Rundbrief Nr. 141 (der zweite) vom Mai 2016

»Wer das eigene Bedürfnis nach Beheimatung und Identifikation ignoriert, verdrängt es, so wesentlich und tief menschlich ist es«—Wolf

Liebe Freunde,

diesmal möchte ich euch zuerst zwei Links schicken zu Texten, die mich dieser Tage bewegt haben. Über Texte kann man leichter ‚drüberfliegen‘ und dann selektiv einsteigen als bei Filmen, wo das Vorspulen oft nicht so leicht geht und man dann riskiert Schüsselszenen oder -aussagen zu verpassen. 

Als Erstes der Text von einer Dänin mit deutschem Hintergrund, die darüber schreibt, »Wie das deutsche Schuldgefühl die europäische Ehre rettet«. Das ist klug und mitfühlend analysiert und erklärt einiges an der deutschen Willkommenskultur gegenüber Flüchtlingen.

Dann eine überraschende Nachricht zum bedingungslosen Grundeinkommen: 64 % der EU-Bürger würden dafür stimmen, fand eine Umfrage kürzlich heraus. In der Schweiz allerdings wird das kommende Referendum hierzu vermutlich keine Mehrheit der abgegebenen Stimmen erreichen, weil hier ein höheres Grundeinkommen empfohlen wird (2.500 SFr/Monat). 

Nathalie Grams und die Homöopathie

Nun ein Link zu einem 22-min-Film, den ich im Newsletter der GWUP fand. Er zeigt Nathalie Grams auf der Skeptikerkonferenz 2016. Die GWUP (Gesellschaft für die wissenschaftliche Untersuchung von Paraphänomenen) kämpft ja seit langem für eine wissenschaftliche Betrachtung der Homöopathie, die sie für eine Hokuspokus-Therapie hält, die von den Krankenkassen nicht unterstützt werden sollte. Die Grundsätze der GWUP halte ich im Großen & Ganzen für richtig. Einige ihrer Mitglieder sind aber so, dass ich, falls ich mal Hilfe bräuchte, mich lieber in die Hände einer sympathischen Hokuspokus-Therapeutin begeben würde als in die eines dieser so schön logisch denkenden Skeptiker. Hier jedoch spricht nun eine eminent sympathische Frau, die viele Jahre als homöopathische Ärztin gearbeitet hat. Sie ist gerade der GWUP beigetreten und ist dabei die warmherzige Vollbluttherapeutin geblieben, nun aber mit klarem, rationalem Denken. Bingo, Volltreffer! Das bringt mich wieder zu einem meiner Lieblingsthemen: der »Beheimatung«. Damit meine ich die Beheimatung (und Identifikation damit) in Weltanschauungen, Überzeugungen, Religionen, Sprachen und eben auch Heilungssystemen. Wie die Homöopathie und all die anderen, bei denen die wissenschaftliche Medizin nur einen Placeboeffekt vorfindet. Der Beheimatungseffekt ist ein Placebo-Effekt. Das spricht aber nicht gegen ihn, im Gegenteil, des definiert und legitimiert ihn.

Heimat finden

Wir brauchen solche Beheimatungen! Nicht nur in einem Heilungssystem, sondern auch in anderen Gebieten. Sie geben uns Geborgenheit in ähnlicher Weise wie eine gute Liebesbeziehung. Eine Liebesbeziehung besagt ja nicht, dass alle anderen möglichen Liebespartner schlecht wären oder für mich schlecht gewesen wären, wenn ich sie denn gewählt hätte, sondern dass ich diesen Menschen gewählt habe oder diesem zugewiesen wurde, und dass diese Einbettung mir gut tut. Homöopathie ist also sowas wie eine Religion oder Sekte (hehe), der man angehört, ähnlich einer Sprachgruppe oder politischen Partei, oder einem Sportverein, dem man ein Leben als Fan lang treu bleibt (ja, das gibt’s), alles das kann Beheimatung geben und einen Menschen glücklich machen.

Der buddhistische Weg bedeutet »Hinausgehen in die Heimatlosigkeit« (im Pali: pabbajja, die Initiation des Novizen), aber von dort muss man irgendwann wieder zurück in irgendeine Art von Anhaftung. Man muss nach einer Reise heimkommen, denn Beheimatung ist ein menschliches Bedürfnis. Im Niemandsland des Nichts und der Leere können wir keine Zelte aufschlagen. Wer das eigene Bedürfnis nach Beheimatung, Identifikation und Anhaftung ignoriert, verdrängt es, so wesentlich und tief menschlich ist es. Dann agiert das Verdrängte vom Schatten der Persönlichkeit aus, führt zu Projektionen und Verdächtigungen und schädigt so den Verdrängenden ebenso wie das psychosoziale System, in dem er lebt und agiert.

Wie im Himmel

Unser Kulturzentrum Connectionhaus ist im Aufbau. Wir wollen dort mit den Flüchtingen nicht nur reden, tanzen und sie zum Einkaufen fahren, sondern auch zusammen singen und musizieren. Spontanes Trommeln mit vor allem einigen unserer afrikanischen Gäste hat es auf unseren Tanzfesten schon mehrfach gegeben. Kürzlich hat ein lokaler Musiker, der Pianist, Geiger, Dirigent, Komponist und Klangtherapeut (ja, alles das) Erich Rupprecht mich besucht und zugesagt, dass er bei uns im Haus eine Musikgruppe anleiten will, einen Chor oder auch das Spielen mit Instrumenten. Dass es dabei richtig gut abgehen kann und die Klüfte zwischen skeptischen Flüchtlingsgegnern und Flüchtlingen sich in nichts auflösen können, zeigt ein 60-min-Film des SWR über das, was dem Chor-Coach Patrick Bach mit Einheimischen und Flüchtlingen in Sasbachwalden, einem kleinen Dorf im Schwarzwald, gelungen ist. Ein Film wie »Wie im Himmel«! Bitte Taschentücher für die Freundentränen bereithalten. 

Erzählungen

Wer in meinem letzten Rundbrief die Filme verpasst hat, in denen ich aus meinem Leben erzähle, gefilmt von Nikolai Schulz für Memoro (die Resonanz darauf war sehr stark), für die ist hier nochmal der Link. Alles circa 8 bis 11 min Filme, die kann man sich gut häppchenweise reinziehen. 

Tantrakongress

Zum Schluss noch der Link zu dem Tantrakongress von Ingrid Niedermayr, die mich kürzlich online interviewt hat. Der Kongress findet vom 3. bis 10. Juni statt, in der Zeit könnt ihr das Interview dort eine Zeitlang kostenlos sehen, ebenso die Interviews mit Saleem Riek, Regina Heckert, Yella Cremer, Advaita Maria Bach und vielen anderen. Wer alles bei sich haben will, kann das ganze als DVD-Paket kaufen, dadurch finanziert die Ingrid den Kongress. Die Referenten bekommen dafür kein Geld, außer jemand kauft ein DVD-Paket durch den Link, mit dem sie es beworben haben. Also am besten gleich mal anmelden, dann werdet ihr informiert, wer wann dran ist und schaut euch an, was ihr wollt. Kaufen könnt ihr dann immer noch, oder es beim kurz Anschauen belassen.

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Diskussion zu: Rundbrief Nr. 141 (der zweite) vom Mai 2016

  1. Heimat finden
    Lieber Sugata, eine ganze Weile schon habe ich den Verdacht, dass die Bezeichnung Heimat für diese Welt in der wir leben und die wir so machen wie sie ist, nicht angemessen ist. Diese Welt, wo wir uns treffen und etwas in uns antreffen, kann ein Ort des Friedens sein. Diese Welt verstehe ich immer mehr als einen Treffpunkt mit Freunden, Feinden, Wegbegleitern, Geliebtem, Ungeliebtem, Mögen und Nichtmögen, Validen, Invaliden, Erkanntem, Unerkanntem etc.. Ich beginne, diese Welt eher als meinen Studien-, Arbeits-, Erfahrungs und Erkenntnisplatz zu begreifen. Das kann eine tiefe Befriedigung mit sich bringen oder sogar echten Frieden. Mutiges Authentischsein meine ich, sich selbst nach und nach auslassend.
    Der Friede ist aber nicht die Heimat, sondern eher das Gepäck oder Nicht-Gepäck mit dem wir heimkehren in die Heimat.
    Hm………

  2. Liebe Barbara, mit Heimat meine ich, das, womit wir uns identifizieren, sei es willentlich oder unwillentlich (von anderen zugewiesen). Ich meine damit nicht „die Welt, in der wir leben“ in Sinne des Faktischen, das wir eben immer nur nur mehr oder weniger akzeptieren und ‚an uns ranlassen‘, d.h. es wahrnehmen, ohne es zu verdrängen.
    Die Welt als Studien- und Erkenntnisplatz zu verstehen erscheint mir eine gute Haltung gegenüber dem zu sein, was uns da begegnet. Heimat wäre dann darin das, wozu wir „ich“ oder „wir“ sagen, „meins“ oder „unseres“.

  3. Egal wie man zur Homöopathie steht: Der Vortag überzeugt mich auch nicht, auch nicht Deine Bewertung hier.
    Zwar sieht man da eine junge und gut gekleidete Frau, „die viele Jahre als homöopathische Ärztin“ gearbeitet hat, aber der Vortrag lässt bei mir viele Fragen offen.

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