, dass große Teile der Szene, die sich für spirituell und weisheitsaffin hält, standfest behauptet, es gäbe keine Wahrheit, es sei alles nur Illusion. Dabei verweisen sie gerne auf den Sanskritbegriff »Maya« und erläutern ihn: Jeder projiziere eben sein eigenes Weltbild »nach draußen«, Objektivität sei eine Illusion, und so weiter. Erst wenn ich sie z.B. darauf verweise, dass die Folge davon wäre, Lüge und Wahrheit gleich zu bewerten, nimmt der eine oder andere von diesem Spiri-Klischee Abstand. Gibt es zwischen Fakt und Fiktion einen Unterschied? Nein, sagt ein Großteil derer, sie sich für fortgeschritten spirituell hält. Das nenne ich dann »Spiritualität im fortgeschrittenen Stadium«, und da es sich in vielen Fällen in schnellen Schritten dem Endstadium nähert, mache ich mir Sorgen. Warum können so viele Fakt und Fiktion nicht unterscheiden? Weil sie noch nicht erkannt haben, dass ihre Ich-Identität eine gesellschaftlich entstandene Fiktion ist, sage ich jetzt mal ganz platt und unspirituell, in einfachen Worten. Und die das erkannt haben, werfen gerne alle Wahrheiten in denselben Fiktions- oder Illusionstopf, oft mit stolzgeschwellter Brust über diese Erkenntnis, an der es mir »noch« gebricht. 

Leela

Nichtsdestotrotz möchte ich in diesem Rundbrief auch etwas Fröhliches einbringen, das sehr wohl mit der Wahrheits- (und Identitäts-)Findung zu tun hat: Ich spiele gerne mit Leela. Das ist nun nicht der Namen meiner neuen Freundin, sondern ein Wort aus dem Sanskrit, das ins Deutsche meist mit Spiel übersetzt wird. Es bedeutet ungefähr das, was Friedrich Schiller meinte, als er sagte »Der Mensch ist erst dann ganz Mensch, wenn er spielt«. Oder Shakespeare mit »All the world’s a stage, and all the men and women merely players«. Oder Miguel Cervantes mit seiner Ritterromansatire Don Quijote, die für viele inzwischen als Nummer eins der Weltliteratur gilt. Eine Satire gegen den Kitsch seiner Vorgängerautoren wird Weltliteratur Nummer eins? Sage ich es doch: auch echt zu sein ist ein Spiel. Authentisch zu sein ist ein Kult, den nicht alle mögen. Dies sind Games people play, wie Eric Berne sein, äh … Kultbuch von 1964 nannte (es wurde ein Weltbestseller). Deshalb gebe ich seit einiger Zeit Seminare, die ich »Leela« nenne, in denen wir, ganz in der Tradition von Ramana (»Sage, mir, wer du bist«) und Sokrates (»Erkenne dich selbst«), mit unserer Identität spielen. Die nächsten solchen Seminare finden im Oster-Retreat des BeFree-Institut von Regina Heckert statt (ich bekomme übrigens keine Provision dafür, dass ich darauf hinweise).

Spielerisch sein

Kann man angesichts der aktuellen politischen Situation noch spielerisch sein? Jetzt erst recht! Wir müssen es. Kann man angesichts zerfallender Staaten (neu hinzugekommen: der Kongo, die Situation dort könnte schlimmer werden als die der vergangenen sechs Jahre in Syrien), nicht mehr funktionierender Demokratien, gegen die der Populismus anbrandet, zunehmender Autokratien (Trump, Erdogan, Putin, Xi Jinping, Venezuela und die Philippinen) noch fröhlich sein? Wir sollten es, denn unser miesepetriges Leid hilft niemandem. Immerhin haben wir noch genug zu essen, Frieden im eigenen Land, können Tanzen gehen, Urlaub machen in einem sonnigen Land und haben Zugang  zu Bildung und Kultur wie noch nie in der Geschichte der Menschheit – wir sollten nicht deprimiert sein angesichts der Situation. Aber wir sollten sie ändern. 

Dürfen wir optimistisch sein oder müssen wir pessimistisch sein? Pessimisten leben länger, das ist wohl wahr, denn sie bereiten sich besser auf negative Ereignisse vor. Die Optimisten aber verbringen ihre Lebenszeit glücklicher. 

Ist das noch spirituell?

Dieser Rundbrief war mal ein so genannt »spiritueller«. Er enthält seit einiger Zeit ebenso viele Nachrichten aus Wissenschaft, Politik und Ökologie. Sollte ich ihn vielleicht »philosophisch« nennen, weil er so gerne für Weisheit plädiert Wissen genügt eben nicht)? 

Der Begriff »Spiritualität« hat sich ausgehöhlt. Er ist zu oft missbraucht und für Dogmatik, Besserwisserei und Wahngebilde verwendet worden. Lieber verwende ich heute den Begriff »Transzendenz« im Sinne von: die Perspektive wechseln können, ja sogar die eigene Identität von außen betrachten können: Vielleicht bin ich ein ganz anderer, ich kam nur bisher so selten dazu … und gefühlte tausend Mal habe ich dazu schon Einstein zitiert: Man kann ein Problem nicht auf der Ebene lösen, auf der es entstanden ist. 

Ich hatte in diesem Rundbrief noch viel mehr unterbringen wollen. Zu viel. Verzichten können, wer sagt es. Lieber schreibe ich im März noch einen zweiten und schließe nun mit ein paar Links. 

Transformation 

Jetzt aber doch noch eins: Sind unsere Persönlichkeiten veränderbar? Ja, sage ich. Sie können sich ändern, wir können sogar mit anderen verschmelzen. Ein aktuelles Beispiel dafür fiel mir kürzlich in die Hände: Kim Trump Un. 

Bindung und offene Weite

Jetzt wieder ernst: Mein Freund Ketan hat mitten in Köln bis 2015 »Das Paradies« betrieben und wurde dann von den Behörden daraus vertrieben. Das WDR hat ihn ein paar Jahre lang begleitet und einen Film über ihn gemacht, der in der Reihe »Menschen hautnah« am 31.8. 2017 gesendet wurde. Sehenswert ist darin nicht nur »das Paradies« und sein Kampf mit den Behörden (in dem er schließlich unterliegt), sondern auch das Verhältnis des ehemaligen durchs Land ziehen Nomaden zu seinen beiden Söhnen.

Mitte Februar brachte die NYT einen Artikel von Stephanie Coontz, die darin eine Menge psychologischer und medizinischer Recherchen zusammenfasst und zu dem Fazit kommt, dass entgegen landläufiger Überzeugung Singles nicht unbedingt unglücklicher sind als Verheiratete (für uns Europäer übersetzt: Menschen in festen Beziehungen). Es kommt vor allem auf die Qualität des Freundschaftsnetzwerks an, und das gilt für Singles ebenso wie für Paare: For a Better Marriage, Act Like a Single Person. Wenn du dich mit deinem Partner in einen Kokon begibst (cocooning) kann das für das Zweierglück die schlechtere Wahl sein im Vergleich mit dem Ausgängen mit deinen Freunden, schreibt die Autorin.

Lesenswert zum Thema Mann/Frau auch der Text von Eva Illouz in der neuesten Ausgabe des Philosophie-Magazins, indem sie sich zur MeToo-Debatte äußert und behauptet, Frauen seien die Verliererinnen der sexuellen Revolution. Die neueste Ausgabe dieses auch aus anderen Gründen lesenswerten Magazins (ab 15. 3. am Kiosk) hat den Titel »Einfacher leben – warum ist das so kompliziert?«, darin ein Interview mit Gernot Böhme: »Wie erkennt man das Wesentliche?«. 

Weitere Links

Wer Texte von mir lieber hört als liest, kann die Artikel, die ich für KGS-Berlin, eine der beiden spirituellen Stadtzeitschriften der Hauptstadt seit sechs Jahren schreibe, nun – zurück bis zu meinem Text für Mai 2017, auf der der Medienseite von KGS Berlin auch hören. Mein Februartext dort ist über Liebe, der Märztext über Ganzheitlichkeit.

Ein Zwei-Minuten-Video von J.P. Sears, dessen Buch ich gerade übersetze, über seinen Erfolg mit Zeit-Management-Windeln – eine entwaffend klar formulierte Werbung für ein überzeugendes Produkt 😉. 

Auf einer für Musikliebhaber faszinierenden Webseite kommt Weltmusik nun auch vom Arunachala, dem heiligen Berg er Advaita-Fans. 

Bobby Langer schreibt auf oekoligenta.de über die neue Wandelbewegung

Hier nochmal ein 8 min Film zum Insektensterben und der Landwirtschaft als Ursache – ein Thema, das Wissenschaftler für eine noch größere kommende Katastrophe halten als die Erderwärmung – und eine, die leichter vermeidbar sei, sagen sie, als die seit 2006 von Al Gore so engagiert verbreitete »Unbequeme Wahrheit«. 

Veranstaltungen, an denen ich teilnehme

»Tage der spirituellen Revolution«, heißt der von Stefan Mandel, dem Gründer der beliebten (schamanischen) Pachamama-Camps organisierte Online-Kongress vom 9. bis 18. März. Ich bin dort am 16.3. dran mit Stefans Interview mit mir (Ja, wir brauchen eine Revolution!), zusammen mit Geseko von Lüpke, den ihr wahrscheinlich durch seine Beiträge in Connection kennt.

Noch immer läuft der Tantrakongress von Ingrid Niedermayr, auf den ich letztes Mal schon hinwies, (ich hab leider vergessen an welchem Tag ich dort dran bin).

Über Ostern (29.3. bis 3.4.) ist wieder ein BeFree-Seminar auf Gut Frohberg, wo ich, wie schon im vorigen Jahr, als Gast-Dozent dabei bin, diesmal mit drei Leela-Workshops, den dritten am 1. April 😉

Am 15.-19. August bin in Dozent im Modul IV der Anukan-Massage-Ausbildung. Mehr dazu in einem der nächsten Rundbriefe.

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Diskussion zu: Wahrheit, Lüge, Wirklichkeit – Rundbrief Nr. 165 vom März

  1. Hasina Gabriele Hegner

    hasingabriele@yahoo.de

    Hallo Wolf, hier spricht Pferd,

    Wo ist die Welt ohne Medien geblieben? Es gab noch Zeiten in welcher die Zeitung Connection die Aktivitäten in den Gruppen-Räumen schilderte, ob Sufi, Tantra, Zen-Buddhismus, Encounter, Primal, No-Mind…. die Connection war dabei, und es war immer wieder ein Vergnügen nachzulesen wie Reporter Therapie in einem Magazin interpretieren oder darstellen. Doch davon ist nichts mehr übrig geblieben, jetzt wird sich Über Citta, Twitter, Facebook ausgelassen, Kongresse finden im Internet statt, körperliche Anwesenheit scheint nicht mehr gefragt zu sein. Oder habe ich was falsch verstanden? Meditieren nur noch, um den Computer zu beherrschen?

    Love
    Hasina
    11 März 2018

  2. Liebe Hasina,
    in gewisser Hinsicht hast du recht: wir nutzen die Medien viel mehr als damals, v.a. Online-Medien, und ‚werden dadurch virtueller‘. Das Bedürfnis nach Körperlichkeit ist aber immer noch da, und es ist stark. Das zeigt sich u.a. in der Besessenheit von Ernährungsfragen, im Fitnesswahn, Yogaboom und dem ungebrochenen Bedürfnis nach Massagen. Die Welt ändert sich …
    LG
    Sugata

  3. Lieber Wolf,
    danke für Deinen regelmäßigen Rundbrief, den ich immer gern lese!

    Ja, wir leben heute in einer total verunsicherten Welt, in der (darin liegt bereits eine Unsicherheit) trotz oder gerade wegen der Aufklärung und modernster Forschung Wahrheit, Lüge und Wirklichkeit nur schwer zu unterscheiden sind.
    Könnte es sein, dass die Sehnsucht nach Verschmelzung in gleichem Maße wächst wie die gefühlte Unsicherheit? Und wenn’s dann mit der Verschmelzung doch nicht so klappt, entsteht Enttäuschung, Aggression und evtl. Krieg (facebook ist der Kriegsschauplatz des „kleinen Mannes“).
    Besonders angesprochen hat mich das bildliche Beispiel der (un)menschlichen Transformation zu Kim Trump Un: Es wächst zusammen, was zusammen gehört!
    Aber wenn ich da anfange zu denken …. Es hilft nur Meditation und Humor.

    In diesem Sinne und auch im Hinblick auf den 1. April und das Osterfest sei mir bitte noch der Hinweis auf eine (nicht ganz, aber auch) ernst gemeinte Anleitung „Die Ü-Ei-Meditation“ erlaubt (https://www.amazon.de/Die-%C3%9C-Ei-Meditation-gemeinte-Anleitung-SAVIMENA-ebook/dp/B07B88GLDJ/ref=sr_1_1?s=digital-text&ie=UTF8&qid=1520840215&sr=1-1)

    Ich wünsche Dir frohe Ostern und weiterhin gute Ideen und tiefe Erkenntnisse!

  4. Lieber Wolf,

    auch von mir ein herzliches Danke. Tolle Anregungen.

    Und dieses Mal ganz ohne jegliche CO2 Grätsche meiner – wohl auch Dank des Nachfühlens so vieler weiser und wohlwollender Erfahrungs-Wortbilder anderer, die diese und auch Du so großzügig teilen… auch zu meinem Wohl.

    Wohlige Zeit… ich lese jetzt wohl nochmal von vorne los 🙂

    Markus

    ps. Da kommt mir grad – kennst Du das Buch Deep Mystical Shit von Joachim Wetzky (im Eigenverlag?). Aktuell erschienen. Würde mich interessieren, wie Du es empfindest.

  5. @ Markus,
    das Buch von Joachim Wetzky kenne ich nicht. Witziger Titel. Vielleicht kennt es jemand, der das hier liest.
    LG
    Wolf

  6. Nachklang: Aktuell lese ich Charles Eisenstein’s „Die schönere Welt, die…“ und komme über seine Worte zu diesem Bild in mir, bezüglich Lügen.
    Es macht Mühe und erfordert u.a. Mut und Geduld, um durch die Dornenhecke zur Prinzessin durchzudringen, oder dem Drachen das „goldene Ei“ zu stibitzen. Da ist es vermeindlich oft leichter, zu behaupten, man(n) interessiere sich gar nicht für diese Schätze des Lebens. Was aus jeder Lüge natürlich auch Selbstbetrug macht. Bis an schmerzliche Grenzen ran.

    Eine gute Metapher für die Frauen fällt mir gerade nicht ein. Aber ich freu mich, wenn noch jemand eine hat.

    Märchenhafte Grüße

    Markus

  7. Lieber Wolf,

    habe gerade einen Artikel beim Guardian gelesen (https://www.theguardian.com/technology/2018/mar/11/tim-berners-lee-tech-companies-regulations). Dort äußert sich der Erfinder des World Wide Web, Tim Berners-Lee, sehr besorgt über die Entwicklung, die das Internet seit seiner Einführung genommen hat. Genau das Thema, das Du hier ansprichst macht auch einen großen Teil von dem aus, was Berners-Lee solche Sorgen bereitet. Er meint, das Web sei von einem Ort der freien Begegnung und des offenen Meinungsaustausches durch die Konzentration auf eine Handvoll mächtiger Akteure wie Facebook, Google und Twitter »zu einem Ort geworden, wo diese bestimmen, was gesagt und gedacht wird«.

    In diesem Text gibt es auch einen Link zu einer Seite, die die weltweiten Entwicklungen im Bereich digitaler Kommunikation listet (https://wearesocial.com/blog/2018/01/global-digital-report-2018). Ich hoffe, dass diese Angaben zumindest von den Größenordnungen her stimmen. Auf jeden Fall auch interessant!

    Es grüßt Dich aus Berlin

    Claus

  8. Lieber Wolf-Sugata,
    ich lese eigentlich nie Blogs (um mich vor der Informationsflut zu schützen), aber Deine Rundbriefe sind meist lesenswert, besonders dieser über Wahrheit und Lüge (tatsächlich etwas anderes als weitergeleitete Fakenews!). Die von Dir eingangs erwähnte Studie ist in ihrem Ergebnis allerdings erschütternd.
    Und ja, wir müssen bei alledem und im Ernst spielerisch bleiben!
    Mit wahrhaftig herzlichem Gruß
    Gerhard

  9. P.S. Dürfen wir noch immer und zu jeder Zeit „Zugang zu einem sonnigen Land“ haben?
    Dennoch wünsche ich Dir eine erholsame und fruchtbare Zeit in einem solchen…;-)
    Gerhard

  10. Hallo Gerhard,
    zu deinem P.S.: Das ist in der Tat ein heißes Thema, auf das ich oft angesprochen werde, weil ich ja (wie die Zugvögel…) einmal im Jahr auf die Kanaren fliege, obwohl ich sonst flugabstinent lebe. Es ist ein Kompromiss. Ich gönne es mir, obwohl ich weiß, dass es umweltschädlich ist. Was ich strikt ablehne ist, Seminare zu geben an Urlaubsorten, zu denen die Klientel hinfliegen muss – was ja in meiner Szene gang und gäbe ist. Manchmal kann ich es kaum fassen, wie die Umweltschädlichkeit des Flugverkehrs verdrängt wird – von fast allen, aber in hohem Maß auch von angeblichen Naturfreunden insbesondere in der Spirit-Szene. Sogar Flüge nach Hawaii und Neuseeland, sogar für kurze Urlaube dort, sind noch immer schick. Das Flugbenzin sollte so hoch besteuert werden, wie das Benzin an unseren normalen Tankstellen, weltweit, und diese Steuern in Umweltschutz eingesetzt werden. Aber dafür braucht es internationale Lösungen einer Art, für die es nicht einmal einen Silberstreif am Horizont gibt. Den „Zugang zu einem sonnigen Land“ habe ich bewusst so formuliert, dass das keine Flüge impliziert.
    Dazu lässt sich natürlich noch viel mehr sagen, was ich an anderer Stelle auch getan habe und sicherlich weiterhin tun werde. Danke für deinen Hinweis, er liegt ja sehr nahe – und ich weiß, dass du zu der Minderheit gehörst, der das Thema bewusst ist.
    LG
    Wolf

  11. Die anfangs erwähnte Studie differenziert offenbar nicht, wie die Nachrichten aufbereitet wurden. Also wie die wahre, wie die falsche.
    Jede Studie hat so Schwachstellen.

    Dass Lügen und Täuschung schon immer zu uns gehören, ist allgemeines biologisches Wissen. Da kannst du runtergehen bis zu einfachsten Gebilden. Und wer Mimikry-Systeme studiert, wird fast erschlagen von der Vielfalt und Komplexität dieser Erscheinungen.
    Unsere Möglichkeiten liegen einzig im frontalen Kortex – er muss einfach grundlegend Bescheid wissen, dass Täuschung erstmal normal ist und das Heben von eigenen Schleiern harte Arbeit darstellt.

  12. Auf Youtube fand ich zum Insektensterben noch folg. Video:
    https://www.youtube.com/watch?v=lQnjYEqfyfc

    In einzelnen Städten anderer Länder gehört das Insektensterben schon der Vergangenheit an. Es wird da seit Jahrzehnten (!) schon mit der Hand bestäubt.
    Mich wundert, daß man all diese Dinge schon seit Jahrzehnten bei uns wissen musste.

  13. @ Gerhard,
    es gibt jetzt auch Bienenroboter, kleine Drohnen zur Bestäubung.
    http://www.spektrum.de/magazin/kuenstliche-bienen/1194972

    Schrecklich, dass nun auch das durch Maschinen ersetzt werden soll 🙁

  14. @ Gerhard, P.S.
    Natürlich gehört auch dort das Bienensterben nicht „der Vergangenheit an“, wie du schreibst. Sie haben nur in ihrer Not eine Lösung gefunden, daran das Schlimmste zu verhindern, jedenfalls was die Obstbäume anbelangt (vermute ich). Die übrigen negativen Folgen des Insektensterbens müssen die Natur und der Mensch weiterhin ertragen.

  15. Ich schrieb, daß das Insektensterben dort schon lange usus ist, also ein altes Phänomen – so meinte ich das!
    Man weiß also, was Pestzide anrichten.
    DASS das Insektensterben eine ganze Schar von Problematiken, die man gar nicht aufzählen kann und die man zum Teil auch noch nicht kennt, nach sich zieht, ist selbstverständlich.

  16. Lieber Wolf,
    danke für den Newsletter.
    Lese gerade das Buch „die Kunst des klaren Denkens“ von Rolf Dobelli, das passt irgendwie zu Deinem Thema „Wahrheit, Lüge, Wirklichkeit“. Ein guter Satz ist mir hier begegnet: „Wenn Millionen Menschen eine Dummheit behaupten, wird sie deswegen nicht zur Wahrheit. Manchmal verläuft der Pfeil des Einflusses in die Gegenrichtung!“
    Sollte man über viele Vorhersagen auch schmunzeln? Ohja, das gilt auch für mich selbst. Überflutung ist mächtig, selbst bei einer Vielzahl von Shampoos (habe mir gerade die Haare gewaschen).
    Klar denken üben: sich selbst Denkfehler einzugestehen, und dass auch die Anderen falsch liegen könnten. Ist anstrengend, finde ich, ist der Mühe wert. Wer macht mit?
    Und noch etwas: Per Handy schicke ich Nachricht an eine(n) liebe(n) Freund(in) denke gerade an …. . Tippe ein, drücke den Pfeil und weg ist sie. „Spürst Du es? Mh, wird schon!“ Wechselseitig geht Vieles hin und her: Videos, ein Spruch, ein paar Worte, so funkt´s mit Freunden, Familie, Bekannten, Lieblings-Menschen, Kollegen. Sprachnachricht geht noch schneller. Da, wo ich stehe, Foto und sofort verschicken! Ersatz für Mails, Telefon, Briefe, Postkarten, Faxe, Handschrift.
    Heute ist alles hübsch verpackt in kleinen Nachrichten, wie kleine Masken….
    „Oh, da ist eine Nachricht eingetroffen!“  setze ich mich hin und rätsele, wie es ihr/ihm wohl geht? Hätte heute Lust mit Jemanden zu sein. Sie/ihn zu sehen, zu hören, Mimik und unsere Stimmung zu spüren, Umarmung, Berührung leben. Mach jetzt das Handy aus – aus die Maus, morgen ist ein neuer Tag.
    liebe Grüße
    Ute

  17. Lieber Sugata

    Ich erachte Deinen Beitrag „Wahrheit, Lüge Wirklichkeit“ als sehr relevant. Nicht nur bezüglich globale gesellschaftliche Phänomene, sondern auch bezüglich des Vorhandensein derselben Phänomene innerhalb der Community, die Wohlsein durch spirituelle Praxis sucht. Das weit verbreitete mangelnde Interesse Wahrheitsgehalte fundiert zu prüfen findet sich überall.

    Du sprichst auch die weitverbreitete Haltung in der Gemeinschaft gegenüber Maya an. Maya wird vielerorts der Realitätsgehalt abgesprochen, wird als „Fake“ dargestellt. In Wahrheit ist Maya Einssein, ist Maya so real wie Einssein real ist. Brahman ist Atman, weder das eine mehr, noch das andere weniger. Brahman ist Atman nicht übergeordnet, und Maya ist ein Aspekt. Dass Maya nicht das ist, was es vielen zu sein „scheint“, macht es nicht weniger real.

    Es ist eines der grössten Missverständnisse der spirituellen Gemeinschaft, dass es darum geht, sich Brahman gewahr zu sein, und dabei Atman quasi aufzugeben. Das Ego gilt es aufzugeben, gewiss, die Diktatur des Verstandes, nicht aber Atman. Dieses Missverständnis führt zu Aktivität im Brahman (Stille und Meditation) und gleichzeitig Passivität im Atman, und zu einer Form des Wunderglaubens, dass Gewahrsein (passive Stille) die Welt der Maya zum besseren führe, ohne dass man mit der Maya zu interagieren brauche. „Wende Dich dem Atman zu“ flüstert das überfokussierte Brahman, „sei meiner gewahr, aber transzendiere zurück ins Diesseits. Sei immer und überall beides, nämlich Eins“.

    So schätze ich auch Deine „Blickrichtungen auf etwas Besseres hin“, denn entgegen der weit verbreiteten Schlussfolgerung aus Erfahrungen der Stille ist unsere Realität in Entfaltung, und es bedarf unserer individuellen Mitentfaltung. Gewahrwerdung und Aktivität gehen einher: Veränderung im Innen und Aussen. Unterlassungen sind komfortabel und werden gleichzeitig zu einer Last der Ruhe. Oft schwelt diese Bürde unbeachtet im Unter- oder Hintergrund, und wenn sie sicht- und spürbar wird, wird sie gerne uminterpretiert.

    In dieser Konsequenz schätze ich Deine Hinwendung zu gesellschaftlich relevanten Grundsatzthemen, seien es philosophische (Sokrates, Kant etc.) oder politische (Wissenschaft, Politik und Ökologie / gefährliche Tendenz in Richtung Autokratien). Mit Wertschätzung lese ich Deinen in solchen Communities sonst unüblichen Satz: „wir sollten dies ändern“.

    Blockierte Transformation ist die Herausforderung, sowohl auf individueller als auch auf gesellschaftlicher Ebene. Es gibt kaum Beispiele von sich nachhaltig verändernden Menschen. Viele halten den Anschein aufrecht, als werde alles besser. Dies ist sowohl in der normalbürgerlichen wie auch in der „spirituellen“ Szene beobacht- und nachweisbar. Trump und Osho mögen diesbezüglich die bedeutendsten Exponenten sein.

    Osho wie auch Trump weisen ein hohes Mass an Selbstüberzeugtheit auf. Anfänglich glaubte Osho mit hoher Wahrscheinlichkeit seinem gefundenen Wissen und beurteilte es als grundsätzlich abgeschlossen. Doch ganz sicher realisierte er mit der Zeit, dass da etwas falsch (fake) war, denn die Dinge klappten nicht so, wie er sie wahrgenommen, angedacht, interpretiert und vorausgesagt hatte, weder seine körperliche Gesundheit, noch die gesellschaftlichen Ereignisse. Dennoch entschied er sich, den Schein aufrecht zu erhalten.

    So erfuhren wir z.B. erst 2010 in der Dokumentation von Sabine Gisiger, dass Osho in Amerika gar nicht in die Stille eingetreten war, weil Sprechen seinerseits nicht mehr notwendig war (dies vielleicht auch), sondern in erster Linie weil die Staatsanwaltschaft jemanden der nichts tut und nichts sagt nicht belangen kann. Heimlich unterhielt er sich täglich mit seiner Exekutiven, taktierte und reagierte auf jedes Ereignis in einer sich immer eigenartiger entwickelnden Situation.

    Offensichtlich blieb es bei Osho nicht allein bei den in den 70er-Jahren mit Erstaunen zur Kenntnis genommenen gelegentlichen Zahnschmerzen. Anstatt bei seinem Wissens- (oder eher Glaubens-)Konstrukt anzusetzen, projizierte er die Gründe des Versagens auf die Umwelt. Er mag sich selber erklärt haben, dass sein Vertuschen der wahren Umstände notwendig sei für die Situation und für die Entwicklung der Sannyasins, aber trotzdem: er selber WUSSTE dass er sich getäuscht hatte, und er hielt es der Welt bis heute geheim.

    Gewiss war Osho nicht wirkungslos, gewiss beinhalten seine Aussagen und sein Wirken Wahrheitsgehalt, doch genauso sicher hatte er sich getäuscht, sich und andere.

    Glauben ist nicht gleich Wissen. Diese Unterscheidung ist wesentlich. Kant wie auch unmittelbar danach Hegel, Schopenhauer, Marx, Nietzsche und schliesslich Osho haben eine hohe Leistung der Intelligenz vollbracht. Alle vollbrachten hierbei eine Bestleistung entsprechend ihren Fähigkeiten und Möglichkeiten.

    Die Ergebnisse ihrer Leistungen betrachte ich wertfrei. Wissensfindung ist eine Konsequenz der Evolution: die Entwicklung des Gehirns und hierbei der analytischen Fähigkeiten, und hierbei der Überlebensvorteil durch analytisches Entscheiden konnte gar nicht anders verlaufen.
    So wie sich die Intelligenz bzw. die analytischen Fähigkeiten von klein zu grösser zu gross entwickelte, entwickelten sich die Menschen von dumm zu weniger dumm zu intelligent. Missverständnisse und daraus entstehendes Fehlverhalten sind eine reine Gegebenheit.

    Alle oben Genannten wandten ihre Intelligenz mit bestem Wissen und Gewissen an, allen voran Kant, der einen Grossteil seines Lebens einer doch letztlich höchst anspruchsvollen und auch mühsamen Klärung und Aufklärung widmete. Mehr als ihre Ergebnisse liess ihre jeweilige individuelle Gesamtsituation nicht zu. Hegel z.B. war dermassen stark der christlichen Religion verhaftet, dass man ihm unmöglich eine Unredlichkeit oder ein Verschulden unterstellen kann beim Ziehen seiner grossen Schlüsse. Das selbe gilt auch für Marx und seine sehr gegenteiligen Überzeugungen, sowie für alle anderen ernsthaften Philosophen.

    Es gab wohl keine laizistischere Zeit als jene Kants und der französichen Revolution, sowohl philosophisch als auch politisch. Doch Glaube ist nicht nur Religion. Religion ist nur ein Teil des Hindernisses, das bis heute nicht überwunden wurde, nur ein Teil dessen, was die Menschen an einem authentischen Leben hindert, nur ein Teil dessen, was die Menschen glauben ohne es zu wissen. Mir ist bis heute kein Mensch bekannt, der sich von allem trennt woran er glaubt.

    Auch hier besteht eine hohe Unschuld, sicherlich bei denen, die nach bestem Wissen und Gewissen handeln, und sich ihrer Glaubens- (und Überzeugtheits-)Konstrukte gar nicht bewusst sind. Einzig bei Osho kann ich einen Ansatz der Verschuldung sehen, denn von irgend einem Zeitpunkt an war er seiner Fehleinschätzungen und Täuschungen bewusst. Doch sogar seine wie alle Ereignisse rund um die kleinen und grossen Täuscher der Vergagngenheit sind letztlich wertneutrale Gegebenheiten, unumgängliche Folgen von Handlungen von Menschen, gehalten in ihrer schwer veränderbaren eigenen Persönlichkeit.

    Auf die Gegenwart bezogen bedeutet eine wertfreie Betrachtung allerdings nicht, dass man sich nicht wehren, dass man nicht aufklären soll. Ähnlich wie noch die heutige Osho-Gemeinschaft lebt die gesamte spirituelle Bewegung weiterhin und je länger desto mehr von Hoffnung, Glauben und Teilwahrheiten, auch wenn es sich zweifellos in den allermeisten Fällen um „nach bestem Treu und Glauben“ handelt.

    Das Entlarven von Schwindlern ist ungleich einfacher, als die Selbstentlarvung des eigenen besten Treu und Glaubens. Dies gilt für den erfahrenen ernsthaften Satsang-Meister genauso wie für den erfahrenen oder unerfahrenen ernsthaften Satsang-Schüler. Doch letztlich wissen alle, Seminarteilnehmer oder Sannysins genauso wie Seminarleiter, Meister oder Gurus: wie gross auch die Erleichterung oder Erleuchtung in der Mediation oder beliebigen anderen spirituellen geistigen und/oder körperlichen Praxis ist – drüben bleiben geht nicht, und zurück im Leben sieht es sehr bald wieder ganz anders aus. Die gesuchten und vorübergehend gefundenen Erleichterungen/Erleuchtung, Entspannung und Geborgenheit sind nicht aufrechtzuerhalten, und auch ein Wiederholen oder Wechseln der Praxis und eine Wissenssteigerung ändert daran letztlich nichts.

    Nach Jahren und Jahrzehnten ahnen oder gar wissen es viele: während einer einfacheren „guten Zeit“ ist es vielmehr die Hoffnung, die trägt, als die realistische Einschätzung: nach einer Erkenntnis, Erleichterung oder gar einem erleuchtenden Erlebnis wird wieder irgend etwas ausserhalb der eigenen positiven Absicht, ausserhalb des eigenen Einflussbereiches ins Leben eintreten, was die Lebensqualität wieder nach unten bringt, sei es wirtschaftlich oder gesellschaftlich, familiär oder persönlich, oder ganz einfach ohne äusseren Grund, rein vom Alltagsempfinden her. Nicht einmal das Loslassen der Hoffnung hilft, und man trinkt zur Beruhigung, weil dies sich immer gut anfühlt, einen Kaffee, oder einen Tee und zündet eine Kerze an, oder ein Räucherstäbchen. Oder man trinkt ein Glas Wasser und zündet gar nichts an.

    Es gibt keine Erleuchtung, es gibt nur erleuchtende Momente, und je grösser die Last eines wegfallenden Missverständnisses, desto intensiver die Erfahrung eines erleuchtenden Moments. Und danach? Was kommt nach der Erkenntnis der Unbedeutung des Egos? Auf jeden und in jedem Fall wieder der Alltag, Minute für Minute, Tag für Tag, Jahr für Jahr, inklusive (im Fall von Osho) Zahnschmerzen und gesundheitlicher Zerfall.

    Intelligenz und intensives Erleuchtungserlebnis führen offensichtlich in gewissen Fällen zum Gurudasein auf der einen und zu Anhängerschaft auf der anderen Seite. Bei Osho begann es mit seiner frühen ausserkörperlichen Erfahrung nach einem Sturz vom Baum, und er hat das Guru-Dasein rückblickend in intelligenter und kurioser Weise auf die Spitze getrieben. Jeder kann noch heute vom Wahrheitsgehalt seiner Erkenntnisse profitieren – doch genauso landet jeder letztlich in der Sackgasse der Täuschung und Enttäuschung.

    Lange war ich Wahrheits-Suchender, und sehe einige Parallelen zu Deinem Lebensverlauf, u.a. eine gewisse oder grosse skeptische Haltung gegenüber Spiritualität, ohne ihr einen grundsätzlichen Wahrheitsgehalt abzusprechen, aber auch eine Zuwendung zu Wissenschaft und letztlich auch Politik und die gesellschaftlichen Gesamtzusammenhänge.

    Mein Schlüsselerlebnis bzw. Schlüsselereignis hatte ich 2004. Mit Erleuchtung hatte dies nichts zu tun. Es war eine simple Entscheidung, nach jahrzehntelangem erfolglosem Dasein eines Erfolgreichen: äusserlich erfolgreich war ich innerlich letztlich immer unerfüllt geblieben. Keine noch so redliche Grundhaltung, kein wissenschaftliches oder esoterisches Wissen, Erkennen oder Tun hatte dies verändert, im Gegenteil, und mir gingen die Optionen aus. So entschied ich mich damals zu einem konsequenten Versuch: ich stellte mich hin, und würde nur noch dem Spüren folgen. Egal zu was mich meine Gedanken oder Routinen anleiten würden, erst wenn ich spüren würde, würde ich mich bewegen.

    Überrascht stellt ich fest, dass dieses Spüren eintrat und offensichtlich funktioniert. Es war sehr ungewohnt, doch ich hielt daran fest. Ich spürte ob rechts oder links, ob innehalten oder weiter, ob langsam oder rasch. Genauso spürte ich, zu was oder wem ich mich hinwenden sollte, wie interagieren, ob und wie antworten.

    Überraschend führte mich mein Spüren vor 10 Jahren sogar nach Pune. Verstehen musste ich das damals nicht, als ich die Reise buchte. Natürlich war da in meinem Verstand die Frage: „warum sollte ich nach Pune“. Doch war ich meinem Vorsatz, ungeachtet der Gedanken dem Spüren zu folgen, inzwischen seit Jahren treu geblieben.
    Meine Erlebnisse und Erkenntnisse in Pune bestätigten schliesslich real das zuvor vom Hören-Lesen Erfahrene. Vor Ort erlebte ich nun neben all dem Guten auch das Zweifelhafte: die Überheblichkeit, das Elitäre, das Abweisende und die grundsätzliche Täuschung.

    Erkenntnisse sind wichtig, jene in der Stille genauso wie jene im turbulenten Leben. Wichtig ist die Erkenntnis, dass nachhaltige Problemlösungen nicht per Gurus und nicht über Erleuchtungssuche und nicht per repetitives Meditieren erreichbar sind. Viele glauben daran, viele hoffen darauf, viele geben nicht auf daran zu glauben und darauf zu hoffen. Doch das Leben funktioniert anders. Wer sein Ego aufgibt, nachhaltig aufgibt, der unterwirft sich dem Spüren, entdeckt und begeht seinen individuellen richtigen Weg, von Sekunde zu Sekunde, und lebt weiter.

  18. Spritualität und Wahrheit – prüfe Deine eigene Resitenz gegenüber Fakten: Was bewirkt Meditation? Wo sind ihre Grenzen?

    Einer der wenigen Menschen, der insbesondere genannt wird, wenn die Weltgeschichte nach internationalen Grössen abgesucht wird, ist Mahatma Gandhi.

    Er gilt auch als grosses Vorbild innerhalb der spirituellen Gemeinschaft, zog er sich doch immer wieder in die Meditation zurück, um dort Rat und Richtung zu finden – teilweise sogar tage- oder wochenlang.

    Aus der zeitlichen Distanz betrachtet hat Mahatma Gandhi versagt: er hat den Prozess überforciert, mit drastischen Konsequenzen.

    Auf gar keinen Fall darf man ihm eine böse Absicht in irgend einer Form unterstellen, im Gegenteil. Er war wohl einer der friedlichsten Revolutionäre aller Zeiten. Und dennoch: das Ergebnis entsprach nicht seinen in tiefer Stille gefundenen Annahmen.

    Wie hätte sich Indien entwickelt, ohne die Aufrufe zu gewaltfreiem Widerstand gegen die Kolonisation durch England? Die Zeit der Kolonisation war am ablaufen.

    Was er 1948 feierte war der Anfang von massiven Konflikten, für die keine Lösungen gefunden worden waren, mit Auswirkungen bis heute. Hatte er das einfach nicht bedacht? War er nicht voraussehend und weise genug? Wie konnte seine innere Führung zu etwas führen, was, hätte er es gewusst, niemals hätte umsetzen dürfen?

    Seine Friedfertigkeit ist lobenswert, das Ergebnis allerdings war es nicht.

    Jede Kolonisation war ein Übergriff gewesen, das steht ausser Frage. Doch schon am Tag, als in Indien die „friedlich errungene Freiheit“ gefeiert wurde, brachen in Indien bis heute ungelöste Konflikte aus, die in den ersten Wochen zu Hunderttausenden von Toten und Millionen von Migranten führten. Was also ist der Verdienst von Mahatma Gandhi?

    Der einzige mir bekannte grosse Konflikt, der jemals nachhaltig gelöst wurde, war ein Konflikt ohne Anführer und ohne Aufwiegler, es war ein geduldiger Protest, ohne Lahmlegung der amtierenden Regierung, ohne die sogenannten friedlichen Sitzstreiks auf Strassen, vor Lastwagen oder Eingängen. Als die Zeit bereit war, war der Konflikt ohne Tote oder Verletzte und ohne Anführer gelöst. Zum Glück gab es keinen Anführer, keinen Aufwiegler, keinen friedlichen Provokateur: es hätte mit Sicherheit Tote gegeben, 1989, am Tag an dem die Mauer fiel. Wenn so eine Person auch nur eine Woche zu früh, bevor die Zeit reif war, Massen zu friedlichem Ärgernis mobilisiert hätte. Wahrscheinlich hätten friedliche Provokationen sogar die Entscheidung über Jahre oder Jahrzehnte verschoben, denn jeder Tote führt zu Gewalt, und jede Gewalt führt zu noch mehr Gewalt. Die Regierung der DDR hätte in unfriedlichen Zeiten kaum im Konsens die Grenzen geöffnet.

    Friedliches Aufwiegeln weckt bei anderen die innere Wut, einen individuellen persönlichen Mangel von möglicherweise vielen Mitbürgern, mit entsprechendem Dominoeffekt und Flächenwirkung.

    Mein Inneres veranlasst mich auch in Zeiten höchster Ungerechtigkeit und offensichtlichem korruptem Missbrauch in keinem einzigen Moment zum Provozieren der Massen. Friedliche Aufwieglerei, so erlebt von Mahatma Gandhi, gefährdet den Frieden nachhaltig.

    Zuerst hatte Gandhi zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Südafrika gegen die Rassentrennung und für die Rechte der Inder gekämpft, anschliessend während 37 Jahren in Indien. Er selber verbrachte in diesen beiden Ländern insgesamt acht Jahre im Gefängnis. Nichts spricht dagegen, dass er die Menschenrechte für Unberührbare und Frauen forderte, für die Versöhnung zwischen Hindus und Muslimen eintrat, sich gegen die koloniale Ausbeutung und für ein neues, autarkes, von der bäuerlichen Lebensweise geprägtes Wirtschaftssystem aussprach. Doch schon während seinem Engagement kam es immer wieder zu Gewalt.

    1942 nutze er Englands Schwäche während dem zweiten Weltkrieg und forderte eine sofortigen Wegzug der Briten. Schon 1929 hatte seine Partei die sofortige Unabhängigkeit gefordert. Als er 1947 seine Ziele zu erreicht haben glaubte, starben innert kürzester Zeit bei Gewaltakten und durch Fluchtstrapazen geschätzt 750’000 Menschen.

    Gandhi war zwar Gegner der Trennung von britisch Indien in ein hinduistisches Indien und ein muslimisches Pakistan, doch nun, da er Indiens Autarkie feierte, musste er feststellen, dass er Hilfe gebraucht hätte, die er nun nicht mehr hatte. Er musste feststellen, dass sich Ereignisse einstellten, die er unmöglich gewollt haben konnte.

    Die Realität ist stärker als jede Ideologie. Mahatma Gandhis Meditation war offensichtlich ein schlechter Ratgeber. In unmittelbarer Folge migrierten vier Millionen Muslime nach Pakistan, und 7 Millionen Hindus und Sikhs migrierten von dort nach Indien. Insgesamt elf Millionen Menschen fanden sich somit heimatlos und entwurzelt wieder, gar nicht zu sprechen von den Schwierigkeiten der Familien, sich in einem neuen Land zurechtzufinden und einzuleben.

    750’000 Menschen starben hierbei, und schon nach zwei Monaten brach der erste indisch-pakistanische Krieg aus, der über ein Jahr lang dauern und weitere 8’000 Todesopfer zur Folge haben würde.

    Mahatma Gandhi hatte seine Antworten in der Meditation gesucht. Wie rein waren die meditativen Ergebnisse, die durch Aufruf zu zivilem Ungehorsam und Hungerstreiks zu einer solchen Entwicklung führten?

    Hätte er im Wissen um dieses Ergebnis die Hunderttausende von Toten in Kauf genommen, oder hätte er einen weniger abrupten Übergang und einen Prozess der Reife bevorzugt?

    Was war da Ideologie, ungerechtfertigter Optimismus, tagesaktueller Pragatismus, und was kam wirklich vom innersten Kern der Stille?

    Wie gross darf ein Kollateralschaden unter der Führung eines grossen verehrten Pazifisten und sogenanntem Weisen sein, ohne dass von einem eigentlichen Versagen gesprochen werden muss? 750’000 umstandsbedingte Tote, eine Zahl die in Jahrzehnten länger anhaltender Kolonialisierung nie und nimmer erreicht worden wäre – war es das Wert?

    Und sein eigenes Leben? Seine Gesundheit hatte unter den Hungerstreiks gelitten, acht lange Jahre war er inhaftiert. Ist es die innere Stimme, die ihn dorthin führte? Führt Meditation zu solch einer Lebensqualität? Vier Monate nach diesem Höhepunkt seines Lebens und Wirkens wurde er sogar noch ermordet.

    Zwölf Mal war er für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen worden, der nun posthum nicht mehr verliehen werden konnte. Drei indisch-pakistanische Kriege würden in den kommenden 50 Jahren noch folgen,

    Mahatma Gandhi hatte die Lösung aus der Kolonialisation zeitlich forciert, pazifistisch und doch aufwieglerisch. Die Probleme sind bis heute ungelöst.

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