Rundbrief Nr. 143 vom Juni 2016

Liebe Freunde,

soeben ist unsere Webseite leben-mit-fluechtlingen.de online gegangen, wo ich über unser Zusammenleben mit den afghanischen und syrischen Flüchtlingen im Connectionhaus blogge. Die dort eingestellten Texte könnt ihr als RSS-Feed abonnieren. Manche meiner Blogeinträge beschäftigen sich vor allem mit den Flüchtlingen, dann stelle ich sie dort ein, nicht auf connection.de. Für die am Flüchtingsthema Interessierten macht es also Sinn beides zu abonnieren, diesen Rundbrief hier und (spezifischer), über RSS die dortigen Einträge.

Gewalt, Religion, Pessimismus

Das Thema Gewalt und die Chancen einer friedlichen Zukunft der Weltzivilisation beschäftigt zur Zeit viele Menschen. Das Massaker in Orlando, die Erfolge von Donald Trump, der Brexit und die Zunahme von Nationalismus und Rechtspopulismus in Europa haben weltweit zu einer pessimistischen Stimmung geführt. Das liegt zum Teil an dem Negativfilter, der »in der Natur« jeder Berichterstattung liegt: Nachrichten über Gefahren haben in allen Kommunikationskanälen Priorität, denn es hat Überlebensvorteile, sich erstmal zu schützen, bevor man sich den erfreulicheren Dingen zuwenden. Woraus sich aber für Berichterstatter ein Marktdruck ergibt, Gefahren größer, häufiger oder wesentlicher erscheinen zu lassen, als sie sind. Die dem Menschen natürliche Priorisierung von Gefahren hatte auch im Blog auf connection.de eine solche Wirkung: Der Bericht über den »Bagatell-Terrorismus« von Mike wurde dort zum meistkommentierten Eintrag. Inzwischen ist Mike in eine andere WG verlegt worden. In welche, das wissen wir nicht, es wird uns Datenschutz als Grund angegeben. Vermutlich ist das Problem damit nur verschoben, nicht gelöst.

Lebenslust inmitten von Unheil

Hier im Haus ist es durch den Auszug von Mike friedlicher geworden. Es war aber auch vorher nicht so schlimm, wie der Fokus auf Mike suggerierte. Ein Negativ-Fokus kann bei Problemlösungen helfen, er hinterlässt aber bei der Gewichtung der Ereignisse immer einen schrägen Eindruck. Das erwähnt auch dieser NewYorkTimes-Bericht (mit Fotos und Kurzfilmen vom Handy) über eine Fahrt von Damaskus nach Aleppo durch das umkämpfte Syrien. Dort ist die Situation, im Gegensatz zu unseren Problemchen mit Mike, wirklich schrecklich – aber auch dort feiern die Menschen ihr Leben, genießen das Gute, verlieben sich und sind zwischen den Bombeneinschlägen und Terrorattacken immer wieder fröhlich. 

Ramadan

Der 5. Juli ist der letzte Tag des Ramadan (ich hoffe, das stimmt, im Internet finde ich dazu sehr verschiedene Angaben, die aber aller nur um ein oder zwei Tage variieren): Danach feiern die Moslem traditionell drei Tage lang ihr Fest des Fastenbrechens »Id al Fitr. Zur Zeit halten vier unserer Mitbewohner den Ramadan ein, das heißt sie essen und trinken tagsüber nichts. An den vergangenen heißen Tagen, die im Juni auch noch besonders lang sind (bis nach 21 h ist es hell), war das für die Fastenden nicht leicht, aber sie trugen es mit Fassung und einem gewissen Stolz. Zwei Drittel der hier wohnenden Afghanen und Syrer halten sich nicht an die Ramadan-Vorschrift und sind auch sonst nicht im engeren Sinne religiös. Das Zusammenleben der Frommen und der Säkularen klappt gut, man respektiert sich. Wer fastet und betet wird in dieser privaten Entscheidung so respektiert wie unter Deutschen einer, der täglich seine Yogaübungen macht. Einen gewissen Druck in Richtung von »Als guter Moslem musst du beten und darfst kein Bier trinken« gab es nur in der Zeit, als Mike noch hier wohnte.

Sommerfest im Connectionhaus

Am übernächsten Donnerstag, den 7. Juli haben wir nun das Sommerfest des hiesigen Helferkreises für die Flüchtlinge, wir haben es in die Zeit es Id al Fitr gelegt. Es beginnt um 18 h. Wer kommt, bringt was zu Essen mit, das wird dann aufs Buffet gestellt und mit den anderen geteilt. Wir mögen gerne Vegetarisches, unsere ausländischen Gäste gerne auch Geflügel. Bitte kein Schweinefleisch mitbringen, ist eh klar, also auch keine Wurst. Das Fest wird sogar in einer Beilage im nächsten Gemeindeblatt angekündigt, was mich besonders freut – so werden alle Dorfbewohner mit eingeladen, sich bei dieser Gelegenheit mal mit den Flüchtlingen zusammen zu setzen, was viele von ihnen sowieso schon gerne tun. Auf der Einladung stehen auch Namen und Fotos von den meisten der pakistanischen, somalischen, afghanischen und syrischen Mitbewohner hier und im Nachbardorf Stetten. Sugriva, seit Jahren ein Freund des Connectionhauses – zur Zeit singt er an einer Grundschule auf Bestellung des Rektors mit den Schulkinder indische Mantren –, hat gerade zugesagt zu diesem Fest zu kommen. Mit ihm und anderen werden wir auf dann also auch Live-Musik haben, vermutlich sowohl hinduistische wie jüdische, christliche und islamische Lieder, also echt Multikulti. Und sicher gibt es auch gemeinsames Trommeln.

Außerdem kommt der Sufi-Sheik Ingo Taleb Rashid auf unser Fest, auch er ist ein alter Freund unseres Hauses. Er gibt am Tag nach dem Sommerfest, am 8. Juli, einen Kurzworkshop zum Thema »Selbstvertrauen – Begegnen – Verstehen«

Humor, Präsenz, Genuss und Transzendenz

Wolf Schneider und Suffix-Sheik Ingo Taleb Rashid warten auf Hilfe von oben (2011 auf der Bühne von Marias Kino in Bad Endorf)
2011 auf der Bühne von Marias Kino in Bad Endorf: Wolf Schneider und Sufi-Sheik Ingo Taleb Rashid warten auf Hilfe von oben

Vom 10. bis 14. August bin ich auf dem Heartbeat-Festival auf Schloss Buchenau am Nordrand der Rhön und gebe dort einen Humorworkshop und einen (»Höhenflüge und Landungen«) über Beziehungen und den Nestbau im Niemandsland. Am WE 3./4. September bin ich wieder mal in Berlin, auf der Entheo-Konferenz (oh, spannendes Thema!). Dort gebe ich einen Kurzvortrag und bin im Moderatorenteam der Konferenz. Vom 28. September bis 3. Oktober bin ich auf dem Herbstfestival des BeFree Instituts auf Gut Frohberg bei Dresden, wo ich während dieses klösterlichen Retreats ein paar Stunden die wilden Männer anleite und außerdem (zs. mit Jane) noch was Kabarettistisches mache.

Wer bin ich? Die Folgen eines DNA-Tests

Wer meint, er wisse, wer er ist, kann sich bei der dänischen Firma Momanda um die Teilnahme an einem DNA-Text bewerben und wundert sich dann vielleicht sehr. Den 5-min-Film über dieses Aha-Erlebnis (auf Englisch, mit deutschen Untertiteln) unbedingt ansehen!!! Weltfrieden könnte so leicht sein – wenn wir nicht so dumm wären.

Mit herzlichem Gruß

Wolf

schneider@connection.de

 

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Diskussion zu: Rundbrief Nr. 143 vom Juni 2016

  1. sehr interessiert und nochmal interessant lese ich diese News. Freude ist in mir, wenn ich sehe, wie kreativ ein Zusammenleben möglich ist und wie alles nebeneinander angeschaut wird.
    Frage, wer ist Mike? Dieser wird immer mal erwähnt und es zieht sich in mir etwas zusammen.

    Weiter, meinen Segen habt Ihr und auch die übrige Welt

    Möge Frieden und wahre Freude sein
    Padma

  2. Beindruckend die Fotos und Filmschnitzel aus Syrien.
    Bzgl. der Hochzeitsfeier: Ich habe Werner Bischofs Reportagefotos aus der Nachriegszeit in Erinnerung. Manchmal nahm er spielende und sich unterhaltende Frauen inmitten der Trümmer auf. Es wirkte manchmal so, als nähmen die Menschen die Kulissen nicht mehr wahr.

  3. Ich hätte den Mike gerne einmal kennengelernt. Ich denke in erster Linie hat er versucht, sich in einer negativen Art zu profilieren und sich zu behaupten, weil er es anders nicht kennt und sein gleiches Spiel hier im Land weiterspielen möchte. Hier fehlte vielleicht einfach eine klare und direkte Ansage, die eindeutige Grenzen setzt. Meiner Meinung war es auch ein großer Fehler gewesen 1 Million Menschen unkontrolliert ins Land zu lassen. Ich sehe arabische Länder und Kulturen nicht grundsätzlich als feindlich an, ganz im Gegenteil, doch wir sollten schon aufpassen, wen wir in unser Reich lassen. Das mag veraltet klingen, doch früher oder später werden wir bei grenzenloser Offenheit unsere Lektion lernen müssen. Grenzen zu setzen heißt auch, einen Standpunkt in Punkto Religionsfreiheit und Glaubensausübung zu setzen, eine Grenze zu setzen für eine friedfertige Religionsausübung ohne Fanatismus. Wenn das einige Menschen aus arabischen Ländern nicht verstehen, müssen sie zurück in die Wüste geschickt werden.

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