Rundbrief Nr. 137 vom Februar/März 2016

»Dieses Andere, die Fremdheit hält den Raum offen, in dem auch ich selbst anders bin«—Wolf

Liebe Freunde,

das Leben mit den Flüchtlingen ist sehr fordernd, deshalb hat sich der Februar Rundbrief leider wieder verspätet und ist nun zum Februar/März Rundbrief geworden. Obwohl ich in diesem Jahr doch sogar mehr als einmal im Moment was rausschicken wollte. Das beabsichtige ich weiterhin und bleibe auch diesbezüglich optimistisch – wir schaffen das!

Menschen sind Reisende

»Wir haben keine Flüchtlingskrise, wir haben eine Krise des Menschenbildes«, sagt der indische Schriftsteller Aman Sethi, zitiert von Georg Diez auf Spiegel Online. Und Sethi setzt noch eins drauf: »Es gibt einen alten Begriff, er ist im Arabischen, im Persischen, im Türkischen, in Urdu gleich. Wir sprechen vom Musafir. Es ist ein Reisender, ein Pilger, ein Wahrheiten Suchender, ein Gast.«

Sollte die Flüchtlingskrise die Menschen in Deutschland nun wirklich, endlich, tatsächlich zum Eingeständnis führen können, »Wahrheiten Suchende« zu sein? Pilger zu sein, die in diesem Leben nur Gastrecht haben, aber keinen Besitz? Das wäre ja ungeführ die Definition, die sich die so genannten »Spirituellen« seit Jahrtausenden immer wieder geben: Wir sind nicht von hier, wir sind hier zur zu Gast. Alles Irdische ist nur ein Gleichnis.

Islamischer Fundamentalismus

Markus Schulte von Drach, von dem ich 2015 in Connection Spirit zwei seiner Gespräche mit Bernhard Pörksen über das Leben als ein dem Tod geweihtes gebracht habe, schrieb kürzlich in der Süddeutschen: »Islamistische Fundamentalisten und Terroristen mögen mit ihrer Interpretation weit weg sein von jener der meisten Muslime weltweit – aber der Islam lässt sich vom Islamismus und dem islamistischen Terror letztlich genauso wenig abtrennen wie Kreuzzüge, Inquisition, Hexenverbrennungen und Religionskriege vom Christentum.« So ist es. Das heißt: Wir brauchen – immer noch und bitte jetzt aber richtig – Aufklärung! Die Aufklärer des 18. Jahrhundert haben ihre Arbeit nicht fertiig gemacht. Sie haben vor der Religion gekniffen, die dann in ganz Europa eine Restauration veranstalten konnte, die bis heute ungebrochen ist und uns heute im islamischen Fundamentalismus ihre krasseste Fratze entgegenhält.

Menschsein konkret

Seit Mitte Januar lebe ich im Connectionhaus mit 16 Flüchtlingen. Das hat mein Weltbild in der Tiefe eher bestätigt als verändert, aber es präzisiert einiges, was ich über das Menschsein und Zusammenleben mit »anderen« dachte. Über Heimat, Fremdheit, kulturelle Prägung und das Wie einer Verständigung über Sprachgrenzen hinweg. Ich bin hier wieder mehr zu einem Arbeiter mit meinem ganzen Körper geworden als einer, der vor allem seine Finger auf der Tastatur tanzen lässt. Ich halte das Haus instand, räume um und organisiere unser Zusammenleben ganz konkret, körperlich, sprechend, Dinge bewegend, Fragen beantwortend, Anweisungen gebend, meist in direkter Aktion mit einzelnen, manchmal in und mit Gruppen. 

Hoffnung auf Heilung

Vorigen Montag morgen fuhr ich Ashraf, Kalib und Rahmad aus Afghanistan zum Augenarzt in Mühldorf. Ein Fahrer aus dem Kreis der ehrenamtlichen Helfer hatte sich nicht gefunden, also war ich dran. Der blinde Ashraf und sein Bruder Kalib (beide Namen geändert) hatten diesem Termin seit Wochen entgegen gefiebert. Rahmad war als Übersetzer zwischen Dari und Englisch mitgekommen. Ich lieferte die drei an der Praxis ab. Dann noch eine Stunde Bürokratie, Wartezeit, bis sie schließlich dort akzeptiert und dann beim Doktor vorgelassen wurden. Als ich zwei Stunden später wieder bei der Praxis ankam, um sie abzuholen, stand neben seinem Bruder Kalib ein weinender Ashraf. Rahman übersetzte: Der Doktor hatte gesagt, dass er immer blind bleiben würde, keine OP könne ihm das Augenlicht wiederbringen. 

Im Auto erklärte Rahmad mir, dass die ganze Familie darauf gesetzt hatte, dass Ashraf in Deutschland eine OP bekäme, die ihn wieder sehend machen würde. Als Kind konnte er sehen, dann aber ergriff ihn eine Erbkrankheit, die auch schon zwei seiner Brüder hat erblinden lassen. In Deutschland würde das geheilt werden können, hofften sie, und so schickte die Familie nun ihn, den Blinden, mit einem seiner Brüder als Begleiter, in das gelobte Land. 

Dieses Land aber wird ihn wieder zurückschicken, denn die Suche nach medizinischer Betreuung ist kein anerkannter Asylgrund. Den ganzen Montag über hat mich das beschäftigt. Blindheit aufgrund einer Erbkrankheit ist nicht weniger schlimm für den Betroffenen als eine Invalidität als Kriegsfolge, aber das eine wird als Grund anerkannt, das andere nicht. Ich musste dann selbst weinen bei der Vorstellung, dass er wohl unverrichteter Dinge in sein Land wird zurückkehren müssen, nachdem diese Reise die Ersparnisse der ganzen Familie verbraucht haben wird. 

Transkulturell, nicht interkulturell

Man vergisst im Alltag so leicht, wofür man da ist und was das alles – dieses Leben, dieses Dasein – eigentlich soll. Es ist ja immer so viel zu tun. Unser Wirtschaftssystem hält uns trotz all der v.a. von der Technik versprochenen Arbeitserleichterungen in tausend Beschäftigungen gefangen. So schleichen sich auch hier mit den »Fremden«, die mir jetzt kaum mehr fremd sind, Erledigungs-Routinen ein und das Staunen lässt nach. Doch es bleibt etwas vom Zauber des Anfangs, des Staunens über das Andere, was diese Menschen mitbringen, und es scheint mir, als würde dieses Andere, die Fremdheit, die trotz der Nähe bleibt, den Raum offen halten, in dem auch ich selbst anders bin, mir selbst fremd und vertraut zugleich. Ein Raum, in dem ich über mich selbst staune.

Deshalb nenne ich diese Begegnungen lieber transkulturell als interkulturell. Interkulturell (»inter« im Sinne von »zwischen«) ist eine Begegnung, bei wir von einer Kultur zur anderen hinüber spazieren und dabei vielleicht eine Zeitlang auf der Brücke verweilen, im Zwischenraum zwischen hier ich und dort ihr anderen. Transkulturell nenne ich das, was dabei weder das eine noch das andere ist, sondern aus dem Raum, in dem wir beide geborgen sind, durch uns hindurchscheint. 

Ich erlebe dieses Hindurchscheinen oft im Staunen über die Andersartigkeit einer ‚fremden‘ Sprache, die die Welt so anders einteilt. Gestern betraf mein Staunen, dass im Arabischen »heute« »der Tag« (al yaum) heißt. Eckart Tolle lässt grüßen. Heute war es die Doppeldeutigkeit von tarikh als »Datum« und »Geschichte« (im Sinne von Historie). In dem Moment, da ich einen solchen wunderlich/wunderbaren Begriff aus einer anderen Sprache benutze, ‚ziehe ich mir diesen Schuh an‘, teile auf und ein wie sie, diese anderen, und bin dadurch ein anderer.

Prägung und Unterwerfung durch Sprache

Bei den persisch-afghanischen Lauten hier im Haus höre ich arabische Vokabeln heraus. Wie viele? Weniger als das Spanische aus dem Arabischen übernommen hat. Aber das Spanische enthält fast keine Worte aus den Sprachen der neuen Welt, deren Völker Spanien doch Jahrhunderte lang dominierte. Kaum eines der lateinamerikanischen Länder hat eine präkolumbianische Sprache als Amtssprache – nur drei der Andenländer haben eine Variante der Inka-Sprache Quetschua als zweite Amtssprache, die aber auch in diesen drei Ländern (Bolivien, Peru, Ecuador) der Dominanz des Spanischen nicht gewachsen ist. Die spanischen Konquistadoren haben auf ihren Feldzügen viel weniger von den Sprachen und Kulturen der Einheimischen übrig gelassen als die die Eroberungszüge der Moslem ab dem siebten Jahrhundert in Nordafrika und Asien. Im Maghreb hat zwar kaum etwas von der Berbersprache die Invasion der Araber überlebt, in Asien aber drängten die Araber den Unterworfenen nur ein gewisses Maß an Vokabular auf. Die einheimischen Sprachen blieben, allen voran das Persische, auch die nordindischen Sprachen, die südindischen sowieso, das Mongolische und Malayische und viele andere. Das mag an der »Stärke« der dortigen Kulturen liegen, aber vielleicht auch an der größeren Toleranz und geringeren Arroganz der Araber gegenüber den Unterworfenen im Vergleich mit den spanischen Konquistadoren.

Als 1492 die »katholischen Könige« Spaniens das andalusische Granada eingenommen hatten, zwangen sie ihre Religion allen Unterworfenen auf. Die vergleichsweise tolerante Kultur der maurischen Moslem in Südspanien wurde vernichtet. Noch viel radikaler erfuhren das die einheimischen Kulturen der Neuen Welt, die den Spaniern als primitiv erschienen und als von ihnen dringend zu »zivilisieren«. Und was macht das Englische mit uns Heutigen? Es unterwirft unser Denken ohne Waffengewalt, aber es zwingt uns doch in global geltende Denkstrukturen hinein. Das hilft zwar der Verständigung, aber es ebnet dabei auch die Vielfalt ein. Die Biodiversität der auf der Erde gesprochenen Sprachen nimmt ab. 

Links und Tipps

Mehr zum Geschehen im Connectionhaus findet ihr bald auf unseren Webseiten leben-mit-fluechtlingen.de und connectionhaus.de, die jetzt noch Baustellen sind. Zwei der Termine stehen schon fest: Am 2. April gibt es wieder ein Tanzfest mit der Biodanza-Lehrerin Angela Raymann. Am 30. April ein Tanzfest mit Devendro, der auf unserem Frühjahrsfest 2015 aufgelegt hatte. Beide Tanzabende von 19 bis 24 h, mit Musik von 20-23 h. Eintritt 5 €. Musik westlich-orientalisch.

Am 2. März hatten wir hier im Haus zusammen mit den Flüchtlingen einen Sufi-Abend mit Sheikh Ingo Taleb-Rashid. Das schlichte 13 min Video zeigt unsere Kreisrunde mit Gespräch und Sufipraxis, aufgenommen von Nikolai Schulz, der mit Memoro übrigens eine interessante »Bank der Erinnerungen« betreibt.

KGS Berlin hat meinen Artikel über »Liebe als Beheimatung« veröffentlicht. Die neueste Ausgabe von Ursache & Wirkung (Print) ist soeben erschienen mit einem Text von mir über Liebe und Angst: »Angst macht kriegerisch, Liebe schafft Frieden«, und in Buddhismus aktuell steht ein Text von mir über »Heimat, was soll das heißen?« Auf Spuren.de findet ihr wieder eine neue Folge (nun die vierte) meiner Gespräche mit Martin Frischknecht, auch diesmal wieder über das Leben mit den Flüchtlingen.

Mit herzlichem Gruß

Wolf

schneider@connection.de

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Diskussion zu: Rundbrief Nr. 137 vom Februar/März 2016

  1. Herzergreifend und erhellend.

    🙂

    Auch dein Artikel über die „Liebe als Beheimatung“ bringt die Dinge auf den Punkt.

  2. Danke, sehr bewegend!

  3. Danke! Ich habe mir den 30. April in meinen Kalender eingetragen und freu mich darauf, mit dir und den anderen zu tanzen!!!

  4. Transkulturell. Staunen. Das Leben feiern.

    Danke für diesen Artikel.

    Claus

  5. Die Geschichte vom blinden Ashraf ist sehr traurig und bewegend. Leider zeigt sie aber auch dass in vielen Ländern oft völlig falsche und überzogene Vorstellungen vom „Wunderland Deutschland“ kursieren.

Dein Kommentar zu: Rundbrief Nr. 137 vom Februar/März 2016

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