10. November 2014
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Rubriken: Psychologie
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Stufenmodelle

»Es gibt nicht nur die Entwicklung des Werdens, sondern auch die hin zum Sterben, die immer parallel läuft.«—Marianne Gallen

Ich hatte schon immer eine besondere Vorliebe für Stufenmodelle. Als kleines Kind stand ich stundenlang im Treppenhaus meiner Großmutter und studierte fasziniert obiges Bild – immer wieder:  Jedes Lebensalter wird hier in seiner Besonderheit gewürdigt. Einen zentralen Platz bekommt die Begegnung zwischen Alt und Jung. Das Junge kommt, das Alte geht – im gegenwärtigen Moment gibt es eine tiefe Berührung.

Entwicklung zum Ursprung

Der menschliche Lebenslauf macht für mich eindrucksvoll deutlich, dass es eben gerade nicht um ständiges Wachstum geht, wie uns das die Leistungsgesellschaft gerne vorgaukeln will. Das Leben verläuft viel eher zyklisch: Kreise schließen sich, immer wieder. Am vermeintlichen Ende beginnt alles von neuem.

Und dennoch gibt es Abfolgen und Stufen, die nicht umkehrbar sind. Das eine ist die Weiterentwicklung des anderen, bringt etwas qualitativ Neues und schließt dennoch Vorangegangenes mit ein. Zum Schluss kehrt alles jedoch wieder zu seinem Ursprung zurück. Eine Paradoxie, die gedanklich schwer zu fassen ist und doch beim Betrachten des Lebenslauf-Bildes ganz selbstverständlich erscheint.

Würdigen des jeweiligen Standpunkts

Neugeborene und Babys scheinen völlig zufrieden mit ihrem gegenwärtigen Dasein zu sein, solange für ihre Bedürfnisse gut gesorgt wird. Andere kümmern sich um ihr Überleben. Als Erwachsene sehnen wir uns manchmal in diese Unbeschwertheit zurück. Sobald das Kind sich jedoch bewegen lernt, will es irgendwo hin, woanders als es gerade ist, der Kreislauf des Leids (Samsara) ist geboren. Hört man Kleinkindern zu, die gerade sprechen gelernt haben, dann kommt häufig der Satz: „Wenn ich mal groß bin …“ Groß-Sein ist aus Kinder-Perspektive sehr attraktiv.

Was mich an der Darstellung »Stufenjahre des Menschen« besonders fasziniert: Obwohl sie sicher in einer Zeit entstanden ist, in der die Lebenserwartung eines Erwachsenen durchschnittlich um die 60 Jahre betrug, hat der Lebenslauf eine absolute Symmetrie. Der aufsteigende Ast und der absteigende Ast sind gleich lang und damit im Gleichgewicht abgebildet. Keiner erscheint dadurch höherwertiger als der andere. Die Jugend hat im Lebenslauf genauso ihren Platz wie der Greis – auch wenn dieser zum »Kinderspott« wird.

Die jeweiligen Stufen symbolisieren für mich das Innehalten – Standortbestimmung in der Gegenwart: Wo stehe ich gerade? Was bringe ich mit? Was ist mir möglich? Was steht an? Sich umsehen, genau hinsehen, an der Stelle des Zeitkontinuums, an der ich mich gerade befinde, stoppt das Hamsterrad des Woanders-hinwollens. Das Leben findet im gegenwärtigen Moment statt.

Modelle spiritueller Entwicklung

Stufenmodelle gibt es auch im spirituellen Bereich:  Das Kundalini-Modell, der »Aufstieg auf den Berg Karmel« des Johannes v. Kreuz, die »Ochsenbilder des ZEN-Buddhismus«,  die integrale Ich-Entwicklung eines Ken Wilber, um nur einige zu nennen. Häufig werden sie nur so gelesen, als wäre das Ankommen auf irgendeinem Gipfel das Ziel, die »himmlische Hochzeit«, die »Erleuchtung«, das »Aufgehen im Eins-Sein«. Aber auch hier gibt es nicht nur die Entwicklung des Werdens, sondern auch die hin zum Sterben, die immer parallel läuft. Wer den Berg erklimmt, muss den ganzen Weg dann wieder herunter steigen. Alles was entsteht, vergeht auch wieder.  Die Zeit schreitet unweigerlich voran, wir können nichts festhalten.

Ein Weiser  erlebt nicht einfach einen kontinuierlichen Zuwachs an Weisheit, sondern er vergisst gleichzeitig, dass es so etwas wie Wissen überhaupt gibt. Ein anonymer englischer Mystiker nannte sich einmal – diesen Umstand beschreibend – die »Wolke des Nicht-Wissens«.  Mein Systemtheorie-Lehrer bezeichnete diesen Vorgang als die »Evolution des Vergessens« und nahm an, dass Gott sie besonders amüsant findet.

Die Dimension der Zeitlosigkeit

Der Perspektiven-Wechsel: Vom Standpunkt des Non-Dualen (Nicht-Zwei) gesehen, erkennen wir sowohl unsere Konzepte einer kontinuierlich ablaufenden Zeit, als auch den Entwicklungsgedanken als selbst-täuschende Illusionen.

In einer radikal-konstruktivistischen Sicht klingt das so: „In der Meditation wird versucht, diese Grundtäuschung und damit das Empfinden einer kontinuierlich ablaufenden Zeit zu durchschauen. Die Beobachterinstanz, welche diesen Ablauf der Zeit durchschauen kann, wird als zeit-los betrachtet. Wenn es dem Menschen gelingt, sich mit der letzten Beobachterinstanz zu identifizieren, kann er dadurch aus der Gefangenheit in der Zeit ausbrechen. …  In der Vollendung kann das Zeitempfinden sozusagen fließend ein- und ausgeschaltet werden, ja löst sich eigentlich die Unterscheidung zwischen Zeit und Nicht-Zeit auf. Dieser Zustand, das Erwachen oder die Erleuchtung genannt, muss nicht den Ausstieg aus der irdischen Daseinsform bedeuten, sondern einen Ausstieg aus der inneren Gebundenheit daran.“ Quelle

Die Perspektive des Nicht-Zwei kennt also keine Zeit- und auch keine Entwicklungsdimensionen. Daher gibt es hier auch kein »unreif-reifer«, kein »vorher-nachher«, kein »unerwacht-erwacht«. All diese Kategorisierungen sind (mögliche) Perspektiven des Dualen.

Immer, wenn wir das Wachsen und Werden des Lebendigen beobachten und erforschen wollen, bewegen wir uns also im Bereich der Relativität. Entwicklungs-Betrachtung ist anders nicht möglich.

Stufen der Ich-Entwicklung

Mein bevorzugtes Stufen-Modell der Ich-Entwicklung stammt aus einem pädagogisch-psychologischen Kontext:  »Die Entwicklungsstufen des Selbst« von Robert Kegan. In diesem Modell geht es um die qualitativen Veränderungen unseres Ich-Erlebens während des Lebenslaufs, die nach der Auffassung des Autors einige Stufen durchlaufen. (Ich werde das in einem weiteren Blog-Beitrag noch ausführlicher darstellen.)

Auch hier findet eine »Evolution des Vergessens« statt: ICH vergisst sich selbst. Es hört auf, sich für eine Institution (Form) zu halten. Gleichzeitig bleiben die Errungenschaften und Qualitäten aller früheren Stufen bestehen: Das Vertrauen und die Hingabe des Säuglings, der Trotz und das Autonomiebedürfnis des Kleinkinds, die Weltfähigkeit des Schulkinds, die Liebes- und Beziehungslust des Jugendlichen und sogar die Fähigkeiten zur Verantwortlichkeit, Rollenübernahme, Selbst- und Fremd-Reglementierung, die dem erwachsenen Ich-Gefüge zugeschrieben werden.

Jede Evolution beinhaltet ein Werden und ein Sterben gleichzeitig. Wenn man Stufenmodelle auf diese Weise interpretiert und benutzt, dann hören sie auf, ein ehrgeiziges »höher, schneller  und weiter« vorzugaukeln. Sie dienen so einfach als Landkarten, die nützlich sein können, gerade stattfindende Bewegungen im Menschenleben wahrzunehmen und zu würdigen.

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