Rundbrief Nr. 147 vom September 2016

»Sie ist nicht nur ökologisch, politisch und sozial, es ist eine zivilisatorische Krise. Können wir etwas tun, oder sind wir ohnmächtig?«—Wolf

Liebe Freunde,

täglich lese, höre und sehe ich politische Nachrichten und bekomme dabei den Eindruck, dass es dringender denn je ist, dass wir uns und die Welt neu erfinden – die soziale, politische und wirtschaftliche Welt und inmitten von alledem uns selbst als Verursacher, Beobachter und fühlende Wesen. 

Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch – während ich mit politisch engagierten Menschen darüber spreche, was wir tun können, fällt mir die Aufbruchsstimmung auf dem ‚State of the World Forum‘ 1995 in San Francisco wieder ein, an dem ich als einer von nur drei Deutschen teilnahm, unter der Leitung von Michael Gorbatschow. Das war nur sechs Jahre nach dem Ende des Kalten Kriegs, noch vor 9/11 und den daraus folgenden Kriegen, noch vor der explosionsartigen Ausbreitung des Internet und noch bevor die etablierten Mächte sich per Freund/Feind-Denken in so auffälliger Weise ihre eigenen Terroristen heranzüchteten, von denen sie jetzt gejagt werden. 

Die Zivilisation neu erfinden

Damals mit Gorbatschow im kleinen Kreis am runden Tisch zu sitzen, um über die Ökokrise zu sprechen, gab mir das Gefühl: Wow, wir können was tun! Wir sind nicht ohnmächtig. Das Gefühl der Ohnmacht befiel mich danach jedoch immer wieder. Seit März nun befinde ich mich in der Lisberg Fireside-Chat Runde, einem kleinen Kreis systemisch engagierter Vordenker aus (vor allem) der chemischen Industrie, die gerade, wie so viele, von heftigen Krisen geschüttelt wird. 

Was wird Bayer mit Monsanto machen, nachdem der deutsche Chemie-Riese aus Leverkusen soeben diesen von so vielen gehassten amerikanischen Saatgut- und Herbizid-Riesen gekauft hat? Den Führern und Vordenkern aus der chemischen Industrie, soweit ich sie persönlich getroffen habe oder von ihnen weiß, ist die Welt keineswegs egal, obwohl es nach außen so scheinen mag. Sie glauben jedoch, aus ‚dem System‘ nicht aussteigen zu können. Wer aus diesem System, mit kruden Mitteln die Märkte zu beherrschen und die Natur auszubeuten aussteigt, verliert seinen Job und wird ersetzt, das ist dort das Grundgefühl, während es zugleich eine starke Sehnsucht gibt nach neuen Lösungen: Es muss anders werden! Nur wie? Unser nächstes Treffen ist vom 7.-9. Oktober am selben Ort.

Initiation in ein neues Bewusstsein

Jedenfalls brauchen wir mehr als nur Reformen, wir brauchen ein neues Betriebssystem der Weltzivilisation. Das ist auch das Thema des Buchs, das ich gerade übersetze: How soon is now, von Daniel Pinchbeck. Kernthema ist dort das Verständnis der Krise, in der wir uns ökologisch, sozial und politisch befinden als eine im Grunde spirituelle Krise, die nach einer Initiation in ein neues Bewusstsein ruft. Die aus der Ethnologie bekannten Coming-of-age-Rituale der Naturvölker sind Initiationen durch (meist) Mutproben und oft auch für den Körper schmerzhafte Erlebnisse. Sie können Metamorphosen sein, die aus Raupen Schmetterlinge machen, das ist die Hoffnung von Daniel Pinchbeck – danach nicht mehr kriechen zu müssen, sondern fliegen zu können –, und er beschreibt den Weg dorthin sehr eindringlich. 

Für Pinchbeck wie auch für viele auf der Entheo-Science-Konferenz, an der ich vor zwei Wochen teilnahm, ist die Arbeit mit bewusstseinsverändernden Substanzen eine Möglichkeit, in eine neues, mehr unseren Biotop und das Ganze ehrendes Bewusstsein einzutauchen. Die Konferenz fand nun zum dritten Mal statt, mit diesmal 320 Teilnehmern, das Thema hat größeren Zulauf als je. Die Videos der dort gehaltenen Präsentationen findet ihr auf http://entheo-science.de/videos-2016/ und hier einen Kommentar von Luc Sala, einem der Referenten. 

Die apokalyptischen Reiter

Dass Politik, Wirtschaft, Spiritualität und Wissenschaft eng zusammen hängen, wer das noch immer bezweifelt, schaue sich diesen Text über GAFA an, die vier apokalyptischen Reiter, mit Link zu einer Rede (auf Englisch) des New Yorker Marketing-Ökonomen Scott Galloway, der die GAFA-These gerne als Schnellredner auf Bühnen präsentiert. Dann am besten auch noch das Gespräch des Ex-Facebook-Mitarbeiters Antonio Garcia Martinez mit dem Gründer dieses inzwischen mehr als 1.7 Milliarden Menschen (fast ein Viertel der Weltbevölkerung) infomäßig verwaltenden Unternehmens, Mark Zuckerberg. Beides empfinde ich als faszinierend und gruselig zugleich. Bist du Deutscher oder Chilene? Egal, du wirst von Facebook, Google, Amazon und Apple (oder Microsoft und Android) verwaltet, viel mehr als von deiner Regierung. Es hatte wohl noch nie ein Mensch auf der Welt so viel Macht über das Kommunikationsverhalten von so vielen anderen Menschen, wie heute Mark Zuckerberg. 

Termine und Links

Jetzt wieder persönlicher: Kommenden Mittwoch fahre ich zum Herbstfestival des BeFree Instituts auf Gut Frohberg bei Dresden. Dann zu meinem Sohn im Münsterland, dann zum Treffen mit den oben erwähnten Chemikern auf Burg Lisberg. Bald darauf gibt es zwei Humorworkshops von mir: Am 16. Oktober in München, im Sufi-Zentrum Ya Wali in Haidhausen (ein Tagesworkshop von 10 bis 17 h zum Thema »Das Komische an der Tragik«, für 80 €), danach im Connectionhaus ein ganzes WE lang Humor – am besten dafür jetzt schon anmelden, denn der Workshop füllt sich langsam, und es wird der letzte solche im Connectionhaus sein.

Auch zum Thema Alltag mit den Flüchtlingen gibt es wieder einen neuen Eintrag von mir. Auf KGS-Berlin etwas über Achtsamkeit und Mitgefühl und in meinem Youtube-Kanal ein 6-min-Talk über Religionen.

Mit herzlichem Gruß

Wolf

schneider@connection.de

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Diskussion zu: Rundbrief Nr. 147 vom September 2016

  1. Das allererste, was zu tun ist, und viele wissen es, ist sich von einem vandalisierenden Globalkapitalismus zu verabschieden, dessen Zerstörungsintention fundamental ist. Die Welt muß nicht neu erfunden werden; das mußte sie nie – sie will stattdessen erkannt werden, wie schon Sokrates, der Buddha oder Christus sagten.
    Viele Politiker heutzutage sind dagegen schon längst dabei, sich von der Demokratie, diesem evolutivsten aller bisherigen Staatssysteme zugunsten eines Turbokapitalsystems mit obszönster Reich-Arm Spaltung und allseitigem Ökozid zu verabschieden. Das ist das neue Bewußtsein, das den meisten seit Längerem dämmert. Die entsprechenden Veränderungen, die anstehen, sind ebenfalls schon von vielen benannt worden; ihre Verankerung bedarf der geduldigen doch unwiderruflichen spirituellen Energie all jener in der Zivilgesellschaft – von Attac bis Alternativen Nobelpreisträgern – welche an deren Verwirklichung arbeiten.

  2. ich lese ihren rundbrief immer gerne und möchte mein persönliches lebensmotto mal kurz umreißen: die drei eckpfeiler ÖKOLOGISCH, SOZIAL UND ÖKONOMISCH bestimmen unser leben, meist dominiert die wirtschaftliche komponente (bez die wirtschaftspolitische/finanzkomponente). was kann ich tun, um die anderen beiden zu stärken? weitestmöglich die soziale und ökologische zu meinen entscheidungskriterien machen. und wenns dann auch was „abwirft“, umso besser. aber eben nicht auf kosten der anderen beiden. ich würde von menschen wie zuckerberg oder div politikern genau dieses gerne einfordern.
    und menschen, die einen job machen, weil sie keine wahl haben und sonst wer anderer diesen job macht, sind feige und bequem. dieses denken reicht bis in sehr lichte höhen und vergiftet unser leben. die bedeutung von geld und positionen ist absolut überhöht, weder das eine noch das andere ist sozial kompatibel.
    wenn wir unseren materiellen besitz bewusst reduzieren (siehe das buch „zero waste“), können wir vieles mehr genießen! aber das wissen sie eh 😉
    liebe grüße aus dem süden
    eva

  3. Hallo Wolf,

    ich freue mich immer wieder, deine Newsletter zu lesen und dadurch mit der Connection-Szene in Berührung zu bleiben.

    Bei deinem heutigen Newsletter fand ich besonders den Link zur Entheo-Science-Konferenz sehr interessant. Ich habe gleich mal reingeschaut. Spannend, was sich da so tut.

    Ich habe mich vor vielen Jahren intensiv mit dem Thema beschäftigt, insbesondere mit der Forschungsarbeit von Stanislav Grof und seinen Erkenntnissen aus vielen Jahren psychotherapeutischer Arbeit mit LSD. Dazu habe ich damals in der Connection auch eine Artikelreihe geschrieben.
    Für mich war sein Buch „Topographie des Unbewussten“ (das gibt es nicht mehr, aber im „Abenteuer der Selbstentdeckung“ ist vieles davon enthalten) gleich einem Erweckungserlebnis. Danach habe ich die Welt mit völlig anderen Augen gesehen und das erste Mal verstanden, dass nicht nur wir Menschen, sondern auch Tiere, Pflanzen und die „unbelebte“ Materie eine Form von Bewusstsein haben – und das ohne selbst LSD konsumiert zu haben. 😉

  4. Werte eva alagoda-coeln, bitte erlaube mir eine Anmerkung zu dem von dir beschriebenen Dilemma.
    Für den heute geläufigen Begriff der Nachhaltigkeit bilden die drei Säulen Ökologie, sozialer Zusammenhalt und Ökonomie das wesentliche Fundament. In den 20 Jahren der Gültigkeit dieses Nachhaltigkeitsbegriffs gab es noch nie einen Zeitpunkt, an dem die Säulen im Gleichgewicht standen. Somit war auch der Nachhaltigkeitsbegriff immer in Schieflage. Das fehlen einer Schlüssigheit hat die Motivation zur Nachhaltigkeit eindeutig geschwächt. Aber… hinter der Verwirrung steckt ein grundlegender Fehler in der Konzeption… Man hatte nicht hinterfragt, dass eine Fragmentierung des Bedarfs für Nachhaltigkeit immer auch zu einem Mangel bei einem oder mehreren Fragmenten führt. Wir erstreben also eine Nachhaltigkeit aus einem Gefühl des Mangels heraus…… So aber funktioniert nichts in der natürlichen Welt dieses Planeten… alles wird im Überfluss erzeugt und verschenkt… die Blüten der Bäume und ihre Früchte, die Gräser, Beeren und Pilze… wenn wir anfangen Nachhaltigkeit in einer überschwenglichen Welt zu sehen merken wir sehr bald, das dies nur mit einem systemischen Blick möglich ist…

  5. Was uns hierzulande oft gar nicht auffällt:

    In vielen Teilen der Welt ist die Lage in den letzten Jahren friedlicher geworden.

    Nur dort, wo eine bestimmte Ideologie/Religion in größerem Umfang Anhänger hat, verschlechterte sich die Situation überwiegend.

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