Rundbrief Nr. 162 zur Jahreswende 2017/18

»Ich war zerrissen zwischen der Überfülle von dem, was ich sagen wollte, und der Verzweiflung, dass es ja doch egal ist, was ich sage«—Wolf

Im Dezember ist kein Rundbrief von mir erschienen. Ich war zerrissen zwischen der Überfülle von dem, was ich sagen wollte, und der Verzweiflung, dass es ja doch egal ist, was ich sage oder schreibe, niemand hört mich, und was kann ein einzelner schon tun. Ich weiß, dass auch Millionen anderer diese Zerrissenheit kennen und dann leider zum Business as usual zurückkehren – ich bin ja nicht der einzige Größenwahnsinnige und Verzweifelte auf diesem Planeten. 

Einiges an dieser Zerrissenheit ist in diesen Tagen jedoch neu. Die Einsichten, die mir privat wie politisch zufliegen sind so dicht wie eh und je, und meine Entschiedenheit, mich dem Verstehen (von der Welt und mir selbst) ganz zu widmen, mit weniger Ablenkung, ist so groß wie damals im buddhistschen Kloster in Thailand, als ich noch erleuchtet werden wollte. Mit dem Unterschied, dass mehr als 40 Jahre Lebenserfahrung dazwischenliegen. Seit einiger Zeit fügen sich die inzwischen gereiften Einsichten zu einem Weltbild zusammen – oh Schreck, das wollte ich doch nie! Aber es ist wie bei einem dieser riesigen Puzzles, wo man entdeckt, dass Bereiche, an denen man bisher separat gearbeitet hatte, auf einmal ein Verbindungsstück haben. 

Globale WG

Zuerst zu meiner Lebensweise. Die Syrer sind im Herbst ausgezogen, ich lebe nun in WG mit drei Afrikanern – ein junger Mann aus Eritrea, ein Paar aus Somalia – und einer Deutschen. Eine Frau mit sechs Kindern im Alter von drei Monaten bis 14 Jahren ist bei uns im Dachgeschoss eingezogen, sie bringen eine quirlige Lebenslust und Freude ins Haus. Ein Rohingya-Muslim wollte hier einziehen, scheiterte aber an der Sprachbarriere und der Jobcenter-Bürokratie. 

Währenddessen wartet eine renovierte Wohnung im 1. OG auf neue Mieter. Eine ökospirituelle Gemeinschaft aus München ist im Anflug, sie sind daran interessiert hier zu wohnen, in enger Verbindung mit der Biolandwirtschaft von Markus Noppenberger, eventuell wollen sie auch das Haus kaufen. Gut so. Ab Herbst 2019 sind wir hier mit der neuen A 94 nur noch 40 Minuten von München Ost entfernt.

Im Zusammensein mit den Afrikanern kommt mir Schwarzafrika näher, ein Kontinent, den meine Eltern oft bereist haben. Auf seltsame Art bleibt mir dabei bewusst, wie sehr wir eine globale WG sind, und dass ‚wir alle‘ aus Afrika kommen.

Wanted: ein neues Betriebssystem

Obama, der erste ’schwarze‘ Präsident einer großen westlichen Demokratie, hat acht Jahre lang enorm viel versucht und auch ein bisschen was geschafft. An der Spitze eines zerstörerischen Systems konnte er jedoch nicht viel ausrichten. Nun wurde er von einem Rassisten mit der Psyche eines Elfjährigen abgelöst, dem das Gros seiner Anhängerschaft auch nach einem desolaten ersten Regierungsjahr immer noch treu ist. Die Personalie Trump mag auf gruselige Weise unterhaltsam sein, aber es ist das politische System, das unsere Aufmerksamkeit verdient. Ein System, in dem jemand wie Trump an die Spitze gewählt wird, muss abgewählt werden, nicht nur ein einzelner Präsident impeached, und meine Kritik am europäischen System fällt nur wenig milder aus. Das Polittheater, mit dem uns die Medien unterhalten, hat für unsere Lebensweise nur wenig Relevanz. Obama, Trump, Hillary, das sind nur wenig unterschiedliche Apps auf demselben alten Betriebssystem, und das gilt auch für die GroKo. Ehe wir nicht ein neues Betriebssystem der Zivilisation Erde erschaffen, wird sich nichts Wesentliches ändern. Außer, dass alles noch schlimmer wird. Daniel Pinchbeck, dessen Buch »How soon is now« ich vor einem Jahr ins Deutsche übersetzt habe, gehört zu denen, die zu einem solchen neuen Betriebssystem aufrufen; sein Buch ist eine Brandrede.

Bücher schreiben auf der Insel

Am 24. Januar fliege ich wieder für zwei Monate nach La Palma. Danke für die vielen Gratulationen zu meinem Winterurlaub, aber ich verlege da nur meinen Arbeitsplatz, allerdings auf eine wunderschöne subtropische Insel. Ende März bin ich wieder in Deutschland. 

Ich arbeite dort an vier Büchern: »Wofür brenne ich?« von Mounira Latrache fokussiert auf das, was uns im Innersten ruft. Es ermutigt uns, dem zu folgen und für dieses Ziel aus Arbeitsverhältnissen auszusteigen, die unser Gewissen belasten, uns seelisch ruinieren und bei denen wir unsere Einzigartigkeit und Kreativität verraten. Die Autorin ist eine ehemalige Google-Managerin, ich bin ihr ‚Ghost‘. 

Das zweite ist ein Werk von Dorothea Mihm, die sich seit dem Tod ihrer Mutter, da war sie sieben Jahre alt, mit dem Sterben befasst und dann Palliativschwester und Sterbebegleiterin wurde. Mit ihr habe ich schon mal ein Buch gemacht: »Mit dem Sterben leben«. Sie erklärt, wie wir uns auf das Sterben vorbereiten können durch ein gutes Leben, und dann schildert sie sehr detailliert und kenntnisreich den Übergang in den Bardo zwischen zwei Geburten. Am 26.11. strahlte das ZDF einen 6-min-Film über diese weise, freundliche Buddhistin aus.

Das dritte ist eine Übersetzung von J.P. Sears »How to be Ultra-Spiritual«, in dem er, der selbst als Heiler arbeitet, auf urkomische Weise die gesamte westliche Spiri- und Heiler-Szene durch den Kakao zieht. Also ganz mein Ding. Da kann ich von einem ‚Kollegen‘ was lernen, und es macht Spaß. 

Schließlich steht auch mein eigenes Buch über Heimat noch auf der Agenda. Da geht es darum, wie wir uns selbst auch nach dem Besuch im Niemandsland eine Heimat gönnen können – mit all den zugehörigen spirituellen, kulturellen und partnerschaftlichen Themen: Freiheit, Liebe, Nestbau. 

Links:

Nun noch ein paar wertvolle Links.

Wie stürzt man einen Diktator? Der Serbe Srdja Popovic hat mit seiner Otpor Bewegung Slobodan Milosevic gestürzt und glaubt ein Rezept zu haben, wie man Diktatoren stürzt. (ein 4-min-Film, gesendet vom Economist).

Zwischen Digitalisten und den Fanatikern anderer Religionen gibt es auffallende Parallelen, schreibt Wolfram Klingler in der NZZ. 

Geh ich zu einem Echt-Kongress, oder genügt mir eine Online-Veranstaltung? Online-Kongresse sparen immerhin Reisekosten und verhindern Flüge, die CO2 in die Luft pusten. Hier ein Online-Kongress über Vergebung, organisiert von Armin Rott, der sich  »spiritueller Rebell« nennt und den Kurs in Wundern praktiziert. Der Kongress beginnt am 21. Januar; er enthält auch ein Interview mit mir. 

Reiche Menschen sind nicht glücklicher als Menschen, die nicht mehr um das Lebensnotwendige kämpfen müssen, das weiß die Wissenschaft seit langem. Worum geht es den Reichen dann, wenn noch mehr Geld sie nicht glücklicher macht? Das Glück der Reichen richtet sich auf ihr Ego, meint Sebastian Herrmann in der SZ

Wir sollten nicht zu viel streben und nicht versuchen, etwas zu erreichen, denn eigentlich ist das Leben ein Spiel, so wie ein Musikstück, wo ja auch nicht bloß der Schlussakkord das Ziel all der Bemühungen ist. Sagt Alan Watts in einem Vortrag, der hier in diesem 4 min Film sehr schön illustriert wurde, mit seiner Stimme im O-Ton.

Die MeToo-Bewegung ist nicht nur ein überfälliger Aufstand der Frauen gegen das Patriarchat, sondern auch ein Sich-Aufbäumen der politischen Korrektheit gegen das freie Spiel der Kräfte im Flirt. »Bürokratische Verhandlungen über den Sex ersticken jedes sexuelle Begehren im Keim« meint Slavok Zizek in einem Text auf nzz.ch über die Welle der prüden Überkorrektheit, die die USA gerade erfasst, und die zugrunde liegende Illusion der Einvernehmlichkeit. 

Während meiner Arbeit mit den Flüchtlingen las ich auch den Bericht einer Vietnamesin, die in Niederbayern aufgewachsen ist, im Landkreis Rottal-Inn, unserem Nachbar-Landkreis. Jetzt schreibt sie für die ZEIT. Ich wünsche mir mehr solcher Berichte, denn es sollen alle wissen, wie es ist, als Flüchtling in Deutschland aufzuwachsen, und auch über die Mühen und das Glück der Helfer sollte mehr geschrieben werden und darüber, wie die Menschen in den Behörden es erleben, die als (meist eher unbewusste) Agenten einer kafkaesken Welt unerträglich viele Vorschriften einzuhalten haben, wobei das Menschliche verloren geht.

Ein 42 min Dokumentarfilm über das Engagement des chinesischen Künstler Ai Weiwei in der Flüchtlingskrise und seinen 140 min Kinofilm Human Flow (ein Trailer).

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Diskussion zu: Rundbrief Nr. 162 zur Jahreswende 2017/18

  1. Lieber Wolf,
    ich hoffe, es ist ok für Dich, wenn ich Deinem Rundbrief meine Mail an Dich vom 13. Januar hinzufüge:

    Hier ein wichtiges Interview mit Peter Berthold, das wirklich jeder kennen sollte, natürlich auch unsere Politiker. Bitte das Link weiter verschicken!

    https://www.br.de/radio/bayern2/programmkalender/sendung-1856620.html

    Dazu die Vortragsankündigung von Dr. Andreas Segerer von der ZSM (Zoologische Staatssammlung München):

    Vortragsthema: VON DER VIELFALT ZUR EINFALT – SCHMETTERLINGE IM STURZFLUG.
    Die Erde steht am Rand einer ökologischen Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes, gegen die selbst der bekannte „Klimawandel“ harmlos ist. Längst ist es wissenschaftlich belegt, dass das sechste große Massenaussterben der letzten 550 Millionen Jahre in Gang ist – diesmal nicht ausgelöst durch einen Killerasteroiden, sondern durch menschliche Aktivitäten. Einer der zahlreichen Belege dafür ist das „Insektensterben“. Obwohl diese Tiere gemeinhin als zäh und stresstolerant gelten, verschwinden sie in einem nie gekannten Ausmaß aus unserer Landschaft. Dies fällt inzwischen auch Laien auf, selbst Naturschutzgebiete sind massiv betroffen. Dr. Andreas Segerer, Insektenforscher an der Zoologischen Staatssammlung München, zeigt in seinem Vortrag die Situation der Schmetterlinge in Bayern und belegt die prinzipiellen Ursachen ihres dramatischen Rückgangs: ökonomisches und politisches Fehlverhalten, das teilweise schon vor über 150 Jahren beschrieben wurde, aber bis heute ungebrochen ist.

    Er sprach über Arbeiten zusammen mit Josef Reichholf, dem früheren Direktor der ZSM (gut lesbarer neuer Artikel im Anhang, den ich hier nicht anhängen kann, aber gern separat verschicke).

    Berthold, der ja im Interview doch Optimismus ausstrahlt, schrieb mir gerade zurück: „Die nächsten etwa fünf Jahre werden zeigen, ob unser Volk noch zu einer wirksamen Kursänderung in der Lage ist oder eher vehement in die Grube fährt.“

  2. Lieber Sugata,

    Zerrissenheit ist das zentrale Element meiner seit einem Jahr dauernden Psychotherapie hier in Leipzig. Mindestens einmal die Woche stelle auch ich – eigentlich – fest, „dass es ja doch egal ist, was ich sage oder schreibe“. Doch ich weiß zumindest, jemand hört mir zu 😉

    Relativ am Anfang stand die Aufgabe, mein größtes Problem zu kneten. Ich stellte schnell fest, dass aus mir wohl niemals ein Bildhauer wird, als ich versuchte, die ach so zwei faustischen Seelen in meiner „zerrissenen“ Brust zu formen. Doch seit dem konnten schon viel Tränen der Freude bei mir und anderen fließen, mit dem imaginären Ausruf: „Ich brauch mehr Ton!?… mehr Ton! Das Problem wird immer größer!!!“.

    Also auch Du bitte weiter „tönen“. Schreiberlinge sind sich selbst oft genug das treuste Publikum und geben sich damit besagte Heimat in sich selbst – wovon es in Deinem eigenen Buch gehen wird. Ich freu mich drauf und weiß vom subtropischen Zauber, der auf Dich auf La Palma wartet.

    Hasta Luego!

    Der Duke aus Leipzig – die Stadt der friedlichen Revolution

  3. Hallo, Wolf,

    wie kommst Du denn auf die Idee, daß Dir niemand zuhört?
    Ich jedenfalls freue mich immer, wenn ich Deinen Newsletter im Postfach entdecke, lese ihn mit Begeisterung, schöpfe aus der Liebe zu den Menschen, die darin enthalten ist.

    Herzensdank dafür
    Heidrun

  4. ich werde heute nachmittag zusammen mit Esther den film über die flüchtlungskrise ansehen. um all deine hinweise in deinem Rundbrief aufzusuchen und zu lesen, brauche ich ja tage……
    lieber wolf, das muss wunderbar sein, wo du jetzt lebst. du hast mir einmal sogar bilder geschickt vom haus…..Ferienhaus…. geniess die zeit, lieber wolf, ich verstehe deine ersten Gedanken im Brief gut. du meintest einmal, ich solle ein buch schreiben. es wird bestimmt nicht dazu kommen, aber ich habe viele Gedanken, die ich mit niemandem teilen kann, d.h. Esther würde bestimmt zuhören, aber oft fehlen mir die worte. du hast die gabe, worte zu schaffen. ich lese gerne deine briefe. würde dir gerne wieder mal begegnen, zu so einem vergebungsseminar oder liebestreffen…..
    wir fliegen zu sechst ende märz zu de 40-jahr Jubiläum von Zegg und Tamera in tamera (Portugal), das wird wohl mein letzter besuch dort sein. bin alt geworden…… aber zufrieden geblieben. herzlich dir, lieber bruder, salaam-shalom, chlous.

  5. Lieber Sugata,

    danke für den neuen Newsletter und vor Allem für die vielen interessanten und schönen Verweise (Links). Und J.P. Sears finde ich einfach super! Ja, das ist definitiv ein »Kollege« von Dir!

    Sicher hast Du sein Video »The virtues of weirdness« auch schon gesehen. Da steht er auf einer Bühne und spricht zu einem Publikum. Wenn nicht, hier der Link: https://www.youtube.com/watch?v=ksdqzOYIq8Y Das schillert nur so … Bin noch am Verdauen.

    Genieße die Zeit im subtropischen Klima, herzliche Grüße aus Berlin

    Claus

    P.S.: Karl-Ernst, auch Dir vielen Dank für den Link!

  6. nemand hört mich, und was kann ein einzelner schon tun.
    Ihre WG ist spannend

    Ich höre Sie, und wir können viel erreichen.

    Hubertus
    c/o Damascus

  7. Labere Wolf!

    Hab ja schon mal über Deinen Rundbrief kritisch gelabert. Muss „leider“ (nur für mich!) meine Meinung ändern. Er ist wichtig. Sehe und lese ich auch an den Kommentaren. Zudem machst Du ‘n superfeinen Multiplikatoren-Job.

    Auch Deine Schreibe ist haut- und herznah berührend. Voller lebendigem Stress, ob und wie die Welt doch noch zu retten ist.

    Mein zur Zeit für mich sicherster Ansatz und sinnvollster Rettungsversuch: Leben bedingungslos lieben. Klingt leider ausgelatscht spirituell, ist aber (für mich) Knochenarbeit. Das verhindert wahrscheinlich nicht den Untergang, aber macht ihn herzhaft, schmerzhaft …

    Gottseidank besteht die Menschheit aus Einzelnen. Das ist d i e Chance!

    Herzlich – Günter

  8. Lieber Sugata,
    ich lese deinen Rundbrief immer. Manchmal brauche ich Tage und Wochen, um ihn mir anzuschauen, denn ich weiß aus Erfahrung, dass es keine leichte Kost ist. So wie früher die „Connection“. Ich warte dann immer auf eine Mußestunde, denn deine Worte sind mir wichtig und ich lese sie gerne, lasse mich gerne davon berühren.
    Dein Geschreibsel… ohne es wäre mein Leben ein wenig ärmer. Und das geht nun schon seit über einem Vierteljahrhundert so.

    Es grüßt
    Upanishad

  9. Alle 4 Minuten stirbt ein Mensch durch eine deutsche Waffe.
    (Tagesschau nach: terre des hommes)
    https://www.facebook.com/tagesschau/photos/a.10151270623184407.483303.193081554406/10156263798924407/?type=3&theater

    Quo vadis Deutschland?

    „Das Gute ist in der Mehrheit, aber das Böse ist besser organisiert.“

    Danke dafür, dass Du nicht aufgibst!!!
    Wir brauchen mehr Wolf Schneider, mehr Wolf Schneiders und mehr Wölfe in Deutschland (und in der Welt)!

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