Rundbrief Nr. 148 vom Oktober 2016

»»Die großen Probleme werden nicht gelöst. Sie werden von einer gelangweilten Menschheit liegen gelassen.««—Wolf

Liebe Freunde,

das Zusammenleben mit den Flüchtlingen finde ich nach wie vor sehr spannend, ich komme zur Zeit nur nicht dazu, darüber zu schreiben (und zu fotografieren und zu filmen), obwohl ich das gerne tun würde. Aus zwei Gründen. Der erste ist, dass die Organisation des Zusammenlebens mit den Flüchtlingen einen horrenden, kaum zu bewältigenden Aufwand an Bürokratie erfordert, weil die Behörden in der Sache so konfus operieren, so wenig zielstrebig und den Menschen zugewandt, so umständlich und ängstlich sich an den vielen Paragraphen und Richtlinien entlang hangelnd. Auch das wäre ein lohnendes Thema für einen ausführlicheren Bericht, aber die Zeit ist knapp, deshalb deute ich das jetzt nur an.

Das Orchester auf der Titanic spielt einfach weiter

Der zweite Grund ist, dass ich, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen – die Flüchtlingsbetreuung ist ja ehrenamtlich – den Auftrag der Übersetzung eines umfangreichen Buchs angenommen habe: How soon is now, von Daniel Pinchbeck. Er schlägt darin eine komplette Neugestaltung der Weltzivilisation vor, die uns vor der herannahenden Ökokatastrophe bewahren würde. Die Chancen sind nicht groß, dass das umgesetzt wird, obwohl die Maßnahmen unbedingt erforderlich sind. Weil Massen bequem sind und sie einfach weitermachen wie bisher, solange es irgendwie geht, und weil es zu viele mächtige Nutznießer des Status quo gibt. Das Buch ist reich an Fakten, es argumentiert scharf und stringent, und bei alledem weiß der Autor, dass die Trägheit vermutlich siegen wird. Wir wissen, dass die Titanic auf einen Eisberg zusteuert, aber das Orchester spielt weiter. Dabei kann in diesem Falle das Schiff den Kurs noch ändern. Gerade noch. Das ist eine Situation, die emotional nicht leicht auszuhalten ist, und während ich dies schreibe und das Buch übersetze weiß ich, dass Tausende, vielleicht Millionen anderer Ökoaktivisten und wissenschaftlich gut informierter Menschen dieses Brennen, diese Dringlichkeit ebenfalls in sich spüren. 

Demokratie als Exportartikel

War die Demokratie der größte geistige Exportartikel des Westens im von Amerika dominierten zwanzigsten Jahrhundert? Bis in die 60er Jahre jenes Jahrhunderts, in dem von u.a. den Westmächten der deutsche und japanische Faschismus heroisch besiegt wurde, war das noch immerhin halbwegs glaubwürdig. Und auch das Wendejahr 1989, das Ende des Kalten Kriegs, wirkte in mancher Hinsicht als befreiend, weil damit der Stalinismus, die Gulags, die Stasi und alles das beendet waren. Die US-Invasionen in Vietnam, Afghanistan und dem Irak aber gaben dem, was an der westlichen Demokratie-Mission überhaupt je wirklich gut war und nicht nur aus ökonomischen Gründen geheuchelt wurde, den finalen Rest an Legitimation. 

Abgesang auf die westliche Demokratie

In den Debatten zwischen Donald Trump und Hillary Clinton erleben wir nun in einer peinlichen Selbstkarikatur und Image-Demontage das letzte Röcheln dessen, was einst – beginnend 1789 mit dem Sturm auf die Bastille –, zu »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit (besser: Geschwisterlichkeit)«, zu immerhin einem starken Streben nach echter Demokratie und dem »Ausstieg des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit« werden sollte. Die heutigen USA sind, in Volker Pispers’ Worten, allerdings seit einigen Jahren schlicht »Kapitalismus im Endstadium«. Dieses mächtigste Land der Erde ist leider keine Demokratie, sondern eine krass Ressourcen verschwendende und militärisch aggressive Plutokratie und Oligarchie, und der Medienaspekt davon ist die Herrschaft des Mobs. 

Dass dieses System, in dem auch Obama gefangen ist (Hillary noch viel mehr, von dem wüsten Trump ganz zu schweigen), seine eigenen Feinde heranzüchtet – in Afghanistan die Taliban, im Nahen Osten Daesh, Al Qaida, Al Nusra u.a.–, sie unterstützt und sogar mitfinanziert, ist darin nur der Gipfel des Wahnsinns und Zeichen einer Struktur, die sich ihrer selbst nicht bewusst ist. Spiritualität in die Politik? Schattenarbeit wäre schon mal ein guter Anfang. Hätte Snowdon den Friedensnobelpreis erhalten und wäre anschließend zum Informationsminister der neuen US-Regierung …. ach, träum weiter …

Eine neue Welt ist möglich

Dabei wäre eine echte Welt-Demokratie heute technisch unaufwändig realisierbar durch Stimmabgabe übers Internet. Jeder erwachsene Weltbürger bekäme einen verschlüsselten Internet-Anschluss, wir würden uns nach Regionen in einem subsidiären, föderalen System organisieren, in einer Art World Governance. Die Abschaffung jeglichen Militärs würde eine Grundsicherung für alle ermöglichen, damit wären Hunger und Armut beseitigt. Das Gewaltmonopol läge bei der Polizei, die von einer unbestechlichen Judikative kontrolliert würde. Den Schutz des kulturellen und religiösen Erbes (World Heritage) zu gewähren wäre Aufgabe der UNESCO. Keine Religion dürfte mehr Gewalt ausüben, auch keine psychische Gewalt, und nirgendwo bevorzugt sein gegenüber säkularen Institutionen. – – – Wir brauchen Utopien!!! Wir müssen es wagen, eine ganz neue Welt zu entwerfen. Die alte ist, was ihren geistigen Anspruch anbelangt, wie schon gesagt nur noch am Röcheln.

Wissenschaft, Industrie, Transzendenz

Als ich 1995 mit Gorbatschow am runden Tisch saß, um eine »Zivilisation des 21. Jahrhunderts« zu entwerfen, waren wir, das ganze damalige, von Esalen initiierte »WorldForum« in San Francisco, noch optimistisch. Und jetzt? Seit Frühjahr 2016 bin ich in einem kleinen Think-Tank, den ich hier schon mal erwähnt habe: die Lisberg-Fireside-Chats. Diese kleine, z.T. hochrangige Gesprächsrunde empfindet sich als einer weltweiten Bewegung von Menschen zugehörig, die das jetzige Weltwirtschaftssystem und den heutigen Umgang mit Wissenschaft, Umwelt und der menschlichen Seele für nicht duldbar hält. Ausgerechnet in der chemischen Industrie und Wissenschaft ist dieser Think-Tank entstanden, im chemisch-pharmazeutischen Komplex, zu dem auch die Nahrungsmittel- und Düngemittelindustrien gehören, und der neben dem militiärisch-industriellen Komplex die denkbar schlechteste Reputation hat. Ausgerechnet hier, unter den schwarzen Schafen, stehen auf einmal die Themen Transzendenz (unser erstes Treffen) und Ethik (unser zweites) im Mittelpunkt. Nach unserem Treffen vom 7. bis 9. Oktober wurde jeder von uns neun Teilnehmern aufgefordert zum Abschluss den Begriff zu nennen, der für sie/ihn der Schlüsselbegriff des Treffens war, eine Art Fazit. Daraufhin wurden Transkulturalität, Self-Awareness, Verantwortung, das Selbst & das System sowie (vier mal!) Interconnectedness genannt. Ich war baff. Eine Runde von Wissenschaftlern, Managern und Consultants verwendet hier Begriffe für ihr Weltverständnis, die transzendenter, systemischer und öko-bewusster kaum sein könnten. Sind wir damit allein? Gewiss nicht. Es kommt nun darauf an, sich zu verbinden. Auch hier, im Praktischen, ist Interconnectedness die Schlüsselqualität. 

Der Mut Nein zu sagen

Nun könnte ich dieses brennende Thema sachlich-unpersönlich halten, wie es sich für Journalisten gehört. Aber wie jeder von uns habe ich eine ganz spezielle Biografie, die mich geprägt hat, und wie jeder von uns auch spezielle Fähigkeiten. In meinem Fall war die Prägung durch den Vater sehr stark, der als Wissenschaftler in der biochemischen Grundlagenforschung arbeitete und es dort zu einigen Erfolgen brachte. In den Kamingesprächen mit den Chemikern auf Burg Lisberg bin ich nun wieder in einem Kreis gelandet, der mich an die besorgten Wissenschaftler erinnert, die meine Jugend geprägt haben. Das waren Menschen, die den Gewissenskonflikt von Robert Oppenheimer, den »Vater der Atombombe« auch in sich trugen und die mit der Pugwash-Bewegung zur Abschaffung aller Atombomben Hoffnungen schöpften. Die 1972 mit dem Bericht des Club of Rome über die Grenzen des Wachstums auf eine ökologische Wende hofften und heute im deregulierten Finanzkapitalsmus die apokalyptischen Reiter sehen, die unseren Biotop vernichten werden. Ich erinnere mich an die Gespräche mit meinem Vater, der mir von der Annäherung US-amerikanischer, wissenschaftlicher Kreise erzählte, die ihn, der damals einer der führenden Erforscher der Biochemie des Riechens war, in ein Projekt einspannen wollten, das auf technische Weise im Dschungel Südostasiens die Vietkong auffindbar machen sollte. Er sagte Nein – und ich war so unendlich stolz auf meinen Vater!

Mein Weg nach Asien, meine Ablehnung einer wissenschaftlichen Karriere im Westen hat auch damit zu tun, dass ich nicht in dieses System verstrickt sein wollte, das selbst großen Geistern das Gehirn wusch und sie, aus Unkenntnis ihrer selbst und »des Systems« zu Zerstörern machte.

Termine und Links

Nächste Woche bin ich, wie alle Jahre, an den drei Fachtagen auf der Frankfurter Buchmesse und wieder v.a. in Halle 3.1. unterwegs. Wer mich dort treffen will, bitte eine SMS an 0171-2680447 schicken – anrufen nützt nichts, ich hab auf lautlos gestellt. Am Ende der darauffolgenden Woche bin ich wieder in Niedertaufkirchen für einen Humorworkshop. Am 25. und 26. November bin ich wieder mal in Berlin, zum Kongress Meditation & Wissenschaft, dort aber nicht als Referent, sondern als Journalist. Vom 28. Dezember bis 2. Januar bin ich auf Gut Frohberg, auf dem Silvester-Festival des BeFree Instituts, wie schon die letzten Male sowohl als Mitgestalter wie als Teilnehmer. Dort hat es momentan Frauenüberschuss, d.h. es gibt dort noch ein paar Plätze für Männer.

Auch nächstes Jahr bin ich wieder bei den BeFree-Festivals dabei, außerdem auf dem Philosophie-Festival der Liebe im April in Berlin, auf dem Heartbeat-Festival im August auf Schloss Buchenau und auf dem AnimoVida im September im Haus Ebersberg. Mehr dazu demnächst, dann mit den Terminen und Details. 

Vom 11. Januar bist zum 5. April möchte ich mal wieder auf La Palma sein, ab 21. 2. zusammen mit meiner Freundin (mehr zu meiner neuen Liebe im nächsten Newsletter) und plane, dort eines meiner nächsten Bücher zu schreiben (entweder das über Heimat oder das über Humor). Wer für die Zeit ab November oder Dezember bis nächsten April sich vorstellen könnte, als Hausmeister oder Hausbetreuer eine Zeitlang das Connectionhaus zu hüten (Konditionen: mietfrei Wohnen + X), schreibe mich bitte an. 

Lust auf ein 34 min Video über Meditation, Humor und ‚entheogene Substanzen? Hier ist das Interview, das Helen Noah am 4. September mit mir in Berlin geführt hat.

Mit herzlichem Gruß

Wolf

schneider@connection.de

P.S. Aufgrund des triftigen Einwands von Claus Grütering habe das Aufmacherzitat (es ist von Kurt Tucholsky) gerade geändert: »Die großen Probleme werden nicht gelöst. Sie werden von einer gelangweilten Menschheit liegen gelassen.«

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Diskussion zu: Rundbrief Nr. 148 vom Oktober 2016

  1. lieber wolfgang,
    heute habe ich seit längerer zeit mal wieder deinen rundbrief gelesen und auch das verlinkte video sowie einige andere angeschaut. der spirituellen bewegung stehe ich eher skeptisch gegenüber aus ähnlichen gründen, die du teilweise auch in einigen der kurzvideos ansprichst, wie autoritätsgläubigkeit, mangelnder humor bei den „suchenden“ und ähnliches.
    zu meiner eigenen spiritualität habe ich eher durch literatur gefunden, die mir fast ausschliesslich und mehr oder weniger zufällig in trödelläden oder antiquariaten in die hände gefallen ist und oft schon vor rund hundert jahren erschienen ist.
    eine der schönsten schriften zum thema, die ich auch dir empfehlen möchte am besten noch vor deinem humor-workshop zu lesen, ist ein kleines reclamheft von nikolai leskov mit dem namen:
    DER GAUKLER PAMPHALON.
    viel spass dabei und herzliche grüsse
    bernd meinen

  2. Lieber Sugata,
    danke für den neuen Rundbrief. Habe ihn noch gelesen, obwohl ich eigentlich schon ins Bett gehen wollte.

    Du zitierst die Teilnehmer des Treffens der Wissenschaftler und Biologen. »Eine Runde von Wissenschaftlern, Managern und Consultants verwendet hier Begriffe für ihr Weltverständnis, die transzendenter, systemischer und öko-bewusster kaum sein könnten.« Mir kam dazu (leider): Doch sind es auch die Menschen? Bitte verzeihe meine Skepsis – doch gerade in jüngster Zeit scheint es noch »salonfähiger« zu sein als früher, sich im Brustton der Überzeugung zu etwas zu bekennen, aber das Gegenteil davon zu tun.

    Aus meiner Sicht ist die Krise von Wirtschaft und Ökologie nicht die Ursache unserer wachsenden Probleme, sondern sie sind Symptome für etwas Anderes, Tieferes. Und solange diese Krise in der Krise, die menschliche Krise, nicht bewältigt ist … Wir haben uns ja noch nicht einmal mit den wirklich wichtigen Fragen befasst. Wollen wir mehrheitlich auch gar nicht, habe ich den Eindruck. Schon Tucholsky meinte (ich hoffe, ich zitiere das hier zumindest sinngemäß richtig, denn ich fand es nicht im Netz): »Die großen Probleme werden nicht gelöst. Sie werden von einer gelangweilten Menschheit liegen gelassen.«

    Das Orchester auf der Titanic spielt einfach weiter. Und die Leute sind mit sich selbst beschäftigt. »Komme ich optimal ‘rüber?« »Kann ich mich noch großartiger fühlen als jetzt?« »Was ist gerade angesagt?« Alles wird vermarktet, verschachert, verwurstet. Nichts ist mehr heilig, es ist das totale Geschäft. Und die totale Konkurrenz. Auch um die beste Idee zur Weltrettung. Neulich las ich in einem Buch eines Autors über seine eigene Generation (Name habe ich leider nicht mehr parat): »Die weitaus meisten wollen keine Heilung, sondern das optimale Schmerzmittel.« Das ist ein Satz, der einiges auf den Punkt bringt. Leider.

    Obwohl ich der Organisation von Sri Chinmoy sehr skeptisch gegenüber stehe (er vertrat in Vielem ein sehr reaktionäres Weltbild, wie ich in einem seiner Bücher gelesen habe), freue ich mich über die philosophischen Sprüche, die ich hin und wieder von dieser Gruppe in der Stadt plakatiert sehe.
    Dort stand: »Wenn du die Welt durchstreifst, wirst du zu dem Ergebnis kommen, dass aller Fortschritt auf Verbundenheit und Zusammenarbeit beruht, Niedergang jedoch von Feindseligkeit und Hass herrührt. – Abdul Baha«

    Liebe Grüße

    Claus

  3. Lieber Claus,
    danke für deinen Einwand! Ich gebe dir Recht, v.a. auch was die menschen-übliche Schizophrenie oder Heuchelei anbelangt, das eine zu tun und das andere zu sagen, oder auch, dass die zwei Hände einander Widersprechendes tun. Die Ökokrise, die ja eine Menschheitskrise ist, überfordert die meisten Menschen sowohl emotional wie intellektuell. Tucholsky hat das gut auf den Punkt gebracht: »Die großen Probleme werden nicht gelöst. Sie werden von einer gelangweilten Menschheit liegen gelassen.« Traurig, aber wahr.
    Ich habe das Aufmacherzitat meines Blogeintrags nun geändert und dort das Tucholsky-Zitat reingesetzt.
    Grüße
    Sugata

  4. Lieber Sugata,

    zufällig(?) steht heute auf »Spiegel Online« ein Interview mit dem Stanford-Professor Jeffrey Pfeffer online, in dem es um den Widerspruch zwischen Anspruch und Realität beim Verhalten von Führungskräften geht. Die Überschrift ist »Wer erfolgreich sein will, muss fies sein«. Wen’s interessiert: http://www.spiegel.de/karriere/manager-wer-erfolgreich-sein-will-muss-fies-sein-a-1115117.html

    Wir spielen immer noch »Augen auf – da. Augen zu – weg.« Nur – wir sind inzwischen erwachsen …

    Liebe Grüße

    Claus

  5. Ganz schön niederschmetternd und traurig machend, was ihr hier schreibt!
    Wo sind die greifbaren Ideen, zu retten, was zu retten ist?! Den Istzustand kennen wir doch schon lange, sehr lange, daher brauchen wir umsetzbare Ideen. „Komplette Umgestaltungen“, das ist mir viel zu hoch gegriffen, das kann nie und niemals gelingen. Wo sind die machbaren Ideen, wenn es welche gibt?
    Gerade gestern z.B. habe ich gelesen, wie lange es brauchte, dass Frauen in England wählen durften (in: „Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten“). Da vergingen zig Jahrzehnte vom ersten Gesuch bis zur tatsächlichen Umsetzung.
    WELCHE Beharrungskräfte hier auf Erden existieren! Bis sich etwas bewegt, muss sehr viel passieren. Das scheint ein Art „Naturgesetz“ zu sein.

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