11. Februar 2018
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Rubriken: Politik & Gesellschaft
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Sex, Macht und Manipulation

»Die MeToo-Bewegung hat nach wie vor Mühe, im Kulturklima der mehrheitlich prüden und bigotten USA nachhaltig befreiend zu wirken«—Wolf

In der Januar-Ausgabe der Zeitschrift Osho-Times habe ich für die dortige Rubrik »Klartext« über die aktuelle MeToo-Bewegung geschrieben und behauptet, sie gehe mir nicht tief genug. Außerdem bezweifelte ich in dem Text, dass daraus »eine echte Frauenbewegung« würde, was ja auch aus »One Billion rising« leider nicht wurde.

Auch wenn ich inzwischen meine, dass die MeToo-Bewegung mehr positives Potenzial in sich hat als ich damals ahnte, wünsche mir nach wie vor eine Bewegung, die es nicht beim Klagen und Denunzieren belässt, sondern zu einer wirklichen Ermächtigung führt, wozu sie »erforschen müsste, was zu diesen Symptomen geführt hat«.

Die MeToo-Bewegung ist inzwischen deutlich erstarkt und führt zu weitreichenden gesellschaftlichen Veränderungen. Sie hat mehr bewirkt, als ich im November 2017 für möglich gehalten hatte. Trotzdem hat sie nach wie vor Mühe, im Kulturklima der mehrheitlich prüden und bigotten USA nachhaltig befreiend zu wirken. In Folge dessen gelingt ihr das auch nur bedingt im Rest der Welt, denn die USA bestimmen noch immer, unter anderem durch Hollywood und Sillicon Valley, in großem Maße das Kulturklima der Welt. Hier nun mein Text aus der Januarausgabe der Osho-Times. 

One Billion Rising ist gescheitert. Und nun »MeToo«?

Seit Jahren warte ich darauf, dass es mit der Abschaffung des Patriarchats voran geht. Haben wir doch genug Kriege, Ausbeutung, Machotum und männliche Arroganz ertragen müssen. Die Aktion One Billion Rising, die im Herbst 2012 begann, war in der Hinsicht ein Hoffnungsverstärker und ließ mich innerlich jubeln. Jetzt endlich stehen die Frauen auf und schütteln das Joch der Männerherrschaft ab, dachte ich! Diese Aktion zur weltweiten Beendigung von Gewalt gegen Frauen ebbte dann leider ab; heute spricht kaum mehr jemand davon.

Heute spricht man von der Harvey-Weinstein-Affäre, dem der Hashtag #MeToo folgte. Ausgehend von den US-amerikanischen Celebrities beschäftigen sich seit September 2017 die Medien der Welt damit, wer in den vergangenen 50 Jahren wen einmal sexuell belästigt hat. Die Welle ergriff bald auch die anderen westlichen Länder. Von China, Indien oder Afrika, wo es in Sachen Gewalt gegen Frauen härter zugeht, hört man noch nichts, und auch nur wenig von Frauen aus den Unterschichten, die sich einen Anwalt für ihre Anklage nicht leisten können. 

Schluss mit den Übergriffen!

»Frauen, steht auf, lasst euch das nicht mehr gefallen! Keine sexuelle Belästigung mehr! Endlich Wertschätzung und Gleichberechtigung für die Frau! Schluss mit den sexuellen Übergriffen mächtiger Männer!« Diesen Parolen stimmt man auch als Mann gerne zu. Trotzdem freut mich diese Bewegung nicht. Das Opferbewusstsein der klagenden Frauen empfinde ich teils als würdelos sich selbst entmachtend und die ganze Bewegung als zu denunziatorisch. Ein Tsunami höchster moralischer Ansprüche ergießt sich über die Art der Kontaktaufnahme von Mann zu Frau und hinterlässt das Gefühl, dass Sex im Kontext von Macht etwas Schmuddeliges ist. Aber waren nicht bei dem Mega-Seller »50 Shades of Grey« Macht und Reichtum auch irgendwie geil? Ist sexuelle Attraktion denn nicht immer etwas sehr Mächtiges, dem wir uns manchmal nur zu gerne unterwerfen? 

Zurückbleibt eine eingeschüchterte Männerwelt, die zerknirscht zugibt: Wir müssen uns ändern. Die Frauenwelt ist indes jedoch nicht wirklich erstarkt, sondern nur vorwurfsvoll. Sobald die Wirkung der Skandale verblasst, wird das Patriarchat wieder zum business as usual übergehen, so wie nach One Billion Rising, denn die Machtgefälle werden bleiben, und die Faszination, die Sex auf uns alle ausübt, wird weiterhin unbeleuchtet bleiben und sich im Dunklen entfalten dürfen. Bis zum nächsten Aufschrei. 

Wirkliche Not ist was anderes

Die MeToo-Kampagne ist nicht geeignet, einer emphatischen Gesellschaft Raum zu geben, dazu enttarnt sie die Wirkung von Macht, Sex und Manipulation nicht tief genug. Die wirklich krassen Formen sexueller Ausbeutung, wie etwa die philippinischer Dienstmädchen in den Haushalten am persischen Golf, werden dabei ja gar nicht angesprochen und auch nicht die Millionen unfreiwillig, oft aus wirtschaftlicher Not sich Prostituierenden. Wer sich in Hollywood auf die Besetzungscouch begeben hat, wusste in der Regel worum es geht: Sie wollte die Rolle, er wollte Sex. Die meisten dieser Fälle waren ein Kuhhandel unter Erwachsenen – wobei beide Seiten Täter sind und zugleich Opfer ihrer eigenen Gier. Dass Vergewaltigung ein zu bestrafendes Delikt ist, bleibt davon selbstverständlich unbenommen.

Das Machtgefälle

Die heutige globalisierte Wirtschaft hat die Weltbevölkerung in einem Maße in Arme und Reiche, Mächtige und Ohnmächtige getrennt wie noch nie zuvor. Die am oberen Ende sind nicht mehr nur tausendfach mächtiger als die unten, sondern milliardenfach. Ein solches Machtgefälle führt zu Missbrauch und Korruption. Das Sich-Erschleichen, Nötigen oder Erpressen sexueller Vorteile ist davon nur ein Aspekt; wirtschaftliche Ausbeutung, Erniedrigung und Entwürdigung ein anderer. Und so wie die Reich/arm-Skala, so sieht auch die Bekannt/unbekannt-Skala aus. Die Berühmten sind heute noch berühmter als je und die Unbekannten noch chancenloser als je, in einer Gesellschaft, wo in Kunstbetrieb und Medien sowie beim Vermarkten von Produkten und in den Wahlkämpfen der Demokratien Aufmerksamkeit die Währung ist, in der Gewinne und Verluste erzielt werden. 

Die im Dunkeln sieht man nicht

»Denn die einen sind im Dunkeln, und die andern sind im Licht, und man siehet die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht«, heißt es in der Dreigroschenoper von Bertolt Brecht. Die Besetzungscouch von Harvey Weinstein ist nun für alle sichtbar geworden (für Insider war sie es schon vorher), ebenso das Privatleben einiger US-Senatoren und Präsidenten – ein willkommener Stoff für die Boulevard-Medien. Das Leid von Millionen durch Machtmissbrauch Gepeinigter bleibt währenddessen weiterhin im Dunkel. Nach wie vor wird in Ehen genötigt und vergewaltigt, meist ohne rechtliche Folgen. Minderjährige werden zwangsverheiratet, und die Vergewaltigung von Frauen und Männern ist im Krieg nach wie vor eine übliche Praxis. 

Auch die Genitalverstümmelung von Frauen ist sexuelle Gewalt. Mehr als 200 Millionen sind davon weltweit betroffen; jedes Jahr kommen etwa 3 Millionen weitere Mädchen unters Messer; überwiegend sind es ihre Mütter, die sie dort hinbringen, damit sie »anständige Mädchen« werden.

Brutale Männer, raffinierte Frauen?

Eine entspannte, positive Haltung gegenüber Sex wäre eine gute Prophylaxe gegen sexuelle Gewalt und würde mit einem Schlag die Genitalverstümmelung beenden, die gegenüber der sexuellen Belästigung das weitaus größere Übel ist. Menschen sind eben manchmal geil und handeln dann unklug. Das ist nicht grundsätzlich schlimm, aber wir sollten darauf vorbereitet sein. Und es ist auch nicht gut, Männern generell Brutalität und sexuelle Gier zu unterstellen, wie Stephen Marche das kürzlich in der New York Times tat, in seinem Leitartikel über »Die nicht untersuchte Brutalität der männlichen Libido«. Frauen sind trotzdem gut beraten, ein Bewerbungsgespräch mit einem mächtigen Mann nicht in seiner Wohnung stattfinden zu lassen, sondern in seinem Büro.  

A propos Bewerbungsgespräch: Vor Jahren suchte ich mal für mein Verlagsbüro eine Sekretärin. Die Kandidatin kam zum Interview geschminkt und hübsch angezogen, vor allem aber begeistert und voller Energie, so dass ich dachte: Die ist die Richtige! Am ersten Arbeitstag hingegen erkannte ich sie kaum wieder, wie sie da in Lappen gekleidet zu ihrem Platz im Connectionbüro schlurfte. Vielleicht wollte sie damit ja nur sicherstellen, dass ich sie an ihrem Arbeitsplatz nicht sexuell belästigen würde. 

Opfer und Täter

Wer von uns beiden war da das Opfer? Ich von ihrer raffinierten Strategie einen Arbeitsvertrag zu ergattern, oder sie von der sexistischen Gesellschaft, in der man Chefs und Personalchefs nur auf diese Weise rumkriegt? Die heute übliche Opfer-Täter-Zuweisung ist mir zu eindimensional. Die in spirituellen Kreisen übliche Redeweise von »Was du erlebst, hast du dir selbst erschaffen« ist zwar ein grober, alle Täter entschuldigender Unsinn. Ähnlich unpassend ist jedoch in den meisten Fällen die einseitige Zuweisung der Opferrolle. 

Gerade erreicht mich die Nachricht, dass das TIME-Magazine die Frauen der MeToo-Bewegung als »Silence Breakers« (»die das Schweigen brechen«) zur »Person of the Year« erwählt haben. Kann daraus vielleicht doch noch eine echte Frauenbewegung werden? Eine Bewegung, die es nicht beim Klagen und Denunzieren belässt, sondern zu einer wirklichen Ermächtigung führt? Ich bezweifle das, denn dazu müsste sie erforschen, was zu diesen Symptomen geführt hat. Sonst bleibt sie im Medienzirkus nur eine weitere Sau, die durchs Dorf getrieben wird und hinterlässt außer Beklemmung und Einschüchterung noch weniger Spuren als One Billion Rising.

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