13. Mai 2017
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Rubriken: Humor, Persönliches, Psychologie
9 Kommentare

single, mono, poly

»Wir leben in einem komplexen Gewebe von Ich- und Wir-Identitäten – single, mono und poly zugleich«—Wolf

Seit einiger Zeit bin ich regelmäßig als Gastlehrer bei den Tantra-Festivals des BeFree-institutes auf Gut Frohberg dabei. Beim zurückliegenden Osterfestival hatte ich den Eindruck, Polyamorie ist ein Thema, das die Menschen dort stark bewegt. Und nicht nur dort. 

Das Thema dringt seit ein paar Jahren auch in die sogenannten seriösen Massenmedien ein, sogar im prüden Amerika und in der konservativen Schweiz, und es wird dort sehr vorsichtig gehandhabt. Vor ein paar Tagen las ich in der NewYorkTimes einen sehr langen Artikel (den zweiten Teil überflog ich wegen der Länge dann nur noch) über »offene Beziehungen«.

Ist mono sakrosankt?

Für diesen Bericht hatte eine Reporterin über Jahre Menschen dabei beobachtet und begleitet, wie sie ihre Mono-Beziehung (meist eine Ehe) für andere öffneten. Sie berichtete entwaffnend genau bis in Einzelheiten über die Gefühle der Beteiligten, das Zögern, die Bedenken, die aufkommende und verschwindende Eifersucht, den Mut oder fehlenden Mut dazu, die Ergebnisse für die betroffenen Ehen und Familien. Sie beschrieb dabei auch ihre eigenen Gefühle beim Beobachten und die Verhaltensweisen aller drei, vier oder mehr Beteiligten, so weit sie das konnte. Sie blieb dabei trotz aller Offenheit für Neues noch immer in der Perspektive, dass die Mann-Frau-Mono-Beziehung eigentlich irgendwie sakrosankt ist. (Ich konnte den Link grad nicht finden, aber die NYT schreibt öfter über das Thema.)

Typisch für unsere Zeit ist die »Perlenkette«

Ich selbst versuche das Thema weiter zu fassen als es dort beschrieben wird. Ich kenne Menschen, die sich in ihrem Single-Dasein wohlfühlen, andere in ihrer Mono-Beziehung, wieder andere in offenen oder polyamoren Beziehungen, wobei diese dritte Art, speziell die polyamore Variante, noch neu ist und noch nicht gesellschaftlich unterstützt wird, was sie viel schwerer lebbar macht als die anderen beiden Formen.

Konventionell gedacht lebst du entweder als Single oder in irgendeiner Art von Mono-Beziehung oder der Anbahnung einer solchen oder der Trennung aus einer solchen. Lang andauernde Beziehungen, das alte katholische Ideal, werden heute eher bewundert als für bieder oder retro erachtet. Typischer für unsere Zeit ist aber die »Perlenkette«: Man datet einen nach dem anderen, bettet sich in einer Beziehung nach der anderen, oft auf der Suche nach »dem Richtigen«, dem Traum- und Seelenpartner. Manche Perlenketten kommen auch ohne Traumpartner-für-immer-Romantik aus, da wird der Wechsel für einen sich entwickelnden Menschen als normal angesehen. 

Das Gewebe unserer Identitäten

Je näher man das Beziehungsleben eines Menschen betrachtet, umso komplexer und vielschichtiger sieht es aus. Niemand ist einfach nur »mono« oder »single«. Wir haben Bekannte, Freunde und dann auch, nicht immer, aber fast immer erwünscht: Intimbeziehungen. Meist, wenn es denn gelingt, genau eine solche, mit mehreren wären die meisten von uns überfordert. Diese Intimität sollte idealerweise eine sowohl körperliche wie auch emotionale und geistige sein, so wünschen wir uns das. 

Da die Ich-Identität jedoch eine sich wandelnde Größe ist, wie wir alle wissen, die sich auf dem Weg der Selbstentwicklung befinden, sind auch unsere Beziehungen, die Wir-Identitäten, sich wandelnde Größen. Es ergibt sich da also das Bild eines komplexen Gewebes von Ich- und Wir-Identitäten, sowohl für jeden Einzelnen wie auch für die ganze Gesellschaft. »Das Systemische« eben, die Ökologie der Kultur. 

»Es ist kompliziert«

Zurück zu »single, mono oder poly« (statt poly, das gibt es auf Facebook noch nicht, heißt die dritte Variante dort „in einer offenen Beziehung«). Diese Einordnung in drei Varianten (plus vielleicht noch eine vierte, die auch auf Facebook angeboten wird: »Es ist kompliziert«) wird zwar heutzutage in der Selbstdarstellung so vorgenommen, aber sie ist oberflächlich. In der Tiefe sind wir in gewisser Hinsicht immer alle drei Varianten zugleich – plus die Kompliziertheit. Wir sind allein, denn wir kommen nackt auf die Welt, und nackt gehen wir auch wieder. Im Sinne des grad eben beschriebenen Gewebes sind wir natürlich auch alle poly, komplex, vielfältig, auch in unserem emotionalen und körperlichen Liebesleben. Trotzdem ist in uns allen die Bereitschaft angelegt, einer Zweisamkeit – dem Mono – Priorität zu geben; bei einigen ist das stärker, bei anderen weniger, und immer ist dieser Wunsch und das Commitment zu seiner Erfüllung auch biografisch in Bewegung. 

Polyamorie

Am Pfingstsamstag werde ich auf dem BeFree-Festival einen Mini-Workshop zum Thema »single, mono, poly – Tragödie, Kabarett oder Tanztheater, Beziehungsgestaltung im tantrischen Raum« anbieten. Das Kabarettistische dabei, der »Leela«-Ansatz, das ist eh mein Ding, und er passt auch dort, im BeFree. Aus meinem eigenen Leben kenne ich das Dasein als Single, in einer Mono-Beziehung und auch die Polyamorie und habe darüber mal ein Connection-Sonderheft (Nr. 85, im Sommer 2009) gemacht. Hier sei mal noch schnell eine Definition nachgeschoben: Polyamorie ist das Leben in offenen, das heißt nicht-heimlichen Liebesbeziehungen zu mehreren Menschen, die auch Sexualität mit beinhalten können. 

Irgendwann mal vor Jahren habe ich hinausposaunt, dies sei die Beziehungsform der Zukunft. Ich denke nach wie vor, das der Trend dort hingeht, sehe inzwischen aber, wie anspruchsvoll das dabei kommunikativ zu Leistende ist. Vor allem an der klaren, offenen Kommunikation scheitern die meisten, und vor allem dann, wenn die soziale Umgebung das Experiment nicht unterstützt und auf ein Scheitern geradezu wartet. Auch das eigene Bedürfnis, einen anderen Menschen in hohem Maße besitzen und kontrollieren zu wollen, tendiert dazu, die polyamore Lebensweise massiv zu behindern. 

Selbsterkenntnis

Egal, ob sich ein Mensch für single, mono oder poly entscheidet, die jeweils anderen beiden Seiten dieses Dreiecks (!) bleiben präsent: Immer wirst du in gewisser Hinsicht allein sein und »für dich« Entscheidungen treffen und Verantwortung übernehmen müssen. Immer wirst du irgendwen priorisieren, also mono ausgerichtet sein, egal ob nur für eine Stunde, eine Nacht, ein Jahr oder ein ganzes Leben. Und immer wirst du auch andere lieben und von anderen geliebt werden, auch wenn du das (aus Angst?) nicht kommunizierst oder es nicht wahrhaben willst. Ein Bewusstsein der Kontinuität dieser drei Linien, die mal schwächer, mal stärker ausgeprägt sind, erleichtert die Übergänge zwischen den drei Formen – das mono, single oder poly Dasein erscheint dann vielleicht nur noch als ein Oberflächenphänomen.

Sich selbst zu kennen hilft hierbei enorm. Die eigenen Bedürfnisse und Verhaltensmuster, die eigenen Wünsche und Befürchtungen zu kennen, hilft. Beziehungsgestaltung ist Identitätsgestaltung, und dazu braucht es Selbsterkenntnis. Ich muss einigermaßen wissen wer ich bin und wer du bist, um mit dir zusammen ein Wir gestalten zu können, sodass »wir« dabei nicht von anderen Identitäten und Kräften Gestaltete sind, also Opfer, dem Schicksal Ergebene, sondern von unseren eigenen Kräften Gestaltete. Unsere Ich- und Wir-Identitäten selbst zu gestalten ist das höchste, was wir als Schöpfer tun kann – darin besteht unsere »Göttlichkeit«.

Ramana Maharshi 2.0

Der indische Weise Ramana Maharshi prägte eine ganze spirituelle Bewegung, die des modernen Advaita Vedanta, mit der Frage »Wer bin ich?«. Für ihn war dies die einzig wesentliche und für jeden Erleuchtung Suchenden auch ausreichende Frage. Das ist Ramana 1.0. 

Und jetzt wieder ganz ernst: Ramana 2.0 ist das von mir angebotene Update dieses Frageprogramms. Dort lautet die Aufforderung nicht mehr: »Sage mir, wer du bist!«, sondern: »Zeige mir, wer du sein könntest!« Das wirkt nicht mehr nur mental, sondern ganzheitlich. Es ist die spielerische Variante der Selbstfindung. Keime von Identitäten, die in dir schlummern, können dabei in kathartischer Weise »ausgespielt« werden. Sie belasten dich dann nicht mehr, sondern verschwinden oder stehen dir in deinem Verhaltensrepertoire zur Verfügung.

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Diskussion zu: single, mono, poly

  1. Für mich werden bei diesen Polyamorie-Debatten oft zwei Dinge durcheinander gebracht: Liebe und Bindung.
    Selbstverständlich ist Liebe universell und grenzenlos und für herzoffene Menschen ist der wichtigste Mensch immer genau derjenige, der mir gerade gegenüber ist (M. Eckhart).
    Und … es gibt auch so etwas wie „Ordnungen“ in der Liebe – Gert Hellinger hat uns darauf aufmerksam gemacht – die sich immer dann giftig und leidvoll auswirken, wenn wir gegen sie verstoßen, oder wenn in unserer Ahnenreihe dagegen verstoßen wurde. In Familienaufstellungen oder Genogramm-Analysen wird das dann deutlich. http://www2.hellinger.com/home/familienstellen/grundordnungen-des-lebens/1-ordnungen-der-liebe/
    Ich habe gerade gesehen, dass Hellingers Klassiker mit genau diesem Titel im Internet für wenige Euros „verramscht“ wird – scheint ein unpopuläres Thema geworden zu sein. 🙁 Es handelt von einer Art natürlichen Begrenzung unseres Freiheitsdranges, die unheilvoll wird, wenn wir dagegen verstoßen – also ein Schattenthema.
    Ansonsten stimme ich dir uneingeschränkt zu, was den Tanz des Lebens und „Monopoly“-Spiele angeht. 😉

  2. @ Marianne

    Du hast Recht: Das Gepäck (so nenne ich das jetzt mal, statt ‚Ordnungen der Liebe‘), das wir ins individuelle Leben mitbringen, und das durch unsere familiäre (und weitere gesellschaftliche) Herkunft in unsere Beziehungsgestaltung hineinwirkt, ist mächtig. Und meistens/weitgehend wirkt es unbewusst. So dass wir als bewusste Beziehungsgestalter (der Eisberg, der übers Wasser ragt, als Metapher für Bewusstes/Unbewusstes) kaum zum Zuge kommen.

    Darüber vielleicht mal einen eigenen Blogeintrag …

  3. single oder Monopoly
    – das ist doch die Frage – oder?

  4. @ alexissorbas
    Natürlich ist das nicht die Frage, hahaha … aber das Wortspiel ist witzig, und manchmal verbirgt sich in Wortspielen ja auch eine tiefe Einsicht. Hier nicht. Denn die Singles sind nicht weniger „Monopoly“, also weniger geldbesessen oder nutzenorientiert als die mono oder poly Lebenden.

  5. Offene Beziehung oder neudeutsch Polyamorie ist ein Traum – der manchmal sehr bezwingend und voller Sehnsucht geträumt wird. Man darf allerdings nie vergessen, dass 80% aller Menschen strikt dagegen sind und für die restlichen 10-20% nicht unproblematisch – man kann bei dem Versuch auch in der Poly-Hölle landen. Dennoch ist es in Einzelfällen möglich, unter speziellen Bedingunen, z.B. wenn die Betreffenden getrennt leben, wenn sie Liebe und Sex ein Stück weit trennen und überhaupt sehr gut abgrenzen können – man vergisst manchmal, dass Polyamorie immer auch mit Begrenzungen und meistens auch mit mühsamen Verhandlungen zu tun hat. Wer mag kann es probieren, wenn er sich dabei der Gefahr bewusst ist, seinen treuen Partner zu verlieren – eine Beziehung muss sehr stabil in sich sein, um noch einen weiteren Sexpartner auszuhalten.

  6. Hallo Thomas,
    deine Beschreibung der Polayamorie kommt mir ein bisschen frustriert vor, so als hättest du dir auf dem Gebiet ein paar Wunden geholt. Kann das sein?
    Man kann nämlich nicht nur in der Poly-Hölle landen, sondern auch in der Mono-Hölle oder in der Solo-Hölle. Auch deine Beratung, wann poly möglich sei, erscheint mir einseitig warnend. Ich kenne auch glückliche Polys, und der Rat abgrenzen zu können (und anderes, was du da sagst) gilt für Monos und Singles ebenso.
    Mein Blogeintrag wollte nicht, jedenfalls nicht einseitig für die Poly-Lebensweise werben, sondern auf die komplexe Verwobenheit aller drei Bereiche oder Entscheidungsvarianten – single, mono, poly – hinweisen. Um mal ein bisschen wegzukommen von den Beziehungsgrabenkämpfen. Wir sind doch eben immer ein bisschen was von allem, auch wenn es Vorzüge hat – es kann Streit vermeiden – sich jeweils (eine Zeit lang) für eine der drei Varianten zu entscheiden.
    Ob wirklich 80 % „aller Menschen“ – und auch noch „strikt“ – dagegen sind, daran habe ich einige Zweifel. Und selbst wenn es so wäre, könnte Polyamorie trotzdem zur mehrheitlich erstrebten oder gar praktizierten Beziehungsform der Zukunft werden. Es gab ja auch mal eine Zeit, in der die Mono-Beziehung auf Dauer (also für mehr als eine Liebesnacht oder einen Honeymoon lang) die große Ausnahme war, und es ist heute noch so, dass die Favorisierung der romantischen Liebe als Bedingung für die Gründung einer Familie sich nicht weltweit durchgesetzt hat, sondern erst seit zwei, drei Generation (auch aufgrund von Hollywood- und Bollywoodfilmen) sehr stark im Kommen ist, vielleicht ist sie sogar schon heute das dominate Ideal. Es ist halt ganz schön komplex und vielfältig.
    Diesem Punkt deines Kommentars aber stimme ich dir aufgrund meiner Beobachtungen zu: Die Polys neigen dazu, den Kommunikationsaufwand (du sagst „Verhandlungen“) und die unter Umständen starke emotionale Belastung von Mehrfachbeziehungen zu unterschätzen.

  7. @ Wolf zum „Monopoly“
    ich meinte damit nicht die Geldbesessenheit sondern die Besitz-Besessenheit in der sogenannten Liebes-Beziehung
    das kam natürlich bei dem Wortspiel nicht ´raus – aber interessant, dass Du es sofort auf die Waren-Beziehung „reduziert“ hast.
    Alfred Sohn-Rethel ist ja der Meinung (und hat das auch einleuchtend belegt) dass menschliches Denken genuin mit dem Waren-Tausch verbunden ist.

  8. Die moderne Liebesbeziehung, wie wir sie heute kennen, gibt es noch nicht so lange. Vielleicht 50 Jahre. Ich bin fast 50 und gehöre zu den ersten Generationen, die damit aufgewachsen sind, dass es normal und akzeptiert ist, eine „Freundin“ oder einen „Freund“ zu haben. Davor gab es nur Ehe, Verlobung und die gesellschaftlich geächtete (oder sogar strafbare) „Affäre“.

    An den seltsamen Begriffen sieht man noch verschwommen, wie in der Frühzeit versucht wurde, die Dinge zu verschleiern. Als dann der Begriff „Freund/in“ als Synonym für Partner etabliert war, musste man neue Worte finden, um Missverständnisse zu vermeiden. Aus dem Freund wurde dann der „gute Freund“, während „Freund“ Partner bedeutet. Oder man weicht auf das sperrige „ein Freund von mir“ aus.

    Die moderne Liebesbeziehung orientiert sich am Vorbild Ehe. Sie ist genauso dichotom. Man kann nur „zusammen“ sein (verheiratet) oder „getrennt“ (geschieden), nichts dazwischen. Die Rituale, die Anfang und Ende definieren, sind informell und vereinfacht gegenüber der Ehe („Zusammenkommen“ und „Schluss machen“ statt Heiraten und sich scheiden lassen).

    Aber die moderne Liebesbeziehung hat nicht alles von der Ehe übernommen. Sie hat die Monogamie übernommen, aber nicht das Treueversprechen. Das ist nicht das selbe, auch wenn es traditionell gleichgesetzt wird. Treue ist das Versprechen: Ich werde dich nicht verlassen. (Was nicht absolut gelten kann, denn wenn der Partner mich schlecht behandelt, muss eine Ausnahme möglich sein.) Monogamie ist das Versprechen: Ich werde niemanden außer dir haben.
    Die moderne Beziehung hat davon nur die Monogamie übernommen, nicht jedoch die Treue. Sie sagt: Ich werde niemanden außer dir haben (und fordere das selbe), solange wir zusammen sind – aber wenn ich etwas besseres als dich finde, verlasse ich dich.

    Das Wort „Lebensabschnittspartner“ hat eine interessante Bedeutungswandlung erfahren. Als der Begriff aufkam, war er eine ironische Abwandlung von „Lebenspartner“, ein trocken-sarkastischer Kommentar darauf, dass die spätere Trennung mehr oder weniger schon eingeplant ist.
    Genau das wird heute aber als so selbstverständlich wahrgenommen, dass „Lebensabschnittspartner“ völlig neutral und ironiefrei benutzt wird. Die serielle Monogamie ist nicht nur Normalität, sondern Norm. Bisweilen wird sie zur Hochfrequenz-Monogamie, besonders bei Menschen, denen es nicht an Gelegenheiten mangelt, die aber dennoch „treu“ (=monogam) sein wollen.

    Polyamorie ist von dem modernen, marktorientierten, seriell-monogamen Beziehungsmodell genauso weit entfernt wie von der traditionellen Ehe, oder beide Modelle von einander.

  9. Hallo Arnd,
    danke für deinen ausführlichen Kommentar. Gut, sich nochmal in Erinnerung zu rufen, wie sehr sich schon in den vergangenen 50 Jahren die hierzulande üblichen Beziehungsformen geändert haben.
    Interessant auch die Begriffe, die dabei verwendet werden, worauf du hinweist: Freund/in, gute/r Freund/in, ein/e Freund/in von mir, wobei ich oft innerlich grinsen muss. Ich hab dazu sogar mal ein „Lexikon der Irrtümer in der Liebe« geschrieben (was noch auf meiner Festplatte herumliegt, als unvollendetes Werk; wäre vielleicht Zeit, das mal wieder hervorzuholen).
    Auf Englisch ist es ein bisschen leichter: friend ist die asexuelle Variante und girlfriend/boyfriend, wenn man Sex hat Auf Spanisch ebenso klar getrennt: ein/e amiga/amigo ist es, wenn man kein Sex hat, novia/novio (ursprünglich Braut/Bräutigam), wenn es eine sexuelle Beziehung ist. Auf Italienisch: ragazza/ragazzo statt amiga/amigo, wenn man Sex hat. In Frankreich war ich schon lange nicht mehr, aber ich glaube, dort heißt es dann chérie, wenn man Sex hat oder emotional sehr intim ist – korrigiert mich bitte, wenn das nicht mehr aktuell sein sollte.

    Auch das Verschwinden der Treue als „Ich verlass dich nicht mehr“ kommt in deinem Kommentar gut zur Geltung. Schade eigentlich, dass das weggefallen ist und nur das marktwirtschaftliche „ich verspreche, neben dir keinen Konkurrenten zu ‚haben'“ geblieben ist – in der Zeit des jeweiligen Lebensabschnitts, in dem man „zusammen“ ist. Sehr glückverheißend ist das alles nicht, finde ich. Ich persönlich finde die Trennung von einem heiß geliebten Menschen viel schlimmer als wenn noch jemand dazu kommt in die Beziehung.

    Zum Thema Marktwirtschaft: Man baut ja auch in die Produkte unserer Warenwelt ein Verfallsdatum ein: die ‚planned obsolesence‘. Vielleicht so ähnlich auch in die Beziehungen (das Soziale folgt dem Wirtschaftlichen), um dann den ‚Zauber des Anfangs‘ immer wieder neu erfahren zu können?

    Wolf

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