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Rundbrief Nr. 136 vom Januar 2016

»Steven Pinker ist überzeugt, dass wir heute gewaltfreier leben als je in der Geschichte der Menschheit«—Wolf

Liebe Freunde,

neben dem Leben mit Flüchtlingen in unserem Haus in Niedertaufkirchen und der Neugestaltung des Connectionhauses als lokales Kulturzentrum gibt es für mich diesmal zwei große Themen. Das erste ist meine neue Liebe – oh, ah, ui, ja das! – aber jetzt abstrakter: das Thema der Liebesbeziehung als etwas, für das sich zwei Menschen entscheiden, das aber auch von einer Community getragen wird – oder eben nicht, so wie bei Romeo & Julia oder bei Leila & Majnun, wo die Herkunftfamilien diese Liaison nicht wollten. 

Liebe als soziale Gestalt

Vorgestern hat Brigitte Gerber sich mit mit ihrem Facebookstatus als »in Beziehung« geoutet. Ich hab mich total darüber gefreut und hab das dann auch gleich getan. In Beziehung mit wem? Dann stand bei ihr mein Name drin. Und dann bei mir ihrer (ich musste erst suchen wie man das macht, ich bin mit Facebook noch so unvertraut). 

Wir beide sind mit alledem, auch dem Tempo der Entwicklung, sehr heraus- und hereingefordert, von ängstlich über verzagt, zögerlich, bis glücklich und überglücklich und pendeln dabei zwischen cool (Alles im Griff, oder?) und ekstatisch (Ich hab dich gefunden!) hin und her, immer wieder die Mitte suchend – und, ja, findend. Demnächst mehr dazu, das interessiert doch jeden, oder? Jedenfalls: Uns geht es gut damit, und wir sind glücklich miteinander, auch mit all dem Zagen und Zaudern darin. Zu lieben heißt doch, miteinander glücklich zu sein, so lautet ein berühmter Spruch aus dem fernen Hawaii. 

Die Intimbeziehung, das Ich&Du, das ist das eine. Was aber passiert, wenn man sich damit zeigt? Früher gab es dafür »das Aufgebot«, die Ankündigung einer beabsichtigten Heirat, die Verlobung. Heute gibt es die Ankündigung des Zusammenseins im Freundeskreis oder in weiteren, auch beruflichen Kreisen. Die zivile und kirchliche Trauung haben heute nicht mehr die Bedeutung wie anno dazumal, heute haben wir ja Facebook, wo man sich mit dem Beziehungsstatus darstellt und sich im Ziehmenü neben »single«, »verheiratet« und »in Beziehung« auch als »es ist kompliziert« outen kann. 

Mich hat die Rückwirkung dieser Veröffentlichung auf unsere Gefühle zueinander und zu uns selbst elektrisiert und dabei an das erinnert, was Dolores Richter in ihren Büchern und auf ihren Vorträgen über die Beziehung als soziales Kunstwerk sagt. Ich finde es eine grandiose Idee, eine Liebensbeziehung so gestalten zu können wie ein Kunstwerk! Bald mehr dazu. 

Humor im Business

Und das zweite: Ich bin am Faschingsdienstag und Aschermittwoch (9./10. Februar) in Bregenz am Bodensee. Dort gebe ich zusammen mit Ursula Hillbrandt im Bregenzer Salon einen Abend zum Thema Humor, Lust und Witz und dann einen Kurstag zum Thema »Mit Humor lustvoll führen und Meetings gestalten«. 

Ursula Hillbrandt kenne ich von einem der Kongresse »Integrale Politik« her (dort war ich zusammen mit Eva Pick als eine Art Kongress-Clown). Dort stellte sie ihre Kunst des »Art of Hosting« vor und faszinierte uns alle damit, wie man aus einer Gruppe Ideen und Beschlüsse »erntet«. Beschlüsse als Ergebnis eines Gruppenprozesses, und nicht als »top down Führung«, wo einer über alle anderen bestimmt, egal wie viel die von der Sache wissen, um die es geht. 

Humor ist neben Liebe, Identität und Mitgefühl seit Jahren mein Lieblingsthema. Ich verstehe darunter die Fähigkeit, mit der eigenen Identität spielen zu können. Aber … wie soll das gehen? Spielt da nicht eher meine Identität ihr (böses oder gutes) Spiel mit mir? Ich und ich, »wir schaffen das«, sage ich ganz cool und unerschrocken (merkelnd) dazu! Wer’s nicht glaubt, komme am übernächsten Dienstag bitte mit nach Bregenz.

Unterstützung in Veränderungsprozessen

Neben, nach und inmitten von alledem habe ich begonnen zu coachen. »Endlich machst du das!«, sagen einige meiner Freunde aufatmend, und »Höchste Zeit, dass du damit raus kommst!« 

Ein Manager im Sabbatjahr hat mich dazu verleitet. Er hat genug vom Rattenrennen und der üblichen Art bei uns (und leider auch fast überall auf der Welt), sich dem Marktgeschehen zu unterwerfen und dabei sich selbst und seine eigenen Werte zu vergessen. Ich coache ihn zwei Stunden pro Woche, per Telefon, Skype und Text-Austausch. Es macht mir große Freude, auf diese Weise mein Wissen aus 30 Jahren Unternehmerdasein (und 40 Jahren Selbsterfahrung – nennt man das so?) weiterzugeben. Ein Unternehmerfreund und Consultant sagte mir neulich hierzu: Wer sich wirklich selbst kennenlernen will, gründe ein Unternehmen! Da machste was durch. Recht hat er.

Schlimmer denn je?

Die Gaiamediaseite von Dieter Hagenbach schätze ich sehr und wollte sie hier schon längst mal empfehlen. Den Newsletter habe ich abonniert, ich finde darin immer wieder Trüffel. Einer dieser Trüffel war neulich der Link zu einer Grafik von Steven Pinker, veröffentlicht von Amnesty International Schweiz, gemäß der die Gewalt in den untersuchten (leider nur europäischen) Länder seit dem Mittelalter drastisch abgenommen hat und immer weniger wird. Das ist ein gutes Gegengewicht zu dem Schüren von Angst, das man heute überall in den Medien findet: Angst vor den Flüchtlingen, vor dem Islam, vor der nächsten Umweltkatastrophe oder dem nächsten Finanzcrash. Steven Pinker ist überzeugt, dass wir heute gewaltfreier leben als je in der Geschichte der Menschheit. Wir sollten uns dafür freuen, finde ich! Dass wir uns nicht unnötig Gefahren aussetzten sollten, versteht sich doch von selbst. Und auch, dass es Krisen gibt, man die Umwelt schützen muss, das Finanzsystem von Grund auf reformiert gehört, die Migrantenströme nach einer neuen Weltordnung geradezu schreien – aber alles das bitte ohne das Schüren Angst. Wir brauchen Ermutigung, nicht Angst. Angst ist kein guter Berater.

Gott, Liebe, Angst und die Flüchtlinge

Hier nun ein paar Hinweise auf Veröffentlichungen von mir. Die Schweizer Zeitschrift Spuren enthält seit diesem Winter in jeder Ausgabe eine Kolumne von mir, und auf der Webseite dieser Zeitschrift findet sich alle paar Wochen ein neuer Dialog zwischen mir und Martin Frischknecht, dem Herausgeber von Spuren. Hier unser Dialog über Gott, Mythen und den Turmbau zu Babel. Der nächste wird den heutigen Buddhismus zum Thema haben, das Streben nach Erleuchtung und die Chancen als ‚Laie‘ (d.h. nicht-Mönch, nicht der Welt Entsagender) Weisheit zu erlangen. 

Die am 1. März erscheinende Ausgabe von Ursache & Wirkung enthält einen Artikel von mir zum Thema Liebe und Angst (»Angst macht kriegerisch, Liebe schafft Frieden«) und die nächste Ausgabe von Tattva Viveka enthält einen Artikel von mir über »Mystik und Ethik«, der sich mit unserer menschlichen Suche nach Heimat und der aktuellen Flüchtlingsproblematik beschäftigt. Meine Blogeinträge über das Leben mit Flüchtlingen wurden (und werden weiterhin) von Konstantin Weckers Webseite Hinter den Schlagzeilen übernommen und dort bereits eifrig kommentiert. 

KGS Berlin enthält seit vier Jahren immer einen Text von mir zum Schwerpunkt, diesmal über »Das Ich und das Ganze«. Die Texte erscheinen immer sowohl in der Printauflage (von 16.-18.000) wie auch online auf kgsberlin.de

Ich möchte diesen Rundbrief demnächst öfter rausschicken, nicht mehr nur einmal im Monat, und eher zu spezifischen Themen, nicht mehr so kunterbunt. Wenn dich ein Thema mal nicht so interessiert, klick’ es einfach weg, der nächste Rundbrief hat dann sicherlich wieder was, das dich interessiert. 

Die Daten meiner öffentlichen Auftritte möchte ich hier weiterhin reinschreiben, damit neben all dem »Leben auf den Bildschirmen« auch »das echte Leben« seinen Platz bekommt. Deshalb, nach dem Hinweis auf Bregenz am 9./10. Februar, noch die Ankündigung eines Vortrags von mir in Berlin am 9. April über »Liebe als Beheimatung« und ein voraussichtlich am Wochenende 22. bis 24. April folgendes Seminar zu demselben Thema, ebenfalls in Berlin. Einzelheiten hierzu folgen.

Mit herzlichem Gruß

Wolf

schneider@connection.de

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Diskussion zu: Rundbrief Nr. 136 vom Januar 2016

  1. Lieber Sugata,

    danke für den Link zu AI Schweiz. Der Artikel hat mich spontan so sehr erleichtert, dass ich ihn in meinen Yoga-Newsletter aufnehmen werde, obwohl ich mich dort sonst nie politisch äußere. Danke für diesen „Trüffel“!

    Und euch beiden viel Glück in der Liebe! Wie heißt es so poetisch in Brasilien „Auf das sie ewig dauern möge, solange es anhält“ (Que seja eterno enquanto dura).

    Liebe Grüße
    Upanishad

    PS: Was macht das Projekt „Science & Mysticism“?

  2. Lieber Wolf,

    ich wünsche dir, dass alles Neue – auch das private Glück – von guten „Spirits“ begleitet sein möge …

    Und … mich würden zum Flüchtlingsthema in eurem Haus noch ein paar ganz konkrete Umstände interessieren:

    – Kommen da noch welche dazu? Irgendwann hast du mal die Zahl 25 erwähnt – ist das nicht ein bisschen viel?
    – Welche Räume stehen ihnen zur Verfügung? Ich kenne ja das Haus. Können die den Gastraum und die Küche und die Sauna unten auch benutzen? Wer regelt das?
    Der Hintergrund meiner Frage sind auch die eigenen Erfahrungen mit den polnischen Migranten: Wir hatten da von Anfang an eine Schieflage, weil wir – Alteingesessenen – zu zweit viel mehr Platz und natürlich auch ganz andere Ressourcen an sonstigen Dingen hatten. Sie kamen auch ständig und haben nach Unterstützung in vielerlei Hinsicht gefragt. Viele Sachen, die wir ihnen daraufhin geliehen haben, waren dann irgendwann kaputt, der Rasenmäher und der Gartenhäcksler zum Beispiel … Es gab auch sicher einen Neid auf unseren (relativen) Wohlstand, der sie zu so manchen Übergriffen (sich zu bedienen) veranlasste.
    Auf dieser Grundlage ein Zusammenleben auf Augenhöhe aufzubauen, war eigentlich unmöglich.
    – Wird es noch weitere Seminare und Feste im Haus geben?
    – Wer betreut die Flüchtlinge offiziell? Werden die einfach ins „kalte Wasser“ geworfen, oder gibt es da auch irgendwelche organisierte Unterstützung?

    Interessiert mich einfach, vielleicht magst du da noch ein bisschen mehr erzählen.

    Liebe Grüße
    Marianne

  3. Liebe Marianne, zur Zeit bin ich noch in Berlin, aber ab 4. 2. wieder in NTK. Zur Zeit sind 15 Flüchtlinge im Haus, es sollen demnächst 16 werden und irgendwann 24. Es gibt weiterhin Seminare im Haus, aber eher andere als früher: Veranstaltungen vor allem für die im lokalen Raum Interessierten, mit weniger Übernachtungen. Unser Haus ist 1300 qm groß, da ist es nicht so schnell zu eng. Mit einigen der Flüchtlinge haben wir sehr gute, herzliche Kontakte, sie gehören quasi zur Familie, mit den anderen ist es freundlich-distanziert. Es sind eben persönliche Beziehungen, die entstehen oder eben nicht entstehen. Neid war bisher noch kein Problem, es könnte aber unterschwellig da sein. Haupthindernis der Annäherung ist die Sprache, die Sprache, die Sprache. Nicht so ehr die verschiedenen Kulturen. Es starren doch alle auf denselben Typ von Handy/Smartphone (von Samsung oder Apple) und holen sich die Nachrichten aus dem Internet. Dass die einen Yoga machen und ein anderer (bisher nur einer von unseren Flüchtlingen) täglich Richtung Mekka betet, das macht keinen so großen Unterschied.
    Wegen des Sprachhindernisses möchte ich demnächst zu einer pantomimischen Präsentation von Meditation einladen, für Einheimische ebenso wie die Flüchtlinge. Werden mich alle verstehen können? Meditation ist ja mit Worten nicht zu beschreiben. Wird es pantomimisch gehen?

  4. @Wolf: Enorm viel drin, in Deinem Rundbrief.
    Zunächst einmal Glückwunsch zu der neuen Lebenssituation. Man kann fast ein wenig neidisch werden.
    Diesen Spruch „Zu lieben heißt doch, miteinander glücklich zu sein“, den sollte ich mir merken. Unterstützend sein, den anderen zu erspüren in seiner Einzigartigkeit, Freude an der Lebendigkeit des Anderen, das macht u.a. Liebe aus.

    Die alte Frage streift mich gerade: Wieso braucht ein „Erwachter“ eine persönliche Beziehung? Diese Frage kannst Du wohl nicht mehr hören. Sie taucht aber immer wieder mal auf.

    Leider sind Deine Vortragsorte weit weg, noch dazu in „B“-Orten: Bregenz, Berlin. Also keine Möglichkeit vorbeizuschauen.

  5. Lieber Gerhard, zu deiner Frage, ein bisschen umformuliert: Warum braucht ein in sich selbst ruhender Mensch, der sein Alleinsein nicht als eine mangelhafte Situation empfindet, eine persönliche Beziehung?
    Vielleicht braucht er sie nicht, kann sie aber doch, nun umso mehr, wertschätzen. Ich will damit aber nicht sagen, dass ich mich nie als mangelhaftes Wesen verstünde. Ich mag in mancher Hinsicht illusionsfrei sein (du hat es „erwacht“ gennant), aber ich sehe mich als partiell und vorübergehend immer wieder illusionstrunken; ein Schlafwandler, der zwischendurch immer wieder wach und klar sieht und dies zum Zentrum seines Lebens auszubauen versucht.
    Die persönliche Beziehung ist doch etwas Wunderschönes! Umso mehr für Menschen, die im Transpersonaler beheimatet sind. Meine Definition von Ich-Identität: Wer ich (sozial) bin, ist etwas, das meine persönlichen Beziehungen interaktiv gestaltet haben.

  6. Danke.
    Der Link zu Gaiamedia scheint nicht ganz korrekt.

    „Vielleicht braucht er sie nicht, kann sie aber doch, nun umso mehr, wertschätzen. “
    Selbstverständlich ist eine neue Beziehung, so sie auf gesunden Füssen steht, bereichernd, Nachwievor sehe ich das Phänomen des Verliebtseins, wodurch auch immer, als ein physiologisch getriggertes Vergnügen. Das soll das Phänomen nicht entwerten, keineswegs! Aber was da im Kopf abgeht, ist m.E. eine „abgekartete“ evolutionäre Geschichte. Es ist etwas, was uns zur Verfügung gestellt wird, eine Art Rausch. Ein positiver Rausch gewiss! Denn er ermöglicht tiefes Eingehen auf einen anderen Menschen – oder soll man eher sagen – einen spektakulär umfassenden Versuch desselben.
    Es scheint auch definitiv mehr Energie vorhanden. Spürst Du das auch? Schläfst Du viel weniger als sonst? Und bist trotzdem hellwach?

  7. Hallo Gerhard, danke für den Hinweis auf den Gaiamadia-Link. Da war ein Buchstabe zu viel in der URL, ich habe das soeben korrigiert.

    Und was den Zustand des Verliebtseins angeht: So neu ist das für mich ja nicht, und es ist auch nicht sehr verschieden vom ‚Zen-Geist des Anfängers‘, vom täglichen Staunen über die Schönheit der Welt und des Lebendigen. Insofern hat sich mein Schlafverhalten etc. durch diese Beziehung nicht krass verändert. Aber es geht mir gut, noch immer und nun noch ein bisschen besser.
    Räusche alias Trancezustände sind ja etwas ganz Alltägliches. Sie kommen und gehen auch während einer Beziehung. Ganz wie im richtigen Leben (hihi)

  8. „Tägliches Staunen über die Schönheit der Welt und des Lebendigen“: So geht es mir im Moment auch. Wodurch ausgelöst, kann ich zwar vermuten, will es aber jetzt nicht. Aber dieses Staunen sollte schon sein, täglich, immer wieder!

  9. Wenn du glaubst, du seist erleuchtet, fange eine Beziehung an! 😉
    Lieber Wolf, alle guten Wünsche für die neue Spiegelung in deiner Liebsten!

  10. Du sagst es! Diese Empfehlung von Osho ist doch immer eine gute Devise.
    Und auch die sogenannten Singles sind nicht allein in der Welt, sondern haben einen Reichtum an Beziehungen, in denen sie sich spiegeln können.

  11. Vielen Dank für den Hinweis auf die Grafik von Amnesty International. Die werde ich in nächster Zeit viel teilen.

    Fazit:
    Es wird eben nicht per sé alles schlechter. Die Fakten sprechen eine deutliche Sprache.

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