24. Januar 2017
von
Rubriken: Politik & Gesellschaft
6 Kommentare

Leben in Zeiten von Trump&Co

Nach meinem Bekenntnis zum ‚Anpfeifen gegen den Ozean‘ von Anfang Dezember habe ich schon lange nichts mehr zur politischen Lage gesagt. Außer privat, da war das täglich Thema. Währenddessen hatte ich außerdem das Buch von Pinchbeck fertig zu machen, das mich ebenfalls, privat und politisch, sehr beschäftigt hat.  Nun also ein paar Worte zur Lage, so gut ich kann kurz zusammengefasst. 

Ich halte die Wahl von Trump zum Präsendenten der USA nach wie vor für ein Disaster, nicht nur für die USA, sondern für die ganze Welt. Und natürlich, natürlich, wie könnte es anders sein, das muss ich den Trumpfans, die es auch in meinen Kreisen gibt, immer wieder sagen: Trump ist ein Sympton, das wir ernst nehmen müssen. Ein Symptom, das ich schon lange erst nehme, jetzt erst Recht. 

Die Identitätskrise des Westens

So etwa wie Luc Sala das auf seiner Webseite sehr gut zusammenfasst, ist Trump Symptom einer Identitätskrise – des Westens, sagt Luc. Ich meine, dass es noch weiter ist: eine Identitätskrise der ganzen globalisierten Gesellschaft. Pinchbeck versucht, diese Krise als Initiationskrise in ein neues Bewusstsein zu interpretieren, er wirft sich dafür voll ins Zeug, bestmöglich, mit guten Argumenten, und doch bleibt, allen, die sich die kritischen Fakten etwas genauer angesehen haben, der Zweifel, ob es nicht zu spät ist, die Wende noch zu schaffen, ehe die Menschheit auf ihrem eingeschlagenen Weg zur Naturzerstörung in Ressourcenkriege und Chaos abstürzt. 

Haben wir nach den failed States (Somalia, Südsudan, Libyen, große Teile von Afghanistan, Syrien, Pakistan) nun die failed global community? Ich meine, dass wir eine funktionierende globale Gemeinschaft ja auch bisher schon nicht hatten, sondern Machtpolitik nach dem Recht des Stärkeren. Das ist uns durch das Internet und die Schnelligkeit der Medien nur bewusster geworden. Und es ist nach wie vor so, dass die Sicherheit, nicht durch Gewalt umzukommen, für uns Menschen nie größer war als heute, auch wenn die Medien, nach ihrem geschäftlich nur allzu gut verständlichen Motto »bad news is good news«, tendenziell das Gegenteil behaupten, weil sie davon profitieren. 

Die Revolte des Ego

Im Mai 2016 habe ich in einem Artikel für die Schweizer Zeitschrift »Spuren« behauptet, Trump sei Obamas Nemesis, weil Obama zu weich sei, zu gutherzig und zu wenig durchsetzungsstark. Ich meine, dass man Trump auch als Revolte des Ego gegen politische und moralische Korrektheit verstehen kann. Das Tier im Menschen lässt sich eben nie ganz zähmen, schon gar nicht durch Moralpredigten. Dem »Americ first« entspricht das »Zuerst komme ich«, die Aufkündigung der Solidarität. Dem lässt sich nur durch Intelligenz beikommen, durch Aufklärung, nicht durch Predigten. 5000 Jahre Moralpredigten haben uns Menschen nicht zu besseren Menschen gemacht. Wenn wir nicht einsehen, dass wir miteinander verbunden sind und das Ich ebenso wie jedes Wir etwas Künstliches ist, eine Fiktion oder soziale Konstruktion, dann kommen wir in unserer Bewusstseinsentwicklung nicht weiter und werden weiterhin Kriege, Ressourcenkriege und sinnlose Wettkämpfe haben – auf einer Erde, die bei kluger Verteilung für uns alle doch ein Planet der Fülle sein könnte. 

RSS abonnieren

Diskussion zu: Leben in Zeiten von Trump&Co

  1. Einsehen, dass wir miteinander verbunden sind, (wie ein Mycel?)?
    Was bedeutet das? Wie wird dieses Einsehen gefördert…???

  2. Hallo Uwe,
    das Myzel eines Pilzes ist ein guter Vergleich aus der Natur: Unterirdisch sind wir miteinander verbunden, die oberirdischen Pilze (unserer Personen und Institutionen) sind nur der sichtbare Teil eines großen, weinverzweigten Geflechtes.
    Wie können wir dies ‚einsehen‘? Durch Introspektion und Mediation. Durch (psychotherapeutische) Schattenarbeit. Durch Bewusstwerdung unserer blinden Flecken. Wenn ich jetzt mal sehr mutig vorgreife: Vielleicht sollten jeder Mensch, der für ein wichtiges wirtschaftliche oder politisches Amt kandidiert, vorher eine Psychotherapie machen und sich mit seinen dunklen Seiten beschäftigen, sie integrieren. Hätte Trump diesen Test bestanden? Ich glaube nicht. Auch wenn das Entwerfen und praktische Durchführen einer solchen ‚Ausbildung‘ mit Abschlussprüfung eine SEHR anspruchsvolle Aufgabe ist: Ich finde es lohnend, das mal ins Auge zu fassen.

  3. Wenn die Wahl Trumps ein „Desaster“ ist, wie waere dann die Wahl Clintons zu bezeichnen gewesen? Der industriell/millitaerische Komplex im Hintergrund steuert, ueberzieht die Erde mit immer mehr Kriegen, mit Luegen begruendet wie sich im Nachhinein herausstellt – braucht die Welt eine Fortsetzung dieses Wahnsinns? Oder braucht es jemand, der genau diesen Komplex sehr offen kritisch anspricht, ja sogar das Establishment oeffentlich dafuer verantwortlich macht, dass es der Masse der Menschen immer schlechter geht? Kann sich irgend jemand vorstellen, dass Clinton diese Themen kritisieren wuerde? Aber jeder weiss, dass sie die bisherige Strategien des in/mi-Komplexes fortsetzen wuerde. Die im uebrigen Millionen Menschen zu Fluechtlingen machen. Ich weiss nicht, ob das mit Trump besser wird, aber ich weiss mit Sicherheit, dass es mit Clinton NICHT besser geworden waere.

  4. Hallo Helmut,
    danke für deinen Kommentar. Ich glaube, damit sprichst du das an, was Millionen von Menschen bewegt. Die Wähler und Befürworter von Trump hoffen, dass da endlich mal einer richtig auf den Putz haut und was ändert. Dass er ‚das Imperium‘, die jetzige weltwirtschaftliche Ordnung herausfordert und vielleicht, vielleicht, hoffentlich sogar etwas Besseres an seine Stelle setzt. Genau das aber wird Trump nicht tun. Diese Hoffnung ist noch absurder als damals die Hoffnung, dass die Nazis, die immerhin noch das Wort „Sozialismus“ im Namen führten, die Herrschaft der Eliten herausfordern würden. Das haben sie nicht getan, sondern mit ihnen paktiert. Hitler hat sowohl mit der Großkapital wie mit den Großkirchen paktiert. Er hat sich das System zunutze gemacht, und genau das wird Trump auch tun, er ist mitten dabei. Er setzt seine Freunde und Verwandten in Schlüsselstellen ein und sorgt dafür, dass er während seiner Präsidentschaft noch reicher wird als er es schon ist.
    Nein, wir brauchen keine Fortsetzung dieses Wahnsinns, damit hast du Recht. Hillary wäre nur eine etwas mildere Form desselben Wahnsinns gewesen. Trump macht, was Hillary getan hätte, auf etwas gröbere, egoistischere, nationalistischere Weise, aber die Unterschiede sind oberflächlich.
    Mich erinnert diese Diskussion, die ich auch mit anderen führe, an die einstige zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten. Die Kommunisten haben die Sozialdemokraten (und auch andere, die sich ‚Sozialisten‘ nannten) als Verräter bezeichnet, weil sie versuchten, die Härte des Kapitalismus abzumildern, ‚das Gefängnis von ihnen auszuschmücken‘, anstatt das System abzuschaffen, es zu überwinden. Viele von ihnen dachten, erst wenn es erstmal noch schlimmer wird, kann es besser werden. Das war auch Lenins Idee des „Einen Schritt zurück, zwei Schritte voran«. Die Homöopathen nennen es die Erstverschlimmerung, die angeblich vor einer Heilung einsetzt. Ich halte Trump schlicht für eine Verschlimmerung und habe keine Hoffnung, dass danach eine Heilung einsetzen wird. Es sei denn, der Widerstand gegen die Verschlimmerung durch Trump & Co ist so riesengroß, dass es dadurch eine WIRKLICHE Weltrevolution gibt. Eine Revolution des Bewusstseins, mit oder nach der oder durch die sich eine Revolution der sozioökonomischen und ökologischen Verhältnisse ergibt.
    Grüße
    Wolf

  5. Hallo Wolf,
    ich respektiere grundsätzlich die Meinung/Einschätzung anderer – so natürlich auch deine. Aber wenn du sagst, „Hillary wäre nur eine etwas mildere Form desselben Wahnsinns gewesen. Trump macht, was Hillary getan hätte, auf etwas gröbere, egoistischere, nationalistischere Weise, aber die Unterschiede sind oberflächlich“ dann frage ich mich womit du diese Annahme nährst? Ich stehe dafür, keine Vorverurteilungen und damit energetische „Schöpfungsarbeit“ im negativen Sinn zu leisten.
    Fakt ist, dass er das Establishment öffentlich kritisiert und als „Schuldige“ hingestellt hat. Viele – zugegeben nicht in der Funktion des amerikanischen Präsidenten – haben dies in der Vergangenheit auch schon getan, sind dann allerdings jeweils sehr rasch – na sagen wir von der Bildfläche verschwunden.
    Lass uns einfach einmal abwarten, nein, lass uns versuchen, daran zu glauben, dass mit dieser „Öffentlichmachung“ sich zwangsläufig viele der Fehlsteuerungen der Vergangenheit ändern müssen – und zumindest der Krieg mit Russland abgewendet ist.

  6. Hallo Helmut,
    warum ich Hillary nur für eine etwas mildere Form desselben Wahnsinns halte, braucht vielleicht eine längere Erklärung, die hier den Raum sprengen würde. Ich halte einfach das gesamte aktuelle Wirtschafts- und Finanzsystem für falsch, und dem sind Hillary und Trump beide unterlegen, sie müssen sie anpassen und anbiedern, sie müssen halt irgendwie mitmachen, sonst sind sie draußen. Trump ist m.E. mit diesem System noch tiefer verstrickt als die Clintons bzw. ihre Partei, ihre Clique. Er tut nur so als sei er dagegen, das hat ihn in dem System noch oben gespült. Seine Handlungen (Obamacare abschaffen, den Klimawandel leugnen usw.) zeigen ihn als den schlimmeren Teil des Systems.
    Du empfiehlst »Abwarten und versuchen zu glauben«. Ich nicht. Sogar mit Russland wird es durch Trump eher ein erneutes Wettrüsten geben als mit Hillary, vermute ich nach den neuesten politischen Informationen. Auf Sonnenseite.com hat Franz Alt gerade vorgeschlagen, Russland in die EU aufzunehmen. Das finde ich eine viel bessere Idee. Wäre die EU früher der Türkei gegenüber freundlicher gewesen (und nicht so christlich arrogant, von wegen wir hätten die bessere Religion), dann wäre Erdogan gar nicht an die Macht gekommen, und Türkei, Ukraine, Russland, die könnten alle in die EU, und die NATO kann man dann auflösen und eine mächtigere, demokratischere UNO einrichten, ohne Vetomacht von wem auch immer, sondern echt demokratisch. So ungefähr in diese Richtung. Alles das hier nur mal so cum grano salis, das braucht natürlich noch viel mehr kreative, konstruktive Energie, Brainstorming + Realismus.
    Jedenfalls, wie Sibylle Berg dieser Tage in ihrer Kolumne auf spiegel.de schrieb: TV glotzen, sich fürchten und sich dann verängstigt zurücklehnen, um ’nix mit Politik‘ zu tun zu haben, das finde ich nicht vertretbar, v.a. dann, wenn es massenhaft geschieht. Dann lassen wir uns nur noch wie Vieh zum Schlachthof treiben.
    Grüße
    Wolf

Dein Kommentar zu: Leben in Zeiten von Trump&Co

*) Pflichtfelder. E-Mail wird nicht veröffentlicht