22. Oktober 2015
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Rubriken: Spirituelles
4 Kommentare

Transspiritualität

»Wie kommen wir aus den selbst gebauten Gefängnissen wieder raus? Durch Einsicht!«—Wolf

Ich habe den Eindruck, dass die meisten derer, die sich auf den spirituellen Weg gemacht haben, sich dort früher oder später Gefängnisse bauen, für die sie das, was ihnen anfangs auf dem Weg geglückt ist, als Bausteine verwenden. Was anfangs ein Mittel zur Befreiung zu sein schien, verkehrt sich dann ins Gegenteil oder führt jedenfalls nicht zu dem, was der Anfänger auf dem Weg sich dort einst erträumte. Auch das, was unter dem Begriff »Spiritualität« gedacht, gefühlt und gelebt wird, begrenzt uns, schränkt ein, behindert und bedrückt. Wie kommen wir da wieder raus? Durch Einsicht! Und dann den Mut diese selbstgebauten Gefängnisse auch wieder zu verlassen und … transspirituell zu werden.

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Diskussion zu: Transspiritualität

  1. Lieber Wolf,

    danke für Deinen kleinen Beitrag. Dem stimme ich voll zu.

    Die Neigung unseres Geistes besteht immer wieder darin, auch hilfreiche Einsichten wieder zu einem neuen oft rigiden und damit beengendem Konzept zu machen. Das geht sogar mit den »tiefsten« spirituellen Wahrheiten. Auch die »Wahrheit«, dass tiefste Wahrheit nicht konzeptionell fassbar ist – was tatsächlich stimmt! – wird in manch einer spirituellen Szene wieder zum Konzept gemacht. Da wird die sprachlose Wahrheit »Kein Konzept kann wahr sein!« ausgesprochen und dann zum Konzept gemacht. Das ist sozusagen das »Konzept der Konzeptlosigkeit«. Auch da dürfen wir nicht stehen bleiben. Deshalb finde ich Deine Wortfindung des „Transspirituellen“ gut. Ich würde es am liebsten auf die Teile der Advaita-Szene ausdehnen, die diesem Irrtum unterliegen, und erfinde hiermit den Begriff »Trans-Advaita«.

    Natürlich geht es nicht darum solche Fallen nur mit neuen Begrifflichkeiten zu benennen, sondern für jeden einzelnen darum zu spüren, wann eine spirituellen Tiefenerfahrung wieder konzeptionell veroberflächlicht wird und wie das Herzensenge und Kleingeistigkeit erzeugt. Dann geschieht das Loslassen und die Erweiterung oft von ganz allein… bis zum nächsten Landen auf einer vermeintlich sicheren Erkenntnis.

    Da erinnere ich immer wieder gerne an einen Ausspruch meines Lehrers Sri Poonjaji: »Lande nirgendwo!«

    in diesem Sinne auf einen guten freien Fall in unendliche Transweiten

    herzlich

    Torsten

  2. Lieber Torsten,
    einverstanden. Bis auf einen Punkt: Wir sollten uns selbst und einander auch Lande-Erlaubnisse geben. In Beziehungen, bei einem Job oder Commitment zu einem Projekt oder politischen Standpunkt zu landen und sich dann nicht gleich mit dem Wind zu drehen. Auch das Nicht-Landen-Dürfen ist ein Trip. Die erste buddhistische Initiation heißt zwar pabbajja – Hinausgehen in die Heimatlosigkeit – aber wir brauchen auch Beheimatungen. Geborgenheit zu suchen und zu finden in einer – vorübergehend – auch mal bleibenden Identität finde ich voll okay. Wie sollte ich dich als Torsten sonst wiederkennen können?
    Mit Grüßen aus meiner persönlichen Heimat-Identität
    Wolf

  3. Lieber Wolf,

    ja, alles kann »zum Trip« gemacht werden. Und sowieso auf der »relativen Erscheinungsebene« gibt es eine Menge nützliche Festigkeiten, solange – und gerade dann – wenn wir wissen, dass auch diese Konstrukte des Geistes sind, können wir alle möglichen Konstrukte wunderbar nutzen und geniessen. Und gerade das ist ja die Falle des »grünen Memes« – um es mal mit Wilberischen Begriffen zu sagen: dass der Dekonstruktivismus – so nützlich er ist – alles mögliche dekonstruiert, aber das Dekonstruieren selbst wieder zu einer verabsolutierten Wahrheit macht. In der Satsang-Szene gab es in Teilen dazu eine Zeit lang eine lustige sprachliche Erscheinung. Die bestand darin, vor oder hinter jede Aussage ein »scheinbar« einzufügen – also natürlich nur scheinbar ;-). Und wer dann das »scheinbar« vergaß, wurde schnell der unscheinbaren Unerwachtheit verdächtigt. Zum Piepen!

    deshalb auch Dir herzliche Grüße
    von einem bewusst unscheinbaren Torsten

  4. „Lande nirgendwo!“ ist ein typischer versteckter Ego-Imperativ, wodurch seine Scheinparadoxie entsteht, denn grammatisch fühlt sich das Ego dadurch gleichzeitig angesprochen und trotzdem sabotiert, da es nicht landen dürfen soll. Das Ego kontert dementsprechend – entweder, indem es sich auflösen will, um die Paradoxie zu überwinden und das „Nirgendwo“ zu finden (in der Hoffnung, das wäre die gesuchte Erleuchtung oder führe zum sogenannten Erwachen), oder wehrt sich gegen den imperativen Befehl mit der logischen Kehrseite: „ich lande überall!“. Beides, Nirgendwo und Überall, sind allerdings nur Chimären des Egos selbst, das sich den wahren Zustand OHNE SICH gar nicht vorstellen kann – und auch nicht braucht! Die spirituelle Kampfsportart der Ego-Imperative erzeugt nur bei „spirituellen Suchern“ einen Leistungsdruck mit Zielvorstellung, der dem Portemonnaie des Gurus zugute kommt. Ein egofreier Mensch, dessen ehemalige Suche im Flimmern der heiligen Fatamorgana längst ad absurdum geführt wurde, hat solche scheinparadoxen Probleme überhaupt nicht: sein Identitätsgefühl ist eins mit jedem Landeplatz, auf dem er JETZT GERADE landet, und zugleich hat er gar kein Identitätsbedürfnis, sondern lebt in einem Dauerschwebezustand des ständigen Landens und Abhebens. Die Trennung zwischen „Urruhe“ (als göttliches IchBin im Zentrum des Orkans) und „ewigem Wandel“ (als Illusion/Traum) hat sich in Wohlgefallen aufgelöst, weder sind die Dinge nur „Erscheinung“ (=degradiert zur Matrix) noch gibt es für solch einen Mensch eine höhere (absolute) Wahrheit „hinter den Dingen“ (=überhöht zu Gott): die ehemals dualistisch projizierte Essenz (das ominöse DAS) ist jetzt identisch mit allen „Symptomen“ des Seins (Anspielung auf Zitat von Alan Watts über Douglas Harding). Dieses neue Lebensgefühl von „ALLES IST IDENTISCH!“ (Nullyoga-Zitat) ist die Folge des Egoverlustes und der damit verbundenen 100%igen Ankunft im absolut Konkreten. Der ganze Guru-Zirkus um das Ego dient nicht seiner Auflösung und Überwindung sondern triggert das Ego selbst permanent zu Höchstleistungen in diversen spirituellen Kampfsportarten an, ohne dass der Schüler das überhaupt so bemerkt; denn er glaubt, sein Ego aktiv töten zu können, wenn er sich nur anständig bemüht und den richtigen Befehl ausübt. Das neue, transspirituelle Lebensgefühl ohne Ego ist KEIN elitärer Ausnahmezustand von Olympiadengewinnern, sondern der natürliche Urzustand, in dem sich jedes Wesen, ja jede Zelle, jedes Atom, jede Schwingung sowieso befindet. DAS GANZE UNIVERSUM IST EGOLOS! Nur der „zu viel“ denkende Mensch schaut in den Spiegel und zieht seltsame Geistergesichter anstatt die sich offenbarende Leere (buddhistisch: Wesenlosigkeit) von innen zu spüren (Anspielung auf Jed McKenna) und alles zu sein, was JETZT IST…

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