Mein Ökogewissen

»Es ist höchst populär zugleich zu glauben, dass wir nichts tun können, um die Welt zu retten – und dass die Technik uns retten wird«—Wolf

»Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich, und dann gewinnst du«, diese Aussage von Mahatma Gandhi wird gerne weitergereicht und gilt als ermutigend für Menschen, die sich als Vorhut fühlen, als Avantgarde, als Pioniere. Aber, stimmt das denn? Das weiß man immer erst hinterher. Gandhis politische Bewegung hat zwar die britische Herrschaft abschütteln können, aber sie hat auch das Land geteilt, in letztlich drei grauenvollen Kriegen mit vielen Millionen Toten. Trotzdem gilt Gandhi mit seiner Ahimsa – gewaltlosem Widerstand – nach wie vor als Pazifist. Er hat die Gewalt dieser Kriege nicht gewollt, und doch ist seine Bewegung damit in gewisser Weise ursächlich verknüpft.

Vegetarismus

In einigen Bereichen meiner persönlichen Ethik empfinde ich mich immer mal wieder als Vorhut. Als ich vor vierzig Jahren damit aufhörte Tiere zu essen, dachte ich, früher oder später wird der Großteil der Menschheit es auch so empfinden, dass Tiere nicht getötet werden sollten, um von Menschen gegessen zu werden. Gewalt gegen Tiere war mir zutiefst zuwider, das ist bis heute geblieben, und wenn sich heute in den westlichen Ländern der Vegetarismus ausbreitet, sogar der Veganismus, freut mich das. Ich denke dann manchmal: War ich wohl damals meiner Zeit voraus? Obwohl der weltweite Konsum von Fleisch noch immer ansteigt, vor allem weil die »industrielle Fertigung« von Fleisch es so viel billiger gemacht hat, Fleisch für finanziell arme Menschen ein Zeichen von Luxus ist und der Mythos nicht totzukriegen ist, dass Fleisch für den Fleischesser Lebenskraft bedeute. 

Leben in Gemeinschaften

Aber nicht mit allem, was ich mal für fortschrittlich hielt, hat sich gezeigt, dass ich damit meiner Zeit voraus war. In den vergangen vierzig Jahren habe ich die meiste Zeit nicht entweder allein, im Haushalt einer Paarbeziehung oder Kleinfamilie gelebt, sondern in erweiterten Formen von Gemeinschaften – und ich dachte, dahin würde sich die Welt entwickeln. Das war aber nicht der Fall. Der Individualismus hat in diesem Jahren weltweit noch stark zugenommen, und das Haus, dass ich vor 26 Jahren als Vielzweckhaus umbauen ließ, insbesondere im Hinblick auf Eignung für Gemeinschaftsleben, ist nun als solches schwer verkäuflich und wird wohl in ein Mehrfamilienhaus umgebaut werden, also für konventionelle soziale Strukturen, damit es für den künftigen Besitzer rentabel ist. 

Ökos und Spiris

Auch als ich Mitte der 90 Jahre ein Sonderheft über »Spirituelle Ökologie« herausbrachte, hatte ich das Gefühl, damit meiner Zeit voraus zu sein. Ich schrieb damals, es sei höchste Zeit, dass »die wichtigsten Bewegungen unserer Zeit«, die spirituelle und die ökologische, sich vereinigen müssten, um die von beiden erwünschten Ziele zu erreichen, und glaubte, dass das nun wohl kommen würde. Die einen versuchten es mehr über die Außenwelt, die anderen über die Innenwelt. Aber ich war in der Hinsicht kein guter Prophet. Es gibt inzwischen zwar tatsächlich erhebliche Schnittmengen zwischen diesen beiden Bewegungen, aber es bleiben starke Berührungsängste. 

Einer der Punkte, an denen sich die Ökos von den Spiris oft kopfschüttelnd abwenden, ist die Ignoranz, mit der die Spiris in der Welt herumfliegen, als hätte das nichts mit der Umwelt zu tun. 

Pacha Mama, vergib’ ihnen

Sie fliegen für ein Whale-Watching-Seminar nach Hawaii, singen dort Pacha-Mama-Lieder, weil sie die Mutter Erde so lieben, und sind ein oder zwei Wochen später wieder zurück an ihrem Arbeitsplatz bei Siemens oder der Deutschen Bank, um so zuhause an der Weltzerstörung mitzuwirken. Das habe ich jetzt ein bisschen zugespitzt formuliert, vielleicht arbeiten sie ja auch bei Demeter und fliegen nicht für eine, sondern für vier Wochen weg. Jedenfalls reichen 20 Jahre Radfahren statt Autofahren nicht, um für diesen einen Fernflug Buße zu tun – der Öko-Fußabdruck des Hawaii-Flugs ist in diesem Leben kaum mehr auszugleichen. Mutter Erde, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. 

Die ganz normale Schizophrenie

»Ich finde, dass die meisten Menschen ein schizophrenes Verhältnis zu der ökologischen Bedrohung haben, die über uns hereinbricht«, schreibt Daniel Pinchbeck in seinem Buch »How soon is now – wie lange wollen wir noch warten?«, das dieser Tage im Scorpio Verlag erscheint. »Einerseits fürchten sie sich und haben das Gefühl, dass ihnen ein Unheil bevorsteht. Junge Erwachsene, Jugendliche um die zwanzig, sagen mir, dass sie glauben, wir seien verloren. Für sie ist es deshalb an diesem Punkt nicht sinnvoll, auch nur zu versuchen, die Situation zu ändern. Sie denken, dass sie sich stattdessen auch genauso gut mit Indie-Rock, Tinder-Dates oder anderen Zerstreuungen beschäftigen können (oder mit Hawaii-Flügen, sage ich …. Anm. des Übersetzers). Wenn wir uns hilflos fühlen, etwas zu ändern, dann verdrängen wir es aus unserem Bewusstsein. Wir behandeln es, als sei es ein Scherz.

Paradoxerweise glauben viele Menschen auch, die Technik werde sich so schnell entwickeln, dass sie uns retten wird, ohne dass wir einen Finger krümmen müssten. Beide Ideen – dass wir verloren sind und nichts ändern können und es deshalb keinen Grund gibt, es zu versuchen, und dass die technische Innovation die Lage retten wird – sind populäre Meme, die durch die Medien verbreitet werden. Obwohl sie einander widersprechen, denken viele Menschen beides zugleich. Was beide Ideen miteinander teilen, ist die Zurückweisung jeglichen Verantwortungsgefühls, jeder Möglichkeit, dass wir uns ändern können und das auch tun müssen.«

Heuchler und Heilige

Bin ich ein Heuchler, wenn ich ein Bewusstsein der Ökokosten des Flugverkehrs anmahne, aber selbst nach La Palma fliege? Ich weiß, dass mir einige das vorwerfen. Wieder und wieder habe ich diesen Einwand gehört, wenn ich das Thema aufgebracht habe. Es ist aber nicht so, dass ich beanspruche ein Heiliger zu sein, ebenso wenig wie Daniel Pinchbeck, den ich hier zitiert habe. Ich möchte mich nicht einmal Vorbild nennen, auch das wäre mir schon zu viel der Anmaßung, obwohl ich mir wünsche, dass weltweit weniger Fleisch gegessen wird und keine unnützen Fernflüge mehr gemacht werden – sowas wie die Clique aus Dortmund, die ich mal irgendwo traf, die am Freitagabend zum Mitternachtssaufen ans Nordcap flog, weil der Flug so billig war und es so geil war, dort die Sonne zu sehen – oder auch die Polarnacht, ich weiß gar nicht mehr, was sie dort sehen wollen, das ist in besoffenem Zustand auch nicht mehr so wichtig.

Meine persönliche Ethik verbietet mir an Orten Seminare zu geben, zu denen die Teilnehmer extra hinfliegen müssen. Außerdem genehmige ich mir nur einmal im Jahr einen Fernflug – auf eine Kanarische Insel, das ist näher als Hawaii –, ohne deshalb große Entbehrungen an Sonne, Wärme und Meeresnähe leiden zu müssen, weil ich nur einmal fliege. Ich bleibe dann dort eben lange genug. Werde ich mir davon Ausnahmen genehmigen? Bisher nicht, aber … mal sehen, ich bin ja kein Heiliger und will das auch nicht werden. Aber ich möchte Teil der Lösung sein und nicht Teil des Problems. Ich beanspruche nicht Vorbild zu sein, aber ich finde, das Thema muss auf den Tisch. Als Menschen sind wir doch kommunikationsbegabt. Wenn wir den homo communicans vermeiden, wird es nichts mit dem homo sapiens. Insofern freue ich mich auch diesmal auf die Diskussion mit den Kommentatoren dieses Blogeintrags

Die Ökosünde

Und jetzt die Sünde: Ich habe ab 26. Februar ein Apartment abzugeben, weil ich der Besitzerin zugesagt hatte, dass ich es selbst nehmen würde. Es kostet nur 100 € die Woche, ist im 4. Stock (mit Fahrstuhl), hell und hat zwei Sonnenbalkons nach Westen. Für Menschen, die sowieso für ein paar Wochen in die Wärme geflogen wären und denen ich damit ermögliche, etwas günstiger zu wohnen als üblich (die Tagespreise für Übernachtungen liegen hier bei 20 bis 50 €). Es befindet sich auf der schönsten der kanarischen Inseln: La Palma, mitten in der ‚Hauptstadt‘ ihrer Westseite, der Sonnenseite, wo die Freaks und Aussteiger wohnen. 

Ist das nicht ein bisschen viel an Einleitung für solch ein kleines Inserat? Nein, denn das Eigentliche ist die ökospirituelle Argumentation, mit der ich möglichst viele Menschen erreichen will. Das Inserat ist dafür nur der Aufhänger. Der Schwanz wedelt mit dem Hund, das Inserat wedelt mit dem Ökogewissen, das ich promoten will.

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Diskussion zu: Mein Ökogewissen

  1. Auch nach Jahrzehnten, die ich dich schon lese, wünsche ich mir jetzt doch nochmal, dass du in ein paar Absätzen formulierst, was denn – aus deiner Sicht – die RICHTIGE Selbstbesinnung ist!

    „Sich selbst auf die Schliche kommen“: meinst du damit einfach die psychologisch-psychoanalytische Ebene? Seine eigenen Neurosen erkennen, die Prägungen durch die Eltern mit dem folgenden Wiederholungszwang diverser Konflikte, bis das endlich „gelöst“ ist?

    Oder geht es um die meditative Versenkung, Alles-ist-Eins-Erlebnisse?
    Oder die politisch-ökologische Selbstverantwortung, etwa im Verzicht auf Fliegen?

  2. Wen willst Du denn erreichen? Bestenfalls eine kleine Gemeinde. Einen wie mich z.B., der ohnehin Deiner Clique angehört.
    Ich finde, es ist schon ein Luxus, jetzt auf La Palma zu sein, fern ab des greulichen Wetters, das wir hier zu erdulden haben. Zwar säufst Du hier nicht, das glaube ich zumindest, aber ein wenig Nordkap ist es schon 🙂

    Leider kann ich Dein Angebot nicht annehmen, bin noch kein Rentner. Aber vielleicht findet sich ja jemand.

    Wir sind alle Heuchler, auch Du bist einer. Wenigstens gibst Du es zu und reflektierst darüber, stellst es zur Disposition und zur Reflexion ein.

    Ich finde so wie Du: Wir müssen etwas tun, uns regen. Daß wir über technische Möglichkeiten verfügen werden, uns zu helfen, das halte ich für gut denkbar, es gibt da diverse mutmachende Zeichen. Aber irgendwie scheint das nicht zu reichen.
    Soviel for now.

  3. Ich habe noch etwas vergessen:
    „Seiner Zeit voraus sein“.
    Vielleicht hat das mich genau das so angeregt, um nicht zu sagen, verärgert. Denn diese Wortwahl kenne ich aus spirituellen Kreisen und sollte im Grunde nicht verwendet werden. Es ist abgenutzt, falsch, unrichtig.
    Das zur Erklärung.

  4. @ Claudia,
    mit Selbstbesinnung oder Selbsterkennung meine ich, dass das Subjekt sich selbst wahrnimmt. Wir sind alle Subjekte und nehmen als solche Objekte wahr: durch unsere Sinnesorgane und unsere inneren Sinne wie das Denken, Fühlen, Kreieren, Fantasieren. Während wir das tun, sollten wir uns bewusst sein, dass wir es tun. Das ist auch, etwa anders formuliert, der damaligen Zeit entsprechend, der Kerninhalt der berühmtesten Sutra des Gautama Buddha, der Anapanasati-Sutra, die die Achtsamkeit preist: Wenn du gehst, wisse, dass du gehst; wenn du sitzt, wisse, dass du sitzt, usw. Ich füge dem hinzu: Wenn du sprichst, wisse, dass du sprichst; wenn du denkst, wisse, dass du denkst. Wenn du diesen Text liest, wisse, dass du jetzt Worte liest und das Gedanken und Gefühle in dir auslöst. Das ist es schon, im Prinzip. Und das kann man noch verfeinern. Die höchste Stufe wäre, sich seiner Subjektivität IMMER bewusst zu sein. Das ist sehr, sehr anspruchsvoll, denn wir stehen immer auf einem Standpunkt, von dem aus wir die Welt betrachten: das Ich. Das ist die Stelle, die wir nicht sehen, während wir von dort aus hinausschauen in die Welt. Das ist der immerwährende blinde Fleck, den wir nur bei maximaler Achtsamkeit, gegen Null gehen lassen aber nie ganz löschen können.
    Vielleicht schreib ich mal (wieder) einen extra Blogeintrag dazu. Es ist wirklich sehr, sehr einfach und wird deshalb so leicht übersehen. Ich beanspruche nicht, das eben Gesagte optimal zu praktizieren und auch nicht, es je optimal formuliert zu haben. Aber ich ahne, dass es genau das ist, worum es geht. Das sagen die Weisen seit Jahrtausenden, es ist immer dasselbe: »Mensch, werde wesentlich« und »Erkenne dich selbst«.
    Wenn diese Selbsterkenntnis oder Achtsamkeit im Menschen (im Subjekt) sich verbessert, wird sich das automatisch auf sein Sozialverhalten und den Öko-Fußabdruck und sein politisches Verhalten auswirken. Deshalb ist die Ich-Illusion die Mutter aller Illusionen genannt worden; ich glaube, schon der Buddha hat das so gesagt, so ähnlich.

  5. @ Gehrhard,
    hierzu nur ganz kurz: Es gibt tatsächlich Pioniere und Menschen, die ‚ihrer Zeit voraus‘ sind. »Der Schneider von Ulm« (so wird er genannt) ist ein Beispiel dafür (das ich hier aber nicht nenne, weil mein väterlicher Nachname auch Schneider heißt, dafür kann ich ja nichts, hihi). Er erfand ein einigermaßen funktionierendes Fluggerät, circa hundert Jahre vor den Brüder Wright, mit dem es ihm beinahe gelungen wäre, damals die Donau zu überqueren. Schlag das mal in der Wikipedia nach.
    Und es gibt auch die Eitelkeit der Erfinder, die glauben Pioniere zu sein, aber nicht wirklich Neues kreieren oder es zur falschen Zeit tun und damit keine Anerkennung bekommen und aus sozialen Gründen keine Möglichkeit vorfinden, damit weiter zu forschen. Ja, es gibt diese Eitelkeit, den Hochmut anderen voraus zu sein. Das sollte uns aber nicht zu verleiten, generell Erfinder, Outsider, Pioniere, Avantgardisten und Möchtegern-Avantgardisten zu verspotten. Die Gesellschaft braucht diese experimentierfreudigen Randgruppen, die ‚Alternativen‘, die mutigen Pioniere. Auch wenn sie vieles falsch machen. Was richtig ist, weiß man ja erst hinterher. Ich bin sehr für Diversität, Vielfalt und habe eine gewisse Abneigung gegen Monokulturen. Die verrückten Outsider und Vielleicht-Pioniere, von deren Taten wir ja erst hinterher wissen, ob sie fortschrittlich waren oder nur verrückt, wir brauchen sie. Und ich glaube auch, dass wir in uns selbst die ‚verrückten Ränder‘ unseres konventionellen Denkens wertschätzten sollten, denn dort wächst und wuchert und blüht die Kreativität.

  6. So wie du es darstellst, hat es was. Ich kenne natürlich auch Wissenschaftler und Philosophen, die ihrer Zeit wirklich voraus waren. Aber manchmal wird dieses genannte Etikett in esoterischen Kreisen verwendet, so meine Erfahrung.

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