30. November 2015
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Rubriken: Rundbriefe
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Newsletter Nr. 134 vom November 2015

Liebe Freunde,

hier nun der erste Newsletter der neuen Zeit, gerade noch im November rausgeschickt. Nun von mir nicht mehr als Verleger, sondern als Blogger.

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Der Rundbrief November 2015

Abwicklung

Zunächst mal: Ich habe mich verschätzt, was den Beginn meiner neuen Zeit mit mehr – vor allem zeitlicher – Freiheit anbelangt. Den ganzen November über habe ich noch den Verlag abwickeln müssen und bin noch immer nicht damit fertig. Vertrieb, Buchhaltung, Seminarhaus, Webseite, überall Neuregelungen, plus all das Liegengebliebene von denen, die nun nicht mehr als bezahlte Kräfte für den Verlag tätig sind. Hätte ich mir ja denken können, dass sich das hinzieht! Aber ich war so beschwingt davon, dass ich am 12. Oktober meine letzte Ausgabe an den Drucker gegeben hatte, dass dann keine weitere mehr vorzubereiten war, – nach den circa 400 bisher erschienenen Ausgaben keine weitere mehr!!! – dass ich dachte, die zwei Wochen sollten genügen, nach so langer Vorbereitung dieses Abgangs von der Bühne, das alles zu beenden.

Strukturen kommen, Strukturen gehen

Leider ist es jedoch so, dass wir einen sehr großen Teil unseres Lebens damit verbringen, es zu verwalten. Das gilt schon für Individuen, für uns erwachsene, nicht Demente, nicht Internierte, die ja immer irgendeinen Verkehr mit irgendwelchen Ämtern haben und dabei irgendwelchen Vorschriften gerecht werden müssen – und es gilt noch viel mehr für jedes angemeldete Gewerbe. Das Glück, dabei Spezialaufgaben an Fachleute abgeben zu können, habe ich nicht, dafür habe ich das Glück, haha (»Hans im Glück«, der schließlich auch den Mühlstein los ist) keinen eigenen Besitz mehr verwalten zu müssen.
Andererseits bin ich aber noch für die Connection AG verantwortlich, und die besitzt ja noch was: das Haus. Als alter Träumer von einer besseren Welt, ich kann’s nicht lassen, träume ich bei einer solchen ‚Abwicklung‘ von einer Welt, in der das Entstehen und Vergehen nützlicher Strukturen eine leichtere Angelegenheit ist. Firmen, Verlage, soziale Strukturen sollten leichter entstehen können, mit weniger Verwaltung, und sie sollten einfacher abwickelbar sein. Die Mittel dazu hätten wir ja, über EDV, Internet usw, aber es gibt zu viele Nutznießer der bürokratischen Strukturen; eine Vereinfachung wird deshalb wohl nur in einem völlig neuen Wirtschaftssystem möglich sein. Z.B. eines mit BGE.

Flüchtlinge im Haus und das Kulturcafé

Währenddessen bereite ich das Connectionhaus auf die Ankunft von Flüchtlingsfamilien vor. Am 10. Januar sollen in zwei der Wohnungen in diesem Haus Flüchtlinge einziehen, Eltern mit Kindern. Wahrscheinlich aus Syrien. Auch nach Übergabe der dritten Wohnung bleiben uns noch zwei Drittel des Hauses. Dort wohnen dann Inge Gans, Peter Zwislsperger und ich. Inge soll für die Gäste, das geplante Kulturcafé und die Veranstaltungen zuständig sein, Peter für die Haustechnik und EDV. Wir bilden eine WG zu dritt, wohnen in den ehemaligen Büros des Verlages und haben dabei noch ein paar hundert Quadratmeter frei für Veranstaltungen, für Gäste und das Kulturcafé, wo sich insbesondere die Einheimischen mit den Flüchtlingen mischen sollen bei leckerer Bioware, Musik und von uns veranstalteten Themenabenden, die über die sehr unterschiedlichen Kulturen eine Brücke von Mensch zu Mensch schaffen.

Transspiritualität

Die vergangenen drei Jahrzehnte habe ich mich vor allem mit dem beschäftigt, was uns Menschen jenseits unserer Akkulturierung, unserer kulturellen Prägung ausmacht. Was bleibt, wenn wir alles das weglassen, worin wir erzogen und konditioniert wurden? Wer sind wir dann, in dieser Nacktheit, ohne kulturelle Gewänder – ohne »des Kaisers neue Kleider« in Andersens Märchen? Insofern empfinde ich die Verwandlung des Connectionhauses in ein in diesem Sinne »transkulturelles« Haus passend. Und meine Hinwendung zum »Transspirituellen« ebenso: Wenn schon Transzendenz, dann richtig. Dann brauchen wir nicht nur ein Detox-Programm, dass uns von unserer sozialen Herkunft befreit, sie transzendiert, sondern auch ein spirituelles Detox-Programm, um uns auch dieser Formen zu entledigen.

Umzug und Einsicht

So ziehe ich dieser Tage nun innerhalb des Connectionhauses um. Beim Umräumen treffe ich auf Relikte aus mehr als 24 Jahren Connectionaktivität von bis zu gleichzeitig 20 Personen hier im Haus: auf Ordner, Ablagefächer, alte Fotos, Konzeptpapiere und Vertriebsauswertungen, nochmal der ganze Film. Und fühle mich dabei manchmal sehr alt, so als hätte ich alles schon mal erlebt, was man als Unternehmer und Manager wirtschaftlich und menschlich schwieriger Situationen überhaupt so erleben kann, und dabei flackert die Illusion auf, ich könne dieses Wissen an andere weitergeben. Während ich zugleich weiß, dass das fast unmöglich ist. Ich bin zwar als gescheiterter Unternehmer in gewisser Hinsicht more stonewashed als Andere, Erfolgreichere, aber die Übertragung von Verständnis ist im Wirtschaftlichen fast ebenso schwer wie im Spirituellen. Wissen kann man übertragen, es passt auf einen USB-Stick, Einsicht jedoch ist nicht übertragbar. Die sogenannte spirituelle Transmission ist ein Hokuspokus, der Zuversicht vermitteln kann in etwa so, wie die Liebe der Eltern zu ihren Kindern das kann – Einsicht kann sie nicht vermitteln.

Weltdemokratie wäre eine gute Idee

Da alle Welt heute angesichts der Flüchtlinge und der Attentate in Paris politisch geworden zu sein scheint, jetzt doch auch noch ein paar Worte hierzu. Zunächst mal an M. Hollande: Daraus einen Krieg zu machen, ist derselbe Fehler wie ihn einst George W. Bush nach 9/11 mit dem Einmarsch in Afghanistan und dann im Irak machte. Die Eitelkeit eines Politikers, sich als Beschützer einer Nation aufplustern zu können und dabei an Popularität zu gewinnen, scheint mir hier die stärker treibende Kraft zu sein, und erst in zweiter Linie die wirtschaftlichen Kräfte des militärisch-industriellen Komplexes.
Klar, dass wir eine neue Weltordnung brauchen! Ich kenne kaum mehr irgendwen, der dem nicht zustimmen würde. Fast alle sagen, dass der aktuelle Kapitalismus, die Regierung der Welt durch wenige Finanzoligarchen und Corporations überwunden werden muss. Die nationalen Regierungen sind als Geiseln dieser weltbeherrschenden Kräfte machtlos. Diejenigen, die tatsächlich die Macht haben, sind nicht demokratisch gewählt. Weltdemokratie wäre eine gute Idee, jetzt, endlich, mehr als 200 Jahre nach der französischen Revolution.

Gewalt

Und zum Thema Gewalt: Es sterben heute weniger Menschen als je in der Geschichte der Menschheit durch physische Gewalt. Das sollten wir bei all der aktuellen medialen Inszenierung und dokumentarischen Wiedergabe von Gewaltakten im Auge behalten. Obwohl die heute in den Kriegen und durch Armut Getöteten, Verletzten und Unterernährten noch immer viel zu viele sind: Wenn heute ein Kind verhungert, wird es ermordet, sagt Jean Ziegler, und er hat Recht damit, denn hier wird ermordet durch Unterlassung. Wir wissen ja, was wir tun könnten, um diesen massenhaften Hungertod zu verhindern: Wir als immerhin mittelmäßig gebildete Bürger dieser Welt, wissen, dass wir dieses Geldsystem beseitigen müssen. Es gibt ja Alternativen, sie sind bei Silvio Gesell nachzulesen und in den Konzepten des BGE. Ein erneuerter Sozialmus sollte sich mehr an Silvio Gesell als an Karl Marx orientieren.

Hinnehmen oder ändern

Können wir wirklich etwas tun? Hinnehmen, was ich nicht ändern kann, ändern, was ich kann, und das eine vom anderen unterscheiden, das ist noch immer eine gute Devise. Den Krieg in Syrien kann ich nicht beenden, aber nach den Jahren des Connection-Verlages kann ich mein Leben nun neu ordnen – danke übrigens für die vielen Gratulationen zu diesem Schritt, der würde mir guttun, heißt es allerseits, auch wenn das Bedauern über das Ende von Connection groß ist. Und was ich außerhalb meiner WG und privater Freundschaften ändern kann ist: Ich bereite dieses Haus für die Aufnahme von Flüchtlingen vor und schreibe währenddessen an meinem Buch über »Heimat« – über uns Menschen als Identitätsreisende von Heimat zu Heimat.

Wie es weitergeht

Wegen der Abwicklungsarbeiten (s.o.) und der Vorbereitung des Hauses für die Flüchtlinge habe ich bisher noch nicht viel bloggen können. Kommt aber noch! Immerhin machen Marianne Gallen, Torsten Brügge und Barbara Wollstein schon mit, und so gibt es schon jetzt circa 1x/Tag auf connection.de was Neues zu lesen.

Inzwischen haben wir für unser Haus auch eine neue Webseite connectionhaus.de, auf der, noch ganz unästhetisch, immerhin schon unsere erste Veranstaltung steht: Wer von euch nah genug am Connectionhaus in Niedertaufkirchen wohnt, ist eingeladen zu unserem »Tag der offenen Tür« am kommenden Samstag ab 15 h. Da wollen wir Nachbarn, Bürgermeister, Pfarrer und allen, die es wissen wollen, sagen, was hier im Haus geschehen soll; wollen Einwänden Raum geben und die Räume des Hauses zeigen. In Zukunft soll auf connectionhaus.de unser Veranstaltungsprogramm stehen.

Connection-Hefte bestellen, das geht immer noch: Sie sind jetzt bei Syntropia gelagert in Rossdorf bei Darmstadt und werden von dort aus in Deutschland versandkostenfrei verschickt.

Und wer meine neue Tätigkeit als Freelancer unterstützen will: Rechts unten auf connection.de gibt es einen Spenden-Button, dort könnt ihr über Paypal eine einmalige Spende abschicken. Oder, noch besser, per Dauerauftrag auf das Konto von Wolf Schneider, IBAN: DE72743914000000326550 bei der Rottaler Volksbank.

Mit herzlichem Gruß
Wolf Sugata Schneider

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Diskussion zu: Newsletter Nr. 134 vom November 2015

  1. Lieber Wolf-Sugata,

    würdest Du Dir nicht den Begriff „gescheiterter Unternehmer“ an die Brust geheftet haben, hätte ich damit etwas anfangen können. Ich erlebe Dich als unternehmenden Unternehmer . . .

  2. Lieber Wolf,
    ich finde diese neue Entwicklung wunderbar, diese Öffnung und den Neubeginn! Es ist einfach der Zeit entsprechend und der Richtung, in die es evolutionär offensichtlich weiter gehen soll.
    Meine allerbesten Wünsche für Dich und das Connection-Haus. Ich freue mich, dass wir hier weiter von Dir lesen können. Und DANKE für Deinen riesen Einsatz in all den Jahren für die Connection und eine bessere Welt!!!!

    Ganz herzliche Grüße,
    Gabriele

  3. Lieber Paul, die Militärs hängen sich Lametta an die Brust, da muss ich doch irgendwie gegenhalten, ich als Pazifist 😉

    und an Gabriele: Danke ebenso für deinen Einsatz! Die Portraits von dir mit den Erwachten, die in Connection erschienen sind, waren für ein paar Tausend unter unseren Lesern große Highlights, in der Art, wie diese Menschen sich darin als Suchende & Erkennende und mit allem Irdischen Behaftete und Durchwurschtelnde zeigten – ganz große Klasse!

  4. Lieber Wolf – Sugata,
    seit vielen Jahren haben wir, Schauspielschule Artrium in Hamburg, deine Zeitung genossen. Ich, Lukas Scheja, Leitung, habe mich von ihrer humorigen Distanz beschützt erlebt in den Wirrnissen des Lebens und deren Spiritualität. Jetzt staunen wir über dein weiteres Wachsen und über dich als besonnenen Zeitbegleiter und über dich als Mensch unter Menschen.
    Ich persönlich habe dich leider noch nicht treffen können und doch bist du ein besonderer Mensch in meinem Leben. Es stimmt, eine neue Zeit braucht und ersehnt neue Schritte, die uns allen guttun. Danke für deinen mutigen Weg!
    Wir wünschen dir weiterhin toi, toi, toi und bis auf vielleicht sehr bald,
    Artriumleitungsteam. Lukas Scheja (Direktor)

  5. Lieber Wolf,
    auch mir ist der „gescheiterte Unternehmer“ aufgefallen. So kann ich dich gar nicht sehen! Wandel ist…. immer wieder, immer wieder.
    Dein Ideenreichtum, deine philosophischen Gedanken und auch dein politisches Engagement bleibt uns, wie ich hier mit dem Blog sehen kann erhalten, das find ich prima!
    Ich kann aber auch verstehen, dass die ganze Abwicklung DEINER Connection ganz schön in die Tiefe gehen kann.
    Ich wünsche dir viel Kraft und auch Freude für die nächsten Schritte!
    Angelika Shakura

  6. Lieber Sugata,
    starke Ideen und Gefühle im Herzen von Männern und Frauen hinterlassen Spuren. Danke, in jeder Hinsicht, für die Connection. Und es geht weiter…
    Mit Herzgrüßen Yatro

  7. liebster Wolf-Sugata,
    es war ein wunderschönes Zusammentreffen mit Dir, und ich hoffe, WIR können und werden es wiederholen. Gescheitert sind wohl die „Anderen“, denn sie hätten ja die Möglichkeit gehabt DICH wahrzunehmen, Dir in Teilen zu folgen und ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen. Du bist und bleibst Unternehmer Deines Lebens und darin unterstütze ich Dich, so weit ich kann, sehr gerne. Auch bei mir finden wieder kleine Veränderungen statt, und ich denke, im „neuen“ Jahr kommen wir zusammen.
    In diesem Sinne DANKE für Deine Unternehmungen, und bitte bleibe so! lg und herzliche Umarmung
    Dein Gerhard-Schenpen Nyima

  8. Lieber Sugata,
    den gescheiterten Unternehmer kann ich Dir nicht abnehmen – bei ca. 400 Ausgaben Connection. Du bist ein erfolgreicher Unternehmer. Ich habe Dich immer so verstanden, dass Du mitwirken möchtest am Bewusstsein der Menschen, und diese Aufgabe hast Du in hervorragender Weise gemeistert, mit unglaublichem Einsatz und Engagement. Danke sehr dafür, Deine Zeitschrift war stets ein Lichtblick für mich und sehr viele Freundinnen und Freunde. Vielleicht waren Deine Erwartungen an Dich und an das Projekt Connection noch größer, vielleicht sind es einfach enttäuschte Erwartungen, die Dich das Wort scheitern in den Mund nehmen lassen? Loslassen ist nicht scheitern. Ich freue mich auf viele weitere spannende und tiefschürfende und erhellende Beiträge von Dir.
    Herzlich, Pratiksho

  9. Lieber Sugata,
    auch ich gehöre zu denen, die dir schon immer mehr Zeit und Freiheiten zudenken wollten für deine kreativen (Schreib-)Talente. So wünsche ich dir auch alles Liebe und Gute für einen Neubeginn, oder besser gesagt für eine Änderung hin zum Wesentlichen ohne den Ballast eine Firma verwalten zu müssen. Und ja, wie wahr ist es, es ist schon genug zu tun, sich in Deutschland selbst zu verwalten. Ich selbst bin gerade auch auf dem Trip mich von diesem Ballast zu trennen. Ich fange nicht mehr jeden Ball, bzw. antworte nicht mehr auf jede mail (was echt schwer ist!) und versuche mehr Freiräume für Kreativität zu schaffen.
    Alles Liebe, Sarita

  10. Ach, wie habe ich Dein Bloggen von einst so geliebt! Die kleinen Beiträge, etwa diesen, als Du mit nackten Füssen durch den Garten gingst (das blieb am meisten haften). Nun scheint das ja wiederzukommen…
    Bin gespannt!

  11. Lieber Wolf Sugata,
    „Und wer meine neue Tätigkeit als Freelancer unterstützen will: Rechts unten auf connection.de gibt es einen Spenden-Button“ – ich glaube, wir haben alle diese schreckeinflößenden Überlebensängste, selbst die, die für etwas brennen und die Chuzpe haben, dem, für das sie brennen, eine Form zu geben. Du hast für echte und aufrichtige Inhalte mit der „Connection“ einen Raum geschaffen, in dem sich endlich einige Leute und du geistig ausatmen konnten. Ich hab´s eingeatmet und genossen.
    „Jeder, der sich traut, traut sich was zu, was er oder sie nicht ermessen kann, daher ist das Vertrauen so wichtig. Das Vertrauen selbst ist die Spende für die Kraft, alles andere wird geteilt mit den Teilnehmern.“ schrieb ich dir.
    Ich sehe mich als Teilende – das Wort „Spende“ im Kontext mit dir geht null – und ich liebe den Gedanken und die Utopie der tragenden Gemeinschaft. Ich meine nicht die Komfortzone, sondern den liquiden Raum, in dem Entwicklung möglich ist und den wir mit erschaffen können.
    Es ist so leicht zu geben, wenn man das erkennt.
    euch Allen Alles, Barbara

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